Ebbe Sand über die Vier-Minuten-Meisterschaft

»Hätte es den Leuten so gegönnt«

2000/01 spielte Schalkes Ebbe Sand die Saison seines Lebens. Für die Reportage »Die Zerbrechlichkeit des Glücks« in unserer Spezial-Ausgabe »Das waren die Nuller« sprachen wir mit ihm über die tragische Vier-Minuten-Meisterschaft. Ebbe Sand über die Vier-Minuten-Meisterschaft

Ebbe Sand, schwimmen Sie im Schwimmbad eigentlich meist am Rand?

Ebbe Sand: Wie bitte?

Das ist nur eine von gefühlten 800 Strophen aus dem Ebbe Sand-Lied der Schalker Fans.

Ebbe Sand: Achso, ja klar. Das kenne ich, meine Kinder haben die CD zu Hause und tanzen manchmal dazu durch die Wohnung. Dabei sind manche Strophen ja nicht unbedingt jugendfrei. Ich bin sehr stolz, dass die Schalker Fans mir dieses Lied gewidmet haben. Wobei ich auch sagen muss, dass es natürlich daran liegt, dass sich auf meinen Nachnamen sehr viele deutsche Wörter reimen.

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Das Lied muss wohl in der Saison 2000/01 entstanden sein, als Sie zusammen mit Emile Mpenza eines der besten Sturmduos der Schalker Vereinsgeschichte gebildet haben.

Ebbe Sand: Das war eine Wahnsinnssaison. Emile kam ein halbes Jahr zuvor zu uns und ich habe schon nach dem ersten Training mit ihm gespürt: Das passt. So etwas kann man nicht erklären. Der eine wusste, wo der andere hinläuft. Wenn ich auf meine Laufbahn zurückblicke, da war dieses blinde Verständnis mit Emile außergewöhnlich. Und das, obwohl wir außerhalb des Platzes so unterschiedlich waren wie es nur geht.

Emile Mpenza schoss 13 Tore, Sie wurden mit 22 Treffern Torschützenkönig. Beim Spiel in München haben Sie gar drei Tore gemacht und Emile Mpenza alle drei vorbereitet.

Ebbe Sand: Wir gewannen 3:1, obwohl wir nach nur drei Minuten 0:1 hinten gelegen hatten – in München! Es zeigte den Charakter unserer Mannschaft, dass wir dann auf diese Art und Weise zurückgekommen sind. Für mich persönlich war es ein Erlebnis: Wann schießt man schon einmal drei Tore in München? Aber man darf auch die anderen nicht vergessen. Sei es Andi Möller hinter den Spitzen, Asa (Gerald Asamoah, d. Red.) oder Radek (Radoslav Latal, d. Red.) auf rechts, Jörg Böhme auf links und so weiter.

War das Spiel in München für Sie das Highlight dieser Saison?

Ebbe Sand: Ich finde, dass man das nicht so genau sagen kann. Wir hatten so viele tolle Spiele. Das Hinspiel gegen Bayern gewannen wir 3:2, in Berlin – einem damaligen Konkurrent – siegten wir 4:0 und nicht zuletzt mit dem gleichen Ergebnis in Dortmund. Beim Erzrivalen so hoch zu gewinnen, das war ein absoluter Traum.

Trösten diese tollen Spiele etwas über die verlorene Meisterschaft hinweg?

Ebbe Sand: Wir haben sehr schönen Fußball gespielt. Damals hat jeder gesagt, dass wir den Titel allein durch unsere Spielweise verdient hätten. Für mich persönlich war es die beste Spielzeit meiner Laufbahn, und doch hat das letzte Stück gefehlt. Viele haben versucht, uns zu trösten, doch ich sage: Im Fußball geht es um Titel. Den Pokal haben wir geholt, die Schale aber eben nicht.



