12.04.2012

Dynamo-Dresden-Fanprojektler Christian Kabs

»Unsere Szene hat sich gebessert«

Weil Fans von Dynamo Dresden beim Pokalspiel in Dortmund für Spielunterbrechungen sorgten, droht dem Klub jetzt eine einjährige Pokal-Sperre. Christian Kabs vom Dresdener Fanprojekt über Outlaws, 400 Gewalttäter und einen nahezu irreparablen Imageschaden.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Christian Kabs, ist Dynamo Dresden ein Hort für Schläger und Randalierer?
Christian Kabs: Natürlich nicht. Nach den Vorfällen von Dortmund ist dieser Eindruck allerdings bei einigen Zuschauern im Stadion und vor dem Fernseher entstanden.

Was ist beim Pokalspiel genau passiert?
Christian Kabs: Es ging ja schon vor dem Spiel los. Der Marsch vom Gästeparkplatz bis ins Stadion war bereits Wochen vorher in unserer Fanszene angekündigt worden, über 4000 Dynamo-Fans haben sich dann auch ein paar Stunden vor dem Anpfiff dort friedlich getroffen und sind dann zur verabredeten Zeit gemeinsam losmarschiert.

Wann haben Sie gemerkt: Jetzt läuft das aus dem Ruder?
Christian Kabs: Die sehr vielen Böllerwürfe fand ich irritierend. Die sind in unserer aktiven Szene eigentlich seit Jahren verpönt. Da wusste ich: Hier sind eine ganze Menge Typen mit dabei, die die positive Entwicklung in unserer Fanszene in den vergangenen Jahren nicht mitbekommen haben. Vor dem Stadion kam es dann zu den ersten Scharmützeln. Obwohl diese Partie als Sicherheitsspiel eingestuft worden war, gab es in Dortmund keine Fantrennung. Unser Zug führte also direkt an den Fans vom BVB vorbei. Den ersten Rangeleien folgten Böller- und Pyrowürfe, dann der Einsatz der Polizei mit Pfefferspray und daraufhin Flaschenwürfe aus dem Dynamo-Fanmarsch.

Das Spiel musste deshalb später angepfiffen werden, der übertragene Sender sprach davon, Dresdener hätten versucht, das Stadion gewaltsam zu stürmen.
Christian Kabs: Das ist so nicht richtig. Aufgrund des Polizeieinsatzes wurden zunächst alle Zugänge zum Stadion versperrt, ein paar Dynamos haben dann versucht, trotzdem ins Stadion zu gelangen. Wir vom Fanprojekt haben die beiden Vorsänger der Fanszene gebeten, die Masse zu beruhigen und die Jungs haben auch einen tollen Job gemacht. Durch deren Einsatz, der insgesamt circa eine Stunde andauerte, hat sich die Situation vor dem Einlass relativ schnell entspannt, so dass die Stadiontore für die Dynamo-Fans relativ zügig wieder geöffnet werden konnten. Aber dass, wie berichtet, 4000 Dresdener versucht hätten, das Westfalenstadion zu entern, ist einfach nicht richtig.

Insgesamt waren 12.000 Dresden-Fans im Stadion. Davon wären 4000, so hieß es später, gewaltbereit gewesen. Stimmt die Zahl?
Christian Kabs: Nein, das wäre ja eine ungeheure Zahl. Ich denke, an diesem Tag waren etwa 400 gewaltbereite »Fans« mit dabei.

Die dann im Stadion weiter ihr Unwesen treiben durften.
Christian Kabs: Leider ja. Allerdings muss man dazu sagen, dass die Einlasskontrollen vor dem Spiel extrem lasch waren. Sehr viele Fans haben mir während und nach dem Spiel berichtet, wie vergleichsweise locker die Kontrollen waren. Da wurden Jungs mit einem vollgepackten Rucksack durchgewunken, ohne dass sich jemand die Mühe gemacht hätte, mal in den Rucksack zu schauen. Das ist natürlich keine Entschuldigung, aber vielleicht eine Erklärung dafür, warum so viel Pyro gezündet werden konnte.

Wie war die Stimmung im Stadion?
Christian Kabs: Durch die Vorfälle kurz zuvor ohnehin sehr gereizt. Weil aber Dresdener und Dortmunder Fans quasi in einem Block standen, ohne die sonst üblichen Pufferzonen, kam es noch vor dem Anstoß zu weiteren Auseinandersetzungen. Als das Spiel dann angepfiffen wurde, war die Stimmung wirklich sehr vergiftet.

Wieder wurden Bengalos gezündet...
Christian Kabs: Ja. Allerdings – so sehe ich das jedenfalls – zunächst in einem kontrollierten Rahmen. Richtig schlimm wurde es dann erst, als Leuchtspur-Raketen in andere Blöcke flogen, Pyro in den Innenraum geworfen wurde und das Spiel dadurch unterbrochen werden musste. Da wusste ich: Das gibt richtig Ärger.

ZDF-Nachrichtensprecherin Marietta Slomka gab in der Halbzeit den Ultras die Schuld an den Spielunterbrechungen.
Christian Kabs: Die wirklich wenig neutrale Berichterstattung hat tatsächlich noch einmal Öl ins Feuer gegossen. Unsere Ultra-Gruppierung, die »Ultras Dynamo«, hat sich bereits auf ihrer Homepage von den Vorfällen distanziert, die sind seit Monaten treibende Kraft in der Initiative »Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren«. Die wissen ganz genau, was Pyro-Würfe in den Innenraum für Konsequenzen haben. Ich will unsere aktive Fanszene nicht pauschal in Schutz nehmen, aber diese so spielschädigenden Aktionen sind nicht unbedingt von den Ultras initiiert worden.

