Dynamo Dresden und das Gewaltproblem

»Wir müssen unseren Fans vertrauen«

Dortmund, Hannover, jetzt Kaiserslautern: Wenn Dynamo Dresden bei namhaften Gegnern zu Gast ist, ist die Gefahr von Ausschreitungen stets präsent. Wie kann der Verein seinen Anhang, und speziell die mitreisenden »Gewalt-Touristen«, nur in den Griff bekommen? Ein Doppelinterview mit den Fan- und Sicherheitsbeauftragten Marek Lange und Sören Klar.

Dynamo Dresden und seine Fans – kein Monat vergeht, ohne dass Anhänger des ostdeutschen Traditionsvereins für Negativschlagzeilen sorgen. In den vergangenen eineinhalb Jahren sorgten besonders drei Vorfälle für große Empörung im Rest des Landes: Im Herbst 2011 randalierten Dynamo-Fans beim DFB-Pokalspiel in Dortmund so schwer, dass der DFB den Verein zunächst für die kommende Pokalrunde sperrte. Das Urteil wurde später zurückgenommen und in eine Geldstrafe (100.000 Euro) umgewandelt. DFB-Sportrichter Hans E. Lorenz fand dramatische Worte: »Wenn es so weiter geht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es Tote gibt.« Gut ein Jahr später, beim Pokalspiel gegen Hannover 96, waren es erneut Anhänger des Zweitligisten, die für Ärger sorgten: Ein gewaltsamer Blocksturm hatte neun Verletzte, drei Festnahmen und 41 Straftaten zur Folge. Erneut sperrte das DFB-Sportgericht den Klub für die folgende Pokalrunde. Der Klub legte auch dagegen Berufung ein, eine endgültige Entscheidung steht noch aus. Und erst Mitte Februar 2013 kam es beim Auswärtsspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern zu schweren Ausschreitungen, bei denen Hooligans Shuttlebusse mit Fans angriffen und für einen Sachschaden in Höhe von 70.000 Euro sorgten.

»Diese Typen machen den Fußball und das Ansehen unseres Vereins kaputt«, wurde Dynamo-Geschäftsführer Christian Müller anschließend zitiert. »Diese Typen« sind offenbar vor allem gewaltbereite Zuschauer, die dem für seinen großen Auswärtsanhang bekannten Klub hinterherreisen und im Dunstkreis des Fußballs prügeln und randalieren. Denn während Dynamo sein Fan-Problem im heimischen Stadion mit einer Vielzahl von Aktionen in den vergangenen Jahren auf ein Mindestmaß reduziert hat und dabei sogar neue, in der Zusammenarbeit zwischen Fans und Verein geradezu revolutionäre Wege gegangen ist, lassen die gewaltbereiten »Exil-Sachsen« bei Auswärtsspielen den Verein »am Scheideweg« (Geschäftsführer Müller) stehen.

Wie kann man diesen Problemen begegnen? Wie kontrolliert man Fans, die sich der Kontrolle durch die Vereinsinstanzen und gewachsenen Strukturen in der Fanszene entziehen? Und wie groß ist der Anteil der größtenteils zwar friedlichen, aber gewaltduldenen Dynamo-Fans?

Um diese Fragen zu beantworten, traf sich 11FREUNDE zum Interview mit Dynamos Fanbeauftragten Marek Lange und dem Sicherheitsbeauftragten des Vereins, Sören Klar.


Sören Klar, Marek Lange – Michael Gabriel von der KOS (Koordinationsstelle Fanprojekte) hat nach den jüngsten Vorfällen in Kaiserslautern gegenüber der »FAZ« gesagt: »Der Klub ist im Bezug auf das Thema (Fans und Fanbetreuung) gut aufgestellt, arbeitet seriös und auf der Höhe der Zeit. Aber das Bild des Vereins in der Öffentlichkeit ist komplett anders. Das ist gewisser Weise tragisch.« Wie viel Spaß macht Ihr Job gegenwärtig?

Sören Klar: Ich glaube, wir sind Überzeugungstäter. Wir kommen beide aus Dresden und sind mit Dynamo groß geworden. Ich bin nur einen Steinwurf vom alten Rudolf-Harbig-Stadion aufgewachsen, vom Balkon aus konnte ich die Massen auf den Tribünen sehen, wenn Dynamo im Europapokal gegen Brügge oder Uerdingen antrat. Marek und ich waren irgendwann mit dem Dynamo-Virus infiziert, heute arbeiten wir für den Verein, deshalb ist der Job auch eine Herzensangelegenheit.

