Drakonisches Stadionverbot in Wolfsburg

„Die ließen nicht mit sich reden“

HSV-Fan Clemens bekam nach dem Pokalspiel in Wolfsburg ein dreijähriges Stadionverbot aufgebrummt. Der Vorwurf: Er soll vier Aufkleber an einer Plexiglasscheibe angebracht haben. Wir sprachen mit dem Delinquenten. imago

Clemens, am 27. Februar spielte der HSV im Pokal-Halbfinale in Wolfsburg und kassierte in der Verlängerung eine bittere 1:2 Niederlage. Was ist danach geschehen?

Als ich den Gästeblock in Wolfsburg kurz nach Spielende verließ, wurde ich von zwei Ordnern angesprochen. Ich sei beim Anbringen von Aufklebern beobachtet worden und hätte damit Sachbeschädigung begangen. Dann musste ich mit zur Polizeiwache.

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Was passierte dort?

Dort wurden meine Personalien aufgenommen und mir mitgeteilt, dass vom VfL Wolfsburg gegen mich Anzeige wegen Sachbeschädigung erstattet würde. Und dann bekam ich auch schon ein Formular, dass ich bis Ende Juni 2011 bundesweites Stadionverbot hätte.

Direkt an Ort und Stelle?

Ja. Die Formulare lagen schon maschinell unterschrieben bereit, da mussten nur noch der Name, Adresse, die Paragraphen und die Dauer eingefügt werden.

Bei dir dauert es bis Ende Juni 2011, also über drei Jahre. Wurde diese lange Dauer irgendwie gerechtfertigt?


Nein, mit keinem Wort. Mir wurde das einfach nur mitgeteilt.

Dir wurde auch nichts anderes zur Last gelegt, als Sticker angebracht zu haben? Es ging ausnahmslos um Aufkleber?

Ja, mir wird vorgeworfen unten an der Scheibe im Gästeblock vier Aufkleber angebracht zu haben. Die Anzeige lautet auf Sachbeschädigung.

Klebten dort denn irgendwelche Sticker?


Ach, Hunderte! Die ganze Scheibe dort war voller Aufkleber!

Warst du der einzige Betroffene?


Nein. Ich weiß von Dreien, denen das gleiche vorgeworfen wurde. Einer saß schon auf der Polizeiwache, als ich dort ankam, und ein Weiterer wurde von den Wolfsburger Ordnern erwähnt, die mich dorthin gebracht haben.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe darum gebeten, dass der HSV-Fanbeauftragte angerufen wird, der dann auch schnell kam. Er hat versucht, die Situation zu schlichten, und argumentiert, dass so etwas doch nicht verhältnismäßig und total überzogen sei. Er hat auch darauf hingewiesen, dass es neue Richtlinien bei Stadionverboten gäbe, mit denen differenzierter auf die einzelnen Fälle eingegangen werden soll. Aber die Wolfsburger ließen nicht mit sich reden und sagten nur, sie hätten eben ihre Vorgaben.

Hattest du denn vorher schon mal Ärger mit der Polizei?

Nein, nie. Ich gehe seit 1977 regelmäßig zu Spielen vom HSV und fahre auch oft auswärts. Aber ich wurde nie festgenommen, meine Personalien wurden auch noch nie aufgenommen. Dass ich deswegen in irgendwelchen Dateien stehe, ist ausgeschlossen.

Wie sind nun die weiteren Schritte?

Ich habe mir über den HSV Supporters Club einen Anwalt genommen, der auf Stadionverbote spezialisiert ist. Aber zunächst heißt es einmal abwarten, was überhaupt passiert. Es kann ja auch sein, dass das Verfahren eingestellt wird. Ob dann das Stadionverbot auch aufgehoben wird, muss man dann sehen. Auf jeden Fall werden wir alles tun, um dagegen vorzugehen. Ein Problem ist ja auch, dass es sich bei Aufklebern anscheinend um eine rechtliche Grauzone handelt, ob das nun Sachbeschädigung ist oder nicht. Die Aufkleber im Gästeblock in Wolfsburg klebten auf jeden Fall auf einer flachen Scheibe, von denen man sie mit Seifenlauge leicht wieder entfernen könnte.

Gibt es denn Unterstützung von Hamburger Seite?


Ja, auf jeden Fall. Es gab schon beim letzten Heimspiel Solidaritäts- und Protestaktionen von den Fans und nach allem, was ich gehört habe, sollen noch weitere folgen. Der HSV-Vorstand Christian Reichert will auch noch einmal versuchen, die Wolfsburger umzustimmen. Aber auch die Fanbeauftragten des HSV setzen sich für mich ein und haben DFB und DFL Stellungnahmen zukommen lassen, dass sie die Ausschlüsse für unverhältnismäßig halten.


Hinweis der Redaktion, 13.03.2008:
Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Nachdem HSV-Vorstand Christian Reichert den DFB über den Vorfall informiert hatte, bot der VfL Wolfsburg an, das Stadionverbot für Clemens gegen eine Zahlung von 50 Euro für die Reinigung zurück zu ziehen. Von Wolfsburger Seite hieß es, das Verbot habe formell gar nicht bestanden, zudem sei das Sicherheitspersonal angewiesen worden, in Zukunft auf die Verhältnismäßigkeit zu achten

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