Effe über die Mutter aller Niederlagen

»Das kann nicht sein«

Stefan Effenberg führte den FC Bayern in das CL-Finale 1999 – und damit zur bittersten Niederlage der Vereinsgeschichte. Wir sprachen mit ihm über den Sekundentod gegen Manchester, seine Trauer, Baslers Party und eine vierstündige Dopingprobe. Effe über die Mutter aller Niederlagenimago
Heft #90 05/2009
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Stefan Effenberg, war die Niederlage im Champions-League-Finale 1999 die schlimmste Ihres Lebens?

Sportlich gesehen bestimmt, denn in einem WM-Finale habe ich nie gestanden.

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Hatten Sie während der Partie eine Vorahnung, dass es so dramatisch enden könnte?

Nein, denn wir haben gerade in diesem Spiel kaum etwas zugelassen. Natürlich hätten wir nach Mario Baslers 1:0 ein Tor nachlegen müssen, die Chancen dafür hatten wir. Trotzdem war ich absolut sicher, dass in dem Spiel nichts mehr passiert.

Und dann fangen Sie in der Nachspielzeit in kürzester Zeit zwei Tore – und United geht als Sieger vom Platz.

So ist Fußball. Als Spieler darfst du nie abschalten, bevor der Schiri abpfeift. Es war ein traumatischer Denkzettel für uns alle. Eine Lehre, die wir alle aus diesem Finale für den Rest unser Karriere mitnahmen.

Damals gehörten Spieler wie Michael Tarnat, Thorsten Fink, Carsten Jancker oder Thomas Linke zu Ihrem Finalteam. Nicht gerade Namen, die man aus heutiger Sicht in einem Champions League Finale erwartet.

Aber unsere Mannschaft stand vollkommen zu Recht dort! Wir haben in dieser Periode mit Manchester und Madrid den Ton angegeben. In Europa gab es kein weiteres Spitzenteam! Im Jahr darauf sind wir auch ins Halbfinale gekommen, dann wieder ins Endspiel. Wir waren eine geschlossene, sehr starke Mannschaft.

Sie galten als Kopf der Mannschaft.

Lothar Matthäus, Oliver Kahn und ich – wir haben die entscheidenden Positionen ausgefüllt und waren diejenigen, die den Ton angaben. Nichtsdestotrotz haben wir jeden Einzelnen gebraucht. Jeder hat sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. Das war unsere große Stärke, und deswegen waren wir so erfolgreich.

Wie groß war der Druck, der in einem Champions League Finale auf einem Leitwolf wie Ihnen lastete.

Es hielt sich gerade 1999 in Grenzen, denn es gab ja nicht wirklich viele Sorgen, die wir uns machen mussten. Wir standen nicht großartig unter Druck und wir brauchten auch kein Glück. Es war eher so, dass ManU Glück hatte, nicht das 2:0 zu fangen. Für uns lief anfangs alles so, wie wir es geplant hatten.

Wer war an dem Abend ihr Gegenspieler?

Ich glaube, David Beckham. Ferguson hatte ihn für den gesperrten Roy Keane ins zentrale Mittelfeld beordert, und da lief er mir des Öfteren über den Weg. 

In der 80. Spielminute musste Lothar Matthäus vom Platz, weil er ausgepowert war und sein Oberschenkel schmerzte. Eine spielentscheidende Szene.

Es war natürlich unglücklich, weil er ein extrem wichtiger Spieler in der Abwehr war. Ich habe, als er runterging, auch einen Moment gedacht: »Mein Gott, die zehn Minuten hättest du auch noch durchhalten können.« Aber ich muss ihn in Schutz nehmen: Was hätte die Presse ihm angekreidet, wenn er drauf geblieben und in einer entscheidenden Szene einen Fehler gemacht hätte, weil er angeschlagen ist? Ich kann Sie beruhigen: Lothars Auswechslung war keinesfalls der Grund war, warum wir noch zwei Tore kassierten.

Wie kompensiert man die Auswechslung eines solchen Spielers. Können Sie sich noch an Anweisungen erinnern, die Sie auf dem Platz gegeben haben, nachdem Matthäus vom Platz  war?

Ich habe den anderen zugerufen, dass sie versuchen sollen, hinten jetzt noch massiver zu stehen und sich auf den einen oder anderen Konter zu beschränken. Unser Hauptaugenmerk lag darauf, dass wir defensiv sicher stehen und das Spiel über die Bühne bringen.

Alex Ferguson brachte seine »Super-Joker« Ole Gunnar Solskjær und Teddy Sheringham ins Spiel.

Das hat mich nicht besonders beunruhigt. Wieso auch? Wir standen bis zu dem Zeitpunkt hinten sicher, und die Jungs hatten vorher auch Andy Cole und Dwight Yorke sehr gut im Griff.

Dann begann die Nachspielzeit – und United traf zwei Mal. Wie haben Sie die 102 Sekunden bis zum K.o. erlebt?

Eigentlich konnte nichts mehr passieren. Aber bei einer Standardsituation wie diesem Eckball, wenn alle nochmal nach vorne kommen, auch Keeper Peter Schmeichel, und alles riskieren, musst du natürlich hellwach sein. Ich will damit nicht sagen, dass wir nicht hellwach waren, aber es lief einfach sehr unglücklich.

