Eckhard Krautzun über Kenia, China und eine Gottheit

»Wir schufteten wie Sklaven auf einer Galeere«

Eckhard Krautzun ist ständig unterwegs. Der Fußballtrainer hat in Japan, Kenia, Tunesien oder Malaysia gearbeitet. Wir sprachen mit ihm über das aufregende Leben als Entwicklungshelfer, Evakuierungspläne in Südkorea und Kaffeetrinken mit einer Gottheit. Eckhard Krautzun über Kenia, China und eine GottheitImago

Jeder kennt Fußball-Weltreisende wie Rudi Gutendorf, Otto Pfister oder Dettmar Cramer. Doch wer sind eigentlich Jochen Figge, Horst Kriete oder Burkhard Pape? Wie haben sie den Fußball in Afrika oder Asien geprägt und verändert? Holger Obermann, ebenfalls Trainer auf Weltreisen (über 50 Stationen, u.a. Afghanistan und Osttimor), kennt diese und zahlreiche andere Fußball-Entwicklungshelfer. Zuletzt schrieb er über seine Erfahrungen und Abenteuer eine Kolumne auf 11freunde.de. Und er fragte: »Warum macht ihr nicht mal was über all diese vergessenen Trainer?« Ja, warum eigentlich nicht? Wir starteten gemeinsam mit Holger Obermann die 11FREUNDE-Serie »Trainer-Globetrotter«. Den Anfang macht der heute 70-jährige Eckhard Krautzun, den viele durch seine Tätigkeit beim VfL Wolfsburg oder dem FC St. Pauli kennen. Was er jedoch auf den Philippinen, in Kenia oder Tunesien erlebte, ist weitgehend unerzählt. Hier lest ihr seine Geschichte.

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Eckhard Krautzun, wissen Sie eigentlich, wie viele Trainerstationen Sie hinter sich haben?


Eckhard Krautzun: Ich führe keine Statistik, daher kann ich nur Schätzungen anstellen. Lassen Sie mich überlegen: Ich habe in der Bundesliga gearbeitet, war in fünf Ländern Nationaltrainer und zudem mehrmals Klubtrainer im Ausland... Ich sage: 25!

Fast. Es sind 31. Dazu kommen Stationen als Sportlicher Leiter oder Berater.

Eckhard Krautzun: Sieh an. Und jetzt möchten Sie mit mir über alle 31 Stationen sprechen?

Sprechen wir lieber über die aufregenden Aufenthalte. Wie zum Beispiel Ihre Zeit in Kenia. Stimmt es, dass Sie im Rahmen Ihrer Tätigkeit als dortiger Nationaltrainer einmal neben einer Gottheit gesessen haben?

Eckhard Krautzun: Eine lange Geschichte. Mit der kenianischen Nationalmannschaft spielten wir Anfang der siebziger Jahre im Afrika Cup in Addis Adeba gegen Äthiopien. Nachdem wir das 1:0 erzielten, kam es zu Tumulten, Zäune wurden umgetreten und es flogen Steine. Der Schiedsrichter brach das Spiel ab. Zahlreiche Spieler mussten ins Krankenhaus gebracht werden, auch ich, denn ich wurde von einem Stein am Kopf getroffen. Die Narbe habe ich heute noch. Nach dem Spiel kamen ein Diplomat und ein Abgesandter des äthiopischen Kaisers ins Hotel. Sie luden uns im Auftrag seiner Majestät, Haile Selassie, zu Kaffee und Kuchen ein.

Haile Selassie, die Gottheit der Rastafari, lud Sie zur Versöhnung in seinen Palast ein?

Eckhard Krautzun: Der Spielabbruch und auch diese vielen Verletzten hatten internationalen Wirbel ausgelöst. Der Streit um das Spiel sollte nicht zu einem Politikum werden. Als ich dann neben Haile Selassies Thron saß, sagte er: »Wir sind doch eine große Familie in Afrika. Und wie Sie wissen: In allen Familien kommt Streit schon mal vor.« Trotzdem hat er mich beeindruckt. Ich stellte zwar fest, dass Haile Selassie nur um die 1,60 Meter maß, aber eine sehr starke Ausstrahlung hat.

Wie reagierten Ihre Spieler?

Eckhard Krautzun: Sie fragten: »Erst werden wir halb tot geschlagen und dann sollen wir noch zum Kaiser?« Wir wollten jedoch keinen diplomatischen Skandal riskieren und konnten die Mannschaft schließlich überzeugen, indem wir mit dem kenianischen Botschafter vereinbarten, dass wir nach dem Besuch beim Kaiser eine eigene Party in der Botschaft machen konnten. Zum Glück zeigten die Spieler »Sportmanship« und stolzierten mit erhobenen Häuptern und vielen Verbänden am Kopf in den Palast des Kaisers.

