15.04.2008

Dr. Theo Zwanziger im Interview

»Als wäre Fußball ein Musical...«

Der Verbandschef zieht Bilanz: Dr. Theo Zwanziger spricht sich für den Fortbestand der »Sportschau« aus und gegen die Premier League als Vorbild für die Bundesliga. Und der DFB ist für ihn alles andere als eine Insel der Seligen.

Interview: Tim Jürgens und Philipp Köster Bild: Imago
Was muss passieren? Wird das deutsche Pokalfinale irgendwann in Taipeh stattfinden, um den asiatischen Markt zu erschließen?

Nein, das wäre mit mir nicht zu machen, das Pokalfinale ist immer noch Sache des DFB. Und wenn wir ausgerechnet eine Veranstaltung, die sogar schon in Amateurstadien ab der ersten Runde besungen wird, ins Ausland verlagern, würden wir uns den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Berlin ist für alle ein Fest des Fußballs.

Was dann?

Wir müssen in der Champions League wieder konkurrenzfähig werden. Alles andere ist völlig überbewertet. Ansonsten sind wir im deutschen Fußball gut organisiert und verfügen über eine exzellente Infrastruktur. Schauen Sie doch mal in die anderen Ligen: Die Italiener haben eine extreme Schuldenlast vor dem Bauch und marode Stadien. England bewirbt sich ohne Erfolg verzweifelt um ein großes internationales Turnier und ist nicht für die Europameisterschaft qualifiziert.

Aber England besitzt mit der Premier League die profitabelste Fußballliga der Welt.

Mir gefällt diese Glorifizierung der Premier League nicht besonders. Die Verbindung aus dem profitablen Klubfußball und einer erfolgreichen Nationalmannschaft ist bei uns weitaus intakter. Und: Die Verpflichtung von internationalen Stars entfremdet in England auch viele von der eigenen nationalen Identität.

Und das sehen die Kollegen in der DFL genauso?

Wir müssen natürlich darauf achten, dass unseren Spitzenklubs durch die Verteilung der Gelder nicht der Anschluss an die internationale Spitze unmöglich gemacht wird. Sie müssen die Chance haben, in der Champions League vorne mitzuspielen. Was zugegebenermaßen in den vergangenen Jahren nicht immer geklappt hat.

Was halten Sie davon, dass sich in Zukunft Investoren in Bundesligaklubs einkaufen können?

Man sollte generell an Bewährtem festhalten. Unsere Statuten regeln, dass ein Investor nicht widerstandslos die Mehrheit in einem Verein übernehmen kann. Aber der Weg des Kapitals sucht sich in der Gesellschaft ständig neue Wege, also muss man überprüfen, ob eine Neuregelung künftig Sinn macht. Dafür bedarf es aber gewaltiger Überzeugungsarbeit. Denn für so eine Satzungsänderung braucht man bei uns immer noch eine Zweidrittelmehrheit.

Welche Vorteile hätte es, die Statuten zu ändern? Mehr Investitionen in die Liga?

Das wäre einer der Vorteile. Diesen stehen aber so viele Risiken gegenüber, dass sich ein Verein genau fragen muss, ob er diesen Weg gehen will. Die Beispiele, die wir aus England kennen, entsprechen nur in den seltensten Fällen unseren Wertvorstellungen. Wir lassen deshalb die Diskussion unter den Klubs erst einmal laufen.

Manche Kritiker sehen in den Investoren kaltblütige Finanzmagnaten, die nur daran interessiert sind, mit dem Wiederverkauf seiner Anteile möglichst rasch große Gewinne zu machen.

Ja. Und man darf zudem nicht vergessen, dass der Fußball von seiner Tradition lebt. Die hat ihren Wert – auch einen wirtschaftlichen. Fanbeziehungen leben sehr stark von Tradition. Wenn ein Verein diese Beziehung also kappt, kann ein vermeintlicher Vorteil schnell zum Nachteil werden.

Inwieweit sind die Fanbeziehungen bei manchen Klubs schon gestört?
Vielerorts sind Fans ja in der internen Sprachregelung nur noch »Kunden«. Als wäre Fußball ein Musical... Ich denke, dass die Vereine insgesamt gute Beziehungen zu den Fans pflegen. Aber im Wettkampf ist es nicht immer leicht, den Anhängern all das zu bieten, was sie sich wünschen. Wir beim DFB sind natürlich darum bemüht, einen engen Kontakt zu den Fans zu halten. Und, mal ehrlich: Wenn sich über 2,6 Millionen Menschen auf 14 000 Tickets für Deutschland-Spiele bei der Europameisterschaft bewerben, kann das Produkt, das wir anbieten, und das Verhältnis doch nicht so schlecht sein.

Die Fans der Nationalelf sind ein Sonderfall. In vielen Klubs fühlen sich aktive Fans nur als farbenprächtige Staffage für den TV-Zuschauer.

Es mag Einzelfälle geben, wo das so ist. Aber im großen Ganzen ist die Stimmung in den Stadien doch sehr gut. Eine grundsätzliche Disharmonie gibt es nicht. Es gehört allerdings zum Sport, dass bestimmte Entscheidungen nicht von allen mitgetragen werden. Ultras wünschen sich teilweise einen Fußball, wie er vor 50 Jahren war. Es gibt diesen Spruch: »Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer es mit 40 immer noch ist, hat keinen Verstand.« So sehe ich auch viele Wortführer der Ultras, die meist noch sehr jung sind. Sie wollen mit ihren Aussagen und Gesängen ein bisschen provozieren. Aber auch sie gehen gerne ins Stadion. Deshalb sollte kein Verein den Fehler machen, die Ultras als Radikale abzutun.

Sondern?


Sie sollte den Ultras den Respekt zollen, der jedem für ein gut gemeintes Engagement gebührt. Schließlich wollen die Ultras ein Regulativ sein, das Fehlentwicklungen im kommerzialisierten Fußball entgegen wirkt. Wir dürfen diese Gruppen nicht als Feinde ansehen, denn sie artikulieren etwas, das bei allen Entscheidungen stets berücksichtigt werden muss.

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