25.02.2013

Dynamo Dresden und das Gewaltproblem

»Wir müssen unseren Fans vertrauen«

Dortmund, Hannover, jetzt Kaiserslautern: Wenn Dynamo Dresden bei namhaften Gegnern zu Gast ist, ist die Gefahr von Ausschreitungen stets präsent. Wie kann der Verein seinen Anhang, und speziell die mitreisenden »Gewalt-Touristen«, nur in den Griff bekommen? Ein Doppelinterview mit den Fan- und Sicherheitsbeauftragten Marek Lange und Sören Klar.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Dynamo Dresden und seine Fans – kein Monat vergeht, ohne dass Anhänger des ostdeutschen Traditionsvereins für Negativschlagzeilen sorgen. In den vergangenen eineinhalb Jahren sorgten besonders drei Vorfälle für große Empörung im Rest des Landes: Im Herbst 2011 randalierten Dynamo-Fans beim DFB-Pokalspiel in Dortmund so schwer, dass der DFB den Verein zunächst für die kommende Pokalrunde sperrte. Das Urteil wurde später zurückgenommen und in eine Geldstrafe (100.000 Euro) umgewandelt. DFB-Sportrichter Hans E. Lorenz fand dramatische Worte: »Wenn es so weiter geht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es Tote gibt.« Gut ein Jahr später, beim Pokalspiel gegen Hannover 96, waren es erneut Anhänger des Zweitligisten, die für Ärger sorgten: Ein gewaltsamer Blocksturm hatte neun Verletzte, drei Festnahmen und 41 Straftaten zur Folge. Erneut sperrte das DFB-Sportgericht den Klub für die folgende Pokalrunde. Der Klub legte auch dagegen Berufung ein, eine endgültige Entscheidung steht noch aus. Und erst Mitte Februar 2013 kam es beim Auswärtsspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern zu schweren Ausschreitungen, bei denen Hooligans Shuttlebusse mit Fans angriffen und für einen Sachschaden in Höhe von 70.000 Euro sorgten.

»Diese Typen machen den Fußball und das Ansehen unseres Vereins kaputt«, wurde Dynamo-Geschäftsführer Christian Müller anschließend zitiert. »Diese Typen« sind offenbar vor allem gewaltbereite Zuschauer, die dem für seinen großen Auswärtsanhang bekannten Klub hinterherreisen und im Dunstkreis des Fußballs prügeln und randalieren. Denn während Dynamo sein Fan-Problem im heimischen Stadion mit einer Vielzahl von Aktionen in den vergangenen Jahren auf ein Mindestmaß reduziert hat und dabei sogar neue, in der Zusammenarbeit zwischen Fans und Verein geradezu revolutionäre Wege gegangen ist, lassen die gewaltbereiten »Exil-Sachsen« bei Auswärtsspielen den Verein »am Scheideweg« (Geschäftsführer Müller) stehen.

Wie kann man diesen Problemen begegnen? Wie kontrolliert man Fans, die sich der Kontrolle durch die Vereinsinstanzen und gewachsenen Strukturen in der Fanszene entziehen? Und wie groß ist der Anteil der größtenteils zwar friedlichen, aber gewaltduldenen Dynamo-Fans?

Um diese Fragen zu beantworten, traf sich 11FREUNDE zum Interview mit Dynamos Fanbeauftragten Marek Lange und dem Sicherheitsbeauftragten des Vereins, Sören Klar.


Sören Klar, Marek Lange – Michael Gabriel von der KOS (Koordinationsstelle Fanprojekte) hat nach den jüngsten Vorfällen in Kaiserslautern gegenüber der »FAZ« gesagt: »Der Klub ist im Bezug auf das Thema (Fans und Fanbetreuung) gut aufgestellt, arbeitet seriös und auf der Höhe der Zeit. Aber das Bild des Vereins in der Öffentlichkeit ist komplett anders. Das ist gewisser Weise tragisch.« Wie viel Spaß macht Ihr Job gegenwärtig?

Sören Klar: Ich glaube, wir sind Überzeugungstäter. Wir kommen beide aus Dresden und sind mit Dynamo groß geworden. Ich bin nur einen Steinwurf vom alten Rudolf-Harbig-Stadion aufgewachsen, vom Balkon aus konnte ich die Massen auf den Tribünen sehen, wenn Dynamo im Europapokal gegen Brügge oder Uerdingen antrat. Marek und ich waren irgendwann mit dem Dynamo-Virus infiziert, heute arbeiten wir für den Verein, deshalb ist der Job auch eine Herzensangelegenheit.

