Dr. Theo Zwanziger im Interview

»Als wäre Fußball ein Musical...«

Der Verbandschef zieht Bilanz: Dr. Theo Zwanziger spricht sich für den Fortbestand der »Sportschau« aus und gegen die Premier League als Vorbild für die Bundesliga. Und der DFB ist für ihn alles andere als eine Insel der Seligen. Dr. Theo Zwanziger im InterviewImago
Heft #77 04 / 2008
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Dr. Theo Zwanziger, Sie sind seit 2004 Präsident des weltgrößten Sportverbandes. Ein schwieriger Job?

Jedenfalls nicht immer ganz einfach. In dieser Intensität bin ich vorher im öffentlichen Leben nicht in Erscheinung getreten. Ich habe seither einiges dazugelernt.

Zum Beispiel?


Dass man diesem Amt einen gewissen Bekanntheitsgrad benötigt, um zu repräsentieren. Dabei hat mir der Wett- und Manipulations-Skandal um Robert Hoyzer sehr geholfen, im Zuge dieser bedauerlichen Affäre war ich ständig in den Medien präsent.

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Die Medien sind bisweilen aber auch gnadenlos.

Ich habe als Mensch, der stets sehr offen und ehrlich seine Ansichten vertritt, die unschöne Erfahrung gemacht, dass Aussagen bisweilen durch Verkürzungen in ein falsches Licht gestellt wurden. Das ist manchmal arg enttäuschend.

Fällt Ihnen hier auch ein Beispiel ein?


Kurz vor Ende der vergangenen Saison war ich zu Gast bei der Eröffnung eines Leistungszentrums in Gelsenkirchen. Alle Vorredner, unter ihnen der Oberbürgermeister, betonten ausdrücklich, wie ungerecht es wäre, würde der FC Schalke 04 wieder nicht Meister. Ich sagte dann schlicht: »Ich kann mir durchaus vorstellen, dass diejenigen, die hier sind, in ihrer Liebe zu den »Königsblauen« meinen, es sei ungerecht, wenn Schalke nicht Meister wird. Nur, was der liebe Gott dazu sagt, wissen wir noch lange nicht.« Ein anwesender Journalist fasste das zusammen: »Zwanziger hält es für ungerecht, wenn Schalke nicht Meister wird.« Und damit nicht genug. Bei einer Pressekonferenz wurde wenig später der Stuttgarter Trainer Armin Veh mit dieser Aussage konfrontiert, der darauf entsprechend verärgert reagierte. Wir haben das aber hinterher am Telefon sehr schnell aufgeklärt und aus der Welt geschafft.

Vom DFB-Präsidenten wird Fachkenntnis erwartet. Trauen Sie sich zu, mit großen Spielern und Trainern über Fußball zu diskutieren?

Mit meiner Stammtischqualifikation kann ich und will ich sicher nicht mit einem großen Fußballlehrer konkurrieren. Aber wie bei allen Fußballinteressierten, die den Sport selbst ausgeübt haben, gilt auch für mich: Der Stammtisch ist in seiner Meinung manchmal klüger als die großen Fachleute.

Dann erklären Sie uns doch mal einen taktischen Fehler in der Struktur der Nationalmannschaft.

Erlauben Sie mir, dass ich ein Beispiel aus meiner aktive Zeit nenne: Ich war immer ein Gegner der Variante, dass Netzer und Overath zusammenspielen. Beide waren in ihrer Glanzrolle als Regisseure eine Klasse für sich. In Verbindung mit einem zweiten Spielmacher kamen aber die Stärken des Einzelnen nicht zum Tragen: Overath brauchte seinen Simmet, Netzer seinen Wimmer. So habe ich aus meiner Stammtischqualität den Fußball beobachtet – und lag mit meiner Meinung nicht immer schlecht.

Den Bundestrainer nerven Sie aber nicht mit allzu häufigen sportlichen Ratschlägen?


