19.10.2007

Ede Becker im Interview

„Wir jagen Bayern auf dem Mofa“

Trainer Ede Becker ist dem KSC seit 30 Jahren treu. Gemeinsam standen sie schon am Abgrund. Und nun das: Sieg auf Schalke, Tabellenzweiter, den Bayern im Nacken. Doch Becker verriet uns: Der Job laugt ihn aus.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Die Mannschaft hat sich offenbar gefunden: Dem 2:0-Sieg auf Schalke ging eine bärenstarke Leistung voraus. Mussten Sie sich, als Sie nach dem Abpfiff in der Riesen-Arena standen und drei Punkte in der Tasche hatten, selbst zwicken?

Wir sind hier im Dezember 2004 angetreten, als der Verein am Abgrund stand. In der Runde haben wir uns gerettet, dann haben wir Fuß gefasst, und in der dritten Spielzeit haben wir überragend gespielt und sind aufgestiegen. Wenn Du dann in solchen Arenen gegen Mannschaften spielst, die Champions-League-Ambitionen haben, und die drei Punkte mitnimmst – ja, dann muss ich mich tatsächlich zwicken, um zu überprüfen, ob das alles wahr ist.

Befürchten Sie, dass solche Siege ihrer Mannschaft die Sicht versperren könnten auf das, was trotz allem noch bevorstehen kann: den Abstiegskampf?

Ich horche intensiv auf die Reaktionen meiner Spieler. Wenn ich da heraus höre, dass sie wissen, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben – dann bin ich zuversichtlich.

Schon in der letzten Saison hat Ihre Mannschaft außergewöhnlich schönen Offensivfußball gespielt. Sie lief dabei aber immer wieder Gefahr, in Schönheit zu sterben, etwa beim 4:4 in Rostock oder beim 3:3 gegen Duisburg.

Genau diese Spiele haben uns – auch wenn die Fans das nicht so gern hören, denn sie wollen ja ein Spektakel sehen – dazu veranlasst zu sagen: Wenn wir so in der Bundesliga auftreten, dann gehen wir sang- und klanglos unter. Wir müssen defensiv kompakter stehen und aus dieser Defensive heraus versuchen, koordiniert nach vorn zu spielen. Das lief am Anfang etwas schleppend, auf Schalke hat man aber schon zwei geniale Spielzüge gesehen, die auch noch zu Toren führten. Das freut mich als Trainer natürlich ungemein.

An den nächsten Spieltagen kommt es zum Wiedersehen mit den anderen Aufsteigern, dem MSV Duisburg und Hansa Rostock. Sind das schon diese so genannten 6-Punkte-Spiele?

Es sind sehr wichtige Spiele, um uns zu stabilisieren, aber keine 6-Punkte-Spiele. Es funktioniert nicht, wenn man sagt: Gegen die oberen Mannschaften verlieren wir eh, gegen die Mittelfeldmannschaften haben wir die Chance auf einen Punkt, und gegen die hinteren müssen wir gewinnen. Man muss vielmehr situationsbedingt beurteilen: Was ist machbar? Wie gut ist der Gegner drauf? Dann muss man in einem Heimspiel gegen Duisburg unter Umständen auch mal mit einem Punkt zufrieden sein.

Wie kommt es, dass Mannschaften, die in der zweiten Liga noch auf Augenhöhe waren, sich in der ersten Liga so unterschiedlich präsentieren?

Die Bundesliga ist vor allem eine Herausforderung für die Psyche. Wir hatten das Glück, in einen guten Rhythmus zu kommen. Zudem sind wir nach den Rückschlägen wieder gut in die Bahn gekommen. Jetzt ist entscheidend: Wir dürfen uns nur nicht von außen beeinflussen lassen und müssen konzentriert weiter an uns arbeiten.

Sie erwähnten eben schon, wie wichtig mannschaftliche Geschlossenheit ist. Die Aufstiegsmannschaft wirkte schon wie ein Freundeskreis, und offenbar konnten Sie auch die Neuzugänge problemlos in dieses Gefüge integrieren.

Ich als Trainer beobachte diese Entwicklung nur. Das Kompliment muss ich also an die Spieler weitergeben. Die Alten haben die Neuen mit ins Boot geholt, die Neuen wollten sich integrieren. Dazu muss ich sagen: Wie stabil eine Mannschaft ist, zeigt sich in der ersten Krise, die sie zu überstehen hat. Dann müssen die Spieler zeigen, dass sie einander nicht selbst zerfleischen, sondern ein Team sein wollen.

Ist eine Krise für die langfristige Entwicklung einer Mannschaft am Ende sogar wünschenswert?

Neee (lacht)! Dass wir mal in schwieriges Fahrwasser kommen werden, davon ist auszugehen. Dann müssen wir enger zusammenrücken. Aber die große Krise wünsche ich mir mit Sicherheit nicht!

Bis zu welchem Grad kann die mannschaftliche Geschlossenheit individuelle Schwächen kompensieren?

Prozentual lässt sich das nicht beziffern. Aber die mannschaftliche Geschlossenheit ist ein wesentlicher Faktor für den Erfolg, gerade für einen Verein mit einem relativ geringen Etat.

Bis auf vier Spieler haben in dieser Saison alle im KSC-Kader mindestens eine Partie absolviert. Das könnte einerseits für einen homogenen Kader sprechen, andererseits aber auch für eine recht dünne Besetzung.

Wir haben lieber sechs Spieler geholt, von denen wir überzeugt waren, als acht, nur um den Kader aufzufüllen. Für uns ist es von Vorteil, einen kleinen Kader zu haben. So haben wir weniger unzufriedene Spieler. Dennoch geht es bei uns nicht reibungslos ab, wie man in Frankfurt gesehen hat, als Bradley Carnell und Markus Miller aufeinander losgegangen sind. Niederlagen – so etwas wollen wir nicht! Dann kann es auch mal richtig rappeln. Es wäre ja auch schlimm, wenn wir einander vor lauter Harmonie nach Niederlagen in den Armen liegen (lacht).

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