Eike Immel über Siege und Fehler

»Ich hätte kämpfen müssen«

Warum wurde Bodo Illgner eigentlich Weltmeister? Weil Eike Immel zuvor zurücktrat. Nicht die einzige Fehlentscheidung in seiner Karriere. Wir sprachen mit ihm über Tiefen, Höhen, Reue und die Kunst, aufzustehen. Eike Immel über Siege und FehlerImago

Eike Immel, im Jahr 2007 hat Oliver Kahn Ihren Bundesligarekord eingestellt. Sauer?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin ein großer Bewunderer von Olli Kahn. Seine Leistungen über so viele Jahre sind fantastisch, und wenn man von einem solchen Spieler überholt wird, dann kann das kein Problem sein.

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Bereits als 17-Jähriger standen Sie erstmals bei einem Bundesligisten zwischen den Pfosten. Mit Borussia Dortmund schlugen Sie 1978 den großen FC Bayern mit 1:0. Sepp Maier soll Ihnen nach dem Spiel gratuliert haben.

Ich weiß gar nicht mehr, ob er mir gratuliert hat. Es gibt ja ein Bild, auf dem mir Sepp Maier nach dem Spiel die Hand gibt, aber das hätte er wahrscheinlich auch gemacht, wenn wir 5:0 verloren hätten.

Trotzdem: Wird einem da nicht ein bisschen anders?


Natürlich war das ein Wahnsinnserlebnis. Ich kam aus einem kleinen Dorf mit 600 Einwohnern und war noch gar nicht lange in Dortmund. Es war ja fast ein Einsatz über Nacht, weil sich Horst Bertram verletzt hatte. Und dann mache ich da so ein Spiel. Im Hinblick auf die negativen Dinge, die dann passiert sind, wäre es vielleicht besser gewesen, wenn das erste Spiel nicht so spektakulär verlaufen wäre. Aber man muss es nehmen wie es kommt, und böse bin ich darüber ganz sicher nicht.

Sie galten als herausragendes Talent, aber auch als jemand, der noch Flausen im Kopf hat. Sie sollen zum Beispiel mehrere Autos zu Schrott gefahren haben. Stimmt das überhaupt?

Man kann ja schlecht sagen, es stimmt alles nicht. Viele Sachen wurden allerdings auch an den Haaren herbeigezogen oder überspitzt dargestellt. Ich war eigentlich ein ganz normaler Kerl, der relativ früh Erfolg hatte. Dann habe ich eine Vorliebe für schnelle Autos entwickelt, womit ich sicherlich nicht der einzige war. Bestimmt habe ich da Fehler gemacht, aber die Wirklichkeit war wesentlich harmloser als das mediale Echo darauf.

Wie war es denn in Wirklichkeit?

Wo soll man denn da anfangen? Es ging ja nicht nur um schnelle Autos, es ging ja auch ums Zocken. Sie dürfen nicht vergessen, dass die Profis heute wesentlich besser beraten sind als wir damals. Ich hatte vor den Medienvertretern überhaupt keinen Schutz, und mit 17, 18 Jahren war ich dann natürlich ein gefundenes Fressen – insbesondere für einen speziellen Freund von der »Bild«-Zeitung. Wenn heute einer ein Auto zu Schrott fährt, ist das nach zwei Tagen aus den Medien verschwunden. Bei mir wurde mehrere Wochen allein die Tatsache verhandelt, dass es sich bei dem Auto um einen Porsche Turbo handelte. Für mich war das ein regelrechter Spießrutenlauf. Ich war damals sehr jung, und ich denke, junge Menschen dürfen auch mal einen Fehler machen.

Und wie kam es zu den »Zocker«-Schlagzeilen nach der WM `82?

