Ede Becker im Interview

„Wir jagen Bayern auf dem Mofa“

Trainer Ede Becker ist dem KSC seit 30 Jahren treu. Gemeinsam standen sie schon am Abgrund. Und nun das: Sieg auf Schalke, Tabellenzweiter, den Bayern im Nacken. Doch Becker verriet uns: Der Job laugt ihn aus. Imago

Herr Becker, kann man mit einem Fahrrad einen Formel-1-Boliden jagen?

Sie spielen darauf an, dass wir als Bayern-Jäger bezeichnet werden. Ihr Vergleich ist aber etwas zu drastisch. Ersetzen Sie das Fahrrad durch ein Mofa, dann passt es (lacht). Spaß beiseite: Wir haben uns nie an dieser Diskussion beteiligt und sehen unsere sportliche Situation durchaus realistisch.

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Stört sie die stilisierende Berichterstattung, die den KSC nach nur neun Spieltagen in eben diese Rolle des Bayern-Jägers drängt?

Nein, das stört mich nicht. Das gehört nun mal zum Geschäft. Die Medien brauchen Heros und Loser. Man muss nur die Spieler darauf hinweisen, dass eine solche Berichterstattung mit der sportlichen Wirklichkeit nichts zu tun hat. Bei unserem Freundschaftsspiel gegen Paderborn (der KSC verlor 1:5, Anm. d. Red.) hat man es deutlich gesehen: Wenn man zu lasch in ein Spiel geht, weil man sich für einen Hero hält, dann hat man im Profi-Fußball keine Chance.

Sie sprechen von „Heros“ und „Losern“, die von den Medien erschaffen würden. Verläuft die Berichterstattung mehr nach dramaturgischen als nach journalistischen Mustern?


Das hängt von dem Medium ab, mit dem Sie es zu tun haben. Die einen bleiben sachlich. Die anderen suchen die Inszenierung, das Reißerische. Man muss damit leben, dass vieles, was abseits des Platzes geschieht, als interessanter angesehen wird als das eigentliche Spiel. Wir müssen damit leben, weil wir davon leben. Die Einschaltquote und die Auflagen müssen stimmen, nur so kommt es zu Werbeeinnahmen und fließt das Geld, das bei den Vereinen ankommen soll, bei den Spielern und bei mir als Trainer. Wir sollten uns also nicht beklagen.

Was denken Sie, wenn Ihr Kollege Ernst Middendorp, dem bei Arminia Bielfeld eine qualitativ ähnliche Mannschaft zur Verfügung steht, sich selbst zum Bayernjäger erklärt?

Ich möchte mich grundsätzlich nicht über Kollegen äußern. Ich kann nur für mich und den KSC sprechen. Mein Stil ist, dass ich herauszufinden versuche, was für uns machbar und was nicht machbar ist. Dementsprechend äußere ich mich in der Öffentlichkeit.

Erfüllt es Sie mit Genugtuung, wenn sich der Spruch bewahrheitet: „Hochmut kommt vor dem Fall“?

Wenn man seine Außendarstellung überreißt und meint, man ist schon jemand, der man noch gar nicht ist, geht das mit Sicherheit in die Hose. Das gilt nicht nur für andere Vereine, sondern auch für uns. Als sich etwa Sebastian Freis negativ über Christian Wörns geäußert hatte (Freis sagte nach seinem Tor gegen den BVB über Wörns: „Der ist jetzt schon in einem fortgeschrittenen Alter, da kommt man nicht so schnell hinterher.“, Anm. d. Red), haben wir natürlich versucht gegenzusteuern.

Sie sind nun Tabellen-Zweiter, beteiligen sich aber nicht an der Jagd. Heißt das, dass die Bayern schon Meister sind?

Nein, das heißt es nicht. Zwar sind die Bayern klarer Favorit, denn sie haben eine ausgesprochen gute Mannschaft und einen überragenden Start hingelegt. Aber im Fußball gibt es keine Selbstläufer. Man muss sich tagtäglich beweisen, und das wissen die Bayern auch.

Im direkten Vergleich mit den vermeintlich Gejagten verloren Sie zu Hause 1:4. War das ein Weckruf zur rechten Zeit?

70 Minuten lang haben wir ein gutes Spiel gemacht. Das habe ich auch der Mannschaft gesagt, was ich nach einer so hohen Niederlage noch nie getan habe. Die Jungs hatten versucht, Fußball zu spielen, den Bayern Paroli zu bieten. Für uns war das Spiel in Leverkusen wesentlich wichtiger (der KSC verlor 0:3, Anm. d. Red.). Da hatten wir wirklich einen rabenschwarzen Tag: Jeder hat nur für sich gespielt, es stand keine Mannschaft auf dem Platz. Dieses Spiel war also ein echter Weckruf, wenn Sie so wollen.

