25.02.2013

Dynamo Dresden und das Gewaltproblem

»Wir müssen unseren Fans vertrauen«

Dortmund, Hannover, jetzt Kaiserslautern: Wenn Dynamo Dresden bei namhaften Gegnern zu Gast ist, ist die Gefahr von Ausschreitungen stets präsent. Wie kann der Verein seinen Anhang, und speziell die mitreisenden »Gewalt-Touristen«, nur in den Griff bekommen? Ein Doppelinterview mit den Fan- und Sicherheitsbeauftragten Marek Lange und Sören Klar.

Interview: Alex Raack Bild: Imago


Dynamo-Geschäftsführer Christian Müller hat nach dem Auswärtsspiel in Kaiserslautern gesagt: »Wir stehen als Verein am Scheideweg«. Eigentlich keine neue Situation für die SGD, oder?
Klar: Als 2007 beim Heimspiel gegen den Wuppertaler SV Ordner eine Zaunfahne heruntergerissen haben, und deshalb speziell die aktive Fanszene auf die Barrikaden ging, war das auch so ein Moment, wo man nicht wusste, wohin die Reise weitergeht. Dynamo hat damals gemeinsam mit den Fans eine Fancharta ins Leben gerufen. Ich würde behaupten, dass das zum damaligen Zeitpunkt einmalig in Deutschland war.
Lange: Das war ein wichtiges Zeichen vom Verein – sich nicht vom eigenen Anhang zu distanzieren, sondern den Dialog zu suchen. Mit Erfolg: Seitdem ist die Zusammenarbeit zwischen Fans und Verein immer besser geworden.

Wie hat sich das konkret auf die Entwicklungen im Verein ausgewirkt?
Klar: Dynamo hat zum Beispiel noch immer kein Maskottchen, keine gelb-schwarze Hummel, die vor der Kurve auf und ab turnt. Weil das die Fans nicht wollten und der Verein gesagt hat: gut, dann eben nicht. Oder der Bau unseres neuen Stadions (das Eröffnungsspiel gegen Schalke 04 fand am 15. September 2009 statt, d. Red.): Damals hat sich die »AG Stadion« hier in Dresden intensiv darüber ausgetauscht, wie unser K-Block (Fanblock mit über 9.000 Stehplätzen, d. Red.) beispielsweise fanfreundlich gestaltet werden kann. Mit dem Ergebnis, dass die inneren Zäune zwischen den Blöcken von K1 bis K5 von eigentlich vorgeschriebenen 2,20 Meter an die bauliche gefordertete Mindesthöhe von rund 1,20 Meter angepasst werden konnten. Das war durchaus ein großer Vertrauensvorschuss von den Sicherheitsträgern, also Baubehörde, Polizei, Bauherr und Verein, gegenüber unserer Fanszene. Gemeinsam einen Nenner finden, das ist ja das Ziel des Dialogs.



(Dynamos Fanbeauftragter Marek Lange. Bildquelle: Dynamo Dresden)

Mit Ihrer Arbeit erreichen sie allerdings nur die Dynamo-Fans, die sich auch tatsächlich im Vereinsumfeld bewegen und dort zu greifen sind. Womit wir wieder beim eigentlichen Problem sind: Wie erreicht man diejenigen Anhänger, die überall in Deutschland verteilt sind und nur zu ausgewählten Auswärtsspielen anreisen? Müsste man bei so vielen Auswärtsfahren nicht eigentlich Fanbetreuungen in den Ballungsgebieten der »Exil-Dresdener« installieren?
Lange: Die Idee ist gar nicht so abwegig, einige Bundesliga-Fanbetreuungen arbeiten tatsächlich mit ehrenamtlichen Regionalvertretern. Darauf wird es auf lange Sicht auch bei Dynamo hinauslaufen. Nur: Bis vor wenigen Tagen war ich der einzige Fanbetreuer bei Dynamo, eine Person für zehntausende Anhänger. (Am Tag des Interviews wurde Korinna Dittrich, ehemals Fanprojekt Dresden, als neue Mitarbeiterin der Fanbetreuung vorgestellt, d. Red.).

Dynamo Dresden ist in Sachen Fanbetreuung also unterbesetzt?
Lange: Ich würde behaupten, dass eigentlich fast jeder deutsche Profiklub in diesem Bereich nicht ausreichend besetzt ist. In manchen Vereinen gibt es am Spieltag mehr Mitarbeiter, die sich um die Belange der Pressevertreter kümmern, als hauptamtliche Fanbetreuer.
(Korinna Dittrich, die zu Beginn des Interviews ebenfalls anwesend ist, meldet sich zu Wort) Ich finde es noch entscheidender, dass wir unseren harten Kern der Fanszene, die, die immer auswärts fahren, dahingehend für das Image des Vereins sensibilisieren, dass sie dieses Verantwortungsgefühl für ihren Verein auch mit nach Braunschweig, Kaiserslautern, Bochum oder München nehmen.

