Ein Sporthistoriker über die Wiedervereinigung

»Nach zwei Tagen: Fußball«

Mit der Wiedervereinigung musste auch der deutsche Fußball neu geordnet werden. Sporthistoriker Michael Barsuhn sprach mit uns über »Rotlichtbestrahlung«, Gastgeschenke und verquere Vorstellung der Alt-Kader.

Ein Sporthistoriker über die Wiedervereinigung

Michael Barsuhn, wie muss man sich den Spielverkehr zwischen Ost und West zu DDR-Zeiten vorstellen?
Sehr spärlich. Der Mauerbau hat erstmal jeglichen Spielverkehr unterbunden. Es herrschte zunächst Totenstille, und zwar nicht nur von Ost-Seite. Auch die Bundesrepublik hat die »Sportbeziehung« als Zeichen des Protests resolut abgebrochen. Bis dahin gab es trotz des Kalten Krieges jährlich fast 3000 Begegnungen.

Wie ging es weiter?
Ab 1965 kam es nur zu vereinzelten Begegnungen, eine Veränderung gab es erst 1974. Die Sportverbände beider Länder unterzeichneten das sogenannte »Sportprotokoll«, danach wurden in den »Sportkalendern« Begegnungen zwischen Ost und West festgelegt – und zwar immer ein Jahr im Voraus. Der DFB war sehr um einen regen Austausch bemüht, während die Ostseite gemauert hat – diese Spiele waren hart umkämpft.

Wenn es dann zu einem Spiel kam, wurden die DDR-Spieler politisch vorbereitet…
Es gab politische Schulungen, in denen klare Vorgaben gemacht wurden: »Konzentriert euch auf euch selbst, haltet Distanz, nehmt keine Geschenke an«. Die Spieler nannten das »Rotlichtbestrahlung«.

Die Spieler durften nicht einmal Geschenke annehmen?
Nur wenn sie einen »sportlichen Charakter« hatten. Westliche Prestigeobjekte wie Taschenrechner wurden nicht akzeptiert.

Hört sich nicht gerade nach einem angeregten Austausch an.
Bei den Banketten nach den Spielen gab es sogar eine strikt getrennte Sitzordnung! Es hat aber natürlich trotzdem Kontakte gegeben – und sei es auf der Toilette. Wenn der Delegationsleiter im Bett war und der Alkohol floss, wurde sich natürlich unterhalten.

Gab es Grenzorte, in denen sich Fußballer aus Ost und West in weniger offiziellem Rahmen getroffen haben?
Nein, auch im »kleinen Grenzverkehr« wurde der Sport von der SED explizit unterbunden, im Sportkalender waren Begegnungen auf unterster Ebene überhaupt nicht vorgesehen. Thekenmannschaft XY konnte nicht mal eben in den Westen fahren. Irgendwie musste die Ausreise ja von statten gehen, und die war durch den Sportkalender strikt reglementiert. Dort waren 20 bis 80 Begegnungen pro Jahr vorgesehen – für alle Sportarten! Wer nicht im Kalender stand, hatte keine Chance.

Wie entwickelte sich der Austausch nach der Wiedervereinigung?
Sehr rasant, die Sportler hatten jahrelang auf diese Möglichkeit gewartet! Eineinhalb Wochen nach dem Mauerfall wurde der Sportverkehr offiziell freigegeben. Auf den Sportplätzen ging es aber schon ab dem 11. November rund: Im ersten Monat nach dem Mauerfall gab es etwa 100 Begegnungen, bis zum Frühjahr 1990 bereits 5000! Das macht das Bedürfnis der Menschen deutlich! Wie ging die Fusion der Fußballverbände vonstatten?
Der DDR-Fußball musste sich erstmal an die westlichen Strukturen anpassen. Davon abgesehen hatten die Alt-Kader aus dem Osten natürlich andere Vorstellungen von der Fußball-Einheit, als die Funktionäre vom DFB. Im Nachhinein scheint es fast absurd anzunehmen, dass der mächtigste Fußballverband der Welt einen anderen Verband neben sich dulden würde.

Wie hat man sich geeinigt?
Es ist genau nach dem staatlichen Modell gelaufen: Eine Vereinigung war es natürlich nicht, sondern ein Beitritt. Der neu konstituierte »Nord-Ostdeutsche Fußballverband« ist dem DFB als Regionalverband beigetreten.

Wie verlief die Fusion der Ligen?
Das waren ganz schwierige Fragen: Wie viele Ost-Vereine sollten in den westdeutschen Profi-Fußball integriert werden? Und wie viele würden hintenüber fallen und im Amateurbereich verschwinden?

Die DDR-Oberliga hatte Angst davor, geschluckt zu werden…
Genau. Die Ost-Seite wollte die besten vier Mannschaften in die 1. Bundesliga hieven, die restlichen zehn Teams sollten in der zweiten Liga unterkommen.

Das war dem DFB zu viel.
Richtig. Gerhard Meyer-Vorfelder, damals Vorsitzender des Liga-Ausschusses, schlug eine Qualifikationsrunde vor. Dort sollten die zwei besten DDR-Oberligisten auf die beiden Absteiger aus der ersten und die zwei Aufsteiger aus der zweiten Bundesliga treffen. Nur die beiden Bestplatzierten hätten dann erstklassig gespielt, im schlimmsten Fall also gar keine Ost-Mannschaft.

Was wiederum dem Osten nicht genügen konnte.
Deshalb traf man sich schließlich in der Mitte, wenn auch mit leichtem Übergewicht auf DFB-Seite. Zwei Ost-Klubs wurden in die Bundesliga aufgenommen, sechs Vereine durften in Liga zwei starten.

Zurück zum Amateurbereich: Sind auch viele unterklassige Spieler in den Westen gewechselt?
Sicher, die Euphorie der offenen Grenzen zog sich durch alle Spielklassen. Das führte teilweise so weit, dass ganze Mannschaften abgewandert sind und trug manchmal skurrile Blüten: Im Februar 1990 wurde berichtet: »Motor Ludwigsfelde beklagt den Verlust von zehn, Union Mülhausen den Verlust von acht und Motor Weimar den Verlust von sieben Spielern.«

Franz Beckenbauer war nach WM-Sieg 1990 davon überzeugt, dass Deutschland »auf Jahre unschlagbar« sein würde. Teilte man die Einschätzung im Osten?
Darüber hat man sich im Osten gar keine Gedanken gemacht, es gab andere Sorgen. Man hatte Angst vor dem Ausverkauf des DDR-Fußballs, deswegen wollte man den DFB-Beitritt so schnell wie möglich über die Bühne bringen. Es sollte verhindert werden, dass immer mehr Spieler die Seite wechseln.

Ein Sonderfall – nicht nur auf politischer, sonder auch auf sportlicher Ebene – war Berlin.
Richtig, dort gab es auch zur Zeiten der Mauer eine große Verbundenheit unter den Fans von Hertha BSC und Union Berlin. Als Hertha 1978 in Dresden spielte, kam es in der Dresdener Innenstadt zur Verbrüderung von Hertha- und mitgereisten Union-Fans. Das sind wunderschöne Szenen gewesen.

Nach der Wende kam es dann endlich zum langersehnten Affeinandertreffen.
Ja, das ging recht schnell. Im Januar 1990 kam es zum Freundschaftsspiel zwischen Hertha und Union im Olympiastadion – 50 000 Zuschauer feierten die Wiedervereinigung auf Berliner Fußball-Ebene. 

Mehr Infos zum Fußball rund um die Wiedervereinigung gibts hier:
www.doppelpaesse.de
www.zentrum-deutsche-sportgeschichte.de

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