Die Geschichte war ein bisschen anders, als sie kolportiert wurde. Ich glaube, Uwe Reinders hat nach seinem Einwurftor den Stein ins Rollen gebracht, indem er irgendwann an der Theke sagte: »Wenn ich dem Paul Breitner viel Geld beim Pokern abnehmen kann, dann kann ich dem Jean-Marie Pfaff auch einen Ball ins Tor werfen.« Das alarmierte natürlich alle Journalisten, woraufhin unter den Nationalspielern ein Rundruf gemacht wurde, dass bloß niemand etwas sagen soll. Ich war zu der Zeit allerdings dummerweise mit Borussia Dortmund auf einem Turnier bei Athletico Madrid, und da es noch keine Handys gab, war ich dann der einzige, der nicht bescheid wusste. Als mich die Reporter darauf ansprachen, habe ich gesagt, dass gespielt worden sei, aber nur zur Unterhaltung. Die Überschrift lautete dann: »Immel sagt: Es wurde gezockt.« Und schon steckte ich in einer Schublade.

Es soll um hohe Summen gegangen sein.


Wir haben Karten gespielt, und wir haben auch um Geld gespielt, das ist alles gar keine Frage. Aber es ist alles in einem vernünftigen Rahmen geblieben, dabei ist niemand arm oder reich geworden. Es war ein Zeitvertreib. Bei der WM in Spanien zum Beispiel waren wir völlig kaserniert. Wir hatten abends nie frei, wir durften keinen Besuch von unseren Frauen bekommen, und Karten spielen war eine der wenigen Möglichkeiten – vielleicht eine schlechte –, die Zeit zu überbrücken. Schade finde ich, dass man zwanzig Jahre Fußball spielt, und das was übrig bleibt, ist: Der hat gezockt und zwei Autos kaputtgefahren.

Zumal das ganz zu Beginn Ihrer Karriere war.

Ich war 19, vielleicht 20 Jahre alt und danach ist so etwas nie wieder vorgekommen, das ist eigentlich der absolute Wahnsinn. Ich habe dann ja auch geheiratet und Kinder bekommen, bin ruhiger und gelassener geworden, aber diese alten Kamellen werden immer wieder aufgewärmt. Wenn man immer nur solche Dinge über sich liest, ist das schon ziemlich schlimm. Man wird reduziert auf zwei, drei Ereignisse aus der Jugend.

Ärgern Sie sich rückblickend darüber, dass Ihnen diese Dinge passiert sind?


Sehen Sie, ich bin mit meiner Karriere sehr zufrieden. Sicherlich würde ich heute die eine oder andere Entscheidung anders treffen. Aber hinterher ist man immer schlauer. Da kann man nur die Leute bewundern, die von sich sagen, sie würden alles noch mal ganz genauso machen.

Bereits mit 19 hüteten Sie als jüngster Torwart der DFB-Geschichte erstmals das Tor der Nationalmannschaft (am 11.10. 1980 beim Spiel gegen Holland, d. Red.). Glauben Sie, dass Ihnen diesen Rekord noch jemand nimmt?

Ach, es ist ja alles möglich im Fußball. Man hat jetzt erst – auch zu meiner Überraschung – gesehen, wie schnell Manuel Neuer einen Frank Rost vergessen macht. Zu meiner Zeit gab es auch ein paar unglückliche Umstände in Deutschland, durch die ich das überhaupt erst schaffen konnte. Sepp Maier hatte einen schweren Autounfall, Norbert Nigbur eine Meniskusoperation, und damit fielen die zwei besten Torhüter aus. So kamen Toni Schumacher zu seinem ersten Länderspiel und ich in den Kader. Es gehört also auch im richtigen Moment ein bisschen Glück dazu.

1988 gingen Sie als Nummer Eins in das EM-Turnier im eigenen Land. Können sie die Stimmung damals mit der WM vom letzten Jahr vergleichen?

Nein. Die WM war etwas ganz Außergewöhnliches, weil alles, von der Stimmung bis zum Wetter, gepasst hat – so etwas wird es wahrscheinlich nie wieder geben. Im Vorfeld der Euro 1988 hatten wir eine bessere Stimmung um die Mannschaft herum als letztes Jahr vor der WM mit der Niederlage gegen Italien und den Diskussionen ums Spielsystem. Im Halbfinale der EM gegen Holland waren aber Dreiviertel des Stadions orange. Ich weiß nicht, wie die Holländer es geschafft hatten, mehr Karten als die Deutschen zu organisieren.

