Duisburg-Manager Grlic über seinen turbulenten Sommer

»Das war meine Feuertaufe«

Ivica Grlic hatte im Sommer den stressigsten Job im deutschen Fußball: Nach dem Zwangsabstieg in die Dritte Liga musste er in nur elf Tagen einen Kader für den MSV Duisburg zusammenstellen. Hier spricht er über den Wert guter Geschichten, nächtliche Telefonate und das Arbeiten im Ausnahmezustand

Ivica Grlic, wo haben Sie vom Lizenzentzug des MSV Duisburg erfahren?
Ich war im Ausland und habe mir einen Spieler angeschaut, den ich verpflichten wollte. Ich war gerade auf dem Rückflug und bekam eine SMS mit nur einem Wort: »Lizenzentzug«. Ich dachte, da veräppelt mich einer. Ich hatte gerade sieben neue Spieler verpflichtet, mit denen wir – meiner Meinung nach – in der zweiten Liga auf einem richtig guten Weg gewesen wären. Ich habe dann sofort telefoniert und nachgefragt, aber leider bestätigte sich alles. Von da an klingelte das Telefon 24 Stunden am Stück. Drei Tage lang stand ich unter extremen Schock, auch den Spielern konnte ich am Anfang immer wieder nur sagen: »Mehr als ihr weiß ich auch nicht«.

Hatten Sie da schon entschieden, trotz der Unsicherheit beim MSV zu bleiben?
Die Entscheidung wurde schon früh getroffen, sehr viel früher als wir sie verkündeten. Zuerst habe ich mit meiner Frau und mit Freunden gesprochen und mir dabei tausend Fragen gestellt: Wie konnte das alles passieren? War es absehbar gewesen? Wie geht es weiter? Solche Dinge halt. Der Lizenzentzug kam für alle extrem überraschend und zog einem den Boden unter den Füßen weg. Im Laufe der nächsten Tage kamen dann die ersten Spieler und Mitarbeiter der Geschäftsstelle auf mich zu und fragten: »Was hast du vor?«. Ich habe gemerkt, dass Leute im Verein ihr Bleiben daran knüpften, dass ich an Bord bleibe. Da habe ich dann für mich selber entschieden, hier ein Zeichen zu setzen und vorneweg zu marschieren. Bereut habe ich es bis heute nicht.

Lange Zeit war unsicher, für welche Liga Sie planen können. Der MSV zog vor das Schiedsgericht, um die Minimalchance Zweitliga-Lizenz doch noch zu erhalten. Aber auch die Drittliga-Lizenz stand auf der Kippe. Wie kann man unter solchen Voraussetzungen überhaupt noch konstruktiv arbeiten?
Ich musste bei allem drei- bis viergleisig planen. Turbulent war es eigentlich durchgehend. Im Laufe der Zeit habe ich nicht nur Plan A, sondern auch B, C, D und E geschreddert, der Wind drehte sich ständig. Wenn man alle Varianten im Kopf durchgespielt hatte, kam zwischendurch immer wieder ein Anruf oder ein neuer Aspekt, der alle Planungen über den Haufen warf. Kosta Runjaic verließ uns mitten im Lizenzkampf, er war der erste Trainer, den ich während meiner Karriere als Sportdirektor verpflichtet hatte. Ich musste zügig einen Nachfolger suchen, nebenher wanderten aber auch Spieler nach und nach ab, während ich versuchte, einen Kader aufzubauen. Sagen wir mal so: Man kann die Zeit sicherlich als »arbeitsintensiv« beschreiben.