Die Image-Katastrophe war nach dem Spiel dennoch perfekt. Selbst Spieler und Verantwortliche von Dynamo distanzierten sich vor laufender Kamera vom eigenen Anhang.
Christian Kabs: Das kann man verstehen. Der Verein wusste ja, was jetzt auf ihn zukommen würde.

Die Fans von Dynamo Dresden gelten seitdem als die schlimmsten Krawallmacher in ganz Deutschland. Haben Sie mit diesen heftigen Reaktionen in der Öffentlichkeit gerechnet?
Christian Kabs: Dass es so heftig werden würde, hätte ich nicht gedacht. Dass der Ruf von den Dynamo-Fans jetzt so ruiniert ist, ist umso schmerzhafter, da die Szene sich in den vergangenen Jahren wirklich deutlich gebessert hat.

Das werden Ihnen viele nicht abnehmen.
Christian Kabs: Aber es stimmt. Selbst die Dresdener Polizei hat im Frühjahr 2011 öffentlich versichert, dass sie inzwischen deutlich weniger Einsatzkräfte pro Spiel abstellen muss – weil es für sie einfach weniger zu tun gibt. Im Vergleich zu den ganz dunklen Zeiten (während des Regionalligaderbys zwischen Dynamo Dresden und dem Dresdener SC attackierten und verletzten circa 1000 Dynamo-Anhänger Polizisten; anschließend entstand das Fanprojekt Dresden, d. Red.) sind heute bis zu 500 Polizisten weniger im Einsatz . Dresdener Fans haben den Bau des neuen Stadions erst ermöglicht und es waren Anhänger von Dynamo, die den Verein mit kreativen Aktionen vor der Insolvenz gerettet haben. Solche Nachrichten interessieren natürlich niemanden.

Der Verantwortung müssen Sie sich jetzt nach den Vorfällen von Dortmund trotzdem stellen.
Christian Kabs: Das tun wir auch! Ich sage ja nicht: Dynamo-Fans sind eigentlich durch die Bank friedliche Lämmer. Natürlich haben wir in Dresden ein Problem mit gewalttätigen Anhänger. Wie jeder andere Klub mit einer derart großen Szene auch. Aber dass man die Dynamo-Fans jetzt generell als die schwarzen Schafe des deutschen Fußballs hinstellt, finde ich falsch. Wir reden hier von einer Größenordnung von circa 400 problematischen Fans bei einem aktuellen Heim-Zuschauerschnitt von 23.000. Das sind keine zwei Prozent!

Der DFB droht Dynamo Dresden nun mit einer einjährigen Pokal-Sperre, für den Verein würde das einen millionenschweren finanziellen Verlust bedeuten. Dynamo-Geschäftsführer Volker Oppitz sagt: »Wir halten die Strafe für drakonisch, absolut überzogen.« Ihre Meinung?
Christian Kabs: Ähnlich wie die von Volker Oppitz. Natürlich ist der Klub für seine Anhänger bis zu einem gewissen Grad verantwortlich, aber in diesem Fall hat der Verein einfach keine Schuld. Schuldig sind diejenigen, die Flaschen auf Polizisten geworfen und brennende Bengalos in den Innenraum geschmissen haben.

Der Verein hat bereits angekündigt, die eigenen Fans hart zu bestrafen. Für das Spiel am 27. November beim FC St. Pauli verzichtet Dynamo auf sein Auswärtskontingent. Wie reagieren die Fans auf diese Strafe und die Androhung vom DFB?
Christian Kabs: Natürlich stoßen diese Entscheidung und die Pläne des DFB bei vielen bitter auf. Aber gleichzeitig meine ich auch Verständnis innerhalb der Szene für die Maßnahmen des Vereins wahrzunehmen. Nach dem Motto: Wir haben Mist gebaut, jetzt werden wir dafür auch bestraft. Für die Drohung des DFB, die SG Dynamo Dresden für die nächste Pokalsaison zu sperren, findet sich jedoch kein Verständnis.

Fürchten Sie jetzt eigentlich, dass sich ein Großteil der Fans mit dem  Imageschaden identifiziert oder erwarten Sie eine Trotzreaktion im Sinne: Wir wollen der Welt zeigen, dass wir doch eigentlich ganz liebe Kerle sind?
Christian Kabs: Das ist für uns Fanprojektler die entscheidende Frage der kommenden Monate. Die Gefahr, dass sich die Fans nun mit dem ihnen aufgedrückten Outlaw-Status identifizieren, ist vorhanden. Andererseits glaube ich, dass unsere Szene so gefestigt ist, dass sie dieser Versuchung widersteht. Ich würde mir wünschen, dass die Fans in Zukunft noch selbstreinigender in ihren Prozessen werden. Ich hätte mir schon in Dortmund gewünscht, dass der Großteil der Masse aufsteht und den Randalierern zuruft: »Hört doch auf mit dem Scheiß!«

Randale, Pokal-Sperre, Rufschädigung, Outlaw-Image – beginnt die Arbeit des Fanprojekts Dresden jetzt wieder bei Null?
hristian Kabs: Ganz sicher nicht. Aber das Spiel von Dortmund wird uns noch die nächsten zehn Jahre verfolgen.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden