Ein Schwarzhändler im Interview

„Ich sehe mich als Dienstleister“

Die meisten Tickets zu den Spielen der EM 2008 sind weg. Das heißt: Der Schwarzmarkt ist eröffnet. Wie funktioniert dieses halblegale Geschäft? Wie gerät man hinein? Wir trafen einen Händler, der offen über seinen Job plaudert. Imago

Nicht nur die Nationaltrainer, auch international operierende Schwarzhändler haben die Gruppenauslosung zur Europameisterschaft 2008 am vergangenen Sonntag mit Spannung verfolgt. Es gibt etwa 200 Kartendealer, die im größeren Stil EM-Tickets vertreiben werden. Wir haben einen von ihnen getroffen – vor den Toren des Mainzer Bruchwegstadions. Er kommt aus Süddeutschland. Nach einer Weile hatte er genügend Vertrauen zu uns gefasst, um über seine Geschäfte zu erzählen. Anonym, versteht sich. Bis zum Turnierbeginn wird er mehrere hundert der begehrten Tickets mit Gewinnmargen von bis zu 300 Prozent weiterverkauft haben.

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Die Auslosung hat für Deutschland die Gegner Polen, Kroatien und Österreich ergeben. Können Sie damit leben?

Die Vorrunde ist nicht so schlecht. Wie wohl auch Jogi Löw ist es mir lieber, dass die Deutschen nicht die Hammergruppe mit Holland, Italien und Frankreich haben.

Wieso? Das wären doch begehrte Spiele!

Dann würden aber aus Furcht vor einem frühen Ausscheiden vermutlich nicht so viele Fans aus meinem Hauptabnehmerland Deutschland schon zur Vorrunde in die Spielorte reisen, sondern sie würden bis Vorrundenende warten und erst dann anreisen. Dadurch wäre die Nachfrage nach Vorrundenkarten natürlich geringer. So aber gibt es mit den beiden Spielen gegen Österreich Kroatien zwei Kracher.

Unser Gesprächspartner ist sonst in einem äußerst redlichen Beruf tätig und entspricht keineswegs dem Image des halbseidenen Dealers aus der Bahnhofsgegend. Vor anderthalb Jahrzehnten hat er in seinem Studienort vor den Stadiontoren mit Tickets des dort ansässigen Bundesligaklubs erste Gehversuche im Schwarzhandel unternommen. Auf diese Weise finanzierte er sich Studium und Promotion. Im Lauf der Jahre fand er den Weg auf den lukrativen internationalen Markt für Europapokalspiele und die großen Turniere wie EM und WM.

Der Durchschnittsfan bekommt in der Regel so gut wie gar keine Karten für Turniere wie eine WM oder EM. Wie kommen Sie an diese Tickets heran?

Das hat mit Knowhow und jahrelanger Erfahrung zu tun.

Verraten Sie uns einen Ihrer Tricks?

Ich habe ein Netzwerk in alle möglichen Länder aufgebaut. In Rumänien oder Tschechien können meine Kontaktleute beispielsweise auch noch einfach auf eine Geschäftsstelle gehen und Karten kaufen.

Und die verticken Sie über Ebay weiter?

Nein, Internet-Auktionen sind mir zu gefährlich, weil das leicht nachzuverfolgen ist. Ich bevorzuge klassische Verkaufswege über Inserate.

Hat das Aufkommen von Ebay professionellen Schwarzhändlern geschadet oder genutzt?

Meinem Verkauf von Karten selbst hat Ebay nicht geschadet. Da sind nur ein paar Trittbrettfahrer hinzugekommen, die eben mal mit zwei ergatterten Karten für ein Top-Spiel handeln. Wegen Ebay ist uns Schwarzhändlern aber der Zugang zu Karten erschwert. Heute bestellen einfach viel mehr Fans für ein großes Spiel wie ein EM-Spiel oder ein Champions League-Finale, weil sie die Karte wieder ganz einfach über Ebay verticken können, wenn ihr Team ausscheidet. Früher wären sie dann auf den Karten sitzengeblieben. Dafür ist Ebay für uns aber auch wieder ein Weg, günstig an Schnäppchen heranzukommen, die wir dann weiterverkaufen können zu einem festen Preis.