Blutet das Herz nicht, wenn in eineinhalb Jahren drei Auswärtsspiele eskalieren und Dynamo Dresden deshalb das Image der bösen Fratze des deutschen Fußballs verpasst bekommt?
Klar: Das, was in Dortmund, Hannover und Kaiserslautern passiert ist, war natürlich katastrophal. Und hat uns zum Teil nachhaltig die vielen kleinen Erfolge, die wir in der Vergangenheit in der Arbeit mit unseren Fans erreicht haben, versaut.
Marek Lange: Nach dem Kaiserslautern-Spiel habe ich mir wirklich überlegt, ob es noch Sinn macht, diesen Job weiter auszuüben. Die eigentlichen Krawalle mal ausgeklammert, gab es Vorfälle innerhalb der Kommunikation zwischen mir und der Fanszene, wo ich kurz die Befürchtung hatte, dass jetzt eine über viele Jahre geschaffene Basis weg bricht, die uns sechs, sieben Schritte in der Entwicklung zurückgeworfen hätte. Was da im Detail abgelaufen ist, möchte ich an dieser Stelle nicht öffentlich machen. Nur so viel: Ich bin froh, dass diese Basis noch vorhanden ist.



(Dynamos Sicherheitsbeauftragter Sören Klar. Bildquelle: imago)

Michael Gabriel ist nicht der einzige, der die Arbeit an der Fanbasis bei Dynamo Dresden lobt. Trotzdem hat der Klub unübersehbar ein Gewalt-Problem. Woran liegt das?
Klar: Die Gewalt zieht sich wie ein Faden durch die jüngere Historie von Dynamo. Ich würde den Beginn dieser Gewalt-Geschichte Ende der achtziger Jahre festlegen, als das Fußball-Krawallmacher-Dasein als ideale Provokation gegen das DDR-Regime galt. Mit dem absoluten Höhepunkt im Europapokal-Rückspiel gegen Roter Stern Belgrad 1991, als hier wirklich Bürgerkriegsstimmung herrschte. Dieses Belgrad-Spiel ist zu einer Art Gewalt-Mythos verkommen, man hat in den Jahren danach die Fußball-Gewalt weitestgehend glorifiziert. Der Verdienst des Vereines ist es aber, dass dieser Mythos immer mehr in den Hintergrund tritt. Denn bei uns in Dresden haben wir schon seit geraumer Zeit keine Rückschläge in dieser Richtung mehr gehabt. Ich klopfe dreimal auf Holz, dass das auch in Zukunft so bleibt.

Diese Entmysthifizierung wirkt aber offenbar nicht bei denjenigen, die die Auswärtsspiele von Dynamo in Dortmund, Hannover und Kaiserslautern benutzt haben, um unter dem Deckmantel des Vereins zu prügeln und zu randalieren.
Klar: Das ist unser eigentliches Problem. Die Typen, die den Verein missbrauchen und den ominösen Dynamo-Mythos weiterleben lassen wollen bzw. als Trittbrett nutzen. Diese Typen entziehen sich bisher leider weitesgehend unseren Einflussmöglichkeiten.

Am 20. März 1991 empfing Dynamo, amtierender DDR-Meister 1990, den jugoslawischen Champions Roter Stern Belgrad zum Viertelfinal-Rückspiel im Europapokal der Landesmeister. Weil Dresdener Fans im Hinspiel massiv von jugoslawischen Hooligans attackiert worden waren, schwor der Dynamo-Anhang für das Rückspiel blutige Rache. Hooligans aus ganz Deutschland sorgten schließlich für die schlimmsten Krawalle jener Zeit, nach 78 Minuten wurde die Partie abgebrochen und mit 3:0 für den späteren Europapokal-Sieger aus Belgrad gewertet. Dynamo wurde für zwei Jahre aus allen internationalen Wettbewerb ausgeschlossen. Seitdem hat der Klub nie wieder international gespielt.



Viele Dresdener sprachen nach dem Kaiserslautern-Spiel davon, dass man die schlimmsten Rowdys entweder noch nie oder schon seit Jahren nicht mehr bei Heimspielen gesehen hätte. Sind Dynamo-Auswärtsspiele ein beliebtes Ausflugsziel für »Gewalt-Touristen«?
Lange: Auf jeden Fall. Ich möchte behaupten, dass ich mich in unserer Fanszene sehr gut auskenne und in Kaiserslautern habe ich sehr viele Gesichter das erste Mal gesehen. Auch unsere aktive Fanszene hat mir bestätigt, dass ihnen die meisten der Randalierer gänzlich unbekannt waren.

Von wie vielen Personen sprechen wir im Fall Kaiserslautern?
Lange: Ich denke, um die 200 Personen werden es gewesen sein.