Sie hören sich jetzt immer noch sehr bedrückt an, wenn Sie darüber sprechen. Schon damals haben Sie auch gesagt: »Ich werde erst wieder ruhig schlafen könne, wenn ich die Schale habe.«

Ebbe Sand: Das hat leider nicht mehr geklappt, aber 2001 dachte ich, dass ich noch genug Zeit dafür habe, den Traum zu verwirklichen. Es waren letztendlich nur vier Minuten, aber diese intensiven Gefühle, diese pure Freude in diesen vier Minuten – das war ein unbeschreibliches Gefühl. Als wir uns danach auf der Tribüne den Fans gezeigt haben, habe ich mich in diesem weiten Parkstadion umgesehen und gedacht: Mann, was wäre hier wohl los gewesen?! Ich hätte es den Leuten so sehr gegönnt, weil man merkte, wie sie sich nach 43 Jahren nach diesem Titel sehnten.

Bei den meisten Schalker Fans war Schiedsrichter Dr. Markus Merk der Schuldige.

Ebbe Sand: Ich denke auch, dass es kein Rückpass war. Aber letztendlich entscheidet der Schiedsrichter nun einmal. Und wir müssen uns selbst die Frage stellen, warum wir eine Woche zuvor in Stuttgart so schlecht gespielt haben. Da haben wir es verspielt. Ich war nach der verlorenen Meisterschaft fix und fertig, vollkommen leer, konnte nicht schlafen. So ging es den anderen auch, nur gut, dass wir uns dann bei Frode Grodas getroffen haben…

… diese Feier soll sehr lange gegangen sein…

Ebbe Sand: Ja, das war eine richtige Frustparty. Die ist richtig ausgeartet. Da haben wir richtig was getrunken und uns zusammen wieder aufgebaut. Ich habe an diesem Abend nur sehr wenige Stunden geschlafen und als ich wach wurde, hatte ich doppelte Kopfschmerzen. Wegen der verpassten Meisterschaft und dem Alkohol.

Allerdings musstet ihr wieder schnell fit sein, eine Woche nach der Meisterschaft stand das Pokalfinale in Berlin an.

Ebbe Sand: So ist Fußball, eine Woche zuvor fühlten wir uns, als wären wir abgestiegen. Sieben Tage später machten wir die Raupe auf dem Spielfeld um den DFB-Pokal. Im Endspiel selbst waren nicht gut, Union hatte einige Chancen. Dann hat Jörg Böhme zweimal zugeschlagen und wir hatten den Pott.

War das für Sie das versöhnliche Happy End der Saison?

Ebbe Sand: Der Pokalsieg war toll. Aber ich muss auch sagen, dass ich trotz der verpassten Meisterschaft gerne an diese Saison zurückdenke. Wir hatten eine wunderbare Mannschaft, in der einer für den anderen gerannt ist, wo jeder jeden gepusht hat. Vor der Saison galten wir als Abstiegskandidat und dann haben wir derart aufgetrumpft. Zum Beispiel in einer Saison zweimal die Bayern geschlagen, wer kann das schon von sich behaupten?

Also haben Sie kein »Meister der Herzen«-Trauma?

Ebbe Sand: Es gibt diesen Spruch, dass man durch den Fußball viel für das Leben lernt. Es war eine harte Niederlage, doch im Laufe der Zeit muss man lernen, damit umzugehen. Durch diese tiefe Trauer weiß man den Erfolg dann noch mehr zu schätzen. Ich wurde mehrere Male von Firmen in Deutschland und Dänemark gefragt, ob ich ein Seminar halten kann, in dem es um das Gewinnen und Verlieren geht. In diesen Seminaren habe ich natürlich auch über den 19. Mai 2001 gesprochen.

Das hört sich nach Masochismus an.

Ebbe Sand: Nein, das ging schon. Nur wenn dann das Video von diesem Tag eingelegt wurde, habe ich gesagt: »Entschuldigen Sie mich, ich bin in den nächsten Minuten mal vor der Tür.«

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