01.06.2012

EM im Spiegel der Zeit: Bernd Patzke und Willi Schulz über die EM 1968

»Es war irgendwie irreal«

Als Deutschland 1968 zum ersten Mal bei einer EM mitspielen will, würde ein Sieg in der Qualifikation gegen Albanien reichen. Doch die Elf um Bernd Patzke und Willi Schulz spielt in Tirana nur 0:0 – auf »einem Sandplatz mit ein paar Grasbüscheln«.

Interview: Andreas Bock Bild: imago
Für viele war das Spiel zum wiederholten Male der Beweis, dass ein Mittelfeld mit Netzer und Overath nicht funktionieren kann. Für Sie auch?

Bernd Patzke: Nein, es hat ja geklappt. Bei der EM 1972 etwa. Und wenn wir in Tirana 1:0 gewonnen hätten, dann hätte keiner darüber geredet.

Auch der Rest der Bayern-Achse fehlte. Sepp Maier und Franz Beckenbauer blieben ebenso zu Hause.

Bernd Patzke: Richtig. Das war meine eingeschworene Münchener Reisegruppe. Wir vier kamen immer gemeinsam aus München an, und zumeist schliefen wir auch in einem Zimmer.

Zu viert?

Bernd Patzke: Ja, das war damals absolut normal. Und an Hotels war oftmals gar nicht zu denken – wir schliefen meistens in Sportschulen. 1968 waren wir etwa in Malente, da haben fünf oder sechs Spieler in einem Zimmer gewohnt.

In Tirana aber übernachteten Sie in einem Hotel.

Bernd Patzke: Richtig. Das Hotel war unglaublich karg, die Leute waren alle grün gekleidet und trugen alle die Chinamützen. Der damalige Führer Albaniens, Enver Hoxha, hatte in den 60er Jahren ein sehr enges Bündnis nach China – in den ersten Jahren unter seiner Ägide wurde der Maoismus zur offiziellen Linie seiner Partei erhoben. Deswegen lag im Hotel überall die Mao-Bibel herum.

Willi Schulz: Ich erinnere mich auch, dass es da fast nur Fahrräder gab. Damals gab es noch keine Autos in Albanien. Diese Reise fühlte sich an wie eine Reise zum Mond.

Netzers Begründung für das 0:0 in Tirana war sehr einfach. Er sagte: »Wir hatten kaum etwas zu essen.«

Willi Schulz: Es gab kein Fleisch, nur Brot und Eier. Die Eier kamen aus einem Eierkombinat.

Bernd Patzke: Das Essen war jedenfalls nicht sonderlich schmack- und nahrhaft. Später sind wir in sozialistische und kommunistische Länder mit eigenem Koch hingereist – der Stab wurde mit der Zeit immer größer. Damals in Tirana war es wirklich grausam, aber das soll keine Entschuldigung sein.

War denn wenigstens der Platz bespielbar?

Bernd Patzke: Für Kinder wäre es der perfekte Bolzplatz gewesen: Ein Sandfeld mit ein paar grünen Büscheln. Für ein EM-Qualifikationsspiel natürlich ein schlechter Witz.

Willi Schulz: Der Rasen war wirklich unglaublich holprig, dazu 40.000 Zuschauer, die fast bis zur Seitenauslinie standen und jeden Fehlpass von uns höhnisch beklatschten. Wir waren schon sehr verunsichert.

Gab es denn damals keinerlei Vorschriften der UEFA?

Bernd Patzke: Nein. Ich habe zu der Zeit auch mal auf Zypern gespielt – auf einem Schlackeplatz. Da sind sie vor und während des Spiels mit dem Sprengwagen drauf gefahren, weil es so stark staubte.

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