Sie und viele andere deutsche Trainer im Ausland wurden vom DFB als sogenannte Sportentwicklungshelfer beauftragt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Eckhard Krautzun: Die Basis von allem ist eine Zusammenarbeit zwischen dem DFB, dem DOSB und dem Auswärtigen Amt. Das Auswärtige Amt gibt die administrativen Voraussetzungen und der Trainer wird vom DFB oder dem DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund, d. Red.) ausgesucht. Ich habe etwa zehn bis 15 Projekte mit einer Dauer von drei Monaten bis zwei Jahren geleitet. Bei einer Verlängerung eventuell sogar vier bis sechs Jahre.

Und wie arbeitet ein Fußballentwicklungshelfer?

Eckhard Krautzun: Ein Fußballentwicklungshelfer soll eine Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Fußballs machen und Strukturen aufbauen, dabei werden ihm sogenannte Counterparts, also lokale Trainer, an die Seite gestellt. Diese schauen einem auf die Finger, versuchen sich Dinge abzuschauen. Wenn man aus dem Projekt aussteigt, lässt man die Counterparts zurück, die die Arbeit fortsetzen.

Ihr Aufenthalt in Kenia von 1970 bis 1976 war ein Langzeitprojekt. Das Land war in jener Zeit touristisch und wirtschaftlich kaum erschlossen. Es heißt häufig, dass Fußballtrainern in solchen Ländern auch die Rolle eines Botschafters übernehmen. Wie äußerte sich das?

Eckhard Krautzun: Die Diplomaten vor Ort sagten immer: »Ihr seid wichtiger als wir, denn ihr werdet oft an Orte und von Menschen eingeladen, zu denen wir keinen Zugang haben!« Der Besuch bei Haile Selassie ist ein gutes Beispiel. Außerdem traf ich etwa Jomo Kenyatta, den berühmten Freiheitskämpfer und Namensgeber des Landes, der damals auch Präsident war.

Spielten die traditionellen Stämme im Fußball eine Rolle?

Eckhard Krautzun: Durchaus. Es gibt in Kenia drei führende Stämme: die Luos, die Kikuyus und die Luhyas. Die Zuschauer zählten vor den Partien die Spieler durch, die ihrem eigenen Stamm angehörten. Wenn ich dann ihrer Meinung nach zu wenig Luos oder Luhyas nominiert hatte, gab es Kritik.

Haben Sie sich davon beeinflussen lassen?

Eckhard Krautzun: Ich habe von Anfang an zu verstehen gegeben, dass ich nicht nach Stämmen auswähle, sondern ausschließlich nach der Qualität der Spieler.

Sie sollen den sogenannten »Spirit« ausgerufen haben.

Eckhard Krautzun: Ich sagte: »Hier spielt niemand für die Luos, die Kikuyus oder die Luhyas. Alle spielen für Kenia. Wir sind Kenianer.« Später wurde dieses Credo sogar zu einem Parlamentsbeschluss. Ich kann mich noch an die Schlagzeile des »East African Standard« erinnern: »All power to the German coach! There is no tribalistic thinking. We are one, we are Kenians and don’t need any tribal priorities.«


Sprechen wir über die frühen Jahre Ihrer Trainerkarriere. Wie kam es dazu, dass Sie bereits im Alter von 27 Trainer wurden?

Eckhard Krautzun: Zum einen hatte ich sehr großes Verletzungspech. Mein Arzt bestätigte: »Wenn sie weiter Fußball spielen, dann sind Sie bald Sportinvalide!« Zum anderen hatte ich immer schon eine Sehnsucht nach Ferne. Hinzu kam meine Begegnung mit Dettmar Cramer. Auf seine Empfehlung hin wurde ich mit nur 27 Jahren Nationaltrainer von Südkorea. Ich habe Dettmar Cramer sehr viel zu verdanken, viel von ihm gelernt. Unter ihm hatte ich meine FIFA-Lizenz erworben, bei einem sechsmonatigen Lehrgang in Kuala Lumpur in Malaysia 1972.

Gab es auch Momente, in denen Sie es bereut haben, Trainer im Ausland geworden zu sein?

Eckhard Krautzun: Bereut habe ich fast nichts. Grenzwertige Erlebnisse gab es natürlich: Einen Taifun auf den Philippinen, ein Erdbeben in Japan. In Korea habe ich zweimal einen Evakuierungsplan der deutschen Botschaft erhalten, weil dort der Ausbruch eines Krieges drohte. Wir hatten konkrete Anweisungen zur Flucht. Dem gegenüber stehen aber 100 positive Ereignisse und unschätzbare Erfahrungen.