Blutet das Herz nicht, wenn in eineinhalb Jahren drei Auswärtsspiele eskalieren und Dynamo Dresden deshalb das Image der bösen Fratze des deutschen Fußballs verpasst bekommt?
Klar: Das, was in Dortmund, Hannover und Kaiserslautern passiert ist, war natürlich katastrophal. Und hat uns zum Teil nachhaltig die vielen kleinen Erfolge, die wir in der Vergangenheit in der Arbeit mit unseren Fans erreicht haben, versaut.
Marek Lange: Nach dem Kaiserslautern-Spiel habe ich mir wirklich überlegt, ob es noch Sinn macht, diesen Job weiter auszuüben. Die eigentlichen Krawalle mal ausgeklammert, gab es Vorfälle innerhalb der Kommunikation zwischen mir und der Fanszene, wo ich kurz die Befürchtung hatte, dass jetzt eine über viele Jahre geschaffene Basis weg bricht, die uns sechs, sieben Schritte in der Entwicklung zurückgeworfen hätte. Was da im Detail abgelaufen ist, möchte ich an dieser Stelle nicht öffentlich machen. Nur so viel: Ich bin froh, dass diese Basis noch vorhanden ist.



(Dynamos Sicherheitsbeauftragter Sören Klar. Bildquelle: imago)

Michael Gabriel ist nicht der einzige, der die Arbeit an der Fanbasis bei Dynamo Dresden lobt. Trotzdem hat der Klub unübersehbar ein Gewalt-Problem. Woran liegt das?
Klar: Die Gewalt zieht sich wie ein Faden durch die jüngere Historie von Dynamo. Ich würde den Beginn dieser Gewalt-Geschichte Ende der achtziger Jahre festlegen, als das Fußball-Krawallmacher-Dasein als ideale Provokation gegen das DDR-Regime galt. Mit dem absoluten Höhepunkt im Europapokal-Rückspiel gegen Roter Stern Belgrad 1991, als hier wirklich Bürgerkriegsstimmung herrschte. Dieses Belgrad-Spiel ist zu einer Art Gewalt-Mythos verkommen, man hat in den Jahren danach die Fußball-Gewalt weitestgehend glorifiziert. Der Verdienst des Vereines ist es aber, dass dieser Mythos immer mehr in den Hintergrund tritt. Denn bei uns in Dresden haben wir schon seit geraumer Zeit keine Rückschläge in dieser Richtung mehr gehabt. Ich klopfe dreimal auf Holz, dass das auch in Zukunft so bleibt.

Diese Entmysthifizierung wirkt aber offenbar nicht bei denjenigen, die die Auswärtsspiele von Dynamo in Dortmund, Hannover und Kaiserslautern benutzt haben, um unter dem Deckmantel des Vereins zu prügeln und zu randalieren.
Klar: Das ist unser eigentliches Problem. Die Typen, die den Verein missbrauchen und den ominösen Dynamo-Mythos weiterleben lassen wollen bzw. als Trittbrett nutzen. Diese Typen entziehen sich bisher leider weitesgehend unseren Einflussmöglichkeiten.

Am 20. März 1991 empfing Dynamo, amtierender DDR-Meister 1990, den jugoslawischen Champions Roter Stern Belgrad zum Viertelfinal-Rückspiel im Europapokal der Landesmeister. Weil Dresdener Fans im Hinspiel massiv von jugoslawischen Hooligans attackiert worden waren, schwor der Dynamo-Anhang für das Rückspiel blutige Rache. Hooligans aus ganz Deutschland sorgten schließlich für die schlimmsten Krawalle jener Zeit, nach 78 Minuten wurde die Partie abgebrochen und mit 3:0 für den späteren Europapokal-Sieger aus Belgrad gewertet. Dynamo wurde für zwei Jahre aus allen internationalen Wettbewerb ausgeschlossen. Seitdem hat der Klub nie wieder international gespielt.



Viele Dresdener sprachen nach dem Kaiserslautern-Spiel davon, dass man die schlimmsten Rowdys entweder noch nie oder schon seit Jahren nicht mehr bei Heimspielen gesehen hätte. Sind Dynamo-Auswärtsspiele ein beliebtes Ausflugsziel für »Gewalt-Touristen«?
Lange: Auf jeden Fall. Ich möchte behaupten, dass ich mich in unserer Fanszene sehr gut auskenne und in Kaiserslautern habe ich sehr viele Gesichter das erste Mal gesehen. Auch unsere aktive Fanszene hat mir bestätigt, dass ihnen die meisten der Randalierer gänzlich unbekannt waren.

Von wie vielen Personen sprechen wir im Fall Kaiserslautern?
Lange: Ich denke, um die 200 Personen werden es gewesen sein.

Warum eigentlich ausgerechnet Dynamo?
Klar: Den Faktor Gewalt-Mythos haben wir bereits angesprochen. Dazu kommt, dass sich vor und nach der Wende sehr viele Dresdner bzw. sehr viele Dynamo-Sympathisanten überall in Deutschland verteilt haben. Nach München sind beispielsweise bis heute etwa 12.000 Dresdner »ausgewandert«. Bei Spielen gegen 1860 München hatten wir zuletzt immer im Schnitt 12.000 bis 14.000 Leute im Auswärtsblock, mehr als Hälfte sind dann sicherlich Exil-Dresdner. Darunter finden sich leider immer wieder Gewalttäter, die den Besuch von Dynamo auf ihre Weise ausnutzen.

