Einsatzleiter verteidigt das Polizeivorgehen bei 96-Bayern

»Wir haben unseren Job vernünftig gemacht«

Am vergangenen Sonntag kam es im Fanblock von Hannover 96 zu Tumulten, 36 Personen wurden verletzt. Die Betroffenen kritisieren das unverhältnismäßige und überharte Vorgehen der Polizei. Wir sprachen mit Bernd Kirschning, dem Einsatzleiter der Polizei in Hannover. Einsatzleiter verteidigt das Polizeivorgehen bei 96-Bayern

Bernd Kirschning, Sie sind Einsatzleiter bei der Polizei Hannover. Der Polizeieinsatz am vergangenen Sonntag in der Kurve der Hannover-Fans sorgt für Kritik. Wie bewerten Sie den Einsatz?

Bernd Kirschning: Eine Bewertung kann ich derzeit im Detail nicht vornehmen. Die Ermittlungen in unterschiedlichen Strafverfahren sind noch am laufen und wir sind dabei, Videoaufzeichnungen auszuwerten und betrachten polizeiintern auch die Abläufe des polizeilichen Einschreitens.

Bei dem Einsatz handelte es sich jedoch nicht um eine rein polizeiliche Maßnahme. Wir haben den Veranstalter und damit den Ordnungsdienst unterstützt, weil diese mit der Ankündigung von Schlägen bedroht worden sind und Kontrollen von Fans verweigert wurden. Letzten Endes mögen bestimmte Meldungen über den Einsatz Futter für die Ultras sein, aber wir sind davon überzeugt, dass wir unseren Job vernünftig gemacht haben.

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Es heißt von Fanseite, dass es keine handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Fans und dem Ordnungsdienst gegeben habe.

Bernd Kirschning: Dem Ordnungsdienst wurden nach meinem Kenntnisstand Schläge angedroht und eine Kontrolle verhindert. Die Polizei ist daraufhin zur Unterstützung gerufen worden, die Polizisten haben den Block ruhig und besonnen betreten. In der Folge kam es dann zu den Auseinandersetzungen. Es kam zu Becherwürfen auf Polizeikräfte, Beamte wurden auch körperlich angegangen. Sprechchöre wie »Bullenschweine« wurden skandiert. Immer wieder wurden auch Polizisten an die Bande gedrängt. Die Fallhöhe beträgt in dem Bereich circa vier Meter!

War das Auftreten der Polizei angemessen?

Bernd Kirschning: Richtig ist, dass Polizeibeamte auch Zwangsmittel eingesetzt haben. Das war nach den bisher vorliegenden Informationen erforderlich und auch nicht unverhältnismäßig. Ich weiß, dass das auf Seiten der Fans zum Teil anders betrachtet wird. Ich würde mir wünschen, dass sich hier Fans selber auch kritisch betrachten. Diese Betrachtung führen wir hier in Hannover auch selbst durch, auch diesen Einsatz werden wir selbstverständlich polizeilich nachbereiten. Dazu sind wir bereits im Gespräch mit dem Verein und dem Fanprojekt.

Zu diesem Zeitpunkt ist aber festzustellen, dass die Polizei den Block ja objektiv nicht gestürmt hat und in blinden Aktionismus verfallen ist, so wie uns das in den vielen Meinungsforen vorgeworfen wird. Wir haben auf das Verhalten der Fans reagieren müssen und hätten uns da einfach ein anderes Verhalten gewünscht.

War die Überprüfung im Fanblock länger geplant?

Bernd Kirschning: Hannover 96 hat für diesen Tag vor dem Hintergrund der Verwendung von Pyrotechnik schärfere Kontrollen gegenüber den Fans angekündigt. Ein derartiger Einsatz im Fanblock war im Vorfeld jedoch nicht beabsichtigt gewesen und hat sich aus den Ereignissen des Spieltages ergeben.

Sehr umstritten ist der Einsatz von Pfefferspray. Selbst Kinder sollen unter den Verletzten gewesen sein. Können Sie das bestätigen?

