Eine Düsseldorfer Kneipe vor dem Geisterspiel gegen Gladbach

»Der Elfmeterpunkt ist nicht bei uns«

Die Bar 95, das Klubheim von Fortuna Düsseldorf am Flinger Broich, ist gleichzeitig eine der bekanntesten Fußballkneipen der Stadt. Wir sprachen mit Geschäftsführer Michael Krziwon über die Tage in der Oberliga, den Platzsturm gegen Hertha BSC und das Geisterspiel gegen Borussia Mönchengladbach.

Michael Krziwon, die Bar 95 ist das alte Klubheim der Fortuna. Wie sieht es als moderne Fußballbar aus?
Es ist fast ein kleines Museum. An den Wänden hängen Zeichnungen der größten Helden und Momente: die Fortuna-Meistermannschaft von 1933, Bayern-Torwart Sepp Maier nach der legendären 7:1-Niederlage im Rheinstadion und Kapitän Michael Zeyer, der die Rote Karte gezeigt kriegt. Für viele unserer Gäste ist es so etwas wie ein Ersatz für das fehlende Vereinsmuseum.

Wie laufen Bewerbungsgespräche?
Die Einstellungsbedingungen sind so hart wie bei keiner anderen Kneipe in Düsseldorf. Wer bei uns arbeiten möchte, muss Hardcore-Fortuna-Fan sein. Das führt aber auch zu Problemen, die andere Kneipen nicht haben: Wir müssen, zumindest bei Heimspielen, jedes Mal schauen, wer überhaupt arbeiten kann. Und: Die Gäste müssen nach einem Fortuna-Tor schon einmal etwas länger auf das nächste Bier warten.

Wie hat sich das Fernsehgeschäft entwickelt?
Der Boom setzte vor zwei Jahren ein, als Fortuna in die 2. Liga aufgestiegen war und die Spiele von Sky übertragen wurden. Zuvor konnte man in der 3. und 4. Liga ja viele Spiele gar nicht im Fernsehen sehen, nicht einmal im Pay-TV. Jetzt kommen ständig mehr Gäste hinzu, weil die Mannschaft so erfolgreich spielt.

Wie hat sich die Fußballkneipen-Landschaft in Düsseldorf verändert?
Durch den sportlichen Erfolg überträgt inzwischen jeder Fortuna, sogar die größten Schicki-Micki-Läden. Bei uns geht es immer noch so authentisch zu wie in der 3. Liga. Wir sind noch genauso nah dran an der Fan-Szene. Es kommen aber auch bei uns ganz viele neue Kunden dazu. Nirgendwo anders fällt es so leicht, den Bezug zur Fortuna-Familie zu finden – und die wichtigsten Lieder zu lernen.

Wie erleben Sie als Geschäftsführer die Spiele selbst?
Kein Witz, ich habe noch nie ein Spiel von Fortuna in meiner Bar gesehen – und das wird auch nie vorkommen. Ich fahre zu allen Spielen, egal ob heim oder auswärts. Das habe ich mir vertraglich zusichern lassen – meine Fortuna-Klausel. Ich kriege aber hinterher immer erzählt, was für eine Stimmung herrschte.

Wer kommt in die Bar 95?
Die Gäste kommen aus der ganzen Stadt nach Flingern gefahren und sind ganz unterschiedlich: von Fortuna-Fan-Klubs über Väter mit Kindern bis zu Freunden der dritten Halbzeit. Weil wir direkt neben der Geschäftsstelle liegen, kommen zurzeit viele rein, die gerade ihre Dauerkarte gekauft haben. Geschäftsführer Paul Jäger schaut auch öfter vorbei. Und die Freundin von Axel Bellinghausen, die aus Düsseldorf stammt, hat letzte Saison einige Fortuna-Spiele gesehen. Wir sind uns sicher, dass wir unseren Teil dazu beigetragen haben, dass Axel in diesem Sommer heimgekehrt ist. Er hat schließlich schon zu Oberligazeiten, bevor er nach Kaiserslautern und Augsburg wechselte, das eine oder andere Bier bei uns getrunken.

Welches Spiel der vergangenen Saison brachte Euer Lokal zum Platzen?

Das wichtige Auswärtsspiel in Fürth am vorletzten Spieltag, an einem Sonntagnachmittag. Wir hatten knapp 200 Gäste, voller war es die ganze Saison nicht. Da blieb wirklich kein Quadratmeter leer. Wenn es um so viel geht, herrscht Stadion-ähnliche Stimmung. Ja, da wird auch mal zehn Minuten am Stück durchgesungen.

Wie war die Stimmung nach dem Relegations-Rückspiel gegen Hertha BSC?
In der Bar war weniger los als gegen Fürth, weil wir im Stadion waren und das Spiel in der ARD lief, also frei empfangbar war – und überall in Düsseldorf übertragen wurde. Wir haben am Spieltag gefeiert: im Stadion. Später haben RTL, WDR und Deutsche Welle bei uns angefragt, ob wir nicht eine Aufstiegsparty zum Gerichtsurteil veranstalten wollten. Wollten wir aber nicht.

Das Spiel wurde vom frühzeitigen Platzsturm überschattet. Was habt ihr aus dem Stadion mitgenommen?
Ich kann an dieser Stelle verraten: Der Elfmeterpunkt ist nicht bei uns. Obwohl das für unser Museum sicher reizvoll gewesen wäre…

Die Fortuna ist nach 15 Jahren zurück im Oberhaus: Was verändert sich in der Bundesliga?
Die Anstoßzeiten sind Gastronomen-freundlicher. In der 2. Liga haben wir regelmäßig sonntags um 13 Uhr gespielt. Und die Montagsspiele haben die Fans sowieso zu Hause geschaut, was ein entscheidender Faktor war: Fortuna hatte in der letzten Saison elf Montagsspiele. Wir sind sehr zuversichtlich. Samstag um 15:30 Uhr wird schon eher mal ein erstes Bier getrunken.

Das erste Heimspiel der Fortuna steigt am zweiten Spieltag – samstags um 18:30 Uhr – gegen Borussia Mönchengladbach als Geisterspiel. Wie reagiert die Bar 95?
Wir warten noch etwas ab, ob es wirklich zum Geisterspiel kommt, und dann werden wir uns schon etwas Besonderes ausdenken. Wir hatten zum Beispiel schon mal Freibieraktionen: bei jedem Fortuna-Tor 20 Liter aufs Haus. So etwas ist aber auch schon mal schief gegangen…

Das müssen Sie genauer erzählen...
Als es vorletzte Saison so schlecht um Borussia Mönchengladbach stand, haben wir für jede weitere Niederlage 50 Liter Altbier versprochen - und dann haben die kein Spiel mehr verloren! Es gibt einige Gäste, die uns bis heute für den Gladbacher Klassenerhalt und anschließenden Höhenflug verantwortlich machen und richtig böse sind.

Wie ist Ihre Meinung zum Geisterspiel?
Es ist eine viel zu harte Strafe. Ganz viele treue Fans werden für das Fehlverhalten einiger weniger bestraft. Es kann nicht die Zukunft des deutschen Fußballs sein, vor leeren Zuschauerrängen zu spielen. Und was gerne vergessen wird: So etwas will ja auch niemand im Fernsehen sehen. Wenn ich Fußball im Fernsehen anschaue, will ich, dass die Zuschauer mitfiebern und bei jeder Chance raunen. Wenn es wirklich zum Geisterspiel kommt, wird sich das sehr merkwürdig anfühlen.

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Das Interview erscheint mit freundlicher Genehmigung von
BOLZEN ONLINE - FUSSBALL IN DER FREIZEIT

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