Warum eigentlich ausgerechnet Dynamo?
Klar: Den Faktor Gewalt-Mythos haben wir bereits angesprochen. Dazu kommt, dass sich vor und nach der Wende sehr viele Dresdner bzw. sehr viele Dynamo-Sympathisanten überall in Deutschland verteilt haben. Nach München sind beispielsweise bis heute etwa 12.000 Dresdner »ausgewandert«. Bei Spielen gegen 1860 München hatten wir zuletzt immer im Schnitt 12.000 bis 14.000 Leute im Auswärtsblock, mehr als Hälfte sind dann sicherlich Exil-Dresdner. Darunter finden sich leider immer wieder Gewalttäter, die den Besuch von Dynamo auf ihre Weise ausnutzen.

Lässt sich das auswärtige Gewaltproblem auch mit Zahlen untermauern?
Klar: Beispielsweise im Rückblick auf die Saison 2011/12 ist festzustellen, dass der Anteil der gewaltbereiten Fans auf Auswärtsfahrten bei Dynamo Dresden rund zehn Prozent betrug. Der bundesdeutsche Durchschnitt liegt gegenwärtig bei ungefähr sechs Prozent. Etwa 100 potenzielle Gewaltbereite auf 1000 Auswärtsfans – das ist schon eine erschreckende Zahl.

Allerdings: Zumindest ein Gewaltpotenzial bzw. eine Gewaltakzeptanz wird man einem Teil der in Dresden wohnhaften Dynamo-Fans auch nicht absprechen können.
Lange: Eine Gewaltakzeptanz ist in Teilen unserer Fanszene vorhanden, dessen sind wir uns bewusst. Aber die brutale physische Gewalt wurde gerade bei besagten Auswärtsspielen auch von außen reingetragen. Was mich aber stört, ist, dass in der Öffentlichkeit immer wieder Gewalt und Pyrotechnik undifferenziert gleichgestellt oder zum Teil völlig unterschiedlich bewertet wird. Nichtsdestotrotz ist Pyrotechnik in deutschen Stadien verboten, und deshalb können wir das nicht dulden.

Was können Sie tun, um insbesondere das Gewalt-Problem im Umfeld des Vereins zu bekämpfen?
Lange: Wir wollen diese Akzeptanz so minimieren, dass es den »Gewalt-Touristen« unmöglich wird, bei Auswärtsspielen in der grauen Masse zu verschwinden.   

Vor nicht allzu langer Zeit galten auch die Dresdener Heimspiele als lohnendes Ausflugsziel für Hooligans. Gewalttätige, rassistische oder gar rechtsextreme Ausfälle sind in der Tat in der jüngeren Vergangenheit auf ein erstaunliches Mindestmaß gesunken. Wie ist das gelungen?
Lange: Was die Beseitigung der Bedrohung durch rechtsextreme Hools angeht, kann sich unsere Fanszene den Erfolg auf die eigenen Fahnen schreiben. Gruppierungen die durchaus der rechten Szene zugeordnet werden können, wurde durch die von allen Seiten gewünschte Selbstregulierung aus unserem Fan-Block und aus dem Stadion verdrängt. Das ist so mancher anderen Fanszene in Deutschland bislang nicht gelungen.

Die 2010 erstmals auffälige rechtsextreme Hooligan-Gruppierung »Faust des Ostens« soll zu Höchstzeiten etwa 200 Personen umfasst haben. Im Juni 2012 ging die Polizei gegen Mitglieder der Gruppe vor, bereits zuvor war die »FDO« von Dresdener Ultras aus der Kurve verdrängt worden.

Als Reaktion auf die Vorfälle von Kaiserslautern hat Dynamo die Kartenkontingente für die nächsten drei Auswärtsspiele eingefroren. Für viele Beobachter ein Zeichen der Hilflosigkeit.
Klar: Die Maßnahme ist zum Teil falsch interpretiert worden. Ziel ist es doch, unsere Fans damit zu motivieren, sich aktiv mit den Ausschreitungen und deren Folgen auseinanderzusetzen und dem Rest der Fußball-Republik zu beweisen, dass sie sich von der Gewalt distanzieren und es in Zukunft nicht mehr zu einer Solidarisierung mit etwaigen Randalierern bei Auswärtsspielen kommt. Ein erstes gutes Zeichen haben unsere Fans beim Heimspiel gegen den SV Sandhausen ja auch erfreulicherweise schon gezeigt.