Wie kann es sein, dass eine Mannschaft, die zuvor noch eine Einheit war, derartig zerfasert?

Jeder hatte zu sehr mit sich selbst zu tun. Der Trugschluss ist, dass man im Verlaufe eines solchen Spiels den Schalter noch umlegen kann. Aber das funktioniert nicht. Es entsteht eine Abwärtsspirale.

Sie verrieten nach dieser Niederlage, dass die Mannschaft verunsichert sei, ob sie in der Bundesliga mithalten könne. Was haben Sie getan, um Ihr das nötige Selbstvertrauen zurückzugeben?

Sie überschätzen den Einfluss eines Trainers. Die Mannschaft muss aus sich heraus zu sich selbst finden, eine kompakte Einheit bilden. Ich kann dafür im Training nur die Voraussetzungen schaffen.

Die Mannschaft hat sich offenbar gefunden: Dem 2:0-Sieg auf Schalke ging eine bärenstarke Leistung voraus. Mussten Sie sich, als Sie nach dem Abpfiff in der Riesen-Arena standen und drei Punkte in der Tasche hatten, selbst zwicken?

Wir sind hier im Dezember 2004 angetreten, als der Verein am Abgrund stand. In der Runde haben wir uns gerettet, dann haben wir Fuß gefasst, und in der dritten Spielzeit haben wir überragend gespielt und sind aufgestiegen. Wenn Du dann in solchen Arenen gegen Mannschaften spielst, die Champions-League-Ambitionen haben, und die drei Punkte mitnimmst – ja, dann muss ich mich tatsächlich zwicken, um zu überprüfen, ob das alles wahr ist.

Befürchten Sie, dass solche Siege ihrer Mannschaft die Sicht versperren könnten auf das, was trotz allem noch bevorstehen kann: den Abstiegskampf?

Ich horche intensiv auf die Reaktionen meiner Spieler. Wenn ich da heraus höre, dass sie wissen, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben – dann bin ich zuversichtlich.

Schon in der letzten Saison hat Ihre Mannschaft außergewöhnlich schönen Offensivfußball gespielt. Sie lief dabei aber immer wieder Gefahr, in Schönheit zu sterben, etwa beim 4:4 in Rostock oder beim 3:3 gegen Duisburg.

Genau diese Spiele haben uns – auch wenn die Fans das nicht so gern hören, denn sie wollen ja ein Spektakel sehen – dazu veranlasst zu sagen: Wenn wir so in der Bundesliga auftreten, dann gehen wir sang- und klanglos unter. Wir müssen defensiv kompakter stehen und aus dieser Defensive heraus versuchen, koordiniert nach vorn zu spielen. Das lief am Anfang etwas schleppend, auf Schalke hat man aber schon zwei geniale Spielzüge gesehen, die auch noch zu Toren führten. Das freut mich als Trainer natürlich ungemein.

An den nächsten Spieltagen kommt es zum Wiedersehen mit den anderen Aufsteigern, dem MSV Duisburg und Hansa Rostock. Sind das schon diese so genannten 6-Punkte-Spiele?

Es sind sehr wichtige Spiele, um uns zu stabilisieren, aber keine 6-Punkte-Spiele. Es funktioniert nicht, wenn man sagt: Gegen die oberen Mannschaften verlieren wir eh, gegen die Mittelfeldmannschaften haben wir die Chance auf einen Punkt, und gegen die hinteren müssen wir gewinnen. Man muss vielmehr situationsbedingt beurteilen: Was ist machbar? Wie gut ist der Gegner drauf? Dann muss man in einem Heimspiel gegen Duisburg unter Umständen auch mal mit einem Punkt zufrieden sein.

Wie kommt es, dass Mannschaften, die in der zweiten Liga noch auf Augenhöhe waren, sich in der ersten Liga so unterschiedlich präsentieren?

Die Bundesliga ist vor allem eine Herausforderung für die Psyche. Wir hatten das Glück, in einen guten Rhythmus zu kommen. Zudem sind wir nach den Rückschlägen wieder gut in die Bahn gekommen. Jetzt ist entscheidend: Wir dürfen uns nur nicht von außen beeinflussen lassen und müssen konzentriert weiter an uns arbeiten.

Sie erwähnten eben schon, wie wichtig mannschaftliche Geschlossenheit ist. Die Aufstiegsmannschaft wirkte schon wie ein Freundeskreis, und offenbar konnten Sie auch die Neuzugänge problemlos in dieses Gefüge integrieren.