Ein Präsident ist nicht der sportliche Übervater, sondern hat eine ausgleichende Funktion. Ich halte Distanz, weil die meisten Fans eben doch eher auf die hören, die Fußball mal auf der großen Bühne gespielt haben. Wenn beispielsweise Matthias Sammer das Gleiche wie ich sagt, kann es trotzdem eine andere Bedeutung haben.

Begeben wir uns an den Stammtisch. Was muss sich im Nationalteam bis zur EM noch ändern?

Der Bundestrainer und ich sind uns einig, dass die Mannschaft über individuelle Qualität verfügt. Die müssen die Spieler allerdings auch abrufen. Mir ist klar, dass sich in den wenigen Tagen der Vorbereitung auf ein großes Turnier die individuelle Stärke einer Mannschaft aufbauen lässt – wenn die Leitfiguren fit sind und konsequent gearbeitet wird.

Die letzten Spiele ließen diese Stärke allenfalls erahnen.

Das traumwandlerische Spiel, das wir bei der WM und in den ersten Spielen danach gezeigt haben, ist eine Frage der Übung. Wir werden das also erst im EM-Trainingslager üben und hoffentlich auch schnell wieder umsetzen können. Denn bis dahin kommen die Spieler nur noch dreimal in der Nationalmannschaft zusammen, fast alle spielen in ihren Teams eine andere Rolle. Was dort richtig ist, kann im System der Nationalmannschaft falsch sein. Wir stellen uns auf den 8. Juni ein – und nicht auf irgendwelche Vorbereitungsspiele.

Wer ist für das Team unverzichtbar?

Jeder hat seine Rolle.

Natürlich, aber wer gefällt Ihnen besonders?

Bastian Schweinsteiger imponiert mir besonders, weil er unbekümmert spielen kann und oft versucht, im Eins-zu-Eins-Spiel Räume für die anderen zu schaffen.

Was ist mit Michael Ballack?


Natürlich ist er für diese Mannschaft unersetzlich. Überhaupt ist das Mittelfeld, das wir bei der WM auf dem Platz hatten, ein Garant des Erfolgs: Wenn Schneider, Ballack, Frings und Schweinsteiger in guter individueller Verfassung sind und Zeit haben, sich wieder an das schnelle Passspiel zu gewöhnen, haben wir eine gute Chance, bei der EM sehr weit zu kommen.

Im deutschen Mittelfeld entscheidet sich also, ob das Team Europameister wird.


Es wird entscheidend sein, ob der Bundestrainer dort Veränderungen vornehmen muss. Bei den Stürmern mache ich mir wenig Sorgen: Miro Klose ist immer ein Weltklassemann. Wenn er mit Vorlagen gefüttert wird, wird er seine Tore machen. Mit Kuranyi, Podolski und Gomez haben wir zudem gute Nebenleute für ihn.

Und die Abwehr?

Da sind wir mit Lahm, Jansen, Friedrich, Fritz und anderen Kandidaten auf den Außenpositionen gut besetzt und können variabel spielen. Das einzige und große Fragezeichen steht hinter Christoph Metzelder – bei ihm muss man abwarten, ob er noch rechtzeitig fit wird.

Wie wichtig ist die Nationalmannschaft für Ihre tägliche Arbeit als DFB-Chef?

Von ihr hängt das Seelenleben von geschätzten 40 Millionen Menschen ab. Wenn das Team ein Problem hat, hat auch der DFB eins. Aber der DFB darf sich nicht nur im Umfeld der Nationalmannschaft tummeln, denn es gibt viele Aufgaben für unseren Verband mit seinen sechs Millionen Mitgliedern.

Welche Rolle hat der DFB heute noch für den Profifußball, seit er durch die Ausgliederung der DFL nur noch einen mittelbaren Bezug zur Bundesliga hat?

Die DFL ist ein Mitgliedsverband des DFB, zweifellos aber der wichtigste. Also bleibt der Erfolg der Bundesliga auch immer ein Erfolg des DFB.