Knapp 12.000 Zuschauer zeigten vor dem Spiel am 17. Februar demonstrativ die Rote Karte, auf Bannern war unter anderem zu lesen »Rote Karte gegen Pyro und Chaoten« und »Lasst nicht zu, dass Chaoten unseren Verein als Spielwiese nutzen«.
Lange: Noch wichtiger fand ich persönlich, dass sich ein wichtiger Vertreter unserer aktiven Fanszene per Ansage durch die Stadionlautsprecher zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung zum Thema Pyrotechnik und Gewalt innerhalb der Fanszene aufgerufen hat. So eine Aktion kann eine entscheidende Signalwirkung haben.

Das Video von der Ansage durch Vorsänger Stefan Lehmann:




Auf Seite 2: »Dresdener Fanbetreuungen in ganz Deutschland – warum nicht?«



Dynamo-Geschäftsführer Christian Müller hat nach dem Auswärtsspiel in Kaiserslautern gesagt: »Wir stehen als Verein am Scheideweg«. Eigentlich keine neue Situation für die SGD, oder?
Klar: Als 2007 beim Heimspiel gegen den Wuppertaler SV Ordner eine Zaunfahne heruntergerissen haben, und deshalb speziell die aktive Fanszene auf die Barrikaden ging, war das auch so ein Moment, wo man nicht wusste, wohin die Reise weitergeht. Dynamo hat damals gemeinsam mit den Fans eine Fancharta ins Leben gerufen. Ich würde behaupten, dass das zum damaligen Zeitpunkt einmalig in Deutschland war.
Lange: Das war ein wichtiges Zeichen vom Verein – sich nicht vom eigenen Anhang zu distanzieren, sondern den Dialog zu suchen. Mit Erfolg: Seitdem ist die Zusammenarbeit zwischen Fans und Verein immer besser geworden.

Wie hat sich das konkret auf die Entwicklungen im Verein ausgewirkt?
Klar: Dynamo hat zum Beispiel noch immer kein Maskottchen, keine gelb-schwarze Hummel, die vor der Kurve auf und ab turnt. Weil das die Fans nicht wollten und der Verein gesagt hat: gut, dann eben nicht. Oder der Bau unseres neuen Stadions (das Eröffnungsspiel gegen Schalke 04 fand am 15. September 2009 statt, d. Red.): Damals hat sich die »AG Stadion« hier in Dresden intensiv darüber ausgetauscht, wie unser K-Block (Fanblock mit über 9.000 Stehplätzen, d. Red.) beispielsweise fanfreundlich gestaltet werden kann. Mit dem Ergebnis, dass die inneren Zäune zwischen den Blöcken von K1 bis K5 von eigentlich vorgeschriebenen 2,20 Meter an die bauliche gefordertete Mindesthöhe von rund 1,20 Meter angepasst werden konnten. Das war durchaus ein großer Vertrauensvorschuss von den Sicherheitsträgern, also Baubehörde, Polizei, Bauherr und Verein, gegenüber unserer Fanszene. Gemeinsam einen Nenner finden, das ist ja das Ziel des Dialogs.



(Dynamos Fanbeauftragter Marek Lange. Bildquelle: Dynamo Dresden)

Mit Ihrer Arbeit erreichen sie allerdings nur die Dynamo-Fans, die sich auch tatsächlich im Vereinsumfeld bewegen und dort zu greifen sind. Womit wir wieder beim eigentlichen Problem sind: Wie erreicht man diejenigen Anhänger, die überall in Deutschland verteilt sind und nur zu ausgewählten Auswärtsspielen anreisen? Müsste man bei so vielen Auswärtsfahren nicht eigentlich Fanbetreuungen in den Ballungsgebieten der »Exil-Dresdener« installieren?
Lange: Die Idee ist gar nicht so abwegig, einige Bundesliga-Fanbetreuungen arbeiten tatsächlich mit ehrenamtlichen Regionalvertretern. Darauf wird es auf lange Sicht auch bei Dynamo hinauslaufen. Nur: Bis vor wenigen Tagen war ich der einzige Fanbetreuer bei Dynamo, eine Person für zehntausende Anhänger. (Am Tag des Interviews wurde Korinna Dittrich, ehemals Fanprojekt Dresden, als neue Mitarbeiterin der Fanbetreuung vorgestellt, d. Red.).

Dynamo Dresden ist in Sachen Fanbetreuung also unterbesetzt?
Lange: Ich würde behaupten, dass eigentlich fast jeder deutsche Profiklub in diesem Bereich nicht ausreichend besetzt ist. In manchen Vereinen gibt es am Spieltag mehr Mitarbeiter, die sich um die Belange der Pressevertreter kümmern, als hauptamtliche Fanbetreuer.
(Korinna Dittrich, die zu Beginn des Interviews ebenfalls anwesend ist, meldet sich zu Wort) Ich finde es noch entscheidender, dass wir unseren harten Kern der Fanszene, die, die immer auswärts fahren, dahingehend für das Image des Vereins sensibilisieren, dass sie dieses Verantwortungsgefühl für ihren Verein auch mit nach Braunschweig, Kaiserslautern, Bochum oder München nehmen.

