Eine WM mit Rapa Nui, Kurdistan und Okzitanien

»Das ist kein Gag!«

Abseits der Weltmeisterschaften finden mittlerweile regelmäßig Turniere mit Nicht-Fifa-Mitgliedern statt. 2014 trägt der neue Verband ConIFA zum ersten Mal ein »World Championship« aus. Generalsekretär Sascha Düerkop über Geheimfavorit Kurdistan, einen Tamilen beim AS Rom und die Sorge vor Oliver Pocher. 

Sascha Düerkop, Sie können jede Woche Traumtore von Zlatan Ibrahimovic oder Cristiano Ronaldo bestaunen. Was reizt Sie an Spielen zwischen Rapa Nui und Kurdistan oder Tamil Eelam und Nordzypern?
Wir vergessen oft, dass überall auf der Welt organisiert Fußball gespielt wird, dabei ist eine beachtliche Anzahl an Nationen kein Fifa-Mitglied. Ich habe mich oft gefragt, warum man diesen Mannschaften keine Chance gibt. Sie sollten sich völlig losgelöst von politischen Diskussionen präsentieren können.
 
Am »ConIFA World Championship«, der im Juni 2014 in Östersund/Schweden stattfindet, nehmen Teams aus nicht anerkannten Nationen statt. Trotzdem geht es nur um Fußball?
Ich traue mir kein Urteil über den Zypern-Konflikt oder die Probleme in der Westsahara zu. Doch darum soll es bei unserem Turnier auch gar nicht gehen. Vielmehr bekommen die Teams die Möglichkeit, ihr Land und ihre Kultur zu präsentieren – und natürlich ihren Fußball. Ich finde es jedenfalls sehr wichtig, dass man auch in Darfur oder Rapa Nui stolz auf eine eigene Fußballmannschaft sein kann.
 
Wie gut kennen Sie denn die Mannschaften aus Darfur oder Rapa Nui?
Ich kenne natürlich nicht jeden Spieler, dennoch habe ich einen ganz guten Überblick.
 
Wer ist Favorit?
Kurdistan, ganz klar. Die Mannschaft setzt sich vornehmlich aus irakischen Nationalspielern zusammen.
 
Wer ist Ihr Spieler-Geheimtipp?
Vielleicht Panushanth Kulenthiran. Technisch einer der besten Spieler. Er läuft für Tamil Eelam auf und hat kurioserweise mal beim AS Rom gespielt – allerdings ist er dort nie zum Einsatz gekommen.
 
Wie ist die Qualität der Teams?
Teams wie Okzitanien oder Kurdistan könnten in der deutschen Regionalliga oder sogar in der 3. Liga mithalten. Manchmal sind die Spiele sogar richtig gut. Zum Beispiel habe ich mal ein Spiel zwischen Okzitanien und Tamil Eelam gesehen, das 5:0 endete. Famoser Angriffsfußball mit tollen Toren.
 
Das Finale des »Viva World Cups«, eines anderen Nicht-Fifa-Turniers, endete 21:1 für Lappland gegen Monaco.
Klar, so was kommt auch vor. Es gibt Mannschaften, etwa Darfur United, die vom Niveau eher in der deutschen Bezirksliga spielen würden. Doch das ist kein Wunder, denn die haben bis vor kurzem noch nie mit Schuhen geschweige denn auf einem Rasenplatz Fußball gespielt (das Foto zeigt einen Fußballplatz in El Fasher / Darfur, d. Red.).
 
Ein Team wie Tamil Eelam ist über die ganze Welt verstreut. Es gibt Spieler in Deutschland, Kanada, England, Italien, Schweiz und Frankreich. Wie bereitet sich so ein Team auf das Turnier vor?
Ähnlich wie eine professionelle Nationalelf. Die Spieler kommen zusammen und trainieren. Vor dem »ConIFA World Championship« werden sie eine zweiwöchige Tour durch Deutschland machen und vier Testspiele bestreiten. Unter anderem gegen die neu gegründete Nationalelf der Franken.
 
Die Spieler sind allerdings in keiner Profiliga aktiv. Woher weiß der tamilische Nationaltrainer überhaupt, wen er nominiert?
Es gibt einmal im Jahr eine Art Casting in Kanada, das von einem Weltjugendverband organisiert wird. Der Nationaltrainer fliegt dann rüber und sichtet zahlreiche potenzielle Nationalspieler. Es gibt also selbst bei einem Team wie Tamil Eelam eine relativ professionelle Struktur – wobei die finanziellen Mittel natürlich gering sind.
 
