Dr. Vicco von Bülow über WM und Kirche

»Ich bete nicht für Siege«

In England finden die Menschen zurück zur Kirche: Sie beten für den WM-Titel. Wir sprachen mit Dr. Vicco von Bülow, Geschäftsführer des Arbeitskreises Kirche und Sport, über die Degradierung Gotts zur Gebetserfüllungsmaschine. Dr. Vicco von Bülow über WM und KircheImago

Herr von Bülow, platzen die Kirchen momentan aus allen Nähten?

Nein, das erleben wir nur Heiligabend. Momentan ist es wie immer. Vermutlich wird es während der WM etwas mehr werden, denn dann veranstalten wir in etlichen Gemeinden Public Viewing.

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Wie kann man sich das vorstellen? Deutschland-Fans trinken Dosenbier auf dem Altar?


Gewiss nicht. Das kirchliche Public Viewing findet zumeist in den Gemeindesälen oder in den Räumen von Arbeitskreisen statt. Allerdings hat es während der WM 2006 einige Kirchengemeinden gegeben, die eine Leinwand vor das Altar gestellt haben. Unter dem Motto »Balleluja« lud etwa eine Kirche auf St. Pauli ihre Gäste. Das würde ich nicht machen.

In England sind die Kirchen momentan voll, weil die Fans für den Titel beten. Wofür beten die Deutschen während der WM?

Ich habe keine Statistiken vorliegen, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen hier in die Kirche gehen, um für ihr Fußballteam zu beten. Ich glaube und hoffe, dass die Menschen in den Kirchen vornehmlich dafür beten, dass die WM fair verläuft.

Gibt es eigens für die WM geschriebene Fußballgebete?


Ja, zur WM 2006 eröffneten wir etwa mit einem speziellen Gebet aus einem extra veröffentlichten Materialheft. Aus diesem kann man sich sich aiuch gut für die WM in Südafrika bedienen?

Welches ist Ihr Lieblingsgebet?

Ich lese mal vor: Guter Gott, es sind nicht immer nur die großen und tiefen Probleme des Lebens, die uns bewegen. In diesen Tagen denken viele von uns vor allem an die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft. Wir genießen die Spannung beim Zuschauen, die Begeisterung beim Siegen, und wir sind gerührt von den Tränen der Verlierer. Hilf, dass die weltweite Übertragung der Wettkämpfe uns auch weltweit miteinander verbindet; dass die sportlichen Begegnungen dazu beitragen, Vorurteile zu überwinden und Verhärtungen im Verhältnis der Völker aufzulösen. Verhindere, dass aus der Trauer über Niederlagen Aggression wächst. Gott, Dir sei gedankt, dass uns aus so vielen Ereignissen Lebensfreude zuwächst. Dir sei heute einmal für den Sport gedankt. Amen

Parteilichkeit ist im Fußball-Gebet also nicht angebracht?

Wir schreiben niemandem vor, wie er oder sie in der Kirche zu beten hat. Die Kirche ist ein offener Raum. Dennoch würde ich keinem Fußballfan empfehlen, für Deutschlands Sieg gegen Ghana zu beten. So würde man nämlich Gott – und ich meine Gott und nicht den Fußballgott –  zu einer Gebetserfüllungsmaschine degradieren.

Es wird oft behaupetet, die Kurve im Stadion habe die Messe in der Kirche verdrängt. Wie sehen Sie das?

Ich sehe diese zwei Bereiche nicht in Konkurrenz. Sie werden gerne verglichen, das stimmt. Doch das rührt vor allem daher, weil es Ähnlichkeiten zu der Liturgie gibt: Das Einlaufen der Mannschaften beim Fußball und die Begrüßung der Gemeinde durch den Pfarrer. Oder die Schlachtgesänge in der Kurve und das gemeinsame Singen von Kirchenliedern. Dennoch: Von dem Satz »Fußball ist Religion« halte ich nichts. Fußball ist Fußball und das ist gut so.

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