Eine schwierige bis unmögliche Aufgabe: Fußballfans als moralische Verantwortungsträger für auswärtige Auftritte des Vereins zu erziehen.
Lange: Schwierig: ja, unmöglich: nein. Dass das ein Prozess ist, der nicht in ein paar Monaten oder einem Jahr abgeschlossen ist, ist uns allen bewusst. Fanbetreuung ist ein stetiger Prozess, der auf Kontinuität und Nachhaltigkeit aufbaut, bei dem man aber immer auch mit unerwarteten Rückschlägen rechnen muss.

Zu den Aufgaben der Fanbetreuung bei Dynamo Dresden im Vorfeld von Auswärtsspielen ist auf der Vereinshomepage der Satz zu lesen: »In manchen Fällen ergibt sich die Möglichkeit einer Sicherheitsberatung vor Ort.« Warum nur in manchen Fällen?
Klar: Normalerweise findet vor jedem Fußballspiel eine solche Sicherheitsberatung statt. Und im Idealfall werden dazu auch die jeweiligen Fanbetreuer und Sicherheitsbeauftragten des Gastvereins eingeladen. Leider sieht es in der Realität so aus, dass es Befindlichkeiten zwischen den jeweiligen Klubs gibt, die dafür sorgen, dass diese Sicherheitsberatungen ohne Vertreter des Gastvereins abgehalten werden.

Wenn Dynamo Dresden kommt, werden Sie also nicht zu diesen Beratungen im Vorfeld hinzugezogen?
Klar: Inzwischen schon, allerdings auch nur, weil wir bei manchen Vereinen mit Nachdruck darauf hingewiesen haben, dass unser Wissen über Dynamos Fanszene sehr entscheidend sein kann, wenn es darum geht, mögliche Krawalle zu verhindern.

Das heißt: Die Vereine müssen erst davon überzeugt werden, das Knowhow der Fanbetreuer und Sicherheitsbeauftragten auch zu nutzen?
Lange: Wir haben in Dresden noch die angenehme Situation, dass wir allen Verantwortlichen innerhalb des Vereins auf Augenhöhe begegnen, wenn es um die Belange der Fans geht. Man nimmt uns ernst. Das ist in vielen anderen Vereinen nicht immer der Fall. Ein Beispiel: Bei einem unserer letzten Auswärtsspiele tauchten wir bei der Sicherheitsberatung in voller Kapelle auf: Sicherheitsbeauftragter, Fanprojekt-Vertreterin, meine Wenigkeit. Und nur weil wir so zahlreich erschienen, zog der gastgebende Verein erstmals auch sein eigenes Fanprojekt hinzu.

Worin ist diese fehlende Akzeptanz der Fan-Experten in den eigenen Reihen begründet?
Lange: Viele Vereine glauben nicht, dass ihre Fanvertreter professionelle Arbeit abliefern können. Es ist zum Teil unterirdisch, wie manche Vereine ihre eigenen Fanbetreuer und Fanprojektler behandeln.
Dittrich: Die Personalsituation in fast allen Fanbetreuungen im deutschen Profifußball ist skandalös. Zu wenig Manpower für zu viele Fans.
Klar: Hinzu kommt der ständige Konflikt mit den jeweils zuständigen Polizeibehörden. Da fehlt es teilweise am grundsätzlichen Verständnis, was das Wissen bzw. die Arbeit der Fan-Experten anbelangt.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Klar: Ein klassischer Fall: Die Polizei ist der Meinung, eine Fahne im Block hängt zu hoch. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: Die Beamten gehen in den Block und nehmen die Fahne ab. Zweitens: Man sucht den Dialog mit den Fanbeauftragten, mit dem Fanprojektler, mit dem Sicherheitsbeauftragten und überlegt sich gemeinsam eine Lösung. In Bochum beispielsweise hat das hervorragend funktioniert. Den Polizisten hing die Fahne im Dynamo-Block zu hoch, die Befürchtung war: da wird jetzt gleich drunter gezündelt. Die Polizei sprach mit uns, wir mit den Fans und der Capo hat dem Polizeiführer schließlich persönlich zugesichert, dass die Fahne lediglich zur Selbstdarstellung, nicht aber zum versteckten Zündeln so hoch hängt. Der Polizeiführer hat das akzeptiert, die Fahne blieb hängen, es passierte nichts.