Wir fragen das, weil die Bundesliga möglicherweise vor tektonischen Verschiebungen steht. Anstoßzeiten und Empfangbarkeit stehen bei der Vergabe der Fernsehrechte zur Disposition.


Wir haben die Abwicklung dieses ungemein wichtigen Vertrags in die Hände der Experten bei der DFL gelegt und stimmen uns regelmäßig mit ihnen darüber ab. Und ich werde nichts tun, um diesen Prozess intern zu unterlaufen, indem ich mich öffentlich dazu äußere, bevor es kein Ergebnis zu Anstoßzeiten und Ausstrahlungsplattformen gibt.

Gibt es für Sie trotzdem Tabus? Entscheidungen, die Sie nicht akzeptieren könnten, weil sie den Fußball beschädigen würden?


Die Welt hat sich total verändert. Es ist also schwierig, Tabus an Einzelfällen zu diskutieren. Wenn ich aber erkennen würde, dass eine Entscheidung den Volkssport Fußball zu einem Sport der Reichen machen würde, wäre ich in meinem Amt fehl am Platz. Doch wir müssen in der Lage sein, die Gabe der Reichen zu nutzen, um den Preis für den Sport niedrig zu halten. Außerdem ermöglichen moderate Ticketpreise, dass beispielsweise auch Hartz-4-Empfänger das Stadion besuchen können.

Viele Klub-Manager registrieren neidisch, welch horrenden Summen die englische Premier League bei den TV-Rechten erzielt. Auf der Insel ist der Fußball im Bezahlfernsehen verschwunden. Ein Modell für die Bundesliga?

Der englische TV-Zuschauer hat andere Gewohnheiten als der deutsche. Pay-TV wird bei uns niemals die alleinige Rolle bei der Ausstrahlung von Fußball übernehmen. Deshalb habe ich auch erhebliche Zweifel, dass bei uns ein Pay-TV-Kanal alleine den Spitzenfußball finanzieren kann.

Ihr Plädoyer für die »Sportschau«?

Ich finde das gegenwärtige TV-System bei uns durchaus ausgewogen – es lassen sich sowohl aus den Live-Spielen im Pay-TV als auch durch die zeitnahen Aufzeichnungen im Free-TV gute Erträge erzielen. Auch meine Söhne sind verrückte Fußball-Fans, aber nicht so verrückt, dass sie im Gegensatz zu mir unbedingt jeden Samstag die Bundesliga live auf Premiere sehen müssen. Der eine legt sich dann lieber in die Badewanne und hört die Spiele im Radio.

Wie finden Sie es als gelernter Jurist, dass die DFL ausgerechnet wieder Leo Kirch den Handel mit den Fußballrechten überlässt, dessen Pleite 2002 vielen Vereinen geschadet hat?

Das ist eine moralische Frage, keine juristische. Als Jurist habe ich schon viel Schlimmeres erlebt als eine Insolvenz (lacht). Im Ernst: Ich habe die Gespräche mit Kirch nicht geführt und will sie deshalb auch nicht bewerten. Die DFL redet uns auch nicht rein, wenn wir Verhandlungen über das Ausstrahlen von Länderspielen führen. Die 36 Profi-Vereine sind in einer Selbstverwaltung und wir haben diesem Modell zugestimmt – fertig, aus!

Wenn wir schon bei der Moral sind. Klaus Zumwinkel hat gesagt, dass, wer in der Wirtschaft erfolgreich sein will, nicht nach rein moralischen Maßstäben agieren kann. Gilt das auch für den Fußball?

Der Fußball steht mitten im echten Leben – und im Leben gibt es Licht und Schatten. Also gibt es im DFB mindestens genau so viel Schatten wie im normalen Leben. Ich schließe auch nicht aus, dass von den 6,5 Millionen Mitgliedern des DFB der eine oder andere sein Geld in Liechtenstein angelegt hat. Wir haben große Persönlichkeiten in unseren Reihen, aber keiner davon ist der liebe Gott. Auch, wenn wir den in Person von Franz Beckenbauer zumindest fast bei uns haben. Aber eben nur beinahe (lacht).

