EM im Spiegel der Zeit: Bernd Patzke und Willi Schulz über die EM 1968

»Es war irgendwie irreal«

Als Deutschland 1968 zum ersten Mal bei einer EM mitspielen will, würde ein Sieg in der Qualifikation gegen Albanien reichen. Doch die Elf um Bernd Patzke und Willi Schulz spielt in Tirana nur 0:0 – auf »einem Sandplatz mit ein paar Grasbüscheln«. imago

Wili Schulz, Sie machten 1959 ihr erstes Länderspiel. Sepp Herberger, ihr damaliger Trainer, wollte partout nicht am EM-Turnier teilnehmen. Woher rührte seine Abneigung?
Willi Schulz: Sein Hauptargument war: Die EM liegt zwischen zwei Weltmeisterschaften und stört die Vorbereitung. Die EM hatte damals eine ganz andere Wertigkeit als eine WM.

1968 meldete der DFB die Nationalmannschaft erstmals zur EM-Qualifikation an.

Willi Schulz: Richtig. Einerseits machte die UEFA Druck: Deutschland als große Fußballnation müsse teilnehmen. Andererseits hatte sich das Turnier auch etabliert, an Ansehen gewonnen und der DFB konnte sich nicht mehr erlauben, nur die Zuschauerrolle zu bekleiden.

Herr Patzke, für Helmut Schön war das 0:0 in Tirana sein »schwärzester Tag als Bundestrainer«. Wie war es für Sie als Spieler?


Bernd Patzke: Es gibt so Tage, da läuft es überhaupt nicht. Und dieser 17. Dezember 1967 war so ein Tag. Er ist in die Memoiren des Deutschen Fußballs eingegangen. Und deswegen sprechen wir ja heute miteinander. (lacht) Ich würde ihn allerdings nicht den »schwärzesten Tag in meiner Karriere« nennen.

Dennoch: Es ist ein Tag im Deutschen Fußball, der vermutlich in 50 Jahren noch negativ besetzt sein wird.

Bernd Patzke: Die eine Nation zehrt Jahrzehnte von so einem Ereignis, für die andere ist dieser Tag für ewig negativ behaftet. Denken Sie nur an Cordoba! Für die einen ist es die »Schmach von Cordoba«, für die anderen das »Wunder von Cordoba«. Und an diesem Wunder zieht sich Österreich seit nunmehr seit 30 Jahren hoch. Das ist doch fast ein wenig absurd.

Haben Sie an jenem Dezembertag in Tirana wirklich so schlecht gespielt oder war alles großes Pech?

Bernd Patzke: Wir haben de facto 90 Minuten auf ein Tor gespielt – und mitunter sogar recht ansehnlich. Selbst ich als Verteidiger schoss einmal gegen den Pfosten. Und wir spielten zu Null. Die Abwehr stand felsenfest und hat keine einzige Torchance der Albaner zugelassen. Es war also nicht alles schlecht.

Willi Schulz: Das stimmt. Wir waren drückend überlegen, wir waren ja auch recht offensiv aufgestellt. Es fehlte einfach das erlösende Tor.

Lag es vielleicht auch daran, dass Gerd Müller nicht dabei war?

Bernd Patzke: Die Ausrede lasse ich nicht gelten. Natürlich war es bitter, dass wir ohne Gerd Müller spielten. Er erzielte im Hinspiel ja vier Tore. Die Offensive war trotzdem bestens besetzt: Mit Netzer, Küppers, Overath und...

Willi Schulz: ...Mittelstürmer Peter Meyer, der gerade von Fortuna Düsseldorf zu Borussia Mönchengladbach gewechselt war und dort zum treffsichersten Stürmer der Liga avancierte. Es sollte aber sein erstes und einziges Länderspiel sein.

Für viele war das Spiel zum wiederholten Male der Beweis, dass ein Mittelfeld mit Netzer und Overath nicht funktionieren kann. Für Sie auch?

Bernd Patzke: Nein, es hat ja geklappt. Bei der EM 1972 etwa. Und wenn wir in Tirana 1:0 gewonnen hätten, dann hätte keiner darüber geredet.

Auch der Rest der Bayern-Achse fehlte. Sepp Maier und Franz Beckenbauer blieben ebenso zu Hause.

Bernd Patzke: Richtig. Das war meine eingeschworene Münchener Reisegruppe. Wir vier kamen immer gemeinsam aus München an, und zumeist schliefen wir auch in einem Zimmer.

Zu viert?

Bernd Patzke: Ja, das war damals absolut normal. Und an Hotels war oftmals gar nicht zu denken – wir schliefen meistens in Sportschulen. 1968 waren wir etwa in Malente, da haben fünf oder sechs Spieler in einem Zimmer gewohnt.

In Tirana aber übernachteten Sie in einem Hotel.

Bernd Patzke: Richtig. Das Hotel war unglaublich karg, die Leute waren alle grün gekleidet und trugen alle die Chinamützen. Der damalige Führer Albaniens, Enver Hoxha, hatte in den 60er Jahren ein sehr enges Bündnis nach China – in den ersten Jahren unter seiner Ägide wurde der Maoismus zur offiziellen Linie seiner Partei erhoben. Deswegen lag im Hotel überall die Mao-Bibel herum.

Willi Schulz: Ich erinnere mich auch, dass es da fast nur Fahrräder gab. Damals gab es noch keine Autos in Albanien. Diese Reise fühlte sich an wie eine Reise zum Mond.