Auf Seite 3: »In Dortmund sagten sie uns: ›Wir haben doch hier das Derby!‹«



Das setzt aber die Bereitschaft voraus, der jeweiligen Seite zu vertrauen. Gerade bei einer vorbelasteten Fanszene wie der von Dynamo Dresden dürfte das schwer fallen.
Klar: Absolut. Aber Vertrauen ist das A und O. Sowohl in unserer Zusammenarbeit mit den Fans, als auch in der Zusammenarbeit zwischen Vereinen, der Polizei und Fanvertretern bzw. -experten.

Nun ist allein in der jüngeren Vergangenheit in nahezu allen Vereinen – Dynamo Dresden eingeschlossen – dieses Vertrauen auch missbraucht worden. Wie gehen Sie damit um?
Klar: Unsere Sicht der Dinge ist, dass es gar nicht anders geht, als immer wieder auf gegenseitiges Vertrauen und das Verantwortungsgefühl zu setzen. Noch ein Beispiel dafür, wie wir das in Dresden handhaben: Wenn unsere Fans eine riesige Blockfahne oder eine Choreografie präsentieren wollen, müssen verschiedene Faktoren greifen, damit das alles reibungslos klappt. Erstens: Die Fans müssen davon überzeugt sein, dass die Fanbetreuung und der Sicherheitsvertreter das grundsätzlich toll finden, schließlich soll damit der eigene Verein unterstützt und repräsentiert werden. Zweitens: Wenn es Sicherheitsbedenken gibt, egal von welcher Seite und egal aus welchen Gründen, müssen die Fans dafür ein offenes Ohr haben und das gemeinsam mit uns besprechen. Drittens: Um trotz der Sicherheitsbedenken das Okay für die Blockfahne oder die Choreo zu bekommen, müssen die Fans eine Handvoll Verantwortlicher stellen, die mir als Sicherheitsvertreter Namen, Unterschrift und Wort geben, dass sie für einen reibungslosen Ablauf zuständig sind.

Und das funktioniert?
Klar: Wir haben jedenfalls in den vergangenen Jahren und Monaten mit dieser Vorgehensweise nur gute Erfahrungen gemacht. Selbstverantwortung und Selbstregulierung – nur so kann man meiner Meinung nach die Fankultur, die in der jüngeren Vergangenheit so flächendeckend diskutiert wurde, auch bewahren und erhalten.
Lange: Die Grundlage dafür war und wird immer die offene Kommunikation zwischen allen Parteien sein.
Klar: Auf jeden Fall. Kommunikation bzw. Dialog untereinander steht bei uns nicht ohne Grund ganz oben in der Fancharta. Und wenn man eine funktionierende Kommunikation nur dazu nutzt, sich mal gegenseitig auszukotzen und Unklarheiten zu beseitigen. Wie soll ich unsere Fans davon überzeugen, dass ein riesiges Banner mit einem muskelbepackten Glatzkopf der ein blutiges Messer zwischen den Zähnen hat, vielleicht nicht so toll ankommt, wenn ich nicht mit ihnen darüber spreche?

Wie funktioniert so eine Kommunikation bei durchschnittlich fast 24.000 Heimspiel-Zuschauern?
Lange: Zunächst einmal: auf so hohem Niveau funktioniert die Kommunikation in die aktive Fanszene bei uns erst seit wenigen Jahren. Für den Dialog nehmen wir die großen Fangruppen, allen voran die Ultras, in die Pflicht. Nach dem Motto: Ihr wollt kommunizieren, dann sprecht untereinander und stellt Vertreter. Ich selbst lade mich regelmäßig bei Fanklubs und Fangruppierungen ein, einmal im Monat findet ein Treffen mit allen interessierten Gruppen statt. Und im vergangenen Jahr haben wir erstmals eine Fanversammlung organisiert, wo die Fans untereinander diskutierten und ich lediglich als Moderator vor Ort war. Nicht zu unterschätzen ist auch die nonverbale Kommunikation, heißt: zu spüren, wie die Fanszene gerade tickt, in welche Richtung sie sich bewegt und wo sich aktuelle Bedürfnisse oder auch Befindlichkeiten auftun. Ich bin von klein auf Teil der Dresdener Fanszene, deshalb habe ich diese Erfahrung.

Wenn Sie in Dresden so nah an der Fanszene sind – wie konnte dann Kaiserslautern passieren?
Lange: Da sind einfach im Vorfeld schon zu viele Fehler gemacht worden. Schon bei der Sicherheitsberatung. Die findet normalerweise eine Woche vor dem Spiel statt. In Kaiserslautern waren es drei Wochen Vorlauf. Die Zeitspanne ist zu groß, in der Zwischenzeit kann so viel passieren in der Szene. Die allgemeine Stimmung kann kippen, man erfährt von geplanten Pyroaktionen oder von der Anreise gewaltbereiter Trittbrettfahrer – drei Wochen vorher ist all das noch gar nicht einzuschätzen. Gerade im Hinblick darauf, dass es erst unser zweites Pflichtspiel im neuen Jahr war.