Lässt sich das auswärtige Gewaltproblem auch mit Zahlen untermauern?
Klar: Beispielsweise im Rückblick auf die Saison 2011/12 ist festzustellen, dass der Anteil der gewaltbereiten Fans auf Auswärtsfahrten bei Dynamo Dresden rund zehn Prozent betrug. Der bundesdeutsche Durchschnitt liegt gegenwärtig bei ungefähr sechs Prozent. Etwa 100 potenzielle Gewaltbereite auf 1000 Auswärtsfans – das ist schon eine erschreckende Zahl.

Allerdings: Zumindest ein Gewaltpotenzial bzw. eine Gewaltakzeptanz wird man einem Teil der in Dresden wohnhaften Dynamo-Fans auch nicht absprechen können.
Lange: Eine Gewaltakzeptanz ist in Teilen unserer Fanszene vorhanden, dessen sind wir uns bewusst. Aber die brutale physische Gewalt wurde gerade bei besagten Auswärtsspielen auch von außen reingetragen. Was mich aber stört, ist, dass in der Öffentlichkeit immer wieder Gewalt und Pyrotechnik undifferenziert gleichgestellt oder zum Teil völlig unterschiedlich bewertet wird. Nichtsdestotrotz ist Pyrotechnik in deutschen Stadien verboten, und deshalb können wir das nicht dulden.

Was können Sie tun, um insbesondere das Gewalt-Problem im Umfeld des Vereins zu bekämpfen?
Lange: Wir wollen diese Akzeptanz so minimieren, dass es den »Gewalt-Touristen« unmöglich wird, bei Auswärtsspielen in der grauen Masse zu verschwinden.   

Vor nicht allzu langer Zeit galten auch die Dresdener Heimspiele als lohnendes Ausflugsziel für Hooligans. Gewalttätige, rassistische oder gar rechtsextreme Ausfälle sind in der Tat in der jüngeren Vergangenheit auf ein erstaunliches Mindestmaß gesunken. Wie ist das gelungen?
Lange: Was die Beseitigung der Bedrohung durch rechtsextreme Hools angeht, kann sich unsere Fanszene den Erfolg auf die eigenen Fahnen schreiben. Gruppierungen die durchaus der rechten Szene zugeordnet werden können, wurde durch die von allen Seiten gewünschte Selbstregulierung aus unserem Fan-Block und aus dem Stadion verdrängt. Das ist so mancher anderen Fanszene in Deutschland bislang nicht gelungen.

Die 2010 erstmals auffälige rechtsextreme Hooligan-Gruppierung »Faust des Ostens« soll zu Höchstzeiten etwa 200 Personen umfasst haben. Im Juni 2012 ging die Polizei gegen Mitglieder der Gruppe vor, bereits zuvor war die »FDO« von Dresdener Ultras aus der Kurve verdrängt worden.

Als Reaktion auf die Vorfälle von Kaiserslautern hat Dynamo die Kartenkontingente für die nächsten drei Auswärtsspiele eingefroren. Für viele Beobachter ein Zeichen der Hilflosigkeit.
Klar: Die Maßnahme ist zum Teil falsch interpretiert worden. Ziel ist es doch, unsere Fans damit zu motivieren, sich aktiv mit den Ausschreitungen und deren Folgen auseinanderzusetzen und dem Rest der Fußball-Republik zu beweisen, dass sie sich von der Gewalt distanzieren und es in Zukunft nicht mehr zu einer Solidarisierung mit etwaigen Randalierern bei Auswärtsspielen kommt. Ein erstes gutes Zeichen haben unsere Fans beim Heimspiel gegen den SV Sandhausen ja auch erfreulicherweise schon gezeigt.

Knapp 12.000 Zuschauer zeigten vor dem Spiel am 17. Februar demonstrativ die Rote Karte, auf Bannern war unter anderem zu lesen »Rote Karte gegen Pyro und Chaoten« und »Lasst nicht zu, dass Chaoten unseren Verein als Spielwiese nutzen«.
Lange: Noch wichtiger fand ich persönlich, dass sich ein wichtiger Vertreter unserer aktiven Fanszene per Ansage durch die Stadionlautsprecher zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung zum Thema Pyrotechnik und Gewalt innerhalb der Fanszene aufgerufen hat. So eine Aktion kann eine entscheidende Signalwirkung haben.

Das Video von der Ansage durch Vorsänger Stefan Lehmann:




Auf Seite 2: »Dresdener Fanbetreuungen in ganz Deutschland – warum nicht?«

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