Ich als Trainer beobachte diese Entwicklung nur. Das Kompliment muss ich also an die Spieler weitergeben. Die Alten haben die Neuen mit ins Boot geholt, die Neuen wollten sich integrieren. Dazu muss ich sagen: Wie stabil eine Mannschaft ist, zeigt sich in der ersten Krise, die sie zu überstehen hat. Dann müssen die Spieler zeigen, dass sie einander nicht selbst zerfleischen, sondern ein Team sein wollen.

Ist eine Krise für die langfristige Entwicklung einer Mannschaft am Ende sogar wünschenswert?

Neee (lacht)! Dass wir mal in schwieriges Fahrwasser kommen werden, davon ist auszugehen. Dann müssen wir enger zusammenrücken. Aber die große Krise wünsche ich mir mit Sicherheit nicht!

Bis zu welchem Grad kann die mannschaftliche Geschlossenheit individuelle Schwächen kompensieren?

Prozentual lässt sich das nicht beziffern. Aber die mannschaftliche Geschlossenheit ist ein wesentlicher Faktor für den Erfolg, gerade für einen Verein mit einem relativ geringen Etat.

Bis auf vier Spieler haben in dieser Saison alle im KSC-Kader mindestens eine Partie absolviert. Das könnte einerseits für einen homogenen Kader sprechen, andererseits aber auch für eine recht dünne Besetzung.

Wir haben lieber sechs Spieler geholt, von denen wir überzeugt waren, als acht, nur um den Kader aufzufüllen. Für uns ist es von Vorteil, einen kleinen Kader zu haben. So haben wir weniger unzufriedene Spieler. Dennoch geht es bei uns nicht reibungslos ab, wie man in Frankfurt gesehen hat, als Bradley Carnell und Markus Miller aufeinander losgegangen sind. Niederlagen – so etwas wollen wir nicht! Dann kann es auch mal richtig rappeln. Es wäre ja auch schlimm, wenn wir einander vor lauter Harmonie nach Niederlagen in den Armen liegen (lacht).

Letztes Jahr spielte Ihre Mannschaft noch in wesentlich kleineren Stadien gegen Vereine aus der Provinz. Nun läuft sie in Gelsenkirchen auf, empfängt den FC Bayern, die Gegenspieler heißen Kuranyi, Bordon, Ribéry und Toni. Haben Sie an dem einen oder anderen Ihrer Spieler schon so etwas wie Lampenfieber festgestellt?

Ohne es genau gesucht zu haben: Nein. Es ist für die Spieler eine Herausforderung. Sie wollen endlich zeigen: „Ich bin ein Bundesligaspieler! Ich will mich beweisen!“

Haben Sie selbst einen erhöhten Puls, wenn Sie aus den Katakomben treten und diese riesigen Menschenmassen sehen?

Ja, schon. Die Anspannung ist wahnsinnig groß. Auch nach dem Spiel brauche ich meine Zeit, um herunterzukommen und wieder vernünftige Aussagen treffen zu können. Dann ist schon nötig, worüber wir vorhin gesprochen haben: Dass mich mal jemand zwickt (lacht).

Auch für Sie ist die 1. Bundesliga schließlich Neuland. Wie vermitteln Sie Ihren Spielern den Eindruck, dass Sie wissen, wovon Sie reden?

Ich stelle einfach das Wesentliche in den Vordergrund. Da kann ich mich nur wiederholen: Wir müssen als Mannschaft auftreten. Wir sind keine Golfer, wir sind keine Tennisspieler, wir sind keine Schwimmer, und wir sind keine Leichtathleten. Nur als Mannschaft haben wir eine Chance.

Sie sagten vor knapp einem Jahr im Interview mit 11freunde.de: „Ruhm ist nicht mein Lebenselixier.“ Nun sind Sie der Trainer des Überraschungsteams schlechthin. Es wäre also durchaus verständlich, wenn Sie ein wenig vom Ruhm kosten würden.

Schwierig zu sagen (überlegt). Ich freue mich, dass wir Erfolg haben. Das ist – wie in jedem anderen Beruf – eine Bestätigung der Arbeit. Ich muss zugeben, dass es ein gutes Gefühl ist, wenn mich der „Focus“ oder die „Süddeutsche Zeitung“ um Interviews bitten. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass es Menschen gibt, die einen viel wichtigeren Job machen, etwa als Ärzte in Afrika oder anderen Entwicklungsgebieten.

Sie bezeichnen sich selbst als typisch badisch: ruhig, verlässlich, gemütlich. Ist diese Geisteshaltung unter dem Druck des Bundesligageschäfts in Gefahr geraten?

