24.07.2013

Eine Saison Fanbeauftragte in England: Eine Zwischenbilanz

»Deutsche Fans haben uns imponiert«

Seit einem Jahr sind Fanbeauftragte auch bei englischen Fußballklubs Pflicht. Garreth Cummins von der Football Supporters' Federation über die neuen Aufgabenfelder, Hooliganismus und sonderbare Polizeieinsätze in England.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Garreth Cummins, seit der Saison 2012/13 muss auch jeder englische Fußballverein einen Fanbeauftragten stellen. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz nach einem Jahr aus?
Zunächst muss man festhalten, dass die Situation nicht mit der in Deutschland vergleichbar ist, denn 90 Prozent der englischen Fanbeauftragten wurden nach der Neuregelung der Uefa nicht von außen geholt, sondern waren schon vorher Mitarbeiter im Klub. Sie haben im Marketing oder im Ticketbüro gearbeitet, und der Klub schrieb nach 2011 unter ihr Stellenprofil einfach noch den Titel »SLO« (Supporter’s Liaison Officer, dt.: Fanbeauftragter, d. Red.).
 
Das heißt, diese sogenannten Fanbeauftragten kennen die Belange der Fans nicht?
Sie haben durchaus ein offenes Ohr für die Anhänger, doch wirkliches Expertenwissen haben sie nicht. Spontan fallen mir nur zwei Klubs ein, die die Stelle des »SLO« explizit ausgeschrieben und mit einem Fachmann besetzt haben. Einer davon ist Doncaster Rovers, ein Zweitligaklub. Der Geschäftsführer der FSF (Football Supporters Federation, d. Red.) war Teil des Doncaster »Supporter’s Trust« und der dortigen Fanszene. Er hat dem Verein erklärt, wie wichtig ein Fanbeauftragter ist und geholfen, eine Job-Ausschreibung zu machen.
 
Ein anderes Beispiel ist Newcastle United, wo der neue Fanbeauftragte Lee Marshall ein Fan-Forum ins Leben rief, um die Kommunikation zu verbessern. Wie sahen die Gespräche zwischen Fans und Vereinen denn in den letzten 30 Jahren aus?
Es gab Gruppen, die sich um die Belange der Fans gekümmert haben, zum Beispiel die »Supporter Clubs« oder die »Football Supporter’s Association« für unabhängige Fans. Wichtig waren auch die Fanzines in den achtziger und neunziger Jahren, in denen sich die Anhänger untereinander ausgetauscht haben. Es gab also Fan-Arbeit, allein sie war nie so organisiert wie etwa in Deutschland oder Holland.
 
Haben die Vereine zugehört, wenn die Fans ihre Anliegen geäußert haben?
Es hing von der Größe der Vereine ab. In Liverpool oder Manchester war und ist es sehr schwierig, die eigene Stimme hörbar zu machen. Meistens herrschte tatsächlich eine Einbahnstraßenkommunikation. Die Vereine sprachen – und die Fans mussten zuhören.
 
Viele Jahre schienen die englischen Fans in dieser Situation zu verharren. Erst seit einigen Jahren lehnen sich englische Fans ähnlich wie in Deutschland gegen die Einbahnstraßenkommunikation auf. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Sie haben ähnliche Sorgen wie Fans in Deutschland und gemerkt, dass man Erfolg haben kann, wenn man sich organisiert und aktiv wird. Sie haben gesehen, wie die Fans in Deutschland in der Kurve stehen, ihr Bier trinken und ihr Ticket vom Taschengeld bezahlen können – vermeintlich banale Dinge, die immer schon zum Fußball dazugehörten, aber in England lange nicht mehr möglich sind.
 
Deutsche Ultras behaupten, dass auch in Bundesligastadien ein englisches Szenario droht.
Aber es gibt doch Erfolge. Ein Beispiel ist die Diskussion um Eintrittspreise. In England war es unvorstellbar, dass ein Spiel der Größe Schalke gegen Dortmund nicht ausverkauft sein könnte, oder dass Leute trotz gültiger Karten nicht ins Stadion gehen, um gegen die horrenden Ticketpreise zu protestieren. Und damit dazu beitrugen, dass Topspielzuschläge zum Teil abgeschafft wurden. Das hat den englischen Fans imponiert.

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