Wie lassen sich also in Zukunft die Szenarien von Dortmund, Hannover und Kaiserslautern verhindern?
Lange: Das so etwas wieder passiert, lässt sich leider nicht zu 100 Prozent ausschließen. Aber man kann zumindest an den richtigen Stellschrauben drehen. Das fängt bei einer vernünftigen Sicherheitsberatung an. Geht über den Austausch auf Augenhöhe zwischen den Fangruppen und den Vereinsvertretern weiter und hört bei einer Fanszene, die sich selbst zum Wohle des Vereins regulieren will und kann, auf. Und braucht vor allem das, was Korinna vorhin ansprach: Ausreichend Manpower.
Klar: Hinzu kommt, dass die Zuständigen vor Ort unsere Warnungen und unser Wissen auch ernst nehmen. Beispiel Hannover: Da wussten wir schon lange vor dem Spiel, dass die Gefahr eines Einlasssturms und anschließender Auseinandersetzungen groß sein würde.
Lange: Als wir das mit den Hannoveranern ansprachen, wurde uns sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Schlimmer noch, es fiel der Satz: »Wir machen Europa.« Die haben uns gar nicht ernst genommen.
Klar: Am Spieltag waren dann 1,50 Meter hohe Zäunchen vor den Eingängen aufgestellt, bewacht von zum Teil weiblichen Ordnern in den Fünfzigern.

Sören Klar, Sie wurden anschließend mit den Worten zitert: »Die Ordner waren der Situation nicht gewachsen. Sie waren nicht die Ordner, die man in solch einer Situation braucht. In Dresden setzen wir große und kräftige Kerle ein, die dem gewachsen sind.«
Klar: Das meinte ich so, wie ich es gesagt habe: Wenn ein aggressiver Trupp Kerle einen Eingang stürmen will, müssen da erfahrene Ordner mit entsprechenden körperlichen Voraussetzungen stehen, die auch schon mal eine Tür dicht machen können. Und nicht klein gewachsene Frauen mittleren Alters, die einfach über den Haufen gerannt werden. So schlimm das klingen mag. Aber so war es ja leider nun einmal.

Noch besser: Die Dynamo-Fans hätten erst gar nicht versucht, die Eingänge zu überrennen.
Klar: Natürlich, das wäre die Ideallösung. Aber wir haben auswärts nun einmal die beschissene Situation, dass Teile unseres Anhangs das Gehirn ausschalten. Wenn man das weiß, muss man sich zumindest auch darauf vorbereiten.

Hannover 96 hat diese Hinweise ignoriert?
Klar: Korrekt. In Dortmund war es ähnlich. Dort hieß es: Freunde, wir haben hier das Derby gegen Schalke. Wir haben doch schon alles gesehen. Noch eine Anmerkung zu den Ordnern: Wie man diesbezüglich miteinander kommuniziert, kann schon über Erfolg oder Misserfolg am Spieltag entscheiden. Wenn wir Besuch von Erzgebirge Aue oder Union Berlin bekommen, und mir meine Kollegen im Vorfeld anbieten, szenekundige und professionelle Ordner aus ihrem Umfeld als Begleitschutz mitzuschicken, dann wäre ich doch blöd, wenn ich diese Hilfe nicht annehmen würde. Natürlich versuche ich dann, dieses Knowhow gewinnbringend einzusetzen. Auch wir haben einen Teil unserer Ordner mit nach Kaiserslautern geschickt. Die hatten dort zwar kein Hausrecht, hätten aber sicherlich viele Brandherde im Keim ersticken können. Nur hat man sie nicht gelassen und stattdessen in die zweite Reihe gestellt. Anders war das zum Beispiel in Ingolstadt: Dort haben sich Ingolstädter und Dresdener Ordner zuvor besprochen und man hat sich gemeinsam um den Einlass und die Sicherheit gekümmert.