Bereits kurz nach der EM traten Sie überraschend aus der Nationalmannschaft zurück, weil Bodo Illgner im WM-Qualifikationsspiel gegen Finnland zwischen den Pfosten stehen durfte.

Auch das war tatsächlich etwas komplizierter. Ich hatte mir am letzten Spieltag eine Innenbandverletzung zugezogen, die noch nicht richtig auskuriert war. Aber ich war natürlich ehrgeizig und wollte den gerade gewonnenen Status nicht wieder verlieren. Ich wollte unbedingt spielen. Die Trainer haben das richtig entschieden, denn ich war nicht hundertprozentig fit. Tatsächlich ging es mit der Verletzung auch nicht richtig gut, aber das wollte ich damals nicht wahrhaben.

Wieso haben Sie dann diesen – von außen überstürzt wirkenden – Entschluss gefasst?


Es hatte nicht nur damit zu tun, dass der Bodo jetzt mal das eine Spiel spielen durfte. Ich hatte vielmehr den Eindruck, dass es sich um eine grundsätzliche Wende handelt. Bodo war ja einige Jahre jünger als ich, und ich dachte, man wollte sich langfristig auf ihn festlegen. Heute würde ich wahrscheinlich mehr Gegenwehr zeigen.

War es damals vielleicht falscher Stolz, der Sie zum Rücktritt bewogen hat?

Das kann falscher Stolz gewesen sein, aber ich hatte auch keine richtige Lobby. Es war damals schon schwer, sich gegenüber der Kölner und Münchner Fraktion zu behaupten. Wahrscheinlich war es ein Fehler, es nicht hartnäckiger zu versuchen. Aber mein Leben ist ja nicht nur durch Fehler gekennzeichnet.

Aber durch Rückschläge, nach denen Sie immer wieder aufgestanden sind.

Um ehrlich zu sein, habe ich das gar nicht so sehr als Rückschlag empfunden. Ich habe mich dann völlig auf den Verein konzentriert, ein Jahr später standen wir im UEFA-Cup-Endspiel, wir hatten hohe Ziele. Und ich muss sagen, dass meine Leistungen nach dem Rücktritt noch besser wurden – insofern hatte die Entscheidung auch etwas Gutes, denn sie hat mich als Torwart weitergebracht.

Wie erklären Sie sich das?

Ich hatte mehr Ruhe. Überall, wo ich zu Nationalmannschaftszeiten hinkam, schrieben die Medien vom großen Torhüterkampf. Wenn ich in Bochum war, hieß es Zumdick gegen Immel, wenn ich in Hamburg war, hieß es Ippig gegen Immel, es war ja schon hanebüchen, welche Namen plötzlich im Raum standen. Das war nicht ganz einfach. Dennoch: Die Nationalmannschaft ist das Größte, was man erreichen kann, und ich hätte mehr um sie kämpfen müssen. Aber bevor Sie weiterfragen: Ich bin da mit mir im Reinen.

In den Jahren nach der WM waren Sie bis zu Ihrem Abschied aus Stuttgart regelmäßig einer der besten Bundesligatorhüter. Nach der Meisterschaft mit dem VfB 1992 überflügelten Sie in der Kicker-Rangliste auch die Nationaltorhüter Illgner und Köpke.


Die Kicker-Rangliste finde ich schon relativ bedeutsam. Für jeden Spieler ist der Ärger groß, wenn er dort nicht berücksichtigt wird und die Freude genauso, wenn er weit oben steht. Ich sag’s mal so: Wenn man gute Leistungen gebracht hat, hofft man darauf, dass sie in der Rangliste honoriert werden.

Welches war der schönste Moment Ihrer Karriere?

Den schönsten Moment gibt es nicht. Zu den schönsten gehören das erste Bundesligaspiel, das erste Länderspiel, da wurde ich in Eindhoven gegen Holland eingewechselt und habe kein Gegentor kassiert. Dann natürlich der Gewinn der deutschen Meisterschaft mit dem VfB, der extrem überraschend für uns kam. Dazu noch hunderttausend andere schöne Momente, die man im Fußball eben so hat. Unter dem Strich ist es einfach eine wunderschöne Zeit. Wissen Sie, da geht ein Traum in Erfüllung. Man frönt als Kind diesem Hobby und rechnet niemals damit, dass man mal Geld damit verdienen kann. Auf einmal ist man Fußballprofi. Wie gut die Zeit war merkt erst dann so richtig, wenn es fast schon wieder vorbei ist. Natürlich gibt es auch Höhen und Tiefen, aber letztlich kann man nur dankbar sein, dass man diese Zeit hatte.

