Ein Experte klärt auf

»Das Kartellamt versteht nicht«

Welche Entwicklung nimmt die Vergabe der TV-Rechte? Wir sprachen sprachen mit Unternehmensberater Dr. Thomas Kupfer über die Entscheidung des Kartellamtes, Strukturdefizite und die Allmacht der Generalvermarkter. Ein Experte klärt aufRoland Wiedemann

Herr Kupfer, ist tatsächlich der Fußball-Standort Deutschland gefährdet, wie die Funktionäre der Öffentlichkeit glauben machen wollen, nur weil das Kartellamt die Fernsehpläne von Kirch und der DFL gekippt hat?

Die Fußballclubs haben sich berechtigte Hoffnungen auf höhere Erlöse aus den TV-Rechten gemacht. Im internationalen Vergleich sind die TV-Rechte der Bundesliga unterbewertet. Das gilt nicht nur für die 1. Bundesliga. Aber die Höhe der TV-Erlöse allein ist nicht entscheidend dafür, dass unsere FC in Europa nicht mehr auf breiter Front Spitze sind. Selbst Bayern München, stabil in Europas Elite dabei, schied im Uefa-Cup gegen Zenit St. Petersburg aus und wäre zuvor fast an Getafe gescheitert. Diese und etliche Vereine, gegen die andere deutsche Fußballclubs in den letzten Jahren ausgeschieden sind, kassieren weniger Fernsehgelder.

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Wie beurteilen Sie die Entscheidung des Kartellamtes?


Das Kartellamt zeigt in seiner Entscheidung und Begründung, dass die Merkmale des Sondermarktes Fußball vom Gesetzgeber wie von etlichen Politikern, Behörden und Gerichten nicht ausreichend verstanden werden. Das natürliche Monopol im Teamsport ist nicht gleichartig dem Monopol in einem reinen Wirtschaftszweig. Auch ist der Fußball nicht schuld, dass er im Pay-TV einem echten Monopolisten gegenübersteht.

Die Fans scheint aber die Entscheidung für eine zeitnahe Zusammenfassung der Bundesliga-Spiele zu freuen…

Die Behörde argumentiert massiv populistisch als scheinbarer Verbraucherschützer. Das hätte man sich beim Durchwinken mancher Fusion in der Industrie gewünscht. Sie tut zudem so, als sei das sogenannte Free-TV kostenlos. Doch was macht es für einen Unterschied, ob man Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Anstalten oder in etwa gleicher Höhe an Premiere bezahlt? Wettbewerb heißt doch auch, der Fußballzuschauer entscheidet, ob und wo er die Spielberichte anschaut.

Wenn die niedrigeren TV-Gelder nicht allein schuld daran sind, dass die deutschen Vereine international hinterherhinken, woran liegt es dann?

Es hat vielfältige Gründe, warum unsere Fußballclubs in den letzten Jahren in Europa weniger Erfolg hatten als zuvor. Zum Beispiel die Qualität des Passspiels, Ballannahme und Ballmitnahme in hoher Bewegung. Das hat aber nicht nur damit zu tun, dass der eine oder andere teure Starspieler fehlt. Die Bundesligaclubs müssen in sportlicher, aber auch in strategischer Hinsicht weiter aufholen. Es wird bereits mehr in die Spielanalyse, die medizinische Versorgung, das Trainerpersonal und die Infrastruktur investiert. Aber das reicht noch nicht aus. Und auch im unternehmerischen Bereich muss sich etwas ändern.

Wo sehen Sie Nachholbedarf?

Es gilt, mittel- und langfristige Strategien für eine komplettere Unternehmensentwicklung zu verfolgen. Führungsmanagement ist ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. Die Vereine in Deutschland brauchen mehr Profis in der Führung der Clubunternehmen und in den Geschäftsbereichen. Bei etlichen Fußballclubs ist das erkannt worden. Vor allem diese entwickeln sich aufwärts.

Haben Sie eine Erklärung für die veralteten Strukturen im deutschen Fußball?

Die Strukturen sind nicht mehr so veraltet wie vor Jahren. Sie werden weiterentwickelt, aber noch geschieht das mitunter zu langsam oder zu inkonsequent. Das hat auch mit der 50-plus-1-Vorschrift und der Vereinsmentalität zu tun, bei der unternehmerische Aspekte zu kurz kommen. Meistens tauchen dann in Krisenzeiten Multi-Totalvermarkter, wie Sportfive, auf und sagen: »Euer Kerngeschäft ist das Spiel und die Mannschaft, wir machen alles andere für Euch.« Sportfive kontrolliert inzwischen fast die Hälfte aller Bundesligaclubs.

Was sind die Folgen?