Netzers Begründung für das 0:0 in Tirana war sehr einfach. Er sagte: »Wir hatten kaum etwas zu essen.«

Willi Schulz: Es gab kein Fleisch, nur Brot und Eier. Die Eier kamen aus einem Eierkombinat.

Bernd Patzke: Das Essen war jedenfalls nicht sonderlich schmack- und nahrhaft. Später sind wir in sozialistische und kommunistische Länder mit eigenem Koch hingereist – der Stab wurde mit der Zeit immer größer. Damals in Tirana war es wirklich grausam, aber das soll keine Entschuldigung sein.

War denn wenigstens der Platz bespielbar?

Bernd Patzke: Für Kinder wäre es der perfekte Bolzplatz gewesen: Ein Sandfeld mit ein paar grünen Büscheln. Für ein EM-Qualifikationsspiel natürlich ein schlechter Witz.

Willi Schulz: Der Rasen war wirklich unglaublich holprig, dazu 40.000 Zuschauer, die fast bis zur Seitenauslinie standen und jeden Fehlpass von uns höhnisch beklatschten. Wir waren schon sehr verunsichert.

Gab es denn damals keinerlei Vorschriften der UEFA?

Bernd Patzke: Nein. Ich habe zu der Zeit auch mal auf Zypern gespielt – auf einem Schlackeplatz. Da sind sie vor und während des Spiels mit dem Sprengwagen drauf gefahren, weil es so stark staubte.

Sie hatten das Hinspiel mit 6:0 gewonnen, sind Sie vielleicht zu siegessicher in die Partie gegangen?

Bernd Patzke: Vielleicht. Aber du musst doch, wenn du als amtierender Vize-Weltmeister nach Tirana reist, siegessicher auflaufen. Damals gab es ja diese These »Es gibt keine Kleinen mehr« noch nicht. Denn es gab diese »Kleinen« – und Albanien war fußballerisch sehr klein. Damals konnte man auch noch unumwunden sagen: »Die fegen wir weg!« Wir waren uns einfach hundertprozentig sicher, dass die, wenn wir das erste Tor schießen, zusammengefaltet werden.

Max Merkel tönte vor dem Spiel, dass der DFB auch eine durchschnittliche Bundesligamannschaft nach Tirana schicken könnte. Ließen sich die Spieler von der überheblichen Stimmung in Deutschland anstecken?

Willi Schulz: Nein. Wir wussten um die Bedeutung des Spiels, und wir wussten auch, dass man Mannschaften nie unterschätzen sollte. Von Überheblichkeit war da eigentlich keine Spur.

Bernd Patzke: Das Problem war vielleicht, dass man früher einfach gar keine Vergleichsmöglichkeiten hatte. Unsere Siegesgewissheit fußte einzig auf Statistiken und auf dem Hinspiel in Dortmund. Früher hatte man ja nicht die Möglichkeit, Spieler zu beobachten, jedenfalls nicht in der Intensität und en Detail wie später. Wenn ich mich heute über einen Spieler informieren will, wissen will, wie schnell, wie groß der ist, welche Position der spielt, benötige ich ja nur ein paar Klicks auf meinem Laptop und fertig. Das soll aber auch keine Ausrede sein: Denn für die Albaner war es ja nicht anders.

Sie kannten die Spieler also nicht mal mit Namen?

Bernd Patzke: Die Namen kannte ich nur vom Spielerbogen. Das war fast wie ein Hobbyspiel im Park – und irgendwie irreal.

Willi Schulz: Die waren abgeschirmt von dem eisernen Vorhang, und dieser Vorhang war doppelt so dick, denn es war der chinesische Vorhang. Die kämpften aber wie die Wilden. Die wehrten sich mit Händen und Füßen, mit Zähnen und Klauen.

Zerfleischten sich die deutschen Spieler nach dem Spiel?


Bernd Patzke: Nein, wir haben ja auch gut gespielt. Da gab es keinerlei Vorwürfe. So etwas habe ich damals eh nie erlebt. Der Teamgeist in der Mannschaft war ungebrochen.

Als Sie nach Deutschland zurückkamen stand am Flughafen stand kein einziger Fan, nur das Bodenpersonal. Und von diesem mussten Sie sich beschimpfen lassen.

Bernd Patzke: Diese ganze Reise umgab eine sehr merkwürdige Atmosphäre. Das fing im Hotel an, ging im Stadion weiter und hörte in Deutschland nicht auf. Im Stadion habe ich etwa keine einzige Frau gesehen. Im Hotel war die Stimmung nicht gerade herzlich und während des Spiels merkten wir irgendwann: Wir können hier immer weiter spielen, wir werden kein Tor schießen.

Für den feingeistigen Helmut Schön war das erniedrigend.


Bernd Patzke: Das stimmt. Und es wurde noch schlimmer, denn die »Bild« machte am nächsten Tag Stimmung und schrieb: »Nun lasst den Merkel ran!«

Willi Schulz: Von der »Bild«-Reporter ist Moritz von Groddeck, der ehemalige Olympiasieger im Rudern, mit nach Tirana gekommen. Und der schrieb einen bitterbösen Kommentar zum Spiel. Aber man kann nach einem 0:0 in Albanien auch nicht wirklich was anderes erwarten.

Bernd Patzke: Dennoch: Schön konnte gar nichts für die Niederlage. Und glücklicherweise hörte beim DFB niemand auf die Presse.

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