Wo Sie gerade Tiefen sagen: Was fällt Ihnen zu Rolf Fringer ein?


Ja... (muss plötzlich lachen) Das ist ja 'ne ganz böse Frage.

Rolf Fringer zog Ihnen zu Beginn der Saison 1995/96 völlig überraschend den damals noch unbekannten Marc Ziegler vor.


Ich sage es mal so: Egal, ob ich jetzt zehn oder zwanzig Jahre Stammtorhüter in der Bundesliga bin, wenn ich sehe, dass jemand kommt, den man nicht aufhalten kann, vielleicht wie damals Olli Kahn in Karlsruhe oder jetzt René Adler in Leverkusen, dann beuge ich mich dem und frage, wie ich mich noch einbringen kann. Ich weiß nicht, was Fringer damals geritten hat, mich in Frage zu stellen. Nichts gegen Marc Ziegler, der ja momentan in Dortmund zeigt, dass er ein guter Torhüter ist. Aber damals war er einfach noch nicht soweit.

Wie hat Fringer Ihnen die Entscheidung begründet?


Er hat mich damals zu sich zitiert und mir gesagt: »Du spielst hier nie wieder. Es sei denn, alles läuft schief und wir brauchen noch mal einen erfahrenen Mann.« Nach dieser Aussage blieb mir nichts anderes übrig, als den Verein zu wechseln. Wir müssen das jetzt auch gar nicht so breit treten. Rolf Fringer möchte ich nicht weiter kommentieren, es hat sich ja dann auch schnell erledigt, und ich weiß gar nicht, wo er heute überhaupt ist. (Beim FC St. Gallen, die Red.)

War das der bitterste Moment Ihrer Karriere?

Ich denke schon. Ich habe für meine Vereine immer 110 Prozent gegeben. Ich war immer dann besonders präsent, wenn es im Verein schlecht lief und keiner Lust hatte, Rede und Antwort zu stehen oder Sponsorentermine wahrzunehmen. Das bedeutet nicht, dass man deswegen spielen muss, aber das bedeutet, dass mit einem vernünftig umgegangen wird.

Die Entscheidung gegen Sie stellte sich bald als falsch heraus.


Auch für Marcs Karriere wäre es vielleicht besser gewesen, denn für ihn war es natürlich eine unheimlich schwere Situation. Er musste auf Anhieb jemanden ersetzen, der die Jahre vorher auch nicht so ganz schlecht gewesen ist. Man hätte ihn behutsam aufbauen müssen, aber so hat man ihm dann wenig später Franz Wohlfahrt vor die Nase gesetzt.

Wie kam dann der Kontakt zu Manchester City zustande?

Das war ein Glücksfall. Ich kam aus dem Gespräch mit Rolf Fringer und hatte mich kaum wieder gesammelt, als ich einen Anruf bekam und gefragt wurde, ob ich nicht Lust hätte, in England zu spielen. Für mich war die Sache nach zwei Minuten klar, nur der Verein hat sich dann noch ein bisschen quer gestellt. Da bin ich Gerhard Meyer-Vorfelder im Übrigen sehr, sehr dankbar, weil er in dieser Situation der einzige war, der ein bisschen Menschlichkeit hat walten lassen. Er hat gesagt: „Der Junge hat große Verdienste um den Verein, dem legen wir keine Steine in den Weg.“ So konnte ich noch mal nach England gehen und mir damit einen Traum erfüllen.

Wie war es denn auf der Insel?

Sensationell. Das war eine der schönsten Erfahrungen überhaupt. Vielleicht bin ich da nicht ganz gerecht, denn wenn man 20 Jahre Bundesliga spielt und dann nur knapp zwei Jahre in England, neigt man möglicherweise dazu, die Sache ein bisschen zu positiv zu sehen. Aber die Traditionen, die sensationellen Stadien – schon als kleines Kind hatte ich Bücher darüber gelesen.