Der Wettbewerb wird damit verzerrt. Entwicklungen werden bei dem einen Fußballclub gebremst, beim anderen gefördert, wenn der eine Club von seinen Vermarktungseinnahmen 25 oder 27 Prozent Provision und der andere nur 18 Prozent an Sportfive abführen muß, oder wenn der eine Verein hohe Darlehen bekommt, der andere aber nicht. Häufig bestimmt der Multi-Totalvermarkter die Planung, die Wirtschaftstätigkeit, mitunter auch das Rechnungswesen, »seiner« Clubs. Faktisch ergibt sich eine »Stallregie«. Zudem fließen beträchtliche Gelder aus dem deutschen Clubfußball heraus. Die vertraglich gebundenen Fußballclubs finanzieren letztendlich auch die Belegschaft und die Gewinne der Eigentümer solcher Multi-Totalvermarkter.

Nicht nur Fußballclubs, sondern auch Wirtschaftsunternehmen geben Aufgaben an externe Dienstleister ab.

Es ist ja in Ordnung, wenn ein Fußballclub auf einem speziellen Geschäftsgebiet mit einem spezialisierten Partner zusammenarbeitet. Aber welcher vernünftige Mittelständler gibt denn Kernbereiche seines Geschäfts aus der Hand? Vieles davon könnten unsere Fußballclubs selber machen und die Vorteile davon gebündelt nutzen.

Lieber Großvermarkter statt Klubeigentümer – der DFB hält eisern an der 50-plus-1-Vorschrift fest.

Fälschlicherweise wird das als Garantie für die Integrität der Wettbewerbe und gegen »Fremdbestimmung« angepriesen. Die 50-plus1-Vorschrift heißt praktisch aber nichts anderes als: Wir verschließen uns privaten Unternehmern und lassen die Clubs lieber in die Abhängigkeit von Multi-Totalvermarktern abgleiten, die ganze Gruppen von Fußballclubs dirigieren können. Es geht nicht um den ersatzlosen Wegfall der entwicklungshemmenden 50-plus-1-Vorschrift, sondern um eine Neuregelung im Rahmen des Lizenzierungsverfahrens für das Engagement privater Investoren in deutschen Fußballclubs.

In Deutschland gelten Investoren als »Heuschrecken«, die den Fußball kaputt machen.


Die allermeisten Investoren sind Privatunternehmer, die mit ihrem eigenen Geld geradestehen. Sie stärken die Eigenkapitalbasis und sind interessiert daran, fähige Mitarbeiter einzustellen, um den Fußballclub voranzubringen. Zudem werden positive Effekte ihres Wirkens für die Integrität der Wettbewerbe unzureichend beachtet: Private Eigentümer engagieren sich jeweils nur bei einem Fußballclub, während Multi-Totalvermarkter bei vielen Fußballclubs im Boot gleichzeitig steuern, auch in derselben Liga, und deren Finanzierungen erfolgen über Darlehen beziehungsweise Vorauszahlungen. Wer also sind die »Heuschrecken« im deutschen Fußball?

Fakt ist, dass private Investoren nicht immer Heilsbringer sind.

Es gibt Negativbeispiele, keine Frage. Es ist schon vorgekommen, dass rentable Fußballclubs mit ihren Gewinnen letztendlich halfen, die eigene Übernahme zu refinanzieren. Aber das sind seltene Fälle. In der Regel finden sich fußballbegeisterte Investoren, die Schieflagen in Ordnung bringen, seriös und entwicklungsorientiert arbeiten.

Dennoch sehen die Fans rot, wenn Sie nur das Wort Investor hören.

Sie folgen damit den Zerrbildern, die in Deutschland aus politischen Machtkalkülen heraus an manche mediale Wände geworfen werden. Es gibt im Ausland viele Beispiele, wo Fangruppen bei FC mit privaten Eigentümern Anteile besitzen und stärker Einfluss nehmen können, als das bei manchem deutschen Profiverein der Fall ist. Hier haben die Vereinsmitglieder in wichtigen Fragen keine Mitbestimmung.

Was können die Bundesligaclubs tun, um Ihre wirtschaftliche Basis auch ohne finanzkräftigen Investor im Rücken zu verbessern?

Den eigenen Fußballclub als Unternehmen kompletter ausgestalten und dazu bessere Fachexpertise einbeziehen. Es ist auch Kreativität gefragt. Die Miteigentümerin von Norwich City ist eine beliebte Fernsehköchin. Unter ihrer Führung wurden Restaurants und Catering zur wichtigen Ertragssäule. In den Basler St. Jakob Park sind nicht nur Geschäfte und Restaurants, sondern auch ein Seniorenheim integriert. Es gibt viele Möglichkeiten – bis hin zum Freizeitpark und Geschäftszentrum, was Real Madrid in Arbeit hat. Sie müssen nur erkannt und genutzt werden.


Dr. F. A. Thomas Kupfer ist freier Unternehmensberater. Der 56-Jährige, der in Rödermark bei Frankfurt/M. lebt, arbeitet unter anderem für Fußball- und Handballclubs. In seinem Buch »Erfolgreiches Fußballclub Management – Analysen_Beispiele_Lösungen« (Verlag Die Werkstatt) hat der gebürtige Sachse die Ergebnisse seiner europaweit gesammelten Erkenntnisse zusammengefasst. Kupfer analysierte die Entwicklung und Organisation von 126 Fußballclubs in zwölf Ländern.

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