Wie finanzieren sich die Teams?
Bei den meisten steckt ein Geldgeber dahinter. In Kurdistan etwa die Regierung von Irakisch-Kurdistan. Bei den Tamilen ist es die »Global Tamil Youth Organisation«. Leider hat nicht jedes Team Geldgeber. Die Mannschaft von Rapa Nui von den Osterinseln muss vermutlich das Turnier absagen, da sie den Flug nach Schweden nicht bezahlen kann.

Wie sind Sie eigentlich Fan des Nicht-Fifa-Fußballs geworden?
Ich bin Trikotsammler. Irgendwann hatte ich über 140 Trikots von Fifa-Nationalmannschaften zusammen. Also machte ich mich auf die Suche nach einer neuen Herausforderung. Ich telefonierte die Verbände von Sansibar oder Okzitanien ab. Einmal trug ich bei einem Vortrag ein Trikot von Tamil Eelam und ein Tamile im Publikum konnte es kaum fassen, dass sich jemand für sein Team interessiert. Über die Jahre habe ich zahlreiche Kontakte gesammelt – und war irgendwann mittendrin in dieser Szene.
 
Wieviele Leute gehören denn zu dieser Szene?
Weltweit nicht mehr 500.
 
Und die verteilen sich dann auf zahlreiche Kleinstverbände und Mini-World-Cups?
Es gab in der Vergangenheit einige Turniere, die einmalig ausgetragen worden. Zum Beispiel den erwähnten »Viva World Cup«, den »ELF Cup« oder den »Fifi Wild Cup«. Letztere waren allerdings einmalige Turniere. Wir wollen hingegen alle zwei Jahre den »ConIFA World Championship« mit 16 Teams austragen. In den ungeraden Jahren gibt es außerdem eine interkontinentale Meisterschaft.
 
Wie hat die Fifa auf Ihren Verband reagiert?
Wir haben sie direkt nach der Gründung im Juni dieses Jahres kontaktiert. Sie schrieben zurück, dass sie unsere Arbeit gutheißen. Allerdings ist man vor Problemen nicht gefeit. So dürfen wir unser Turnier etwa nicht »WM« oder »Weltmeisterschaft« nennen, da dieser Begriff von der Fifa geschützt ist.
 
Es gab bereits Turniere, bei denen plötzlich TV-Stars wie Oliver Pocher oder Elton als Teamchefs agierten..
Leider.
 
Wieso leider?
Es ist ein Drahtseilakt. Einerseits wollen wir authentisch bleiben, andererseits sind wir natürlich auf Öffentlichkeit angewiesen. Insofern hilft es uns natürlich immens, wenn jemand wie Oliver Pocher die Nationalmannschaft von Sansibar trainiert. Die Sache wird dadurch auf eine professionelle Ebene gehoben, die Sponsoren melden sich und viele Medien berichten darüber. Andererseits bekommt die ganze Sache dadurch auch einen Witz-Charakter, der unserem Ansatz nicht gerecht wird. Die ConIFA ist jedenfalls kein Gag.
 
Und was ist mit einem Team wie der »Republik St. Pauli«, die vor zwei Jahren beim »Fifi World Cup« teilgenommen hat?
Wir haben zwar keinen expliziten Paragraphen, der die Aufnahme solcher Spaßteams verbietet, dennoch wollen wir darauf achten, dass bei uns nur Mannschaften mit einem seriösen Hintergrund mitmachen. Ein Exekutivkomitee überprüft jedenfalls die Anträge – auch um Teams wie Kurdistan oder Nordzypern ein authentisches und halbwegs professionelles Umfeld zu bieten.
 
Haben Sie denn schon Anträge abgelehnt?
Momentan sind wir froh über jedes Interesse. Spaß-Teams haben sich sowieso noch nicht gemeldet. Allerdings haben wir einen Antrag von Padanien abgelehnt, da diese eng mit der Lega Nord verbandelt waren. Da sie jetzt die Verbindungen gekappt haben, wird ihr Antrag neu verhandelt.
 
Herr Düerkop, der »ConIFA World Championship« findet wenige Tage vor der Fifa-WM in Brasilien statt. Was können wir erwarten?
Sehr viel schönen Fußball in einer sonst fußballfreien Zeit. Die Fans sehen ein komplettes Turnier in zehn Tagen. Alle Spiele finden in der schmucken Jämtkraft-Arena in Östersund statt, die 6000 Zuschauern Platz bietet. Besonders freuen wir uns, dass das schwedische Fernsehen das Turnier übertragen wird. Wir arbeiten außerdem an einer Möglichkeit, die Spiele im Internet zu übertragen. Zudem haben wir eine Halle angemietet, in dem sich die Länder präsentieren können. Das ist eine Art Expo und unterstreicht das internationale Flair des Turniers.

---
Mehr Informationen zum Turnier und zur ConIFA auf www.conifa.org

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!