Den Gewinn kassiert der Schwarzhändler am Finanzamt vorbei. Er hält das für eine bedauerliche, aber unabdingbare Nebenwirkung. Die Veranstalter untersagen den Handel mit Karten in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen und sanktionieren gegebenenfalls mit Kaufverbot. Der Gesetzgeber verfolgt Schwarzhandel mit Fußballtickets nicht – solange nicht die Grenzen zur Wucherei überschritten werden.

Sie reden recht offen über Ihr Wirken. Sehen Sie Ihr Handwerk eigentlich nicht als kriminell an?

Nein, keineswegs. Ich sehe mich als Dienstleister für zahlungswillige Fans an, die ich dank meines Know-hows im Kampf um begehrte Tickets sehr glücklich mache. Ich sichere ihnen den Zugang zu einem Ereignis, das diesen Menschen sehr wichtig ist. Ich würde es auch durchaus akzeptieren und vielleicht sogar begrüßen, wenn ich in ganz normales Gewerbe anmelden könnte und dann Steuern zahlen müsste.

Ist das Ihr Ernst? Dann würde ja jeder auf den Zug aufspringen.

Das glaube ich nicht. Wie gesagt: Man braucht in diesem Geschäft wie in jedem anderen Gewerbe auch viel Know-how. Es gibt auch genug Spiele, bei denen man erhebliche Verluste einfahren kann. Also gibt es ein geschäftliches Risiko.

Viele Karten verkauft der Schwarzhändler mittlerweile unabhängig von Spielpaarungen an Agenturen, die die Karten wiederum legal weitergeben an Geschäftskunden. Die wollen beispielsweise Geschäftspartnern während eines Kongresses, der gleichzeitig im Spielort stattfindet, den Besuch einer EM-Begegnung ermöglichen. Mit Fans hat der Schwarzhändler nicht nur über Inserate Kontakt, sondern auch vor den Stadien. Anders als bei der WM 2006 rechnet er bei der EM nicht mit einem rigide vorgehendem Veranstalter. Die Schweiz verhält sich gegenüber dem Schwarzmarkt traditionell sehr tolerant.

Wie viel Geld muss man denn bei Ihnen für ein deutsches EM-Spiel investieren?

Mittlerweile hat sich da ein Preis von 500 Euro für eine ganz normale Durchschnittskarte schon als fast normal etabliert, beim WM-Halbfinale gegen Italien ging es sogar bis auf 2000 Euro hoch. Das war jedoch der ganzen Euphorie bei der WM geschuldet. Bei der EM wird das nicht so verrückt sein.

Mal abgesehen von der EM: Die Bundesliga boomt weiterhin, ein Zuschauerrekord jagt den nächsten. Sind das die perfekten Rahmenbedingungen für Ihr Tagesgeschäft?

Ja, aber dennoch muss man immer ein Gespür für die richtigen Spiele haben, bei denen man einsteigen kann.

Was heißt das genau?

Spiele wie Borussia Dortmund gegen Bayern München sind manchmal gar nicht so attraktiv wie man glaubt. Da weiß jeder vorher, dass es ausverkauft ist. Also kommt kaum jemand ohne Karte vors Stadion. Da sind andere Spiele attraktiver, beispielsweise Feiertagsspiele, weil die Leute da Zeit haben und auch mal zu einem an sich weniger attraktiven Kick gehen. Dann sind die Fans eh schon am Stadion und wollen um fast jeden Preis das Spiel sehen. Für solche Spiele muss man einen Riecher entwickeln.

Den hatte unser Gesprächspartner beispielsweise, als Mainz 05 in der Bundesliga spielte. Das Stadion am Bruchweg war mit 20 300 Plätzen klein, die Euphorie aber riesig. Am Anfang hatte das Kartenverkaufssystem des Klubs auch noch Schwächen. All das nutzte der Schwarzmarkthändler aus. Ein beliebtes Mittel war ihm dabei, Karten über das Kontingent des Gästeklubs zu erwerben und sie dann in Mainz vor dem Stadion anzubieten.


Auf welches Stadionerlebnis bei der EM freuen Sie sich eigentlich selbst am meisten?

Ich schaue mir die EM im Fernsehen an. Ich gehe schon lange nicht mehr ins Stadion. Außerdem: Ich habe dann ja auch gar keine Karte mehr...


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