Ein Atlético-Fanklub in Deutschland

»Der Fußballgott muss auf unserer Seite sein«

André Kahle lebt in Detmold, ist seit einem Online-Manager-Spiel 2002 jedoch Fan von Atlético Madrid. Nach dem Meistertitel kann sein Verein nun auch die Champions League holen. Ein Interview über eine ungewöhnliche Liebe.

André Kahle, Sie leben in Detmold und sind Fan von Atlético Madrid. Sie hätten es doch einfacher haben können: Warum nicht Bielefeld, Hannover oder Paderborn?
(Lacht) Ich habe gar nichts gegen diese Vereine. Innerhalb Deutschlands halte ich sogar zu Hannover 96. Aber Atlético ist für mich der geilste Verein der Welt. Wer mit diesem Verein in Kontakt kommt, ist sofort infiziert.

Wie kam es zu dieser kuriosen Liebe?
Nach der WM 2002 habe ich an einem Online-Managerspiel der spanischen Liga teilgenommen. Natürlich wollte ich Real Madrid oder den FC Barcelona haben, die waren jedoch bereits vergeben. Also bekam ich Atlético, das gerade erst in die Erste Liga aufgestiegen war. Ich habe mich richtig geärgert, von diesem Klub hatte ich noch nie etwas gehört.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie zum Fan wurden?
Ich habe irgendwann angefangen,  die Spiele übers Internet per Radio zu verfolgen. Da ich kein Wort Spanisch sprach, waren das kuriose Nachmittage. Ich saß da, hörte einen leidenschaftlichen Reporter quasseln und habe darauf gewartet, dass er »Goooool« schrie. Weil die Spanier das aber immer so in die Länge ziehen, wusste ich erst Sekunden nach dem Tor ob wirklich Atlético getroffen hatte.

Wann haben Sie zum ersten Mal beschlossen, nach Madrid zu fliegen?
2003 bin ich zum »Centenario«, dem 100. Geburtstag des Klubs, geflogen. Mein Kumpel und ich haben über ein Forum zufällig den Organisator der Feierlichkeiten kennengelernt. Noch in der ersten Nacht in Madrid haben wir mit ihm den Neptuno-Brunnen, wo die Atlético-Fans ihre Titel feiern, bestiegen und dort einen Schal angebracht. Seitdem bin ich mit dem rot-weißen Virus infiziert.

Sie haben daraufhin den ersten deutschen Atlético-Fanclub gegründet.
Wir haben mit fünf bis acht Jungs angefangen. Mittlerweile sind wir aber schon über 70, Tendenz steigend. Durch die Gemeinschaft in unserem Fanklub, der »Peña Atlética Centuria Germana«, haben wir auch immer öfter Spiele im Stadion verfolgt.

Wie viele Spiele schauen Sie heute im Stadion?
In Europa fahre ich zu fast allen Auswärtsspielen, dazu einige ausgewählte Liga-Spiele. Ich glaube, in dieser Saison habe ich sechs oder sieben Spiele vor Ort gesehen.

Was war das absolute Highlight?
Am letzten Samstag, das entscheidende Spiel um die Meisterschaft in Barcelona. Ein typisches Atlético-Spiel: Die Mannschaft musste punkten, direkt zu Beginn verletzten sich aber zwei der wichtigsten Spieler und das Team kassierte das 0:1. Trainer Diego Simeone hat die Spieler dann aber drei Minuten vor dem Anpfiff der zweiten Halbzeit aufs Feld geschickt. Als wir den Willen der Mannschaft gesehen haben, wussten wir: Atlético wird Meister! Und so kam es dann auch.

Es ist der erste Meistertitel seit 18 Jahren. Wie hätten Sie reagiert, wenn Ihnen das jemand vor der Saison gesagt hätte?
Den hätte ich eingewiesen! Ich habe vor der Saison gesagt, es wäre toll, wenn wir Dritter werden und in der Champions League die K.o.-Phase erreichen. Als ich absehen konnte, dass wir beides schaffen, habe ich wöchentlich mit dem Einbruch gerechnet.

Der kam aber nicht. Was hat den Verein in dieser Saison so stark gemacht?
Der Wille und der Zusammenhalt. Schauen Sie sich alleine den Trainer an. Simeone macht nichts weiter, als Spieler und Fans anzufeuern. Ich glaube, der hat noch nie eine taktische Anweisung gegeben (lacht). Was Atlético in dieser Saison geschafft hat, ist unglaublich. Barcelona und Real, deren Etats ungefähr viermal so groß sind, derart Paroli zu bieten, das ist einfach überragend.


