15.04.2008

Dr. Theo Zwanziger im Interview

»Als wäre Fußball ein Musical...«

Der Verbandschef zieht Bilanz: Dr. Theo Zwanziger spricht sich für den Fortbestand der »Sportschau« aus und gegen die Premier League als Vorbild für die Bundesliga. Und der DFB ist für ihn alles andere als eine Insel der Seligen.

Interview: Tim Jürgens und Philipp Köster Bild: Imago
Manchen Teile der Ultra-Gruppen haben ein indifferentes Verhältnis zur Gewalt. Beschäftigt sich der DFB mit dieser Frage?

Ich halte nichts von der These, dass gewaltbereite Fans aus den Reihen der Ultras kommen. Die Ultras haben in der Tat eine andere Geisteshaltung, es mag unter ihnen auch Gewaltbereite geben, aber ihnen geht es generell um das Bewahren von althergebrachter Fußballtradition. Die Gefahr der Gewalt droht von woanders: Im Osten versuchen Neonazis gezielt, Fußballvereine zu unterwandern und dabei die Bereitschaft zur Gewalt zu entzünden. Ihr Anliegen ist es, unpolitische Fans auf ihre Seite zu ziehen.

Wie kann das verhindert werden?

Das hängt sehr stark von der Gesamtsituation des Vereins ab. Ein Klub, der konzentriert Fanarbeit macht, sich deutlich gegen Gewalt positioniert und im Stadion auch über die notwendigen Sicherheitsbedingungen verfügt, wird die Gruppe der Gewaltbereiten immer klein halten können. Wenn all das aber nicht stimmt und unter den Verantwortlichen keine Klarheit darüber herrscht, wer Freund und wer Feind ist, – oder wie bei Dynamo Dresden, wo viele Anhänger nicht mit der Situation klar kommen, in der sich der Verein sportlich heute befindet und zudem Wende-Verlierer mit speziellen Problemen zu kämpfen haben, bewegen sich vermehrt Anhänger in die Gruppe der gewaltorientierten Fußball-Zuschauer hinein.

Die Katze beißt sich in den Schwanz: Ein Verein mit finanziellen und sportlichen Problemen bekommt auch ein Problem mit seinen Fans, kann aber nichts dagegen tun, weil er kein Geld hat. Wie kann da der DFB helfen?

Nur durch aktive Fanarbeit können solche Situationen bewältigt werden. Das allen klar zu machen, ist uns noch nicht überall gelungen. Insbesondere im Osten nicht, wo die wirtschaftliche Situation nicht so gut ist wie im Westen. Trotzdem hält sich der DFB seit Jahren daran, eine Drittelfinanzierung für die Fan-Projekte zu garantieren und sich ebenso wie die DFL daran zu beteiligen.

Wäre es nicht möglich, dass der DFB bei Klubs mit einer hohen Zahl von gewaltbereiten Besuchern einen höheren Anteil in die Fanarbeit schießt?


Wir können die Fanarbeit nicht zu 100 Prozent finanzieren, weil wir sonst akzeptieren würden, dass Gewalt ausschließlich ein Problem ist, das der Fußball hat. Gewalt ist aber vor allem ein gesellschaftliches Problem. Also müssen auch Land und Kommune ihren Drittelanteil bei der Lösung tragen. Viele Probleme, die es bislang in Sachsen und Sachsen-Anhalt gab, haben damit zu tun, dass die Politik bisher nicht bereit war, ihren Teil bei der Lösung zu leisten.

Bisher?

Da hat inzwischen aber ein Umdenken eingesetzt und gerade hat die sächsische Regierung zugesagt, mehr Geld in die Fanarbeit zu investieren.

Hat die Gewalt im Fußball zugenommen?

Die Gewalt in unserer Gesellschaft hat zugenommen, also schlägt sie sich auch im Fußball nieder. Nochmal: Der Fußball steht mitten im Leben.

Auch auf dem Platz nimmt die Gewalt zu. In der Nähe von Bremen wird der SV Mardin, ein Klub aus Immigranten, in der Kreisliga Meister, weil wegen ständiger Ausschreitungen kein Gegner mehr gegen ihn antreten will.

Das ist die Folge des Integrationsdefizits in einem Land, in dem seit 20 Jahren über Gesetze diskutiert wird, weil man glaubt, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Die Lebenswirklichkeit der Leute vor Ort ist anders. Sie haben nie gelernt, wie man mit Ausländern umgeht. Da ist es doch kein Wunder, dass es multi-kulturelle Konflikte gibt. Wie soll ich das einem Trainer erklären, der nie gelernt hat, dass ein Moslem eine andere Einstellung zu manchen Dingen hat als ein Christ?

Hat auch der DFB in dieser Hinsicht in der Vergangenheit ein bisschen geschlafen?

Wir sind ein ehrenamtlich organisierter Verband. Wir verfügen nicht über ein Heer von Sozialarbeitern. Wir haben 26.000 Vereine mit über 100.000 ehrenamtlichen Übungsleitern. Wie soll sich diesen Menschen über Nacht interkulturelles Verhalten beibringen? Solche Dinge werden oft in den Familien noch nicht einmal vermittelt. Aber wir versuchen, uns auch in diesen Bereichen stetig zu verbessern. Wir können die Gesellschaft jedoch in ihrem Gesamtbemühen unterstützen. Dazu müsste die Politik aber auch verstehen, dass der Sport ein äußerst wichtiger Integrationsfaktor sein kann – und ihn entsprechend einsetzen.

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