Gibt es im Fußball am Ende aber mehr Schatten als Licht?

Ich bin keine moralische Instanz und will es auch nicht sein. Der Fußball kann eine Orientierungshilfe für das Leben liefern. Die Kinder, die heute das Spiel erlernen, müssen sich überlegen, an wem sie sich orientieren: es gibt Maradona und es gibt Fritz Walter. Der eine ist beim Rauschgift gelandet, der andere wurde als Ehrenmann bis zum Ende seines Lebens von Standing Ovations begleitet.

Die DFL bemüht sich, die Bundesliga als Marke international bekannt zu machen, um für die Vereine höhere Erlöse zu erzielen.

Was absolut richtig ist: Die Bundesliga und ihre starken Klubs müssen international und vor allem im asiatischen Raum sichtbar gemacht werden.

Was muss passieren? Wird das deutsche Pokalfinale irgendwann in Taipeh stattfinden, um den asiatischen Markt zu erschließen?

Nein, das wäre mit mir nicht zu machen, das Pokalfinale ist immer noch Sache des DFB. Und wenn wir ausgerechnet eine Veranstaltung, die sogar schon in Amateurstadien ab der ersten Runde besungen wird, ins Ausland verlagern, würden wir uns den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Berlin ist für alle ein Fest des Fußballs.

Was dann?

Wir müssen in der Champions League wieder konkurrenzfähig werden. Alles andere ist völlig überbewertet. Ansonsten sind wir im deutschen Fußball gut organisiert und verfügen über eine exzellente Infrastruktur. Schauen Sie doch mal in die anderen Ligen: Die Italiener haben eine extreme Schuldenlast vor dem Bauch und marode Stadien. England bewirbt sich ohne Erfolg verzweifelt um ein großes internationales Turnier und ist nicht für die Europameisterschaft qualifiziert.

Aber England besitzt mit der Premier League die profitabelste Fußballliga der Welt.

Mir gefällt diese Glorifizierung der Premier League nicht besonders. Die Verbindung aus dem profitablen Klubfußball und einer erfolgreichen Nationalmannschaft ist bei uns weitaus intakter. Und: Die Verpflichtung von internationalen Stars entfremdet in England auch viele von der eigenen nationalen Identität.

Und das sehen die Kollegen in der DFL genauso?

Wir müssen natürlich darauf achten, dass unseren Spitzenklubs durch die Verteilung der Gelder nicht der Anschluss an die internationale Spitze unmöglich gemacht wird. Sie müssen die Chance haben, in der Champions League vorne mitzuspielen. Was zugegebenermaßen in den vergangenen Jahren nicht immer geklappt hat.

Was halten Sie davon, dass sich in Zukunft Investoren in Bundesligaklubs einkaufen können?

Man sollte generell an Bewährtem festhalten. Unsere Statuten regeln, dass ein Investor nicht widerstandslos die Mehrheit in einem Verein übernehmen kann. Aber der Weg des Kapitals sucht sich in der Gesellschaft ständig neue Wege, also muss man überprüfen, ob eine Neuregelung künftig Sinn macht. Dafür bedarf es aber gewaltiger Überzeugungsarbeit. Denn für so eine Satzungsänderung braucht man bei uns immer noch eine Zweidrittelmehrheit.

Welche Vorteile hätte es, die Statuten zu ändern? Mehr Investitionen in die Liga?

Das wäre einer der Vorteile. Diesen stehen aber so viele Risiken gegenüber, dass sich ein Verein genau fragen muss, ob er diesen Weg gehen will. Die Beispiele, die wir aus England kennen, entsprechen nur in den seltensten Fällen unseren Wertvorstellungen. Wir lassen deshalb die Diskussion unter den Klubs erst einmal laufen.

Manche Kritiker sehen in den Investoren kaltblütige Finanzmagnaten, die nur daran interessiert sind, mit dem Wiederverkauf seiner Anteile möglichst rasch große Gewinne zu machen.