Sportlich lief es nicht ganz so gut.

Wir hatten leider keine Mannschaft, die richtig mithalten konnte. Manchester City befand sich damals in einer finanziell schwierigen Situation, so dass im Lauf der Saison wichtige Leistungsträger verkauft werden musste. Letztlich hat uns dann ein einziges Tor zum Klassenerhalt gefehlt. Das war schon bitter.

Wie beurteilen Sie das Torwart-Niveau auf der Insel?

Durchweg hoch. Das Bild vom schlechten englischen Torwart ist ein bisschen verfälscht. Paul Robinson ist meiner Ansicht nach ein guter Torhüter. Da wird dann das erste Gegentor vom Länderspiel gegen Deutschland diskutiert: Der wollte nicht aufs Tor schießen, oder?

Schwer zu sagen.

Das sollte eine Flanke werden, und der Robinson macht das, was in der Situation jeder Torhüter macht. Oder David James. Ich habe selten einen ähnlich talentierten Torhüter kennen gelernt. Der hatte eine Sprungkraft, fing Bälle mit einer Hand am Sechzehner, machte 70-Meter-Abwürfe, das kann man sich gar nicht vorstellen. Ich dachte, das wird der beste Torhüter der Welt. Und dann lese ich auf einmal, er würde 18 Stunden am Tag Nintendo spielen. Dass dann die Konzentration für die wesentlichen Dinge fehlt, ist natürlich klar.

Wie kommt das negative Image der englischen Schlussmänner Ihrer Meinung nach zu Stande?

Ich denke, das hat mit der Spielweise in England zu tun. Auch wenn dort mittlerweile viele Ausländer spielen, ist der englische Fußball schnell, hart und kompromisslos geblieben. Da wird man im Strafraum umgeputzt und der Pfiff bleibt aus. International werden dann ganz andere Dinge abgefragt, die den Torwart an seinem Schwachpunkt erwischen.

Wer war der beste Torhüter aller Zeiten?


Peter Schmeichel ist zumindest der beste Torhüter, den ich in meinem Leben gesehen habe. Es ist unvorstellbar, was der Mann in der Premier League gehalten hat. Er hatte eine Präsenz, eine Körperbeherrschung, eine physische Ausstrahlung – unglaublich! Auf der Linie war er fast unbezwingbar. Lustig ist: Vor einem Spiel gegen Dänemark sagt der Franz Beckenbauer: »Der Schwachpunkt der Dänen ist ja ihr Torhüter.« Peter Schmeichel, Fliegenfänger und so. Ich denke nur: »Mensch Franz, das kann ja wohl nicht wahr sein.« Und im Länderspiel flutscht dem Schmeichel der erste Ball, der aufs Tor kommt, durch die Beine.

1998 haben Sie dann während der laufenden Saison Ihre Karriere beendet. Wie kam es dazu?

Wegen einer Hüftarthrose, die sich in England deutlich verschlimmert hat. Vielleicht aufgrund des Wetters, vielleicht aufgrund des härteren und schnelleren Spiels, mit vielen weiten Abschlägen, ich weiß es nicht. In der ersten Saison ging es noch, in der zweiten wurden die Schmerzen unvorstellbar. Für die ersten Saisonspiele konnten die noch mit Spritzen einigermaßen abgestellt werden. Als dann ein neuer Trainer kam, habe ich versucht, zunächst wieder richtig gesund zu werden. Ich bin also zur Behandlung nach Deutschland geflogen. Dort wurde dann schnell deutlich, dass ich nie wieder würde spielen können.

In der Presse war zu lesen, dass Sie sich aufgrund dieser Verletzung operieren lassen müssen.

Ja, dringend sogar. Aufgrund einiger turbulenter Vorfälle in letzter Zeit bin ich schlicht nicht dazu gekommen. Aber ich habe jetzt einen Termin. Es muss jetzt wieder vorangehen, und die Arthrose hindert mich momentan daran, wieder als Trainer zu arbeiten.

In der „Bild“-Zeitung war zu lesen, Sie seien bankrott. Mussten Sie den OP-Termin deswegen verschieben?


