Dr. Ulrich Schleicher im Interview

„Und das Bein steht neben einem“

Die schwere Knieverletzung von Herthas Lucio wäre nicht die erste, die eine Karriere beendet. Sein Mannschaftsarzt Dr. Ulrich Schleicher war danach als erster zur Stelle, um ihn auf dem Spielfeld zu versorgen. Wir sprachen mit ihm. Imago

Dr. Schleicher, wie kann das sein: Einmal im Rasen hängen geblieben, und alles ist im Knie kaputt?

Das sah im ersten Moment ja gar nicht so dramatisch aus. Das Problem ist, dass Lucio mit hoher Geschwindigkeit läuft und es zu einem abrupten Stoppen kommt. Dadurch schiebt sich sein ganzes Körpergewicht über das Kniegelenk, und es wirken hohe Kräfte ein.

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Wie kommt es zu diesem Stoppen?

Es wurde schon diskutiert, ob es an den Fußballschuhen liegt. Man nimmt an, dass nierenförmige Noppenschuhe ein höheres Verletzungsrisiko besitzen. Die hat Lucio aber nicht getragen.

Haben Sie mit den Spielern Mitleid, wenn Sie eine solche Diagnose stellen müssen?


Im ersten Moment geht es mir darum, die Verletzung nicht so schwerwiegend erscheinen zu lassen und den Spieler zu beruhigen. Er steht ja dann meistens unter Schock, und ich versuche, seine Schmerzen zu lindern.

Nun droht das Karriereaus. Reden Sie darüber auch ganz offen mit einem Spieler?


Bevor nicht alles durch eine Kernspintomographie gesichert ist, geht man nicht in diese schlimmen Diagnosen hinein. Aber dann muss ich dem Spieler schon erklären, dass wir operieren müssen. Nur durch ein schnelles Handeln kann man für ihn noch die Möglichkeit erhalten, wieder Fußball zu spielen.

Sind die Belastungen im Fußball höher als in anderen Sportarten?

Würde ich nicht sagen. Ich habe auch schon im Handball und im Basketball ähnliche Verletzungen gesehen.

Was sind fußballtypische Verletzungen?

Alles am Sprunggelenk, weil das am meisten belastet wird. Dann kommen Außen- und Kreuzbandrisse, muskuläre Verletzungen wie Zerrungen und Faserrisse und natürlich die Brüche. Häufig ist auch die typische „Fußballerleiste“.

Gibt es Möglichkeiten, sich davor zu schützen?

Am häufigsten passieren Verletzungen durch Ermüdungen in den letzten 20 Minuten, weil die Konzentration und auch die Reaktionsfähigkeit nachlassen. Dagegen helfen ein gleichmäßiger Muskelaufbau und ein gute Kondition.

Was sind die schlimmsten Verletzungen, die im Fußball geschehen können?


Schädelverletzungen und Hirnblutungen haben schon zu bleibenden Schäden und zum Ende des Fußballspielens geführt, besonders im Breitensport.

Wie stark ist der Schmerz bei einer Verletzung wie bei Lucio?


Bestimmte Hormonausschüttungen sorgen dafür, dass man erstmal gar keine großen Schmerzen empfindet. Das ist wie bei einem Schock: Das Bein steht neben einem – und man spürt nichts.

Fußballprofis sind mittlerweile teure Kapitalanlagen und haben einen hohen finanziellen Wert. Bis zu welchem Punkt werden Rehamaßnahmen angewendet?

Dass man sagt, es hat keinen Sinn mehr, weil die Karriere jetzt beendet ist? Also so etwas gibt es nicht. Alle Knieverletzungen können grundsätzlich zum Karriereende führen. Aber Karriereende kann auch heißen, dass man zwar nicht mehr in der Bundesliga, aber zum Beispiel noch in der Regionalliga spielen kann.

Wie teuer können solche Rehamaßnahmen werden?

Alle Profis sind bei der Berufsgenossenschaft versichert, und die übernimmt die Rehabilitationskosten. Die übrigen Sachen werden vom Verein und von den privaten Versicherungen der Spieler getragen.

Werden auch bei Hobbyfußballern diese Maßnahmen angewendet?

Ich würde für jeden versuchen, eine optimale Behandlung zu finden, ob er Profi ist oder nicht. Die Frage ist, ob der Hobbyfußballer bereit ist, die Kosten zu übernehmen, die die gesetzliche Krankenversicherung nicht trägt.

Welche Langzeitfolgen kann eine solche Verletzung haben? Lebenslanges Hinken?

Das kann schon passieren. Oder dass sie ihr alltägliches Leben gestalten, aber keinen Sport mehr betreiben können.

Der ehemalige Kölner Spieler Michael Kostner hat mal eine halbe Saison mit einem Kreuzbandriss gespielt. Wie ist so etwas möglich?

Ich glaube, Toni Schuhmacher stand auch mal mit Kreuzbandrissen in beiden Kniegelenken im Tor. Aber es wird oft in den Medien von einem Kreuzbandriss gesprochen, wenn gar keiner vorliegt. Es gibt da Übergangsformen, und bei einer gut kompensierenden Muskulatur und wenn das Band nicht auf einmal durchreißt, kann man durchaus noch weiterspielen.

Lucio hat sich schon wieder kämpferisch gezeigt und will seine Karriere unbedingt fortsetzen. Teilen Sie diesen Optimismus?

Natürlich. Er hatte eine optimale Versorgung und ist motiviert genug, um hart an sich zu arbeiten. Aber er wird sicherlich einen langen Atem brauchen.

Wie stark hängt so etwas vom Charakter eines Spielers ab?


Geduld und Willen sind extrem wichtig. Er muss schon die unbedingte Bereitschaft besitzen, sich zu quälen.


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