Ja. Und man darf zudem nicht vergessen, dass der Fußball von seiner Tradition lebt. Die hat ihren Wert – auch einen wirtschaftlichen. Fanbeziehungen leben sehr stark von Tradition. Wenn ein Verein diese Beziehung also kappt, kann ein vermeintlicher Vorteil schnell zum Nachteil werden.

Inwieweit sind die Fanbeziehungen bei manchen Klubs schon gestört?
Vielerorts sind Fans ja in der internen Sprachregelung nur noch »Kunden«. Als wäre Fußball ein Musical... Ich denke, dass die Vereine insgesamt gute Beziehungen zu den Fans pflegen. Aber im Wettkampf ist es nicht immer leicht, den Anhängern all das zu bieten, was sie sich wünschen. Wir beim DFB sind natürlich darum bemüht, einen engen Kontakt zu den Fans zu halten. Und, mal ehrlich: Wenn sich über 2,6 Millionen Menschen auf 14 000 Tickets für Deutschland-Spiele bei der Europameisterschaft bewerben, kann das Produkt, das wir anbieten, und das Verhältnis doch nicht so schlecht sein.

Die Fans der Nationalelf sind ein Sonderfall. In vielen Klubs fühlen sich aktive Fans nur als farbenprächtige Staffage für den TV-Zuschauer.

Es mag Einzelfälle geben, wo das so ist. Aber im großen Ganzen ist die Stimmung in den Stadien doch sehr gut. Eine grundsätzliche Disharmonie gibt es nicht. Es gehört allerdings zum Sport, dass bestimmte Entscheidungen nicht von allen mitgetragen werden. Ultras wünschen sich teilweise einen Fußball, wie er vor 50 Jahren war. Es gibt diesen Spruch: »Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer es mit 40 immer noch ist, hat keinen Verstand.« So sehe ich auch viele Wortführer der Ultras, die meist noch sehr jung sind. Sie wollen mit ihren Aussagen und Gesängen ein bisschen provozieren. Aber auch sie gehen gerne ins Stadion. Deshalb sollte kein Verein den Fehler machen, die Ultras als Radikale abzutun.

Sondern?


Sie sollte den Ultras den Respekt zollen, der jedem für ein gut gemeintes Engagement gebührt. Schließlich wollen die Ultras ein Regulativ sein, das Fehlentwicklungen im kommerzialisierten Fußball entgegen wirkt. Wir dürfen diese Gruppen nicht als Feinde ansehen, denn sie artikulieren etwas, das bei allen Entscheidungen stets berücksichtigt werden muss.

Manchen Teile der Ultra-Gruppen haben ein indifferentes Verhältnis zur Gewalt. Beschäftigt sich der DFB mit dieser Frage?

Ich halte nichts von der These, dass gewaltbereite Fans aus den Reihen der Ultras kommen. Die Ultras haben in der Tat eine andere Geisteshaltung, es mag unter ihnen auch Gewaltbereite geben, aber ihnen geht es generell um das Bewahren von althergebrachter Fußballtradition. Die Gefahr der Gewalt droht von woanders: Im Osten versuchen Neonazis gezielt, Fußballvereine zu unterwandern und dabei die Bereitschaft zur Gewalt zu entzünden. Ihr Anliegen ist es, unpolitische Fans auf ihre Seite zu ziehen.

Wie kann das verhindert werden?

Das hängt sehr stark von der Gesamtsituation des Vereins ab. Ein Klub, der konzentriert Fanarbeit macht, sich deutlich gegen Gewalt positioniert und im Stadion auch über die notwendigen Sicherheitsbedingungen verfügt, wird die Gruppe der Gewaltbereiten immer klein halten können. Wenn all das aber nicht stimmt und unter den Verantwortlichen keine Klarheit darüber herrscht, wer Freund und wer Feind ist, – oder wie bei Dynamo Dresden, wo viele Anhänger nicht mit der Situation klar kommen, in der sich der Verein sportlich heute befindet und zudem Wende-Verlierer mit speziellen Problemen zu kämpfen haben, bewegen sich vermehrt Anhänger in die Gruppe der gewaltorientierten Fußball-Zuschauer hinein.