Bisher noch nicht. Mein Ziel ist es, noch über dem sportlichen Erfolg, dass ich mich als Mensch nicht verändere. Da appelliere ich auch an mein direktes Umfeld, ob hier in der Trainerkabine oder zu Hause bei Familie und Freunden: „Leute, wenn ich abhebe, sagt mir bitte bescheid.“ Denn dieser Preis wäre mir zu hoch.

Mit kurzen Unterbrechungen arbeiten Sie seit fast 30 Jahren beim KSC. Auf Amateurebene hätte das vielleicht noch Jahrzehnte so weitergehen können. Doch mit ihrem Schritt zum Profi-Trainer haben Sie Ihr Engagement endlich gemacht: Über kurz oder lang werden Sie sich aus Karlsruhe verabschieden müssen.

Das weiß ich nicht. Ich kann nur eines ausschließen: Dass ich hier in Karlsruhe noch einmal ins zweite Glied rücke. Wahrscheinlicher ist, dass ich im Scouting- oder Nachwuchsbereich des KSC Verantwortung übernehme und dort eigenständig arbeite. Das habe ich mir auch vertraglich fixieren lassen. Ob ich eines Tages einen ganz anderen Verein als Trainer übernehme, ist jedoch offen.

Reizt es Sie nicht, sich nach einem halben Leben für den KSC woanders auszuprobieren?

Das müsste ich beurteilen, wenn es soweit ist: Gibt es hier Anzeichen, dass es bröckelt? Ist es vielleicht sogar besser, ein neues Projekt anzugehen? Erst dann mache ich mir darüber Gedanken.

Würde es Ihnen sehr schwer fallen, Ihre Heimat Baden zu verlassen?

Dass ich die Frage zu einem Engagement bei einem anderen Verein offen lasse, hat zunächst einmal gar nichts mit meiner Heimatverbundenheit zu tun. Es liegt vielmehr an dem Beruf des Bundesligatrainers an sich und dem Maß, in dem man beansprucht wird. Man kann fast nicht mehr abschalten, es geht zuviel Lebensqualität verloren. Das ist kein Job, den ich noch zehn Jahre machen will. Ich will nicht süchtig werden und dann nicht mehr davon los kommen. Das wird, wie Sie gesagt haben, endlich sein.

Glauben Sie, dass Sie in Krisenzeiten als KSC-Urgestein einen Bonus hätten?

Eher weniger. Das Vergangene, auch wenn es noch so erfolgreich war, ist sehr schnell vergessen. Man kann sich darauf nicht verlassen. Und in gewisser Weise kann man es auch nicht genießen – diesen Jubel, diesen Transparente mit dem eigenen Gesicht drauf. Im Hinterkopf hat man immer: Irgendwann geht es wieder in eine andere Richtung.

Das wäre dann die Krise, in der sich erweisen würde, wie stabil das Karlsruher Gefüge tatsächlich ist.

Zweifellos. Ich möchte mich auch in einer solchen Situation beweisen und souverän bleiben. Aber ich will nichts herbeireden. Wir wollen so lang wie möglich Erfolg haben.

Derzeit ist die Euphorie in Karlsruhe riesengroß. Was können Sie tun, um die Erwartungen in Grenzen zu halten?

Ich kann nur immer wieder betonen: Wir sind Neulinge in der Liga. Dann versteht es sich von selbst, dass keines der 34 Spiele ein Selbstläufer ist. Ich versuche die hohe Erwartung nicht aus Alibi-Gründen zu relativieren, sondern es ist tatsächlich so: Auch die anderen können Fußball spielen.

Halten die Fans auch in Krisenzeiten zu der Mannschaft?

Man sollte nicht zu große Erwartung haben. Die Leute kommen ins Stadion, um sich zu freuen. Wenn wir schlecht spielen, dann werden sie sich ärgern, und es wird Pfiffe geben. Damit müssen wir leben, schließlich machen wir einen Job, der von der Öffentlichkeit beurteilt wird. Es gehört zum Fußball dazu, dass die Fans ihn als Ventil benutzen und sich sowohl im positiven als auch im negativen Sinne ausleben. Wo kämen wir denn hin, wenn die Leute sagen würden: „Mensch, macht nichts, dass wir verloren haben“?

Welchen Tabellenplatz können Sie den Fans denn in Aussicht stellen?


Ich hoffe, dass wir das nächste Spiel gewinnen. Hochrechnungen funktionieren nicht. Erst am 34. Spieltag können wir unsere Leistung beurteilen – Strich drunter: Haben wir es gut gemacht oder nicht?

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„Dann scheppert's gewaltig“ – Markus Miller im Interview www.11freunde.de/bundesligen/104470


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