Edmund Becker im Interview

„Ruhm ist kein Lebenselixier“

Seit beinah 30 Jahren ist Edmund „Ede“ Becker dem KSC nun schon treu. Im Interview spricht er über die Höhen und Tiefen dieser eheähnlichen Beziehung, über den Druck, dem man gewachsen ist, und über ein mögliches Scheitern. Imago
Heft #66 05 / 2007
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Herr Becker, als Sie Anfang 2005 Profi-Trainer wurden, titelte die Karlsruher Stadtzeitung: „Ede Beckers Ja-Wort“. Sind Sie etwa mit dem KSC verheiratet?

(lacht) Wenn ich jetzt ja sagen würde, bekäme ich Ärger mit meiner Frau. Im Ernst: Es hat sich nie etwas anderes ergeben. Außerdem komme ich ja hier aus der Region. So bin ich dem KSC – mit einer Unterbrechung, als ich bei meinem Heimatverein meine ersten Erfahrungen als Trainer gesammelt habe – nun schon seit 30 Jahren verbunden.

Was schätzen Sie besonders an den Badenern?

Sie sind sehr ruhig, verlässlich und gemütlich.

Kann man diese Attribute auch Ihnen zuschreiben?

Ja, sicher. Aber als Trainer ist man von Zeit zu Zeit gezwungen, anders zu reagieren, als es dem Naturell entspricht. Man kann nicht immer ruhig bleiben. Aber im Großen und Ganzen würde ich mich schon als typischen Badener bezeichnen.

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Wie sehr ist ihre Verbindung zum KSC emotional geprägt?

Schon sehr. Aber alles Herzblut hilft einem nichts, wenn es hart auf hart kommt. 2000/2001 war eine bittere Zeit für den KSC. Da habe ich die Erfahrung gemacht, dass auch 20, 30 Jahre in einem Verein einem nichts mehr nützen, wenn da irgendwelche Leute am Ruder sind, denen ein Gesicht nicht mehr passt. Das Geschäft ist wahnsinnig kurzlebig. Ich gebe mich also keinen Illusionen mehr hin.

Das klingt abgeklärt. Haben Sie trotzdem die Befürchtung, irgendwann einmal KSC-blind zu werden?

Ich habe mich immer auch mit der Arbeit anderer Trainer auseinandergesetzt. Außerdem bin ich politisch und kulturell sehr interessiert. Ich bin also beileibe nicht nur auf den KSC fixiert und brauche nicht zu befürchten, blind zu werden.

Aber Fernweh haben Sie doch bestimmt mal gehabt.

In meiner Zeit als Spieler hatte ich zunächst Schwierigkeiten, mich durchzusetzen. Das war eine unschöne Zeit, zugegeben. Da habe ich auf einen Wechsel spekuliert. Aber dann kam Max Merkel zum KSC und gab mir einen Stammplatz. Ich habe unter ihm eine sehr gute Saison gespielt, und andere Vereine sind auf mich aufmerksam geworden. Aber eine schwere Knieverletzung hat mich immer wieder zurückgeworfen. Später als Trainer habe ich hier im Amateurbereich gearbeitet, und das hat mir soviel Spaß gemacht, dass ich nie bestrebt war, mich zu verändern.

Seit 1990 sind Sie nun schon in verschiedenen Mannschaften des KSC als Trainer tätig, hatten mit einigen Cheftrainern wie Winfried Schäfer oder Lorenz-Günther Köstner zu tun. Haben diese Ihr Potenzial als Kenner des Vereins denn auch immer ausgeschöpft?

Es gab schon einen regen Austausch – vorausgesetzt, der Trainer war auch lang genug da, was leider nicht immer der Fall war. Besonders bei Köstner hatte ich das Gefühl, dass er weiß, dass ich schon lange im Vereine bin und dementsprechend ein großes Wissen habe.

„Warum viel Geld für einen Trainer zahlen, wenn er die Mannschaft gar nicht kennt“, sagte Präsident Hubert Raase Anfang 2005 – und verpflichtete Sie. Waren Sie damals der Spatz in der Hand?

Es war für mich kein Thema, ob ich die Billiglösung bin. Dennoch habe ich am Anfang gezögert. Ich wollte Amateur-Trainer bleiben. Dann haben mir aber viele Leute gut zugeredet, unter anderem meine Frau und ein sehr guter Freund. Schließlich bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es wohl doch nicht das Schlechteste wäre, Cheftrainer zu werden.

Auch ein Mannschaftsvotum hat Sie seinerzeit überzeugt, dieses Amt zu übernehmen. Ist ein solcher Vertrauensvorschuss nicht ein Traum für jeden Trainer?

Natürlich freut einen das. Aber nachdem die Entscheidung erst einmal gefallen war, ging es nur noch darum, dafür zu sorgen, dass die Mannschaft gewinnt. Wenn das nicht passiert, nützt einem weder das Zuraten des Freundes oder der Frau noch ein Mannschaftsvotum. Noch einmal: Das Geschäft ist unheimlich kurzlebig.

Wann haben Sie das zuletzt zu spüren bekommen?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Beim Spiel gegen Rostock haben die Leute zunächst meinen Namen gesungen, dann stand es plötzlich 4:4, und die gleichen Leute schimpften: „Warum hat er denn nicht ausgewechselt?“ Der Fußball ist extrem, da liegt alles sehr eng beisammen. Darauf muss man vorbereitet sein, wenn einen solchen Job annimmt.

