03.10.2011

Ein Sporthistoriker über die Wiedervereinigung

»Nach zwei Tagen: Fußball«

Mit der Wiedervereinigung musste auch der deutsche Fußball neu geordnet werden. Sporthistoriker Michael Barsuhn sprach mit uns über »Rotlichtbestrahlung«, Gastgeschenke und verquere Vorstellung der Alt-Kader.

Interview: Jörn Lange Bild: Imago

Michael Barsuhn, wie muss man sich den Spielverkehr zwischen Ost und West zu DDR-Zeiten vorstellen?
Sehr spärlich. Der Mauerbau hat erstmal jeglichen Spielverkehr unterbunden. Es herrschte zunächst Totenstille, und zwar nicht nur von Ost-Seite. Auch die Bundesrepublik hat die »Sportbeziehung« als Zeichen des Protests resolut abgebrochen. Bis dahin gab es trotz des Kalten Krieges jährlich fast 3000 Begegnungen.

Wie ging es weiter?
Ab 1965 kam es nur zu vereinzelten Begegnungen, eine Veränderung gab es erst 1974. Die Sportverbände beider Länder unterzeichneten das sogenannte »Sportprotokoll«, danach wurden in den »Sportkalendern« Begegnungen zwischen Ost und West festgelegt – und zwar immer ein Jahr im Voraus. Der DFB war sehr um einen regen Austausch bemüht, während die Ostseite gemauert hat – diese Spiele waren hart umkämpft.

Wenn es dann zu einem Spiel kam, wurden die DDR-Spieler politisch vorbereitet…
Es gab politische Schulungen, in denen klare Vorgaben gemacht wurden: »Konzentriert euch auf euch selbst, haltet Distanz, nehmt keine Geschenke an«. Die Spieler nannten das »Rotlichtbestrahlung«.

Die Spieler durften nicht einmal Geschenke annehmen?
Nur wenn sie einen »sportlichen Charakter« hatten. Westliche Prestigeobjekte wie Taschenrechner wurden nicht akzeptiert.

Hört sich nicht gerade nach einem angeregten Austausch an.
Bei den Banketten nach den Spielen gab es sogar eine strikt getrennte Sitzordnung! Es hat aber natürlich trotzdem Kontakte gegeben – und sei es auf der Toilette. Wenn der Delegationsleiter im Bett war und der Alkohol floss, wurde sich natürlich unterhalten.

Gab es Grenzorte, in denen sich Fußballer aus Ost und West in weniger offiziellem Rahmen getroffen haben?
Nein, auch im »kleinen Grenzverkehr« wurde der Sport von der SED explizit unterbunden, im Sportkalender waren Begegnungen auf unterster Ebene überhaupt nicht vorgesehen. Thekenmannschaft XY konnte nicht mal eben in den Westen fahren. Irgendwie musste die Ausreise ja von statten gehen, und die war durch den Sportkalender strikt reglementiert. Dort waren 20 bis 80 Begegnungen pro Jahr vorgesehen – für alle Sportarten! Wer nicht im Kalender stand, hatte keine Chance.

Wie entwickelte sich der Austausch nach der Wiedervereinigung?
Sehr rasant, die Sportler hatten jahrelang auf diese Möglichkeit gewartet! Eineinhalb Wochen nach dem Mauerfall wurde der Sportverkehr offiziell freigegeben. Auf den Sportplätzen ging es aber schon ab dem 11. November rund: Im ersten Monat nach dem Mauerfall gab es etwa 100 Begegnungen, bis zum Frühjahr 1990 bereits 5000! Das macht das Bedürfnis der Menschen deutlich!

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