Ein Hoffenheim-Fan über Eventfans

»Das sind Stadiontouristen«

Weil beim Eröffnungsspiel der Rhein-Neckar-Arena zahlreiche Plätze des VIP-Bereichs nach Wiederanpfiff leer blieben, platzte Ralf Rangnick der Kragen. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden der »Hoffenheimer Legion«. Ein Hoffenheim-Fan über EventfansImago

Detlef Siegburg, am Samstag wurde die neuen Heimspielstätte der TSG Hoffenheim, die »Rhein-Neckar-Arena«, eingeweiht. Ralf Rangnick war nach dem Spiel allerdings nicht gerade gut gelaunt. Er schimpfte: »Vielleicht bin ich zu sehr Traditionalist, aber ich vermisse die ›echten‹ Fans.« Gibt es die in Hoffenheim überhaupt?

Natürlich. Und es wäre absolut falsch dieses Spiel zum Maßstab zu nehmen. Sicherlich waren am Samstag viele Zuschauer im Stadion, die vermutlich nie wieder zu einem Spiel kommen, die überhaupt kein Interesse an der TSG Hoffenheim haben. Die sind durch die Gänge geschlendert, smalltalkten im VIP-Bereich oder saßen auf den Tribünen wie Touristen, die eine neue Sehenswürdigkeit bestaunen. Darüber hinaus lief auch in der Fankurve vieles noch nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Doch es wird sich mit der Zeit einpendeln – das war in Mannheim auch so.

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Was lief nicht?

Unser Capo hatte nicht die Möglichkeit die Gesänge über Lautsprecher anzustimmen.

Die TSG Hoffenheim hat einen Capo?

Wir haben einen Capo, natürlich. Wir haben Fahnen, wir haben sogar Trommler. Nur Ultras haben wir nicht. Jedenfalls lehnen wir Gewalt ab.

Die Kausalität hinkt.

Vielleicht. Natürlich sind Ultras nicht per se gewaltbereit. Und wenn man Ultra mit Hardcore-Fan übersetzt, bin ich auch ein Ultra. Ich habe eine Dauerkarte, fahre zu jedem Auswärtsspiel, war schon zu Regionalligazeiten im Stadion. Aber ich bezeichne mich lieber als Fan.

Was vermissen Sie in der neuen Arena?

Es war alles noch sehr ungewohnt, unglaublich groß. Natürlich, das Stadion ist schön, doch das ganze Drumherum muss noch mehr auf die Bedürfnisse und Wünsche der Fans abgestimmt werden.

Inwiefern?

Die Fanszene, die sich in den letzten zwei, drei Jahren in Sinsheim gebildet hat und die stetig größer geworden ist, hat keine wirklichen Treffpunkte mehr. Durch die Größe ist alles ein bisschen unübersichtlicher geworden. Auch in Sinsheim selbst. Das Stadion hat alles ein bisschen durcheinandergewirbelt. Die Fanszene tut sich momentan noch schwer.

Was unterscheidet eigentlich die Hoeffenheimer Fanszene von anderen?

Das Problem ist: Die Szene konnte nicht langsam wachsen, denn wir konnten gar nicht so schnell gucken, wie wir aufgestiegen sind. Letztes Jahr hatten wir gerade mal eine Handvoll Fanklubs, heute haben wir einen Dachverband, an den 25 Fanklubs angeschlossen sind.

Woher kommen diese Fans? Sind das ehemalige Waldhof-Fans, die keine Lust mehr auf unterklassigen Fußball haben?

Das sind klassische Eventfans, die nun in Zeiten des Erfolgs dazu gestoßen sind und zumeist  aus dem riesigen Rhein-Neckar-Kreis kommen. Ihre Fanklubs schießen wie Pilze aus dem Boden. Da gibt es etwa Amateurfußballvereine, die sich allesamt zu einem Fanklub zusammenschließen. Das hat für mich aber nichts mit Fansein zu tun. Um in einem Fanklub Mitglied zu sein oder einen Schritt weiter zu gehen, nämlich selbst einen zu gründen, muss man vollends überzeugt sein von der Sache. Ich bin ja auch kein gebürtiger Sinsheimer, kann mich aber mit dem Verein identifizieren – auch weil ich seit acht Jahren hier lebe und seit sechs Jahren regelmäßig ins Stadion gehe, also all die wichtigen Aufstiege miterlebt habe. Für mich war Fußball und Fansein immer etwas Besonderes. Ich komme ja aus dem Ruhrgebiet, war in den 60er und 70er Jahren Schalke-Fan, wenngleich ich damals noch ein kleiner Junge war und dieses Fansein damals noch gar nicht richtig verstanden habe.

Ralf Rangnick hat ebenfalls auf Schalke trainiert und hat eine andere Fankultur kennengelernt, eine die jahrzehntelang gewachsen ist, die von Generation zu Generation weitergetragen wird. Meint er das mit »echten« Fans?

Zunächst mal hat Fansein für mich nichts mit dem Alter zu tun, wir haben auch viele jüngere Fans. Doch steht für mich vor einer  Fanklubgründung oder generell schon vor einem Stadionbesuch eine intensive Überlegung. So eine Entscheidung trifft man nicht, weil der Verein mal eben ein paar Spiele gewonnen hat. Junge Fans, die hinzu kommen, müssen sich – einfach weil sie gewisse Strukturen nicht kennen und das Fansein an sich neu für sie ist – an den alten Fans orientieren. Das betrifft die Schlachtgesänge ebenso wie das Trommeln. Glücklicherweise klappt das mittlerweile ganz gut – zumindest trommeln die Trommler heute im Takt.

Wie gehen Sie mit den Anfeindungen der gegnerischen Fans um?

Es wird vermutlich noch einige Jahre dauern, bis hier so etwas wie eine Fankultur entsteht, die sich vor anderen Klubs nicht verstecken braucht. Bis dahin werden wir von sämtlichen Bundesligafans schlecht dargestellt – dieser alte Retortenklubvorwurf –, aber das ist ja nichts Neues. Was viele Anhänger anderer Klubs nicht verstehen: Die Hoffenheim-Fans bekommen nichts umsonst. Weder zahlt Dietmar Hopp unsere Eintrittskarten noch die Bahn- oder Busfahrten zu den Auswärtsspielen.

Dem Satz von Rangnick schwingt auch die Befürchtung mit, dass in der »Rhein-Neckar-Arena« bald die Event- und VIP-Fans die Mehrheit bilden könnten.

Davor habe ich keine Angst. Eigentlich interessiert es mich auch nicht, was diese Eventfans machen. Ich bin Fußballfan und gehe ins Stadion, um Fußball zu gucken. Und nicht um in Logen zu sitzen und fürstlich zu essen.

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