Sie haben in einem früheren Interview gesagt: »Atlético kann eigentlich auf nichts stolz sein – nur auf seine Fans.« Gilt das immer noch?
Das hat sich mit dem sportlichen Erfolg natürlich relativiert. Atlético lebt aber von seinen Fans. In der Finanzkrise ist der Fußball in Spanien für viele Menschen ein Rettungsanker. Sie geben ihren letzten Cent für den Klub, sparen zum Beispiel monatelang auf einen Billigflug hin, nur um Atlético spielen zu sehen.

Ist das der Unterschiede zu Real Madrid? Es wird immer vom Duell des Arbeiterklubs gegen die Königlichen gesprochen...
Viele Atlético-Fans kommen aus sozial schwächeren Gegenden, sind dafür leidenschaftlicher und geben nicht nur sprichwörtlich ihr letztes Hemd. Fan von Real Madrid zu sein, ist hingegen chic. Der Verein hat Dank seiner Historie einen enormen Ruf, deshalb kommen auch viele Erfolgsfans und Touristen.

Am Samstag geht es im Champions-League-Finale ausgerechnet gegen Real. Wie tief ist die Rivalität zwischen den Fans?
Ein Atlético-Fan definiert sich nicht nur über die Liebe zum eigenen Verein, sondern auch über die Abneigung gegenüber Real Madrid. Die Fans von Real hingegen haben uns lange eher als kleinen Bruder und Punktelieferanten abgestempelt. Für sie zählt eher der Clásico gegen Barcelona. Das hat sich mit dem Pokalgewinn im letzten Jahr allerdings etwas geändert.

Atlético besiegte Real im Santiago Bernabeu 2:1. Besser geht es nicht, oder?
Das hätte jeder Drehbuch-Regisseur nicht besser planen können. Eine mit Superstars gespickte Real-Mannschaft verliert gegen das kleine hässliche Entlein. Natürlich empfindet man dann Genugtuung, vor allem wenn man die Überheblichkeit sieht, die Real zeitweise an den Tag legt.

Was meinen Sie?
Wir sind damals nach dem Spiel mit dem Taxi in die Stadt gefahren und kamen am Cibeles-Brunnen vorbei. Dort feiert Real seine Titelgewinne. Die Bushaltestellen waren schon gesperrt, dort stand »Celebración deportiva«, sportliche Feierlichkeit. Am nächsten Tag haben wir dann einen geschmückten Bus durch die Stadt fahren sehen. Auf ihm prankte das Real-Logo und der Schriftzug »19. Copa del Rey Titel«. Das ist doch arrogant.

Ziemlich genau ein Jahr nach diesem Finale kommt es wieder zum Duell. Ein gutes Omen?
Das weiß ich nicht. Ich bin jedenfalls total entspannt, weil ich zu einem rot-weißen Familienfest fliege. Atlético ist Meister und hat über 38 Spiele bewiesen, dass es das beste spanische Team hat. Natürlich ist die Champions League der größere Titel. Aber es rechnet keiner mit uns, alle erwarten »La Décima« von Real.

Würde es nicht schmerzen, wenn Real den prestigeträchtigen zehnten Titel ausgerechnet gegen den Stadtrivalen holt?
Ich garantiere Ihnen: Selbst wenn es nach 20 Minuten 3:0 für Real steht, wird man nur die Atlético-Fans hören, die »Campeones, campeones« brüllen. So weit muss es aber erst einmal kommen. Wer innerhalb von einem Jahr im Bernabeu gegen Real Madrid die Copa del Rey gewinnt und ein Jahr später im Camp Nou gegen Barcelona Meister wird, der braucht sich nicht zu verstecken. Wir haben bewiesen, dass wir mithalten können.

André Kahle, wie geht das Finale der Champions League aus?
Wir werden ein torreiches Spiel sehen. Ich glaube an ein 3:2 oder ein 4:3. Wem ich die Daumen drücke, dürfte klar sein. Aber auch wenn Atlético nicht im Finale stünde, würde ich sagen: Real Madrid wäre kein würdiger Champions-League-Sieger.

Wie bitte?
Verstehen Sie mich nicht falsch: Das bessere Team ist natürlich ein verdienter Sieger. Real spielt für mich aber keinen überzeugenden Fußball. Außerdem haben sie Spieler, die öfter am Rande der sportlichen Fairness agieren. Wenn es also einen Fußballgott gibt und Atlético ein gutes Spiel zeigt, holen wir den Pott.

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