Als Konsequenz aus den Krawallen von Kaiserslautern hat Dynamo Dresden einen Vier-Punkte-Plan entwickelt. Lassen Sie uns den gemeinsam durchgehen. Punkt 1, die Nichtberücksichtigung der Ticketkontingente, haben wir bereits besprochen. Punkt 2: Ausarbeitung einer Auswärts-Fancharta. Was soll das bringen?
Lange: Dabei verfolgen wir ähnliche Ziele, wie bei der 2007 erstellten Heimspiel-Fan-Charta. Unsere Anhänger sollen sich gemeinsam mit uns zusammen aktiv mit den Problemen und Belangen des Vereins auseinandersetzen und im Idealfall die Haltung einnehmen: Solchen Ärger, so einen Imageschaden wollen wir unserem Verein nicht mehr antun!

Punkt 3: Die Zusammenarbeit mit den Staatsanwaltschaften zur Strafverfolgung wird entschieden forciert. Verliert man diesbezüglich nicht das Vertrauen in die Fanszene, wenn man sich aktiv für eine Strafverfolgung der eigenen Leute einsetzt?
Lange: Ich halte mich in der Tat aus diesen Angelegenheiten raus, da die Arbeit eines Fanbeauftragten schon per Definition nichts mit Strafverfolgung zu tun hat und zu tun haben darf! 
Klar: Gegen die Pauschalverurteilung von Vereinen hat nicht nur die Öffentlichkeit etwas, wir natürlich auch. Aber: Weder nach Dortmund, noch Hannover oder Kaiserslautern wurde nach unserem jetzigen Kenntnisstand auch nur eine Person angeklagt bzw. verurteilt! Das muss man sich mal vorstellen. Die Strafen treffen immer den Verein. Davon wollen wir weg. Wir wollen ja, dass die Täter auch überführt und bestraft werden, schließlich schädigen sie nicht nur dem jeweils gastgebenden Verein, sondern auch uns. Und jeder Fan, der seinen Verein liebt und deshalb nicht will, dass dieser Schaden nimmt, wird das genauso sehen.

Wie gehen Sie da konkret vor?
Klar: Wir haben zum Beispiel Rechtsanwälte beauftragt, die bei den Staatsanwaltschaften in Dortmund und Hannover nachhaken, wie dort der Stand der Ermittlungen ist. Es wurden ja Personen in Gewahrsam genommen, irgendwelche Anzeigen müssten ja eigentlich vorliegen.

Punkt 4: Die Fan-Abteilung des Vereins wird zeitnah nochmals personell und qualitativ unterstützt.
Lange: Ein erster Schritt ist mit der »Verpflichtung« von Korinna vom Fanprojekt Dresden ja immerhin getan. In absehbarer Zeit werden wir unsere Abteilung weiter ausbauen und so auch unsere Strukturen qualitativ verbessern.

Welche Reaktionen aus der Dresdener Fanszene wünschen Sie sich für die nahe Zukunft?
Lange: Die Fans müssen sich, mit unserer Unterstützung, alleine organisieren, um solche Rückschläge wie beispielsweise in Dortmund, Hannover, Kaiserslautern zu verhindern.  Der Appell von unserem Vorsänger vor dem letzten Heimspiel gegen Sandhausen im Mittelkreis war schon der richtige Anfang, um eine neue Diskussion innerhalb unserer komplexen Fanszene anzustoßen.
Klar: Und sie müssen sich hinterfragen: Welches Image wollen wir für unseren Verein? Was bringt es uns, wenn wir bei Auswärtsspielen zulassen, dass ein Haufen Idioten für den nächsten Skandal sorgt? Und wie soll in diesem Zusammenhang und der Diskrepanz von Heim- und Auswärtsspielen in Zukunft die Fankultur in Dresden aussehen?

Marek Lange, Sören Klar, wenn Sie nur eine Taste zu drücken bräuchten, um den Chaos der Wendezeit, das Belgrad-Spiel, den finanziellen und sportlichen Kollaps Mitte der Neunziger und die Skandale der vergangenen Jahre vergessen zu machen, wenn Sie Dynamo Dresden auf Null stellen könnten – würden Sie die Taste betätigen?
Lange: Nein, aber logischerweise hätte ich nichts dagegen, hätte es bestimmte Vorfälle in der Vergangenheit nicht gegeben. Damit meine ich insbesondere Vorfälle, wo bestimmte Grenzen ganz bewusst überschritten worden sind. Aber auch die Narben der Vergangenheit gehören untrennbar zur Identität der SG Dynamo Dresden. Auch dadurch sind wir das, was wir heute sind. Und ich mag den Verein so wie er ist. Außerdem sehe ich unsere Vorgeschichte als Chaos-Klub auch als Chance, die Geschichte in der Gegenwart weiter zu schreiben – und zwar positiv.
Klar: Sehe ich genauso. Selbst wenn es diese Taste gäbe, würde ich sie nicht drücken. Sonst wären wir nicht die SG Dynamo Dresden, sondern die SG Dynamo Hoffenheim.

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