Emanuel Pogatetz über Österreich-Deutschland

»Bleiben Sie mir bloß weg mit Cordoba!«

Emanuel Pogatetz spielte für Hannover eine starke Bundesligasaison. Heute will er sie krönen, wenn er für Österreich gegen Deutschland antritt. Zeit für ein neues Cordoba, sagt er. Das alte nervt ihn. Emanuel Pogatetz über Österreich-DeutschlandImago
Heft#115 06/2011
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Emanuel Pogatetz, werden uns Ihre Landsleute heute wieder mit Cordoba-Geschichten auf den Wecker gehen?

Emanuel Pogatetz: Bleiben Sie mir bloß weg damit! Ich bin Jahrgang 1983, was geht mich ein Spiel bei der WM 1978 an? Zumal Österreich schon vor dem 3:2 gegen Deutschland aus dem Turnier geflogen war und es statistisch gar keinen Wert hatte. Dass es trotzdem immer wieder aus der Klamottenkiste geholt wird, ist ein reines Marketingding. Bei der EM 2008 gab es sogar einen »Cordoba-Burger«. Mich nervt das.

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Wann entsteht denn endlich ein neuer Mythos?


Emanuel Pogatetz: Wir arbeiten daran. Die Zeiten, als wir selbst gegen die Färöer verloren, sind jedenfalls unwiederbringlich vorbei.

Und doch muss man Österreich offenbar verlassen, um ein guter Fußballer zu werden.

Emanuel Pogatetz: Nichts gegen meine Heimat! Es war schön, dort fußballerisch aufzuwachsen. Aber in der Tat muss man in die größeren Ligen gehen, um das Optimum aus sich herauszuholen. In Österreich läuft Fußball so ein bisschen nebenher, man fährt genauso gern Ski oder schaut es eben im Fernsehen an. So kommt es vor, dass sich bei Spielen wie Mattersburg gegen Kapfenberg nur 2000 Zuschauer verlieren. Das ist nicht die Motivation, die mich weitergebracht hätte.

Ist Österreich also zu gemütlich?

Emanuel Pogatetz: Ich schätze diese Gemütlichkeit im Privaten, aber dem Leistungssport ist sie eher abträglich. Man kann sich wohl nur durch entschlossene, beinah manische Arbeit davon absetzen. So wird man zum Typen, der im Endeffekt ein bisschen verrückt rüberkommt. Nehmen Sie zum Beispiel unsere größten Athleten Hermann Maier, Niki Lauda oder Thomas Muster.

Sie selbst tragen den Spitznamen »Mad Dog«.

Emanuel Pogatetz: Den haben mir die Middlesbrough-Fans verliehen, weil ich damals noch weniger Rücksicht auf mich selbst genommen habe. Ich wollte jeden Zweikampf gewinnen – auch wenn ich mir selbst dabei weh tat.

Was heißt »Mad Dog« auf Österreichisch?

Emanuel Pogatetz: »Der Pogatetz is a narrischer Hund.« Aber das klingt gleich wieder so betulich. »Mad Dog« ist mir da wesentlich lieber. Zumal es auch international funktioniert.

Hat ein Österreicher es schwerer als ein Brasilianer, im Ausland Fuß zu fassen?

Emanuel Pogatetz: Sicher. Brasilianer beobachtet man nur ein Mal, Österreicher lieber fünf Mal. Mit uns assoziiert man eine gewisse Laxheit.

Einem Österreicher, der nach Deutschland kommt, wird reflexartig das Etikett »Kult-Ösi« verliehen.

Emanuel Pogatetz: Stimmt, da gibt es eine Tradition von Peter Pacult bis zu Erwin »Jimmy« Hoffer, der derzeit beim FCK spielt. Das zeigt aber doch, dass die Deutschen uns sympathischer finden, als immer behauptet wird. Andersherum würde kein Österreicher den Ausdruck »Kult-Deutscher« benutzen. Das liegt wohl auch am latenten Neid auf den großen Nachbarn.

Martin Harnik ist gebürtiger Deutscher, spielt jedoch für Österreich. Ist der Mann wahnsinnig?

Emanuel Pogatetz: Nur insofern, als er bei seiner Entscheidung für unsere Nationalmannschaft keine Ahnung von Österreich hatte. Stellen Sie sich vor: Der kannte nicht mal Hermann Maier! Und den muss nun wirklich jeder Österreicher kennen.

2002 feierten Sie gegen Deutschland Ihr Länderspieldebüt. Tat's weh?

Emanuel Pogatetz: Wir haben zwar 2:6 verloren, aber ich habe dennoch gegrinst, weil ich so stolz war, Nationalspieler zu sein. Unser Kapitän Andreas Herzog war allerdings stinksauer und hat mich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Auch im EM-Gruppenspiel 2008 waren Sie im Einsatz – Österreich hielt sich gut, bis Michael Ballack seinen legendären Wutfreistoß versenkte.

Emanuel Pogatetz: Ein phänomenaler Schuss! Ich habe nur den Kometenschweif des Balls gesehen, und als ich mich umdrehte, beulte sich auch schon das Netz.

35 Pleiten und sechs Siege gegen Deutschland – für einen Fußballzwerg ist das gar nicht so schlecht.

Emanuel Pogatetz: Vorsicht! Mit San Marino möchte ich nicht verglichen werden. Ich sehe uns derzeit so stark wie Belgien, mit dem Manko, dass unsere Jungs auf Vereinsebene nicht ganz so hochklassig spielen.

Der letzte Sieg gegen Deutschland gelang 1986. 4:1, zweimal Polster, zweimal Kienast. Polster sagt mir was – aber wer ist Kienast?

Emanuel Pogatetz: Den kennen Sie nicht? Schwach! Reinhard Kienast war ein Rapidler, eine Legende. Sein Neffe Roman hat auch schon Länderspiele bestritten. Möglicherweise ist er gegen Deutschland dabei.

Wie stehen die Chancen denn diesmal?

Emanuel Pogatetz: Wir müssen gewinnen, wenn wir noch eine Chance auf die EM-Qualifikation haben wollen. Ich setze darauf, dass die Deutschen mental schon in der Sommerpause sind. Dann schlägt unsere Stunde.

Freuen Sie sich auf Mario Gomez?

Emanuel Pogatetz: Ja, der liegt mir. Ich würde nicht sagen, dass er weich ist, aber von allen deutschen Nationalstürmern ist er für meine physische Herangehensweise am anfälligsten.

Ein Ballerino tanzte einmal Hans Krankls Laufwege von Cordoba nach. Wer sollte Sie verkörpern, wenn Sie am 3. Juni gewinnen?

Emanuel Pogatetz: Jedenfalls kein feingliedriger Tänzer. Ich denke eher an eine Walze.

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