Eintracht-Braunschweig-Vorsänger Thilo Götz im Interview

»Sie nutzen unsere Farben für ihre Politik«

Die Informationsbroschüre der Braunschweiger »Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen« schlug hohe Wellen. Am Pranger: Die Initiative, die den Fußball für ihre politische Ziele missbrauchen würde. Auch Thilo Götz, Vorsänger der Eintracht-Fanszene, kritisiert die Initiative. Wir haben mit ihm gesprochen.

Thilo Götz, vergangene Woche hat die »Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen« eine Broschüre veröffentlicht, die sich mit Rechtsextremismus in der Braunschweiger Fanszene beschäftigt. Was kritisieren Sie an der Broschüre?
Diese Broschüre zeigt sehr viele Bilder aus der Vergangenheit: Zum Beispiel Reichskriegsflaggen oder Transparente mit rechter Symbolik. Das sind Bilder aus den achtziger oder neunziger Jahren. Der Verein ließe es heute gar nicht mehr zu, dass so etwas gezeigt würde. Außerdem finde ich es grenzwertig, dass man Fotos von Ordnern aus dem Stadion veröffentlicht, ohne diese zu fragen.

Was kritisieren Sie an der Initiative?
An der Gruppe »Ultras Braunschweig« (Teile dieser sind Mitglied der Initiative, d. Red.) kritisiere ich, dass sie die Farben Blau-Gelb für ihre linke Politik nutzen. Dafür knüpfen sie extra Kontakte in andere Städte, zum Beispiel nach Bremen oder Hamburg und laden diese nach Braunschweig ein. Dort haben sie ihre Freunde gefunden, die sie im Stadion nicht haben.

Ist diese Gruppe in der Vergangenheit gewalttätig geworden?
Im Stadion nicht. Aber Braunschweig ist nun mal eine Stadt, in der man sich nicht aus dem Weg gehen kann. Da kam es in der Vergangenheit häufig zu Konfrontationen. Mir sind Fälle bekannt, bei denen Leute grundlos abgezogen wurden. Fakt ist: Diese Leute haben das gesamte Stadion gegen sich. Denn sie haben nicht gemerkt, was die Leute um sie herum machen: Nämlich den eigenen Verein unterstützen. Im Gegensatz zu dieser Gruppe, die nur versucht, ihre Ultra-Gesänge zu etablieren.

Haben Sie ein Beispiel?
Wir sind vor einiger Zeit mit 2500 Leuten zum Auswärtsspiel bei Union Berlin gefahren. Dort haben die wieder ihren eigenen Ultra-Singsang gestartet, den will aber bei uns niemand hören. Die meisten Eintracht-Fans sind eben von der Alten Schule. Viele schrien dann nach mir. Wenn ich mit dem Finger auf die »Ultras Braunschweig« gezeigt hätte, wären die Minuten später nicht mehr im Stadion gewesen. Dann hätten wir sie rausgeprügelt. Doch ich wollte die Konfrontation nicht schüren. Es ist zum Glück nicht eskaliert. Dieses Spiel führte zum Bruch.

Warum muss man diese Gruppe rausprügeln? Kann man nicht mit ihr sprechen?
Zu diesem Zeitpunkt haben diese Leute nicht mehr mit uns gesprochen. Wir haben denen sehr häufig gesagt, dass sie auf die Allgemeinheit eingehen müssen. Ihre Antwort: »Machen wir nicht!« Wir sagten dann, dass sie bei uns damit verkehrt seien.

Zurück zur Broschüre. Die von Ihnen angesprochenen Bilder sind Teil eines Rückblicks, die die Vergangenheit von 1979 bis 2007 beleuchtet. Es gibt auch eine Chronik von 2007 bis 2012, die aktuelle rechte Tendenzen in der Braunschweiger Szene anprangert. Was ist mit diesen Vorwürfen?
Ich gehe davon aus, dass das alles richtig ist. Dass zum Beispiel im Januar vier Antifa-Mitglieder vor einer Disko von Leuten von »Kategorie Braunschweig« angegriffen wurden. Aber wie gesagt: Braunschweig ist nicht Hamburg oder Berlin. In einer Stadt wie Braunschweig laufen sich die politischen Lager eben viel häufiger über den Weg.