Einer Ihrer größten internationalen Erfolge ist die Qualifikation zur WM 2002 mit der tunesischen Nationalmannschaft und der Gewinn des Afrika Pokals 1997 mit dem tunesischen Erstligisten CS Sfax. Sie sind in Tunesien ein Volksheld.

Eckhard Krautzun: Im Gebäude der tunesischen Football Federation hängt ein großes Bild von mir. Wenn ich das Land besuche, stellt man mir einen Wagen zur Verfügung. Spricht man als Deutscher in Tunesien über Fußball, wird man gefragt: »Wie geht es denn dem Eckhard Krautzun?« Es freut mich sehr, einen solchen Stellenwert im tunesischen Fußball zu haben.

Können Sie die Stimmung im Land beschreiben, nachdem sie sich erfolgreich für die WM 2002 qualifiziert hatten?

Eckhard Krautzun: Wir qualifizierten uns beim Auswärtsspiel in Zaire und ich saß wegen einer Sperre auf der Tribüne. Wir gewannen 3:0, während unser großer Rivale, die Elfenbeinküste, unentschieden spielte. Unser Rückflug wurde extra verlegt, damit die Oberen des Landes das Team am Flughafen in Tunis empfangen und beglückwünschen konnten. Es war ein fantastisches Erlebnis. Überall auf den Straßen jubelten die Leute!

Nach der erfolgreichen Qualifikation gab es Differenzen mit der Verbandsführung. Worin genau bestanden diese?

Eckhard Krautzun: Als Trainer wollte ich das Sagen über die Aufstellung behalten. Das Präsidium aber wollte, dass ich einige Spieler nicht nominiere, unter anderem meinen Kapitän und Leistungsträger Zoubaier Baya, der meine rechte Hand war. Damit war ich nicht einverstanden. Das Präsidium entschied dann, dass ein Ausländer nicht über die Köpfe der Verantwortlichen hinweg regieren könnte. Ich hätte vor der Mannschaft mein Gesicht verloren, wenn ich mich auf dieses Scharmützel eingelassen hätte.

Ihr Vertrag wurde nicht verlängert und sie saßen bei der WM 2002 nicht auf der Trainerbank. Wie hat die tunesische Öffentlichkeit reagiert?

Eckhard Krautzun: Vor allem die tunesischen Fußballfans reagierten vollkommen unverständlich, aber die Presse wurde damals von Staatschef Ben Ali kontrolliert und manipuliert. Es gab zwar leise Kritik, doch die Presse durfte nicht zu viel über diese Entscheidungen schreiben.


Zwischen 2003 und 2007 haben Sie in China Station gemacht und Jugendmannschaften trainiert.

Eckhard Krautzun: Wir haben damals mit der Stadt Bad Kissingen eine Deutsch-Chinesische Jugendfußballakademie unter der Schirmherrschaft des DFB ins Leben gerufen. Dort haben wir junge Spieler ausgebildet, die wir in China auswählten. Daraufhin hat man mir die Aufgabe übertragen, die chinesische U 20 bei der Weltmeisterschaft zu betreuen, was sehr erfolgreich lief. In letzter Minute schieden wir erst im Achtelfinale 2:3 gegen Deutschland aus. Zum chinesischen Verband habe ich noch immer Kontakt und ich werde immer wieder eingeladen, Vorträge zu halten. Momentan wollen die Chinesen mich als U-15- oder U-13- Trainer verpflichten.

Nach Ihrem Erfolg bei der U-20-WM waren Sie in China sehr populär und wurden prompt als Trainer für das Frauenteam ausgewählt!

Eckhard Krautzun: Das ist typisch chinesisch und wäre in Deutschland nicht vorstellbar. Der gesamte Trainerstab von der U-20-Mannschaft wurde abgerufen, um die Frauen zu betreuen und auf die WM im eigenen Land vorzubereiteten. Doch ich habe bald festgestellt, dass das Trainer-Dasein im Frauenfußball nicht meine Welt ist.

In China werden oft lange Trainingslager abgehalten. In diesem Zusammenhang sprachen Sie einmal von einer Art Isolation, der Sie sich in China ausgesetzt fühlten.

Eckhard Krautzun: Das ist Tradition in China, die Mannschaft wird wochenlang in einem Trainingscenter weit außerhalb der Stadt zusammengezogen. Aufgrund der Sprachprobleme war ich in jenen Wochen stets an meinen Dolmetscher gebunden.
Man hat kein Fernsehen und das Internet in China ist sowieso ein Thema für sich. Ich war also abgekapselt vom sozialen Leben. Für mich hieß es: Training, Schlafen, Essen, lange Sitzungen, Training. Sehr gewöhnungsbedürftig.

