19.10.2007

Ede Becker im Interview

„Wir jagen Bayern auf dem Mofa“

Trainer Ede Becker ist dem KSC seit 30 Jahren treu. Gemeinsam standen sie schon am Abgrund. Und nun das: Sieg auf Schalke, Tabellenzweiter, den Bayern im Nacken. Doch Becker verriet uns: Der Job laugt ihn aus.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Herr Becker, kann man mit einem Fahrrad einen Formel-1-Boliden jagen?

Sie spielen darauf an, dass wir als Bayern-Jäger bezeichnet werden. Ihr Vergleich ist aber etwas zu drastisch. Ersetzen Sie das Fahrrad durch ein Mofa, dann passt es (lacht). Spaß beiseite: Wir haben uns nie an dieser Diskussion beteiligt und sehen unsere sportliche Situation durchaus realistisch.



Stört sie die stilisierende Berichterstattung, die den KSC nach nur neun Spieltagen in eben diese Rolle des Bayern-Jägers drängt?

Nein, das stört mich nicht. Das gehört nun mal zum Geschäft. Die Medien brauchen Heros und Loser. Man muss nur die Spieler darauf hinweisen, dass eine solche Berichterstattung mit der sportlichen Wirklichkeit nichts zu tun hat. Bei unserem Freundschaftsspiel gegen Paderborn (der KSC verlor 1:5, Anm. d. Red.) hat man es deutlich gesehen: Wenn man zu lasch in ein Spiel geht, weil man sich für einen Hero hält, dann hat man im Profi-Fußball keine Chance.

Sie sprechen von „Heros“ und „Losern“, die von den Medien erschaffen würden. Verläuft die Berichterstattung mehr nach dramaturgischen als nach journalistischen Mustern?


Das hängt von dem Medium ab, mit dem Sie es zu tun haben. Die einen bleiben sachlich. Die anderen suchen die Inszenierung, das Reißerische. Man muss damit leben, dass vieles, was abseits des Platzes geschieht, als interessanter angesehen wird als das eigentliche Spiel. Wir müssen damit leben, weil wir davon leben. Die Einschaltquote und die Auflagen müssen stimmen, nur so kommt es zu Werbeeinnahmen und fließt das Geld, das bei den Vereinen ankommen soll, bei den Spielern und bei mir als Trainer. Wir sollten uns also nicht beklagen.

Was denken Sie, wenn Ihr Kollege Ernst Middendorp, dem bei Arminia Bielfeld eine qualitativ ähnliche Mannschaft zur Verfügung steht, sich selbst zum Bayernjäger erklärt?

Ich möchte mich grundsätzlich nicht über Kollegen äußern. Ich kann nur für mich und den KSC sprechen. Mein Stil ist, dass ich herauszufinden versuche, was für uns machbar und was nicht machbar ist. Dementsprechend äußere ich mich in der Öffentlichkeit.

Erfüllt es Sie mit Genugtuung, wenn sich der Spruch bewahrheitet: „Hochmut kommt vor dem Fall“?

Wenn man seine Außendarstellung überreißt und meint, man ist schon jemand, der man noch gar nicht ist, geht das mit Sicherheit in die Hose. Das gilt nicht nur für andere Vereine, sondern auch für uns. Als sich etwa Sebastian Freis negativ über Christian Wörns geäußert hatte (Freis sagte nach seinem Tor gegen den BVB über Wörns: „Der ist jetzt schon in einem fortgeschrittenen Alter, da kommt man nicht so schnell hinterher.“, Anm. d. Red), haben wir natürlich versucht gegenzusteuern.

Sie sind nun Tabellen-Zweiter, beteiligen sich aber nicht an der Jagd. Heißt das, dass die Bayern schon Meister sind?

Nein, das heißt es nicht. Zwar sind die Bayern klarer Favorit, denn sie haben eine ausgesprochen gute Mannschaft und einen überragenden Start hingelegt. Aber im Fußball gibt es keine Selbstläufer. Man muss sich tagtäglich beweisen, und das wissen die Bayern auch.

Im direkten Vergleich mit den vermeintlich Gejagten verloren Sie zu Hause 1:4. War das ein Weckruf zur rechten Zeit?

70 Minuten lang haben wir ein gutes Spiel gemacht. Das habe ich auch der Mannschaft gesagt, was ich nach einer so hohen Niederlage noch nie getan habe. Die Jungs hatten versucht, Fußball zu spielen, den Bayern Paroli zu bieten. Für uns war das Spiel in Leverkusen wesentlich wichtiger (der KSC verlor 0:3, Anm. d. Red.). Da hatten wir wirklich einen rabenschwarzen Tag: Jeder hat nur für sich gespielt, es stand keine Mannschaft auf dem Platz. Dieses Spiel war also ein echter Weckruf, wenn Sie so wollen.

Wie kann es sein, dass eine Mannschaft, die zuvor noch eine Einheit war, derartig zerfasert?

Jeder hatte zu sehr mit sich selbst zu tun. Der Trugschluss ist, dass man im Verlaufe eines solchen Spiels den Schalter noch umlegen kann. Aber das funktioniert nicht. Es entsteht eine Abwärtsspirale.

Sie verrieten nach dieser Niederlage, dass die Mannschaft verunsichert sei, ob sie in der Bundesliga mithalten könne. Was haben Sie getan, um Ihr das nötige Selbstvertrauen zurückzugeben?

Sie überschätzen den Einfluss eines Trainers. Die Mannschaft muss aus sich heraus zu sich selbst finden, eine kompakte Einheit bilden. Ich kann dafür im Training nur die Voraussetzungen schaffen.

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