Emil Poklitar über seine DDR-Flucht und Pokalwunder

»VfB Stuttgart gegen SV Falkensee-Finkenkrug? Ein Klassiker!«

Verbandsligameister 2005 und 2008: Die Erfolge von Stuttgarts Pokalgegner SV Falkensee-Finkenkrug sind überschaubar. Dafür spielte in den fünfziger Jahren eine der schillerndsten Gestalten der deutschen Fußballgeschichte für den Klub.

Emil Poklitar, wo waren Sie am Abend des 23. Juni 2012?
Zu Hause. Vor dem Fernseher.
 
Sie haben also die Auslosung zur ersten DFB-Pokalrunde verfolgt?
Na klar, und ich ich habe gejubelt, als mein alter Verein SV Falkensee-Finkenkrug den VfB Stuttgart zugelost bekam. Ein Klassiker. (lacht) Besonders schön, wie Oliver Bierhoff zweimal auf die Loskugel blickte, bevor er den Namen vorlas. Er hatte anscheinend noch nie von dem Klub gehört.
 
Was haben Sie erwartet? Der Klub spielt in der Brandenburgliga und trägt seine Heimspiele auf einem Sportplatz aus, Fassungsvermögen 1000 Zuschauer. Er dürfte deutschlandweit nicht sonderlich bekannt sein.
Das stimmt schon, er war auch zu meiner Zeit ein kleiner Klub. Damals kamen selten mehr als ein paar hundert Zuschauer. Doch es gilt nach wie vor die alte Floskel: Im Fußball ist alles möglich. Falkensee-Finkenkrug hat im Brandenburgischen Landespokal immerhin gegen den haushohen Favoriten Babelsberg 03 gewonnen – und das trotz zweier Platzverweise und einem Eigentor.

Zu Ihrer Zeit hatte der Klub noch nicht mit Falkensee fusioniert und hieß SG Finkenkrug. Wie sind Sie eigentlich dort gelandet?
Ich bin 1939 in Tatanir geboren, einem kleinen Fischerdorf in Rumänien. Als ich zwei Jahre alte war, siedelten wir nach Görlitz, dann ins tschechische Saaz um. Nach dem Krieg kamen wir nach Falkensee bei Berlin. Eines Tages fragte mich ein Freund, ob ich ihn nicht zum Fußball begleiten wollte. Ich hatte nichts anderes vor und habe »Ja« gesagt. Mehr aus jugendlicher Langeweile. Ich war damals 15 Jahre alt.
 
So spät kamen Sie erst zum Fußball?
Ich hatte bereits in der Tschechoslowakei Fußball gespielt. Aber nie auf wirklich hohem Niveau. In Falkensee entwickelte ich mich gut, ich wurde Torschützenkönig. Nach einem besonders guten Spiel verpflichtete mich die BSG Rotation Babelsberg. Später ging ich zu Dynamo Berlin.
 
Auch dort lief es gut. Sie schossen in einer Saison 14 Tore in 19 Spielen. Trotzdem flüchteten Sie in den Westen.
Wir waren mit der Mannschaft nach Kopenhagen gereist, wo wir am 13. August 1961 im Idrätspark zu einem Freundschaftsspiel gegen Boldklubben 93 antraten. Am Vortag verdichteten sich die Hinweise, dass die DDR an diesem 13. August mit dem Mauerbau beginne würde. Ich schmiedete also Pläne zur Flucht. Aus Kopenhagen versuchte ich meine Frau zu erreichen und ihr zu erklären, dass sie umgehend zu Verwandten nach Westberlin reisen sollte. Doch sie war in Falkensee auf einem Geburtstag.
 
Wie haben Sie sich abgesetzt?
Direkt nach dem Spiel in Kopenhagen bin ich mit meinem Mitspieler Rolf Starost in ein Taxi gesprungen und zum Hafen und dann direkt weiter mit einem Schiff nach Hamburg gefahren. Von dort aus flogen wir nach Westberlin. Erst später erfuhren wir, dass wir sehr viel Glück gehabt hatten, denn wir wurden die ganze Zeit von Stasi-Mitarbeitern beschattet. Meine Frau kam wenige Tage später mit einem gefälschten Pass nach.
 
War es denn sicher für Sie in Westberlin?
Überhaupt nicht. Ich hatte kurz nach meiner Flucht bei Tennis-Borussia Berlin angeheuert, und musste ein Jahr Sperre des Verbandswechsels absitzen. In dieser Zeit kamen der Verein und ich überein, dass es besser für mich sei in Westdeutschland zu spielen. Also wechselte ich zum Freiburger FC.
 
Ihre größte Zeit hatten Sie aber beim 1.FC Saarbrücken. Sie schossen in Ihrer ersten Saison 28 Tore in 30 Spielen. Insgesamt machten Sie 126 Tore in 130 Spielen.
So viele?
 
In der Saison 1963/64 haben Sie mit Ihrem Tor in der Aufstiegsrunde dem FC Bayern sogar die einzige Niederlage beigebracht. Sie werden heute der Gerd Müller vom Saarland genannt. Warum hat es eigentlich nie für die Erste Bundesliga gelangt?
Mit dem 1.FC Saarbrücken standen wir einige Male kurz vor dem Aufstieg, doch wir scheiterten oft unglücklich in den letzten Spielen. Ich hatte auch einige Angebote aus der Bundesliga, zum Beispiel vom FC Schalke 04. Sogar ein italienischer Klub wollte mich verpflichten. (überlegt) Wer war das noch gleich? Ah ja, Vicenza! Man lud mich zu Verhandlungen ein. Ich machte auch ein Spiel, das beste Spiel meines Lebens.
 
Und trotzdem wollte der Klub Sie nicht?
In der letzten Minute dieses Spiels segelte eine Flanke von rechts in den Strafraum, ich nahm den Ball volley – und mein Bein war kaputt. Ich kam danach nie wieder richtig auf den Damm. Dazu muss ich allerdings auch sagen, dass ich mich in Saarbrücken sehr wohl gefühlt habe. Der Klub bezahlte gutes Geld und ermöglichte mir meine Ausbildung zum Sportlehrer.
 
Herr Poklitar, während der Auslosung zur ersten DFB-Pokalrunde schrien die Fans in Falkensee: »Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!« Der Trainer soll gesagt haben: »Wer mit neun Spielern einen Drittligisten schlägt, der schafft mit elf Spielern einen Erstligisten.«
(lacht) Was soll ich sagen? Es ist sehr unwahrscheinlich, auch wenn es großartig wäre. Zumal es nach Berlin nur ein paar Kilometer sind.

Zum Spiel kommen Sie aber nicht?
Das schaffe ich nicht mehr, ich sitze seit einigen Jahren im Rollstuhl. Doch ich habe einen guten Fernseher.

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