Ist es dann nicht legitim, das zu dokumentieren?
Wenn diese Gruppe meint, alles aufschreiben zu müssen, dann sollen sie. Mich stört es nicht. Ich sage noch einmal: Es geht darum, dass die »Ultras Braunschweig« als Reaktion auf ihren Stadionverbot Eintracht Braunschweig als ihre politische Bühne benutzen.

Wie ist es zu dem Stadionverbot gekommen?
Sie haben bei einem Spiel gegen Rot-Weiß Erfurt versucht, die Haupttribüne zu stürmen.

Warum?
Aus einem mir nicht bekannten Grund lief das Fass bei »Ultras Braunschweig« über, weshalb sie dann dieses Spiel für eine Demo nutzten und dann die Haupttribüne stürmen wollten. Sie wurden dann von Ordnern und Polizisten eingekreist. Danach bekamen die Mitglieder ein zweijähriges Stadionverbot. An dem Tag sagten viele Fans: »Endlich sind wir die los!« Wir hatten einfach keine Lust mehr auf diese ganzen Plakate und Sprüche.

Einige Ordner stehen in der Kritik, mit einer Gruppe wie den »Alten Kameraden« zu sympathisieren. Was ist da dran?
Die »Alten Kameraden« sind ein Fanklub, den es seit 1981 gibt. Es stimmt, dass es Rechte in dieser Gruppe gibt. Mein Bauch sagt mir aber: Solange diese Leute niemandem etwas tun und keine politische Werbung im Stadion machen, dann ist mir das egal. Und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine. Im Gegenteil. Der Grundtenor unter den Fans ist: »Die tun uns nichts, dann ist das doch okay.«

Was ist mit den anderen Gruppen, die in der Broschüre angesprochen werden? Zum Beispiel die »Nord Power Dogs« oder den »Fetten Schweine«?
Die sind noch da, und ja, die haben auch rechte Tendenzen. Doch noch einmal: Wir stören uns nicht daran, solange diese Leute uns nichts tun.

Ist die Marke »Thor Steinar« im Stadion verboten?
Ja, aber trotzdem siehst du vereinzelt Leute, die Klamotten dieser Marke tragen. Aber auch das ist nicht vergleichbar mit anderen Vereinen, zum Beispiel aus dem Osten. Den Klub kotzt das doch auch an. Und ich weiß, dass Vereinsvertreter auch bei den verantwortlichen Securityfirmen anrufen, wenn Ordner mit solchen Klamotten gesichtet werden. Die Firma wird dann aufgefordert, so etwas in Zukunft schon im Vorfeld zu unterbinden.

Warum mussten Mitglieder der Initiative und »Ultras Braunschweig« am Samstag mit Polizeischutz aus dem Stadion gebracht werden?
Wir dachten, dass wir gemütlich Fußball gucken könnten und rechneten mit 300 Bochum-Fans. Auf einmal tauchten da 100 Antifa-Leute beim Spiel auf und brachten einen kleinen Banner, »Curva Nord«, am Zaun an. Sie wollten damit signalisieren: »Wir sind hier!« Nach dem Spiel haben sie noch ein Spruchband aufgehängt: »Keine Eintracht mit Nazis«. Die Fankurve wurde unruhig. Dennoch herrschte unter den Fans und Hooligans Einigkeit, dass nichts unternommen wird! Ein paar Leute haben gebrüllt: »Ihr kommt hier nicht lebend raus!«

Haben Sie den Satz gehört?
Ich persönlich nicht. Aber der Satz wurde wohl von verschiedenen Leuten geschrien. Fakt ist: Wenn die Gruppe bei uns langgegangen wäre, wären deren Leute mit Bierbechern beworfen worden. Insofern war es richtig, dass die Polizei die über den Gästeparkplatz rausgebracht hat.

Herr Götz, hat Eintracht Braunschweig ein Neonaziproblem?
Man darf das nicht mit den achtziger Jahren vergleichen, als die Neonazis hier richtig gefeiert haben und »Ausländer-raus«-Rufe alltäglich waren. Solche Verhältnisse würde der Verein heute gar nicht mehr zulassen. Fakt ist, dass es friedlich war, bis diese Initiative auftauchte. Außerdem stört mich, dass diese ganze Diskussion vom sportlichen Erfolg ablenkt. Wir spielen oben mit und plötzlich muss der Verein Pressemitteilungen zu diesem Thema verschicken.

Thilo Götz, 41, geht seit 1983 zur Eintracht Braunschweig. Er ist Vorsänger der Südkurve.

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