Ihre Mannschaft wirkt intakt. Viele Spieler unternehmen auch privat etwas miteinander. Ist das eine glückliche Fügung? Oder Ihr Konzept bei der Zusammenstellung des Kaders?

Es ist ein Glücksfall, dass unsere Personalpolitik der letzten zwei Jahre so gut funktioniert hat. Da muss ich meinen Vorgänger Lorenz-Günther Köstner ausdrücklich mit einbeziehen. Er hat seinerzeit Markus Miller das Vertrauen geschenkt, einem sehr jungen Torhüter. Und er hat den Edmond Kapllani für den KSC gewonnen. Dann kamen noch Carnell, Aduobe, Franz, Federico, Kaufman und Porcello. Das sind sechs Spieler, von denen jetzt fünf einen Stammplatz haben und Leistungsträger sind. Zu einer solchen Quote gehört auch ein wenig Glück.

Sie haben viele technisch starke Spieler in Ihren Reihen, die Mannschaft spielt für Zweitligaverhältnisse ungewöhnlich schönen Fußball. Dabei kommen aber auch Ergebnisse heraus wie das 3:3 gegen Duisburg und das 4:4 gegen Rostock, zuletzt sogar die erste Saison-Niederlage gegen Aue. Besteht manchmal die Gefahr, in Schönheit zu sterben?

Ja, das ist so. Wir müssen vielleicht, um das Ziel noch sicherer greifen zu können, noch mehr ans Ergebnis denken. Ich will zwar, dass wir weiterhin nach vorne spielen. Ich will aber auch, dass wir geschlossen sind, wenn der Gegner in Ballbesitz kommt. Da haben wir sicherlich noch Luft nach oben.

Können die Jungs denn auch kämpfen, wenn es darauf ankommt?

Natürlich. Sehen Sie nur die Spiele gegen die Aufsteiger, gegen Essen, wo wir durch ein Tor von Porcello erst kurz vor Schluss gewonnen haben, oder auch gegen Koblenz und Unterhaching, wo wir mit vereinten Kräften die drei Punkte geholt haben.

Der KSC hat sechs Punkte Vorsprung auf einen Nichtaufstiegsplatz. Hand aufs Herz, Herr Becker: Alles andere als der Aufstieg wäre doch ein Enttäuschung.

Wir wollten uns gegenüber dem letzten Jahr verbessern. Das ist uns bislang gelungen. Über den Aufstieg werden wir in der Winterpause reden. Aber es ist kein Geheimnis: Wir wollen aufsteigen, und sich mit den Besten messen zu können, ist der Kick, der alle hier antreibt.

Ist das der Geist von 1986?

Generell ist es schwierig, Vergleiche über mehr als 20 Jahre hinweg anzustellen. 1986 ist die Mannschaft als No-Name-Truppe aufgestiegen. Bei uns ist die Erwartungshaltung schon ungleich größer. Diesem Druck müssen wir uns jetzt stellen. Und ich bin überzeugt davon, dass wir ihm gewachsen sind.

Vielleicht gelingt der Vergleich, wenn wir ihn auf zwei Personen reduzieren. Was unterscheidet Sie von Winfried Schäfer? Und wo liegen Ihre Gemeinsamkeiten?

Wir sind vollkommen verschieden. Der Winnie hat von seiner Art gelebt, eine Mannschaft zu begeistern. Er war ein emotionaler Pusher. Ich bin mehr der nüchterne Analytiker, pflege einen ruhigen Umgang mit der Mannschaft.

Wenn der KSC tatsächlich aufsteigt, wäre das nach der „Ära Schäfer“ die „Ära Becker“?

Ich weiß nicht, ob es im heutigen Fußball noch möglich ist, so lange mit einer Mannschaft zu arbeiten wie damals der Winnie. Ich denke an die Gegenwart und sage: Für uns alle wäre es toll, in dieser Gemeinschaft, die wir bilden, in die Bundesliga aufzusteigen. Ob es dann länger funktioniert... Darüber zu urteilen wäre hypothetisch.

Der ehemalige Präsident Gerhard Seiler hat den Verein in seiner Amtszeit wirtschaftlich wieder stark in der Region verankert. Das hat den KSC konsolidiert. Kann ein regional geprägter Verein sich denn überhaupt dauerhaft im Oberhaus etablieren?

Die regionale Verankerung ist wichtig. Sie erhöht die Identifikationskraft des Vereins. Und sie reicht meiner Meinung nach in unserem Fall absolut aus. Wir haben hier einen Zuspruch und ein Umfeld, die zweifellos erstligatauglich sind.

Was würde ihr Scheitern als Trainer des KSC für Ihr Leben in der Region bedeuten?

Am Anfang eine Enttäuschung. Es kann sehr schmutzig werden, gerade was die Öffentlichkeit anbelangt. Aber ich kann es nur noch mal sagen: Ich bin darauf vorbereitet. Schließlich habe ich mit Schäfer und Köstner schon sehr bittere Stunden erlebt und weiß, dass es viel wichtigere Dinge gibt als Fußball. Ruhm ist nicht mein Lebenselixier.

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