Die Katze beißt sich in den Schwanz: Ein Verein mit finanziellen und sportlichen Problemen bekommt auch ein Problem mit seinen Fans, kann aber nichts dagegen tun, weil er kein Geld hat. Wie kann da der DFB helfen?

Nur durch aktive Fanarbeit können solche Situationen bewältigt werden. Das allen klar zu machen, ist uns noch nicht überall gelungen. Insbesondere im Osten nicht, wo die wirtschaftliche Situation nicht so gut ist wie im Westen. Trotzdem hält sich der DFB seit Jahren daran, eine Drittelfinanzierung für die Fan-Projekte zu garantieren und sich ebenso wie die DFL daran zu beteiligen.

Wäre es nicht möglich, dass der DFB bei Klubs mit einer hohen Zahl von gewaltbereiten Besuchern einen höheren Anteil in die Fanarbeit schießt?


Wir können die Fanarbeit nicht zu 100 Prozent finanzieren, weil wir sonst akzeptieren würden, dass Gewalt ausschließlich ein Problem ist, das der Fußball hat. Gewalt ist aber vor allem ein gesellschaftliches Problem. Also müssen auch Land und Kommune ihren Drittelanteil bei der Lösung tragen. Viele Probleme, die es bislang in Sachsen und Sachsen-Anhalt gab, haben damit zu tun, dass die Politik bisher nicht bereit war, ihren Teil bei der Lösung zu leisten.

Bisher?

Da hat inzwischen aber ein Umdenken eingesetzt und gerade hat die sächsische Regierung zugesagt, mehr Geld in die Fanarbeit zu investieren.

Hat die Gewalt im Fußball zugenommen?

Die Gewalt in unserer Gesellschaft hat zugenommen, also schlägt sie sich auch im Fußball nieder. Nochmal: Der Fußball steht mitten im Leben.

Auch auf dem Platz nimmt die Gewalt zu. In der Nähe von Bremen wird der SV Mardin, ein Klub aus Immigranten, in der Kreisliga Meister, weil wegen ständiger Ausschreitungen kein Gegner mehr gegen ihn antreten will.

Das ist die Folge des Integrationsdefizits in einem Land, in dem seit 20 Jahren über Gesetze diskutiert wird, weil man glaubt, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Die Lebenswirklichkeit der Leute vor Ort ist anders. Sie haben nie gelernt, wie man mit Ausländern umgeht. Da ist es doch kein Wunder, dass es multi-kulturelle Konflikte gibt. Wie soll ich das einem Trainer erklären, der nie gelernt hat, dass ein Moslem eine andere Einstellung zu manchen Dingen hat als ein Christ?

Hat auch der DFB in dieser Hinsicht in der Vergangenheit ein bisschen geschlafen?

Wir sind ein ehrenamtlich organisierter Verband. Wir verfügen nicht über ein Heer von Sozialarbeitern. Wir haben 26.000 Vereine mit über 100.000 ehrenamtlichen Übungsleitern. Wie soll sich diesen Menschen über Nacht interkulturelles Verhalten beibringen? Solche Dinge werden oft in den Familien noch nicht einmal vermittelt. Aber wir versuchen, uns auch in diesen Bereichen stetig zu verbessern. Wir können die Gesellschaft jedoch in ihrem Gesamtbemühen unterstützen. Dazu müsste die Politik aber auch verstehen, dass der Sport ein äußerst wichtiger Integrationsfaktor sein kann – und ihn entsprechend einsetzen.

Der Fußball sieht sich fundamentalen Veränderungen gegenüber. Gibt es trotzdem Dinge, die auch in 50 Jahren noch genauso wie heute sein müssen?

