Eine Saison Fanbeauftragte in England: Eine Zwischenbilanz

»Deutsche Fans haben uns imponiert«

Seit einem Jahr sind Fanbeauftragte auch bei englischen Fußballklubs Pflicht. Garreth Cummins von der Football Supporters' Federation über die neuen Aufgabenfelder, Hooliganismus und sonderbare Polizeieinsätze in England.

Garreth Cummins, seit der Saison 2012/13 muss auch jeder englische Fußballverein einen Fanbeauftragten stellen. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz nach einem Jahr aus?
Zunächst muss man festhalten, dass die Situation nicht mit der in Deutschland vergleichbar ist, denn 90 Prozent der englischen Fanbeauftragten wurden nach der Neuregelung der Uefa nicht von außen geholt, sondern waren schon vorher Mitarbeiter im Klub. Sie haben im Marketing oder im Ticketbüro gearbeitet, und der Klub schrieb nach 2011 unter ihr Stellenprofil einfach noch den Titel »SLO« (Supporter’s Liaison Officer, dt.: Fanbeauftragter, d. Red.).
 
Das heißt, diese sogenannten Fanbeauftragten kennen die Belange der Fans nicht?
Sie haben durchaus ein offenes Ohr für die Anhänger, doch wirkliches Expertenwissen haben sie nicht. Spontan fallen mir nur zwei Klubs ein, die die Stelle des »SLO« explizit ausgeschrieben und mit einem Fachmann besetzt haben. Einer davon ist Doncaster Rovers, ein Zweitligaklub. Der Geschäftsführer der FSF (Football Supporters Federation, d. Red.) war Teil des Doncaster »Supporter’s Trust« und der dortigen Fanszene. Er hat dem Verein erklärt, wie wichtig ein Fanbeauftragter ist und geholfen, eine Job-Ausschreibung zu machen.
 
Ein anderes Beispiel ist Newcastle United, wo der neue Fanbeauftragte Lee Marshall ein Fan-Forum ins Leben rief, um die Kommunikation zu verbessern. Wie sahen die Gespräche zwischen Fans und Vereinen denn in den letzten 30 Jahren aus?
Es gab Gruppen, die sich um die Belange der Fans gekümmert haben, zum Beispiel die »Supporter Clubs« oder die »Football Supporter’s Association« für unabhängige Fans. Wichtig waren auch die Fanzines in den achtziger und neunziger Jahren, in denen sich die Anhänger untereinander ausgetauscht haben. Es gab also Fan-Arbeit, allein sie war nie so organisiert wie etwa in Deutschland oder Holland.
 
Haben die Vereine zugehört, wenn die Fans ihre Anliegen geäußert haben?
Es hing von der Größe der Vereine ab. In Liverpool oder Manchester war und ist es sehr schwierig, die eigene Stimme hörbar zu machen. Meistens herrschte tatsächlich eine Einbahnstraßenkommunikation. Die Vereine sprachen – und die Fans mussten zuhören.
 
Viele Jahre schienen die englischen Fans in dieser Situation zu verharren. Erst seit einigen Jahren lehnen sich englische Fans ähnlich wie in Deutschland gegen die Einbahnstraßenkommunikation auf. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Sie haben ähnliche Sorgen wie Fans in Deutschland und gemerkt, dass man Erfolg haben kann, wenn man sich organisiert und aktiv wird. Sie haben gesehen, wie die Fans in Deutschland in der Kurve stehen, ihr Bier trinken und ihr Ticket vom Taschengeld bezahlen können – vermeintlich banale Dinge, die immer schon zum Fußball dazugehörten, aber in England lange nicht mehr möglich sind.
 
Deutsche Ultras behaupten, dass auch in Bundesligastadien ein englisches Szenario droht.
Aber es gibt doch Erfolge. Ein Beispiel ist die Diskussion um Eintrittspreise. In England war es unvorstellbar, dass ein Spiel der Größe Schalke gegen Dortmund nicht ausverkauft sein könnte, oder dass Leute trotz gültiger Karten nicht ins Stadion gehen, um gegen die horrenden Ticketpreise zu protestieren. Und damit dazu beitrugen, dass Topspielzuschläge zum Teil abgeschafft wurden. Das hat den englischen Fans imponiert.