Den Spielern bereitete es keine Probleme?

Eckhard Krautzun: Ich habe den Verband darauf hingewiesen, dass es psychologisch sehr ungeschickt ist, die Spieler nur physisch fit zu machen in ewig andauernden Trainingslagern. Ich hatte vor dem U-20-WM in Holland durchgesetzt, dass wir nach wochenlangen Vorbereitungen vor der WM eine Woche nach Valencia gingen, obwohl der Präsident dies zunächst ablehnte. Wir wollten uns dort mit Strandläufen, Schwimmen und kulturellen Dingen regenerieren, um den Fußball zu vergessen. Wenn die U-20-WM nicht erfolgreich verlaufen wäre, hätte man mich ans Kreuz genagelt!

1991 bis 1992 waren Sie dann Trainer der philippinischen Nationalmannschaft. Wie war es um den Fußball auf den Philippinen bestellt?

Eckhard Krautzun: Ich sollte die Mannschaft auf die Süd-Ost-Asienspiele vorbereiten und hatte dafür nur drei Monate Zeit. In der FIFA-Weltrangliste standen die Philippinen damals auf Platz 220. Als ich ankam, gab es weder ein Fußballfeld, noch Fußballschuhe oder Trikots. Ich musste alles aus Deutschland einfliegen lassen. Wir haben gusseiserne Tore anfertigen lassen. Beim Training mussten wir wie Sklaven auf einer Galeere schuften, wenn wir die Tore auf dem Rücken trugen. Die Spieler kamen anfangs barfuss und ohne Ausrüstung zum Training. Das Gras auf dem Spielfeld war fast einen Meter hoch. Die Deutsche Botschaft brachte uns ihren Rasenmäher im Dienstwagen.

Mit diesen Spielern erreichten Sie das Halbfinale bei den Süd-Ost-Asienspielen. Das klingt nach einem kleinen Wunder.

Eckhard Krautzun: Fragt man mich heute nach meinem größten Erfolg, muss ich nicht lange überlegen. Das war nicht der Pokalsieg mit Kaiserslautern, die WM-Qualifikation mit Tunesien, der Aufstieg mit TSV 1860 München oder das Erreichen des US-amerikanischen Endspiels mit Fort Lauderdale – mein größter Erfolg war die Tätigkeit mit Amateuren auf den Philippinen.

Eckhard Krautzun, was ist eigentlich das Schönste an Ihrem Job?

Eckhard Krautzun: Die Freundschaften. Die Anerkennung. Die Menschen und die Wiedersehen. Immer wenn ich in ein Land zurückkomme, sehe ich Veränderungen. Das Land ist anders, die Spieler haben sich weiterentwickelt, meine ehemaligen Co-Trainer sind nun Cheftrainer. Wenn ich etwa sehe, dass Sami Trabelsi, mein Ex-Kapitän aus Sfax, Nationaltrainer Tunesiens ist, freut mich das riesig. Und auch andere Ex-Spieler von mir, etwa Holger Stanislawski, Claus-Dieter Wollitz oder Jürgen Klopp, sind nun erwachsen geworden und selbst große Fußballtrainer.


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Die Trainerstationen von Eckhard Krautzun:
1969-70 Young Fellows Zürich
1970-76 Kenia
1976-78 Vancouver Whitecaps
1978 Wormatia Worms
1978-79 TSV 1860 München
1980-81 Houston Hurricane
1981-82 Fort Lauderdaler Strikers
1983 Union Solingen
1983 Mazda Hiroshima
1985-86 Tennis Borussia Berlin
1986-87 SV Darmstadt 98
1987-88 Al Ahli Jedda
1989 SV Darmstadt 98
1989-90 Wormatia Worms
1990 Alemannia Aachen
1990-91 SC Freiburg
1991-92 Philippinen
1992-93 Kuala Lumpur City Hall
zeitgleich Südkorea (sportlicher Direktor)
zeitgleich Malaysische Juniorenauswahl
1993-95 VfL Wolfsburg
1995-96 1.FC Union Berlin
1996 1.FC Kaiserslautern
1997 CS Sfax
1997 FC St. Pauli
1997-99 SC Sfax
1999 TSG Hoffenheim 1899 (sportlicher Leiter)
1999-00 SV Darmstadt 98
2000-01 1.FSV Mainz 05
2001 Tunesien
2003-05 U-20-Junioren China
2005-07 Ligascout China
2007 Frauennationalmannschaft China

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