01.06.2012

EM im Spiegel der Zeit: Bernd Patzke und Willi Schulz über die EM 1968

»Es war irgendwie irreal«

Als Deutschland 1968 zum ersten Mal bei einer EM mitspielen will, würde ein Sieg in der Qualifikation gegen Albanien reichen. Doch die Elf um Bernd Patzke und Willi Schulz spielt in Tirana nur 0:0 – auf »einem Sandplatz mit ein paar Grasbüscheln«.

Interview: Andreas Bock Bild: imago

Wili Schulz, Sie machten 1959 ihr erstes Länderspiel. Sepp Herberger, ihr damaliger Trainer, wollte partout nicht am EM-Turnier teilnehmen. Woher rührte seine Abneigung?
Willi Schulz: Sein Hauptargument war: Die EM liegt zwischen zwei Weltmeisterschaften und stört die Vorbereitung. Die EM hatte damals eine ganz andere Wertigkeit als eine WM.

1968 meldete der DFB die Nationalmannschaft erstmals zur EM-Qualifikation an.

Willi Schulz: Richtig. Einerseits machte die UEFA Druck: Deutschland als große Fußballnation müsse teilnehmen. Andererseits hatte sich das Turnier auch etabliert, an Ansehen gewonnen und der DFB konnte sich nicht mehr erlauben, nur die Zuschauerrolle zu bekleiden.

Herr Patzke, für Helmut Schön war das 0:0 in Tirana sein »schwärzester Tag als Bundestrainer«. Wie war es für Sie als Spieler?


Bernd Patzke: Es gibt so Tage, da läuft es überhaupt nicht. Und dieser 17. Dezember 1967 war so ein Tag. Er ist in die Memoiren des Deutschen Fußballs eingegangen. Und deswegen sprechen wir ja heute miteinander. (lacht) Ich würde ihn allerdings nicht den »schwärzesten Tag in meiner Karriere« nennen.

Dennoch: Es ist ein Tag im Deutschen Fußball, der vermutlich in 50 Jahren noch negativ besetzt sein wird.

Bernd Patzke: Die eine Nation zehrt Jahrzehnte von so einem Ereignis, für die andere ist dieser Tag für ewig negativ behaftet. Denken Sie nur an Cordoba! Für die einen ist es die »Schmach von Cordoba«, für die anderen das »Wunder von Cordoba«. Und an diesem Wunder zieht sich Österreich seit nunmehr seit 30 Jahren hoch. Das ist doch fast ein wenig absurd.

Haben Sie an jenem Dezembertag in Tirana wirklich so schlecht gespielt oder war alles großes Pech?

Bernd Patzke: Wir haben de facto 90 Minuten auf ein Tor gespielt – und mitunter sogar recht ansehnlich. Selbst ich als Verteidiger schoss einmal gegen den Pfosten. Und wir spielten zu Null. Die Abwehr stand felsenfest und hat keine einzige Torchance der Albaner zugelassen. Es war also nicht alles schlecht.

Willi Schulz: Das stimmt. Wir waren drückend überlegen, wir waren ja auch recht offensiv aufgestellt. Es fehlte einfach das erlösende Tor.

Lag es vielleicht auch daran, dass Gerd Müller nicht dabei war?

Bernd Patzke: Die Ausrede lasse ich nicht gelten. Natürlich war es bitter, dass wir ohne Gerd Müller spielten. Er erzielte im Hinspiel ja vier Tore. Die Offensive war trotzdem bestens besetzt: Mit Netzer, Küppers, Overath und...

Willi Schulz: ...Mittelstürmer Peter Meyer, der gerade von Fortuna Düsseldorf zu Borussia Mönchengladbach gewechselt war und dort zum treffsichersten Stürmer der Liga avancierte. Es sollte aber sein erstes und einziges Länderspiel sein.

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