Sie meinen Elf gegen Elf – keine Ahnung, ob es diese Aufstellung in 50 Jahren noch gibt. Aber im Kern muss Fußball ein einfaches Spiel bleiben. Es darf auf dem Platz nicht zum Event verkommen. Man kann Entwicklungen in Gang setzen, um Reiche und Intellektuelle für diesen Sport zu gewinnen. Aber man muss immer auf die enge Bindung zum kleinen Mann und inzwischen auch zur kleinen Frau achten.

Fehlt Ihnen in den modernen Multifunktionsarenen der Charme des Unverwechselbaren, den frühere Stadien besaßen?

Sie dürfen die Münchner Arena doch nicht mit dem Grünwalder Stadion vergleichen. Aber wenn sie die neuen Stadien in München, Frankfurt oder das Olympiastadion in Berlin sehen, werden Sie erkennen, dass jedes für sich ein interessantes, individuelles Bauwerk ist, das sich von den anderen abhebt. Und in diesen Arenen gelingt der Spagat zwischen VIP-Logen und klassischen Fankurven.

Können Sie das aus Ihrer Perspektive wirklich noch beurteilen?

Ganz ehrlich, mir hat es manchmal auch mehr Spaß gemacht, auf dem Bökelberg auf der Stehtribüne meine Bratwurst zu essen, als heute irgendwo in einem VIP-Block darauf zu achten, dass ich keine Dame im Abendkleid übersehen habe. Aber wir haben nun einmal unterschiedliche Schichten in unserer Gesellschaft – solange wir nicht zurück in den finsteren Sozialismus wollen. Und die treffen im Stadion aufeinander und schauen ein- und dasselbe Spiel.

Können Sie eigentlich vom Fußball irgendwann abschalten?

Mehr als Sie denken. Wenn ich hier in der DFB-Zentrale meinen Arbeitsplatz verlasse, lasse ich los. In meinem Leben interessiere ich mich auch für andere Dinge, etwa für die Politik.

Aber wann bleibt dafür Zeit? An Wochenenden werden Sie doch auch nicht um Fußball herumkommen.


Das stimmt, aber ich nehme mir öfter mal einen Tag unter der Woche frei, um Rad zu fahren, ein gutes Buch zu lesen oder eine schöne Wanderung zu machen – mit Freunden oder auch allein, um in Ruhe über die Dinge nachzudenken.

Inwieweit spielen die Amateurplätze in Ihrem Leben noch eine Rolle?

Ich versuche meine Besuche auf den Sportplätzen einigermaßen ausgewogen zu gestalten.

Besuchen Sie noch Spiele Ihres Heimatvereins VfL Altendiez?


In der Winterpause habe ich einige Hallenturniere verfolgt. Aber diese Besuche mache ich nicht nur aus sportlicher Verbundenheit, sondern auch, um Kontakts zu langjährigen Weggefährten zu pflegen. Außerdem schmeckt die Bratwurst in der Kreisklasse genauso gut wie in der Bundesliga.

Welches Spiel, das Sie live im Stadion miterlebten, hat Sie am meisten beeindruckt?


Das Endspiel um die Frauen-WM 2007 in Shanghai. Das Match hat mich wirklich mitgenommen. Wer so etwas vor Ort miterlebt, macht eine Erfahrung, die er sein ganzes Leben nicht mehr vergisst.

Interessant, dass Sie ausgerechnet ein Spiel der Frauen nennen.


Bei den Männern waren zuletzt die beiden EM-Qualifikationsspiele in Tschechien und in der Slowakei vom Feinsten. Der Spielrhythmus, die Souveränität des Passspiels, die gesamte Anlage des Spiels war beeindruckend. Da muss die Mannschaft wieder hinkommen.

Wir nahmen an, dass Sie bei der Frage nach dem eindrucksvollsten Spiel ein Match aus den Amateurligen erwähnen würden?


In unteren Klassen fallen oft viele Tore, was sicher auch eine Attraktivität besitzt. Dass dort nicht jeder Pass gelingt und das Gefälle in der Mannschaft größer als im Profibereich ist, schränkt mitunter aber ein wenig den Spielfluss ein.

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