Wie muss man sich den Arbeitstag eines Sportdirektors in solchen Zeiten höchster Turbulenz vorstellen?
Ich hatte über anderthalb Monate maximal zwei bis drei Stunden Schlaf pro Nacht, meine Familie bekam ich fast überhaupt nicht mehr zu Gesicht. Dazu flogen über hundert Mails täglich ein, wenn ich die Telefonate schätzen müsste, dann waren das auch noch mal zwei- bis dreihundert Gespräche pro Tag. Die Liste derer, die man im Laufe der Zeit zurückrufen wollte, bekam man irgendwann nicht mehr abgearbeitet. Als dann ganz Duisburg mit dem Erhalt der Lizenz aufatmete, ging es bei mir immer noch im gleichen Tempo weiter. Von da an riefen zig Berater an, die ihre Spieler noch auf den letzten Drücker bei den Vereinen unterbringen wollten. Rückblickend war es sicherlich auch eine Art Feuertaufe. Ich weiß, dass so etwas wahrscheinlich bisher kein anderer Sportdirektor mitgemacht hat, und ob ich das noch einmal durchhalten würde, sei mal dahingestellt. Glücklicherweise war ich nicht der einzige im Verein, dem es so erging. Eigentlich waren alle auf Hochtouren. Ein paar Mal wollte ich zum Beispiel nachts um halb drei mit unserem Pressesprecher etwas abklären und rief ihn an. Bei dem war dann aber besetzt.

Nach dem Erhalt der Drittliga-Lizenz hatten Sie bis zum ersten Spieltag elf Tage Zeit, eine Mannschaft zusammenzustellen. Das klingt nach einem Ding der Unmöglichkeit.
Es ist ja nicht so, dass man da erst anfängt, sich um die Spieler zu bemühen. Ich habe mir schon im Oktober des letzten Jahres gemeinsam mit Kosta Runjaic überlegt, auf welcher Position wir uns verbessern können und welche Spieler dafür in Frage kommen. Grundbedingung waren immer auslaufende Verträge, da wir kaum Ablöse zahlen konnten. Im Januar fingen wir dann an, die ersten Kontakte aufzunehmen.

Der Verein hatte angesichts des Lizenzentzugs und der unklaren Zukunft wenige Argumente auf seiner Seite. Wie kann man angesichts einer solch prekären Lage Spieler von einem Wechsel nach Duisburg überzeugen?
Wichtig ist die Geschichte, die man erzählt. Man muss eine Vision vermitteln. Dadurch, dass ich jahrelang aktiv war, konnte ich mich gut in die Spieler hineinversetzen. Der Grund, warum ich 2004 zum MSV wechselte, war der, dass man sich intensiv um mich bemüht und mich von der Vision für die kommenden Jahre überzeugt hatte. Ich ging bei den Spielern ähnlich vor, aber klar: Natürlich spürte ich bei manchen die Angst. Und die war auch verständlich. Wäre es mit der Drittliga-Lizenz schief gelaufen, hätten sie elf Tage vor Saisonbeginn keinen Verein gehabt. Das wäre dann für jeden persönlich sehr schwierig geworden. Sich da für den MSV zu entscheiden ist keine einfache Entscheidung, gerade wenn man noch eine Familie zu ernähren hat. Aber manchmal wiegt die Story, die man erzählen könnte, halt mehr.

Was meinen Sie damit?
Für einen Spieler kann es eigentlich nichts Besseres geben, als in einem solchen Moment zu einem Traditionsverein wie dem MSV Duisburg zu kommen. Unter solchen Bedingungen hatte bisher noch kein Verein den Ligabetrieb aufgenommen, elf Tage Vorbereitung sind nichts. Als Spieler kannst du da nur gewinnen. Keiner erwartet etwas von dir, aber du hast in einem solchen Moment sogar die Möglichkeit, Geschichte zu schreiben. Das wollten wir den Spielern klar machen, die zu uns wechseln sollten.

Während des wochenlangen Bangens um die Lizenz hielten vor allem die Fans den MSV lebendig. Täglich fanden Aktionen statt, 6000 Menschen zeigten bei einem Marsch ihre Solidarität mit dem Verein. Der MSV war noch nie so beliebt wie in jenen Tagen. Inwiefern half Ihnen das bei Ihrer Arbeit?
Das spielte eine große Rolle. Ich selber merkte das immer, wenn mich die Leute zum Beispiel beim Einkaufen grüßten und mir und dem Verein Mut zusprachen. Auf der Straße fiel einem auf, wie viele Kinder und Erwachsene plötzlich im MSV-Trikot herumliefen. Bei den Gesprächen konnten wir daher auch den Spielern sagen, dass eine ganze Stadt hinter ihnen stehen würde, wenn sie sich für den MSV entscheiden.