Pierluigi Collina soll vor der Ecke, die zum Ausgleich führte, zu Michael Tarnat gesagt haben, dass er gleich danach abpfeift.

Das habe ich nicht gehört. Aber mein Gott, was will man heute sagen? Hätte er danach abgepfiffen, wären wir in die Verlängerung gegangen und dann... Es ist so passiert, wie es passiert ist. Collina war ein guter Schiedsrichter.

Können Sie sich noch an den Moment des Abpfiffs erinnern?

Oh Mann, das hat verdammt wehgetan. Da hätte ich lieber chancenlos 0:2 oder 0:3 verloren. Ich saß auf dem Rasen und dachte mir: »Das kann nicht sein«. Jetzt gehst du an dem Pott vorbei, darfst ihn nicht anfassen und fliegst wieder nach Hause.

Was heute fest geregelt ist, war damals eine Premiere für die Ihr Team hinterher auch den Fair-Play-Preis erhielt: Sie standen als Verlierer für den Sieger Spalier.

Kein schöner Moment, wie Sie sich vorstellen können, denn ich war mit meinen Gedanken ganz woanders. Fair-Play hin oder her – in solchen Momenten hat man echt was Besseres zu tun, als Spalier zu stehen.

Woran dachten Sie in diesem Moment?

Ich dachte an die Riesenchance, die wir vertan hatten, und dass wir nun wieder ein verdammt langes Jahr spielen mussten, um eventuell wieder in so ein Finale zu kommen. Aber das wollte ich: Ich wollte Revanche und diesen Pokal gewinnen. Zwei Jahre später hat es dann ja auch geklappt.

Nach dem Spiel mussten Sie gemeinsam mit Ersatzkeeper Bernd Dreher zur Dopingprobe. Und auf wen treffen Sie dabei? Ausgerechnet auf die glücklichen Torschützen Sheringham und Solskjær. Verbrüderungsszenen gab es da wohl keine, oder?

Naja, meine Gemütslage können Sie sich vorstellen. Und dann kamen die beiden brutal spät, bestimmt 20 Minuten später als wir. Ich weiß ja nicht, wie die Reglungen damals waren, vielleicht sollten wir nachträglich nochmal ein Wiederholungsspiel anmahnen (lacht). Im Ernst: Es versetzte mir einen ordentlichen Stich, die beiden da im Freudentaumel zu erleben. Zumal sie in ihrer Kabine wohl auch schon ordentlich auf den Sieg angestoßen hatten. Der Vorteil daran war, dass es bei denen gut lief und sie schnell wieder weg waren.

Und Sie blieben zurück.

Ich habe ihnen vorher noch gratuliert und gehofft, dass wir uns irgendwann nochmal über den Weg laufen.

Bei Ihnen klappte es mit der Dopingprobe ja nicht so flüssig wie bei den beiden Briten.

Nein, wir mussten noch gut zwei Stunden warten, bis wir die Dopingprobe abgegeben hatten. Ich habe in einer Tour Wasser in mich reingeschüttet, aber ich konnte einfach nicht. Ich war völlig leer und ausgepowert, dazu kam die Verarbeitung des Spiels. Ich trank bestimmt vier Liter Wasser – und irgendwann kam die Flüssigkeit dann oben raus, weil es unten nicht klappte.

Um die Sache zu beschleunigen, haben Sie sogar noch einen Entspannungsspaziergang auf dem Rasen gemacht. Dort trafen Sie RTL-Moderator Günther Jauch – über was haben Sie mit Ihm gesprochen?

Wir haben über das Spiel gesprochen und die Tatsache, wie verrückt und ungerecht doch der Fußball ist. Dann habe ich ihm noch gesagt: Ich hoffe, dass wir nochmal auf ManU treffen. Ich will Revanche!

Gehörten Sie nach dem Bankett im Hotel auch zu der Clique um Mario Basler, die den Niederlagenfrust mit einer Party kompensierte?

Vom Bankett habe ich wegen der ewig langen Dopingprobe fast nichts mitbekommen. Ich bin dann mit Carsten Jancker und Alfred Eyrich von Adidas auf mein Zimmer gegangen und dort haben wir das Spiel analysiert. Als ich am nächsten Tag hörte, wie ausgelassen manche an dem Abend noch gefeiert haben, hat mich das schon sehr gewundert.  Jeder soll machen, was er für richtig hält, aber mit so einer exzessiven Party hatte ich schon ein Problem. Schließlich hatten wir ein paar Tage später ja noch das DFB-Pokalfinale zu spielen.

Wann haben Sie geschlafen?

In so einer Nacht schläft man nicht viel, vielleicht habe ich zwei, drei Stunden gedöst.

Haben sie das Finale von Barcelona im Anschluss mit Ottmar Hitzfeld nochmal analysiert?

Nein. Was will man bei so einem Spiel nachbereiten? Ich habe die Partie nie wieder gesehen. Mir reichte als Erkenntnis, dass wir durch die dramatische Niederlage motiviert wurden, das Ziel Champions League neu anzugehen. Für mich war die Niederlage der Kick zu sagen: Wir haben eine gute Truppe, wir kommen da nochmal hin!

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