Nein, das hat damit überhaupt nicht zu zun. Die „Sportbild“ hat einen unfassbar negativen Bericht über mich, meine Krankheit und meine finanzielle Situation geschrieben, und ich arbeite momentan daran, diese Dinge wieder gerade zu rücken. Ich sage Ihnen eins: Es muss sich niemand um mich Sorgen machen.

Ihre erste Trainerstation war Heilbronn. Sie führten die Mannschaft in die Oberliga und stabilisierten die Mannschaft trotz großer finanzieller Probleme. Dann gingen Sie als Torwarttrainer nach Istanbul.


Christoph Daum rief mich an und fragte, ob ich ihn zu Besiktas begleiten würde. Zum einen war das natürlich eine äußerst interessante Aufgabe, und mit Christoph Daum hatte ich ja bereits in Stuttgart sehr erfolgreich zusammengearbeitet. Zum anderen war die Situation in Heilbronn aufgrund finanzieller Schwierigkeiten sehr unsicher, so dass ich das Angebot angenommen habe.

Warum wechselten Sie nach kurzer Zeit mit Daum zu Austria Wien?


Wir haben mit Besiktas keinen Titel geholt, weil auch dort Leistungsträger verkauft werden mussten und unser dritter Platz nicht als Erfolg zählte. Mit Austria Wien wurden wir dann Meister und Pokalsieger. Danach haben wir noch sehr erfolgreich bei Fenerbahce Istanbul gearbeitet. Während dieser ganzen Zeit habe ich unheimlich viel gelernt und die Arbeit hat mir sehr viel Spaß gemacht. Aber die Schmerzen waren so stark, dass ich meinen Job nicht mehr vernünftig ausüben konnte.

Momentan engagieren Sie sich für die »Stiftung Jugendfußball« und deren erstes Projekt »FD21« – was so viel heißt wie »Fußball in Deutschland im 21. Jahrhundert«. Was kann man sich darunter vorstellen?

Die Stiftung beruht auf einer Idee von Jürgen Klinsmann, der aus Amerika einige Konzepte mitgebracht hat. Wir haben uns beim Trainerlehrgang getroffen und dann mit weiteren ehemaligen Nationalspielern den Gedanken gehabt, dass wir dem Fußball, der uns allen so viel gegeben hat, auch etwas zurückgeben wollen. So ist dann diese Internetplattform entstanden (fd21.de, d. Red.), auf der wir beispielsweise Jugendtrainern Trainingsprogramme zur Verfügung stellen und Jugendliche mit Informationen und Tipps rund um den Fußball versorgen.

Was sind dort Ihre Aufgaben?

Ich bin bei den Veranstaltungen dabei, die wir durchführen – wie die anderen Mitglieder der Stiftung auch. Zum Beispiel organisieren wir in Schulen Trainingseinheiten, bei denen die Kinder dann Fragen stellen können. Es werden auch Jugendcamps, Fußballschulen und Podiumsdiskussionen abgehalten. Aber das ist keine regelmäßige Tätigkeit, sondern hin und wieder ein Termin.

Was haben Sie vor, wenn Sie wieder gesund sind?

Natürlich möchte ich wieder als Trainer arbeiten. Es hat mir unheimlich viel Spaß gemacht, mit Torhütern zu arbeiten, und ich glaube, dass ich das auch gut kann. Der Thomas Mandl in Wien hat sich während meiner Zeit zum Nationaltorwart entwickelt. Und bei Fenerbahce konnte man die Torhüter anfangs nur daran erkennen, dass sie Handschuhe anhatten. Volkan Demirel ist dann zum zweiten Mann hinter Rüstü geworden und hat ihn später verdrängt. Und das ist das Schönste am Trainerberuf: Zu sehen, wie die eigene Arbeit Früchte trägt.

Das Amt eines Mannschaftstrainers kommt für Sie nicht mehr in Frage?


Natürlich traue ich mir auch zu, wieder eine Mannschaft zu übernehmen. Man hat ja in Heilbronn gesehen, dass das funktioniert. Aber die Torwartarbeit ist mein täglich Brot.


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