Ebbsfleets Ex-Geschäftsführer über Fan-Mitbestimmung im Web

»Zum Scheitern verurteilt«

In unserer neuen Ausgabe berichten wir über Fortuna Köln und Ebbsfleet United, die einst als revolutionäre Vereine galten, weil sie den Fans Mitbestimmung übers Internet versprachen. Heute ist das Interesse gering. Wir sprachen mit Ebbsfleets ehemaligem Geschäftsführer. Ebbsfleets Ex-Geschäftsführer über Fan-Mitbestimmung im Web
Heft#119 10/2011
Heft: #
119

Roly Edwards war Geschäftsführer von Ebbsfleet United, als das Projekt von myfootballclub startete. Nur ein Jahr später erklärte er seinen Rücktritt.

Roly Edwards, ist die Idee vom fangesteueren Verein bei Ebbsfleet gescheitert?

Roly Edwards: Ja. Man muss sich einmal anschauen, wie Trainer Liam Daish momentan  sein Team zusammenstellen muss. Das Geld ist überall knapp, Liam hat den kleinsten Etat in der ganzen Liga. Wir haben überhaupt nicht die Infrastruktur und das Geld, um uns in der National Conference League zu halten. Auf lange Sicht geht der Klub ein enormes hohes finanzielles Risiko ein. Daher ist das Projekt aus meiner Sicht gescheitert.

Hinzu kommt der enorme Mitgliederschwund.

Roly Edwards: Die Zahlen sind von 30.000 auf etwa 1400 zurück gegangen. Und mit dem verbliebenem Geld finanziert man nur noch die Webseite, nicht den Fußballklub. Kein Verein der Welt kann sich nur von Mitgliedsbeiträgen am Leben halten, es bedarf auch des Geldes Einzelner und von Sponsoren. Doch gerade das Sponsorengeld ist knapp. Sportlich ist die Lage auch angespannt. Aufgestiegen sind sie meiner Meinung nach nur, weil Liam Daish ein so brillanter Trainer ist.

Wie hält sich der Klub denn überhaupt über Wasser?

Roly Edwards: Der Chairman Sonsora hat viel Geld reingepumpt, um die Gehälter zu bezahlen. Doch diese Quelle aus der Privatschatulle wird irgendwann versiegen. Das hat keine Zukunft. Fans wollen jetzt sogar noch mehr dazugeben. Diejenigen, die jetzt noch geblieben sind, sind eben mit vollem Herzen dabei. Doch allein auf die Beitragszahlungen kann man einen Klub nicht stützen.

Warum haben Sie den Klub verlassen?

Roly Edwards: Ich konnte nicht mehr hinnehmen, was im Klub vorging. Da kamen Leute an, die meinten, nun großen Einfluss nehmen zu können. Die haben sich aufgeführt wie die Könige. Die waren total realitätsfern, was Finanzen oder Transfers anging. Um es klar zu sagen: Eine Gruppe von Einzelnen am Computer kann nicht einen Fußballverein führen. Sie haben nicht die Weitsicht oder die Detailkenntnis, die man dazu braucht.



Was macht die Beteiligung der Mitglieder so schwer?

Roly Edwards: Es gibt in Fußballvereinen wie bei Unternehmen auch einfach sehr viele Dinge, die geheim bleiben müssen. Zum Beispiel Gehälter. Man kann doch nicht im Internet das Gehalt eines Spielers auflisten. Manager von anderen Klubs brauchen sich nur für 35 Pfund einloggen und sehen dann, welchen Spieler sie dir wegschnappen können. Wir hatten auch viele, die die absolute Transparenz gefordert haben. Einige von denen waren dann nur einen Tag in der Verantwortung innerhalb des Klubs und haben über Nacht eingesehen: Das können wir gar nicht umsetzen.

Dabei war die Euphorie rund um die Idee doch 2008 noch riesig.

Roly Edwards: Ich gebe zu: Auch ich war am Anfang begeistert von der Idee. Wir brauchten neue Investoren, es passte. Und die Nachricht schlug auf der ganzen Welt ein. Aber ich war mir auch nicht sicher, ob das Interesse nicht würde nachlassen im Laufe der Zeit. Mir wurde schließlich klar, dass ein solches Projekt zum Scheitern verurteilt ist. Ich glaube noch nicht einmal, dass der Klub die Mitglieder im Stich gelassen hat, sondern die einen Mitglieder die anderen. Wenn das Interesse nachlässt, lässt auch das Geld nach – so ist das Projekt nun mal angelegt.

Konnte der Klub nicht gegensteuern?

Roly Edwards: Alle wollten sich nur durchwurschteln, sie haben die Probleme gesehen, aber nichts getan. Keiner übernimmt in so einem Konstrukt die Verantwortung. Auch ich wurde nicht ernst genommen. Die Zahlen gingen runter, der Klub wurde zu einer »dying duck«. Wir konnten keine Gehälter oder Steuern zahlen, das Team wurde Jahr für Jahr durcheinander gewürfelt. Wie will man da Erfolg haben?

Aber tragen Sie nicht auch eine Mitschuld?

Roly Edwards: Wir haben damals zugestimmt zu myfootballclub, also sind wir nicht unschuldig. Aber ich sage eins und es ist mir egal, was andere meinen: Zu dieser Zeit, als wir den Verein führten, war er gesund. Wir waren zum Zeitpunkt der Übernahme schuldenfrei und bekamen noch das Geld vom Gewinn der FA-Trophy (2008 siegte Ebbsleet im Finale vor 26000 Zuschauern in diesem Pokalwettbewerb für unterklassige Teams, die Red.). Doch dieses Geld wurde in den letzten Jahren einfach verprasst.

Zuletzt forderte Trainer Daish die Fans auf, mehr Geld zu spenden, damit er überhaupt eine Mannschaft zusammenstellen kann.

Roly Edwards: Das ist doch ein gutes Beispiel. Liam brauchte zwei Spieler, sie sollten 30.000 Pfund kosten. Schnell stimmten die Leute dafür, zwei Spieler kamen – doch was fehlte, waren die 30.000 Pfund dafür. Da zeigt sich doch das ganze Dilemma mit diesen Entscheidungsträgern außerhalb des Klubs.

Sie haben lange für den Klub gearbeitet. Wie sehen sie die Entwicklung persönlich?

Roly Edwards: Es ist ein wunderbarer Verein mit einer glorreichen Historie. Er hat mein Leben für 12 Jahre geprägt. Doch was jetzt dort passiert, bricht mir das Herz.

----
In 11FREUNDE #119: Sterbende Ente – Einst waren Internet-User als Klubchefs der neueste Schrei, doch schon herrscht bei Fortuna Köln oder Ebbsfleet Ernüchterung. Jetzt am Kiosk!

Verwandte Artikel

0 Fortuna Kölns Pressesprecher Mathiak über den Aufstieg

Fortuna Kölns Pressesp…

»Gleich 200 neue Freunde«

0Was wird aus deinfussballclub.de?

Was wird aus deinfussba…

Frühherbst

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!