13.10.2011

Eckhard Krautzun über Kenia, China und eine Gottheit

»Wir schufteten wie Sklaven auf einer Galeere«

Eckhard Krautzun ist ständig unterwegs. Der Fußballtrainer hat in Japan, Kenia, Tunesien oder Malaysia gearbeitet. Wir sprachen mit ihm über das aufregende Leben als Entwicklungshelfer, Evakuierungspläne in Südkorea und Kaffeetrinken mit einer Gottheit.

Interview: Gareth Joswig und Anja Konrad Bild: Imago
Jeder kennt Fußball-Weltreisende wie Rudi Gutendorf, Otto Pfister oder Dettmar Cramer. Doch wer sind eigentlich Jochen Figge, Horst Kriete oder Burkhard Pape? Wie haben sie den Fußball in Afrika oder Asien geprägt und verändert? Holger Obermann, ebenfalls Trainer auf Weltreisen (über 50 Stationen, u.a. Afghanistan und Osttimor), kennt diese und zahlreiche andere Fußball-Entwicklungshelfer. Zuletzt schrieb er über seine Erfahrungen und Abenteuer eine Kolumne auf 11freunde.de. Und er fragte: »Warum macht ihr nicht mal was über all diese vergessenen Trainer?« Ja, warum eigentlich nicht? Wir starteten gemeinsam mit Holger Obermann die 11FREUNDE-Serie »Trainer-Globetrotter«. Den Anfang macht der heute 70-jährige Eckhard Krautzun, den viele durch seine Tätigkeit beim VfL Wolfsburg oder dem FC St. Pauli kennen. Was er jedoch auf den Philippinen, in Kenia oder Tunesien erlebte, ist weitgehend unerzählt. Hier lest ihr seine Geschichte.



Eckhard Krautzun, wissen Sie eigentlich, wie viele Trainerstationen Sie hinter sich haben?


Eckhard Krautzun: Ich führe keine Statistik, daher kann ich nur Schätzungen anstellen. Lassen Sie mich überlegen: Ich habe in der Bundesliga gearbeitet, war in fünf Ländern Nationaltrainer und zudem mehrmals Klubtrainer im Ausland... Ich sage: 25!

Fast. Es sind 31. Dazu kommen Stationen als Sportlicher Leiter oder Berater.

Eckhard Krautzun: Sieh an. Und jetzt möchten Sie mit mir über alle 31 Stationen sprechen?

Sprechen wir lieber über die aufregenden Aufenthalte. Wie zum Beispiel Ihre Zeit in Kenia. Stimmt es, dass Sie im Rahmen Ihrer Tätigkeit als dortiger Nationaltrainer einmal neben einer Gottheit gesessen haben?

Eckhard Krautzun: Eine lange Geschichte. Mit der kenianischen Nationalmannschaft spielten wir Anfang der siebziger Jahre im Afrika Cup in Addis Adeba gegen Äthiopien. Nachdem wir das 1:0 erzielten, kam es zu Tumulten, Zäune wurden umgetreten und es flogen Steine. Der Schiedsrichter brach das Spiel ab. Zahlreiche Spieler mussten ins Krankenhaus gebracht werden, auch ich, denn ich wurde von einem Stein am Kopf getroffen. Die Narbe habe ich heute noch. Nach dem Spiel kamen ein Diplomat und ein Abgesandter des äthiopischen Kaisers ins Hotel. Sie luden uns im Auftrag seiner Majestät, Haile Selassie, zu Kaffee und Kuchen ein.

Haile Selassie, die Gottheit der Rastafari, lud Sie zur Versöhnung in seinen Palast ein?

Eckhard Krautzun: Der Spielabbruch und auch diese vielen Verletzten hatten internationalen Wirbel ausgelöst. Der Streit um das Spiel sollte nicht zu einem Politikum werden. Als ich dann neben Haile Selassies Thron saß, sagte er: »Wir sind doch eine große Familie in Afrika. Und wie Sie wissen: In allen Familien kommt Streit schon mal vor.« Trotzdem hat er mich beeindruckt. Ich stellte zwar fest, dass Haile Selassie nur um die 1,60 Meter maß, aber eine sehr starke Ausstrahlung hat.

Wie reagierten Ihre Spieler?

Eckhard Krautzun: Sie fragten: »Erst werden wir halb tot geschlagen und dann sollen wir noch zum Kaiser?« Wir wollten jedoch keinen diplomatischen Skandal riskieren und konnten die Mannschaft schließlich überzeugen, indem wir mit dem kenianischen Botschafter vereinbarten, dass wir nach dem Besuch beim Kaiser eine eigene Party in der Botschaft machen konnten. Zum Glück zeigten die Spieler »Sportmanship« und stolzierten mit erhobenen Häuptern und vielen Verbänden am Kopf in den Palast des Kaisers.

Sie und viele andere deutsche Trainer im Ausland wurden vom DFB als sogenannte Sportentwicklungshelfer beauftragt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Eckhard Krautzun: Die Basis von allem ist eine Zusammenarbeit zwischen dem DFB, dem DOSB und dem Auswärtigen Amt. Das Auswärtige Amt gibt die administrativen Voraussetzungen und der Trainer wird vom DFB oder dem DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund, d. Red.) ausgesucht. Ich habe etwa zehn bis 15 Projekte mit einer Dauer von drei Monaten bis zwei Jahren geleitet. Bei einer Verlängerung eventuell sogar vier bis sechs Jahre.

Und wie arbeitet ein Fußballentwicklungshelfer?

Eckhard Krautzun: Ein Fußballentwicklungshelfer soll eine Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Fußballs machen und Strukturen aufbauen, dabei werden ihm sogenannte Counterparts, also lokale Trainer, an die Seite gestellt. Diese schauen einem auf die Finger, versuchen sich Dinge abzuschauen. Wenn man aus dem Projekt aussteigt, lässt man die Counterparts zurück, die die Arbeit fortsetzen.

Ihr Aufenthalt in Kenia von 1970 bis 1976 war ein Langzeitprojekt. Das Land war in jener Zeit touristisch und wirtschaftlich kaum erschlossen. Es heißt häufig, dass Fußballtrainern in solchen Ländern auch die Rolle eines Botschafters übernehmen. Wie äußerte sich das?

Eckhard Krautzun: Die Diplomaten vor Ort sagten immer: »Ihr seid wichtiger als wir, denn ihr werdet oft an Orte und von Menschen eingeladen, zu denen wir keinen Zugang haben!« Der Besuch bei Haile Selassie ist ein gutes Beispiel. Außerdem traf ich etwa Jomo Kenyatta, den berühmten Freiheitskämpfer und Namensgeber des Landes, der damals auch Präsident war.

Spielten die traditionellen Stämme im Fußball eine Rolle?

Eckhard Krautzun: Durchaus. Es gibt in Kenia drei führende Stämme: die Luos, die Kikuyus und die Luhyas. Die Zuschauer zählten vor den Partien die Spieler durch, die ihrem eigenen Stamm angehörten. Wenn ich dann ihrer Meinung nach zu wenig Luos oder Luhyas nominiert hatte, gab es Kritik.

Haben Sie sich davon beeinflussen lassen?

Eckhard Krautzun: Ich habe von Anfang an zu verstehen gegeben, dass ich nicht nach Stämmen auswähle, sondern ausschließlich nach der Qualität der Spieler.

Sie sollen den sogenannten »Spirit« ausgerufen haben.

Eckhard Krautzun: Ich sagte: »Hier spielt niemand für die Luos, die Kikuyus oder die Luhyas. Alle spielen für Kenia. Wir sind Kenianer.« Später wurde dieses Credo sogar zu einem Parlamentsbeschluss. Ich kann mich noch an die Schlagzeile des »East African Standard« erinnern: »All power to the German coach! There is no tribalistic thinking. We are one, we are Kenians and don’t need any tribal priorities.«

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