Bernd Kirschning:Es wurden insgesamt 32 Personen von Sanitätern behandelt, auch Kinder und Jugendliche. In den betreffenden Videos des Einsatzes sind aber keine Kinder wahrzunehmen. Es ist also durchaus möglich, dass sich der Stoff auch noch später übertragen hat, beispielsweise über die Kleidung. Einzelheiten zu den Versorgungen kann ich hier verständlicherweise nicht bekannt geben. Auf jeden Fall ist es immer bedauerlich, wenn Personen zu Schaden kommen. Ich hätte mir gewünscht, wenn dies hier vermeidbar gewesen wäre.



In den ersten Berichten ist die Rede davon, dass kein Pyromaterial gefunden wurde, sprich der Verdacht unbegründet war.

Bernd Kirschning: Wir haben zum einen Pyrotechnik in geringen Maßen im Zugangsbereich zum Fanblock sichergestellt. Zum anderen dürfte bekannt sein, wie schnell dergleichen auch in kürzester Zeit vernichtet werden kann. Demzufolge kann man nicht sagen, dass der Verdacht unbegründet war.

Im Gästeblock wurde Pyrotechnik gezündet. Fans kritisieren, dass in diesem Fall die Polizei mit zweierlei Maß vorgegangen sei.

Bernd Kirschning: Diese Annahme ist falsch. Es ist etwas anderes, in einen vollbesetzten Block während des Spiels zu gehen, oder eine Überprüfung eine Stunde vor dem Spiel durchzuführen. Wir messen nicht mit zweierlei Maß.

Schon vor dem vergangenen Sonntag war das Verhältnis zwischen der Polizei in Hannover und den heimischen Ultras nicht das beste.

Bernd Kirschning: So pauschal kann man das nicht sagen. Es gibt aus meiner Sicht nicht die eine Ultragruppierung. Wir betrachten das sehr differenziert. Viele Ultras zeigen einen gewaltfreien Support und deren Fankultur ist aus polizeilicher Sicht völlig unproblematisch. Das angespannte Verhältnis zu gewaltbereiten Ultras ist jedoch nicht neu, sondern hat sich über die Zeit entwickelt. Das hatte aber mit unserem Vorgehen speziell am Sonntag nichts zu tun. Von unserer Seite gab es immer die Bereitschaft zum Dialog. Wir haben bereits mit maßgeblichen Personen dieser gewaltbereiten Ultraszene am Tisch gesessen. Bevor es jedoch zu Verbindlichkeiten kommen konnte, haben diese Ultras die Gespräche abgebrochen. Ich finde das sehr schade und hatte große Hoffnung, etwas bewegen zu können.

Beim Pokalspiel gegen Mainz gab es nun auf Plakaten heftige Schmähungen gegen die Polizei.

Bernd Kirschning: Es gab dort ein riesiges Plakat mit einem Spruch gegen die Polizei unter der Gürtellinie, dort stand: »Fickt euch, Bullenschweine«. Das zeigt, wie schwierig das Ganze ist. Selbst der Fanbeauftragte wollte es verhindern, hat aber keinen Zugang bekommen. Als das Plakat gezeigt wurde, hat das restliche Stadion gepfiffen.

Die gewaltbereiten Ultras stehen aus meiner Sicht zunehmend isoliert da und grenzen sich zunehmend weiter ab. Die Masse der Fans und auch Ultragruppierungen distanzieren sich von der Verwendung von Pyrotechnik im Stadion. Gewalt und Diffamierungen in jeglicher Form haben im Fußball nach meiner Überzeugung keinen Raum.

Wird sich die Situation nun verschärfen?

Bernd Kirschning: Wir werden weiter an unserem Konzept festhalten. Es gibt keinen Grund, unsere Strategie zu ändern. Ich bin gespannt, wann die gewaltbereiten Ultras endlich ihre Abseitsposition erkennen und das Potenzial für einen friedlichen Support entwickeln. Sich selbst nur in der Rolle des Unschuldigen zu betrachten und jegliche Verantwortung von sich zu weisen, ist aber nicht das, was jetzt erforderlich ist.

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