Gab es noch weitere Argumente, die Sie in den Ring warfen?
Für mich war am wichtigsten, dass ich das alles auch selber vorlebte. Schon kurz nach der Hiobsbotschaft Lizenzentzug schlug ich die ersten Angebote anderer Vereine aus, weil ich die Herausforderung beim MSV annehmen wollte und überzeugt war, dass man gerade unter solchen Bedingungen Bemerkenswertes auf die Beine stellen kann. Ich bin keiner, der das sinkende Schiff verlässt. Von so etwas kann man einen Spieler aber nur überzeugen, wenn man selber davon überzeugt ist. Und dementsprechend vorangeht. Ich habe zu den Spielern immer gesagt: »Ich sitze mit euch in einem Boot«, das hat es für mich sicherlich in den Gesprächen einfacher gemacht.

Die Euphorie rund um den MSV schien die Mannschaft gerade zu Beginn der Saison zu beflügeln. Manche behaupten, es hätte noch nie eine bessere Stimmung an der Wedau gegeben wie zum Drittliga-Auftakt gegen Heidenheim. Bereits beim Warmmachen glich das Stadion einem Hexenkessel.
Die Spieler hat das enorm gepusht, gerade zu Anfang, wo klar war, dass wir nach der kurzen Vorbereitung auf die Zähne beißen mussten. Keiner wusste, wo wir stehen. Wir selbst auch nicht. Das Team wollte sich vor so einer Kulisse beweisen und zeigte vom Anpfiff weg enormen Willen und Teamgeist. Obwohl die Truppe noch nicht eingespielt war und sich kaum kannte. Aber nicht nur für die Mannschaft auf dem Feld war die Unterstützung wertvoll: Als wir Pierre de Wit verpflichten wollten, lud ich ihn zu uns ins Stadion ein und sagte ihm, dass er sich anschauen soll, welche Euphorie hier gerade herrscht. Ich glaube, dass die Kulisse ihm seine Entscheidung leichter gemacht hat. Kurz nach dem Spiel bekam ich zahllose Mails, SMS und Anrufe aus ganz Deutschland, alle fragten sich, was denn dort bei uns in Duisburg los sei. Ohne die Fans wäre das alles sicher nicht möglich gewesen, sie haben einen großen Anteil daran, dass es so lief, wie es lief.

Nachdem die Kaderplanungen nun vorerst abgeschlossen sind: Sind Sie zufrieden mit ihrer Auswahl und wohin führt die Reise des MSV mit dieser Truppe?
Charakterlich haben wir eine sehr gute Mannschaft zusammen. Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Als wir in Erfurt gewonnen hatten, erfuhr die Mannschaft, dass Elvis, der Zeugwart der U-23 seinen Geburtstag an diesem Tag feiert. Die Mannschaft hat dann entschieden, mit dem Mannschaftsbus spontan zur Feier nach Duisburg zu fahren, um Elvis ein Geburtstagsständchen zu singen. Daran merkt man, dass es innerhalb des Teams passt. Aber mal davon ab: Aufgrund der kurzen Vorbereitung geht es in erster Linie darum, mit so vielen Punkten wie möglich in die Winterpause zu kommen. Du kannst die fehlenden vier bis fünf Wochen Vorbereitung innerhalb der Hinserie nicht aufholen, das fordert seinen Tribut. In Winter kann man schauen, was noch geht, vorher kann man aber keine Prognose abgeben.

Ivica Grlic, Sie haben als aktiver Spieler in verschiedenen Ligen gespielt. Wenn Sie vergleichen: Was sind die Unterschiede zwischen zweiter und dritter Liga?
Die dritte Liga hat ein sehr hohes Niveau, so weit ist sie gar nicht von der zweiten Liga entfernt. Mannschaften wie Heidenheim und Leipzig hätten gute Chancen, auch eine Etage höher zu bestehen. Ich persönlich brauchte vier Minuten, um einen Unterschied festzustellen: Als ich mich beim Spiel gegen Heidenheim bereits nach kurzer Zeit beim vierten Offiziellen beschweren wollte, suchte ich ein paar Augenblicke vergeblich die Coaching-Zone nach ihm ab. Dann fiel mir ein, dass es in der dritten Liga gar keinen vierten Offiziellen gibt und setzte mich wieder hin.

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