In England gibt es mittlerweile die Initiative »Twenty's Plenty«, die ähnlich wie »Kein Zwanni« in Deutschland gegen zu hohe Eintrittspreise kämpft. Gab es schon Reaktionen der Vereine?
Wir haben mit den Ligaverantwortlichen darüber gesprochen, aber eine Antwort steht noch aus. Ich denke, sie diskutieren das gerade hinter geschlossenen Türen. In der kommenden Saison werden die Fans die Protestaktionen allerdings ausweiten. Es wird auch um andere Aspekte gehen, und wir werden die Bedeutung der Auswärtsfans noch stärker thematisieren.
 
Was ist das Ziel?
Die Anzahl der Auswärtsfans ist in den vergangenen Jahren rapide gefallen. Vor fünf Jahren hatten wir im Durchschnitt 3000 Auswärtsanhänger, heute sind es nur noch 1500. Die Rest-Tickets werden dann an die Heimfans vergeben, aber das kann doch nicht die Lösung des Problems sein. Ein Grund dafür sind nicht nur die Preise, sondern auch die Anreisebedingungen und Anstoßzeiten. Darüber muss man nachdenken!
 
Die Probleme der englischen Fans scheinen vergleichbar zu denen in Deutschland zu sein, aber viel zu spät erkannt worden zu sein.
Durchaus. Vieles hängt auch mit dem Hooliganismus der siebziger und achtziger Jahre zusammen. Zum Beispiel die Diskussion um die Wiedereinführung der Stehplätze.
 
Wie ist denn da der Stand?
Es gibt eine Initiative namens »Safe Standing«, die für ausklappbare Vario-Seats (wie etwa in Hoffenheim oder Stuttgart, d. Red.) plädiert. Mittlerweile konnten 28 Erst- und Zweitligaklubs überzeugt werden, »Safe Standing« in einem Testballon auszuprobieren. Jetzt liegt es schlichtweg an der Regierung, das Stehplatzverbot aufzuheben, das nach der Tragödie von Hillsborough in Kraft gesetzt wurde.
 
Gibt es denn heute noch Gewalt im englischen Fußball? Zuletzt erreichten uns Meldungen vom FA-Cup-Halbfinale, als in London und Newcastle Fußballfans aufeinander losgingen.
Es gibt alle Monate wieder eine Geisterdiskussion, eben auch jene um das Halbfinal-Wochenende. Das ist absolut nicht vergleichbar mit der Situation vor 30 Jahren. Damals sind die Leute mit Stühlen und Waffen während des Spiels aufs Feld gerannt und haben sich vermöbelt. Das heißt nicht, dass wir heute überhaupt keine Gewalt mehr beim Fußball haben – dennoch sollte man sie immer in Relation sehen. Zu damals und zu Großereignissen im Allgemeinen.
 
Was halten Sie denn von einem Polizei-Einsatz wie dem vor zwei Jahren, als Liverpool-Fans aus Sunderland über 250 Kilometer nach Hause eskortiert wurden?
Nach Spielen in England ist es üblich, dass die Polizei und Ordner die Auswärtsfans zum Bahnhof oder Richtung Schnellstraße leiten. In dieser Situation war es so, dass die Polizei die gesamte Strecke nach Liverpool mitfuhr, und zwar so, dass die Fans nicht mal auf einen Rastplatz fahren durften, um zu pinkeln. Eine Gruppe wollte auf dem Rückweg auch einen Ausflug zum Bob-Paisley-Memorial in County Durham machen – auch sie durfte nicht abfahren. Es war eine absurde Situation.
 
Was war der Grund dafür?
Die Polizei hatte von Vorsorge gesprochen. Letztendlich war es reine Schikane. Es gab keinen Anlass. Wir versuchen seitdem den Fall aufzuklären. Auch wegen solcher Vorfälle zeigt sich, wie wichtig ein echter Fanbeauftragter ist, der die Fans zu sämtlichen Spielen begleitet. Ich bin mir sicher, dass viele Klubs das in der nahen Zukunft realisieren werden.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!