Ein Ösi für Deutschland: Josef Hickersberger

»Ich bin gespannt, wie Jogi Löw das anstellt«

Josef Hickersberger, Ex-Bundestrainer von Österreich, folgt der deutschen Mannschaft nach Brasilien. Als Fan. Doch der Ex-Profi von Fortuna Düsseldorf sorgt sich um die DFB-Elf. Er versucht, im Mannschaftshotel der Portugiesen Einfluss auf den Gegner zu nehmen.

Tim Jürgens

Josef Hickersberger, Sie als »Held von Cordoba« sind nun als Anhänger der deutschen Mannschaft nach Brasilien gereist. Was sagen die Österreicher dazu, dass der Ex-Nationalcoach fahnenflüchtig wird?
Laut Statistiken halten bei dieser WM 29 Prozent der Österreicher den Deutschen die Daumen. Sie sehen, die Rivalität ist gar nicht so schlimm.

71 Prozent Ihrer Landsleute können sich aber offenbar immer noch nicht für den Nachbarn erwärmen.
Es kommt eben auf die Perspektive. Schauen Sie, ich habe meine besten Jahre als Fußballer in Deutschland erlebt. Ich bin als Kicker in Deutschland ausgebildet. Warum soll ich die deutsche Elf nicht mögen?

Wie gut ist das DFB-Team denn bei dieser WM?
Ich bin ein wenig in Sorge, wegen der vielen angeschlagenen Spieler, die können zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich fit sein können.

Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Manuel Neuer…
Philip Lahm, die können jetzt noch nicht bei 100 Prozent sein.

Mesut Özil ist außer Form.
Er hat im letzten Testspiel aufsteigende Form gezeigt, er hat unglaubliches Potential und trotz aller Unken könnte er ein Schlüsselspieler bei diesem Turnier werden.

Kostet die DFB-Elf der Ausfall von Marco Reus den Titel?
Das könnte passieren. Marco Reus war der Spieler, der in der vergangenen Saison konstant am besten gespielt hat. Er kann der Mannschaft eine Tiefe geben, die ihr momentan kein anderer Spieler geben kann. Jedenfalls ist er in der Form, die er in der vergangenen Saison an den Tag gelegt hat, nicht zu ersetzen. Ich bin gespannt, wie Jogi Löw das anstellen wird.

Nun will es der Zufall, dass Sie in der Nacht vorm Spiel im Hotel der portugiesischen Mannschaft wohnen.
Tja, ich habe auch einen Ersatzspieler im Aufzug getroffen, mich nett mit ihm auf Englisch unterhalten, aber ich kannte peinlicherweise seinen Namen nicht.

Cristiano Ronaldo war es nicht.
Nein, den hätt ich schon noch erkannt.

Das österreichische Team von 1978 war nach der legendären »Wunderelf« vdas Beste was der Fußball aus ihrem Land je zu bieten hatte.
Wir hatten vier Jahrhunderttalente: Hans Krankl, der nach der WM zum FC Barcelona wechselte. Walter Schachner, ein junger Bursch, der den Sprung aus der zweiten Liga in die Nationalelf schaffte. »Schneckerl« Prohaska, der später in Italien Cup und Meisterschaft gewann. Und Bruno Pezzey, ein super Verteidiger, der die Bundesliga aufmischte.

War einer von denen ein ähnlicher Gockel wie Cristiano Ronaldo?

Nein, wir waren eine gute Gemeinschaft. Vor kurzem hab ich erst wieder mit dem Schneckerl drüber geredet: Wir sind sicher, wenn damals Ernst Happel unser Trainer gewesen wäre…

…der damals als Bondscoach der Niederlande bis ins Finale kam…
wären wir unter die letzten Vier gekommen. Mindestens.

Aber?
Ach, wissens, es gab bei diesem Turnier Ärger. Eine Bank hatte versprochen, unseren Frauen eine Reise zur WM nach Argentinien zu bezahlen, wenn wir die Vorrunde überstehen. Die konnten sich das nicht vorstellen. Also saßen irgendwann unsere Frauen in Buenos Aires in einem Hotel – und unser Trainer Helmut Senekowitsch verbot uns, sie über Nacht zu besuchen.
Warum?
Was weiß ich, weil er fürchtete, dass irgendwelche zweifelhaften Bilder von Reportern geschossen würden, die sich ins Hotelzimmer einschlichen.

Wie ging das aus?
Die Frauen mussten zu uns ins Quartier kommen und nach dem Essen wieder gehen, Das gab ordentlich Stunk, der nicht ungefährlich war. Denn wir tranken immer ein Glas Wein zum Essen, aber wenn wir schlechte Laune hatten, wurde schnell mal eine Flasche draus. An diesem Abend wurden es viele Flaschen. Vielleicht der Grund, warum uns am Ende ein paar Prozent fehlten, um noch weiter zu kommen.

Die WM in Brasilien ist das politischste Turnier der Fußballgeschichte…
Nein, da muss ich widersprechen. Die WM 1978 war aus politischer Sicht noch viel brisanter. Damals herrschte die Militärregierung. Wir Fußballer wurden abgeschirmt wie Staatsmänner. Eine eigenartige Atmosphäre.

Auch hier in Brasilien sieht man viel Polizei auf den Straßen.
Ich wohne, wie Sie schon sagten, in einem FIFA-Hotel. Vor ein paar Tagen waren die Niederländer da, jetzt die Portugiesen. Natürlich sind die abgeschirmt, aber damals in Argentinien wurden wir praktisch rund um die Uhr von Soldaten mit Maschinenpistolen bewacht. Sie saßen mit bei uns im Bus und wenn wir anhielten, stiegen sie als erste aus und sicherten das Gelände.

Sie waren Nationalcoach Österreichs als die Euro 2008 ins Land geholt wurde. Wie schätzen Sie die Nachhaltigkeit des Turniers für Ihr Land ein?
Es wurden große Chancen ausgelassen. Dass eine Stadt wie Wien damals kein reines Fußballstadion bekommen hat, sondern das Ernst-Happel-Stadion nur umgebaut wurde, war ein großer Fehler für die Nachhaltigkeit des Fußballs in der Stadt. Die Arena in Klagenfurt wurde zurückgebaut, weil die Stadt keinen Bundesligisten hat. Vermutlich hat man in Brasilien ähnliche Fehler gemacht, denn das Stadion in Manaus braucht kein Mensch.

War es Übermut, die Euro nach Österreich zu holen?
Im Nachhinein muss man sicher vieles hinterfragen. Es wurden etliche falsche Entscheidungen getroffen. Aber ist es nicht immer so? Die Stadien hier in Brasilien sind schön und funktional, nur wenn sie nicht in Zusammenhang mit einem konkurrenzfähigen Klub stehen, sind sie in dieser Größe überflüssig.

Auf der Selecao lastet ein unglaublicher Druck, man hat fast den Eindruck, vom Abschneiden der Mannschaft hängt der soziale Frieden ab. Wie war das bei der EM 2008?
Es war schon Druck, aber niemand hat erwartet, dass wir Europameister werden. Es hätte gereicht, dass wir die Vorrunde überstehen. Am Ende hat es nicht geklappt. Schade.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!