Eine schwierige bis unmögliche Aufgabe: Fußballfans als moralische Verantwortungsträger für auswärtige Auftritte des Vereins zu erziehen.
Lange: Schwierig: ja, unmöglich: nein. Dass das ein Prozess ist, der nicht in ein paar Monaten oder einem Jahr abgeschlossen ist, ist uns allen bewusst. Fanbetreuung ist ein stetiger Prozess, der auf Kontinuität und Nachhaltigkeit aufbaut, bei dem man aber immer auch mit unerwarteten Rückschlägen rechnen muss.

Zu den Aufgaben der Fanbetreuung bei Dynamo Dresden im Vorfeld von Auswärtsspielen ist auf der Vereinshomepage der Satz zu lesen: »In manchen Fällen ergibt sich die Möglichkeit einer Sicherheitsberatung vor Ort.« Warum nur in manchen Fällen?
Klar: Normalerweise findet vor jedem Fußballspiel eine solche Sicherheitsberatung statt. Und im Idealfall werden dazu auch die jeweiligen Fanbetreuer und Sicherheitsbeauftragten des Gastvereins eingeladen. Leider sieht es in der Realität so aus, dass es Befindlichkeiten zwischen den jeweiligen Klubs gibt, die dafür sorgen, dass diese Sicherheitsberatungen ohne Vertreter des Gastvereins abgehalten werden.

Wenn Dynamo Dresden kommt, werden Sie also nicht zu diesen Beratungen im Vorfeld hinzugezogen?
Klar: Inzwischen schon, allerdings auch nur, weil wir bei manchen Vereinen mit Nachdruck darauf hingewiesen haben, dass unser Wissen über Dynamos Fanszene sehr entscheidend sein kann, wenn es darum geht, mögliche Krawalle zu verhindern.

Das heißt: Die Vereine müssen erst davon überzeugt werden, das Knowhow der Fanbetreuer und Sicherheitsbeauftragten auch zu nutzen?
Lange: Wir haben in Dresden noch die angenehme Situation, dass wir allen Verantwortlichen innerhalb des Vereins auf Augenhöhe begegnen, wenn es um die Belange der Fans geht. Man nimmt uns ernst. Das ist in vielen anderen Vereinen nicht immer der Fall. Ein Beispiel: Bei einem unserer letzten Auswärtsspiele tauchten wir bei der Sicherheitsberatung in voller Kapelle auf: Sicherheitsbeauftragter, Fanprojekt-Vertreterin, meine Wenigkeit. Und nur weil wir so zahlreich erschienen, zog der gastgebende Verein erstmals auch sein eigenes Fanprojekt hinzu.

Worin ist diese fehlende Akzeptanz der Fan-Experten in den eigenen Reihen begründet?
Lange: Viele Vereine glauben nicht, dass ihre Fanvertreter professionelle Arbeit abliefern können. Es ist zum Teil unterirdisch, wie manche Vereine ihre eigenen Fanbetreuer und Fanprojektler behandeln.
Dittrich: Die Personalsituation in fast allen Fanbetreuungen im deutschen Profifußball ist skandalös. Zu wenig Manpower für zu viele Fans.
Klar: Hinzu kommt der ständige Konflikt mit den jeweils zuständigen Polizeibehörden. Da fehlt es teilweise am grundsätzlichen Verständnis, was das Wissen bzw. die Arbeit der Fan-Experten anbelangt.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Klar: Ein klassischer Fall: Die Polizei ist der Meinung, eine Fahne im Block hängt zu hoch. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: Die Beamten gehen in den Block und nehmen die Fahne ab. Zweitens: Man sucht den Dialog mit den Fanbeauftragten, mit dem Fanprojektler, mit dem Sicherheitsbeauftragten und überlegt sich gemeinsam eine Lösung. In Bochum beispielsweise hat das hervorragend funktioniert. Den Polizisten hing die Fahne im Dynamo-Block zu hoch, die Befürchtung war: da wird jetzt gleich drunter gezündelt. Die Polizei sprach mit uns, wir mit den Fans und der Capo hat dem Polizeiführer schließlich persönlich zugesichert, dass die Fahne lediglich zur Selbstdarstellung, nicht aber zum versteckten Zündeln so hoch hängt. Der Polizeiführer hat das akzeptiert, die Fahne blieb hängen, es passierte nichts.

Auf Seite 3: »In Dortmund sagten sie uns: ›Wir haben doch hier das Derby!‹«

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