15.04.2008

Dr. Theo Zwanziger im Interview

»Als wäre Fußball ein Musical...«

Der Verbandschef zieht Bilanz: Dr. Theo Zwanziger spricht sich für den Fortbestand der »Sportschau« aus und gegen die Premier League als Vorbild für die Bundesliga. Und der DFB ist für ihn alles andere als eine Insel der Seligen.

Interview: Tim Jürgens und Philipp Köster Bild: Imago
Wie wichtig ist die Nationalmannschaft für Ihre tägliche Arbeit als DFB-Chef?

Von ihr hängt das Seelenleben von geschätzten 40 Millionen Menschen ab. Wenn das Team ein Problem hat, hat auch der DFB eins. Aber der DFB darf sich nicht nur im Umfeld der Nationalmannschaft tummeln, denn es gibt viele Aufgaben für unseren Verband mit seinen sechs Millionen Mitgliedern.

Welche Rolle hat der DFB heute noch für den Profifußball, seit er durch die Ausgliederung der DFL nur noch einen mittelbaren Bezug zur Bundesliga hat?

Die DFL ist ein Mitgliedsverband des DFB, zweifellos aber der wichtigste. Also bleibt der Erfolg der Bundesliga auch immer ein Erfolg des DFB.

Wir fragen das, weil die Bundesliga möglicherweise vor tektonischen Verschiebungen steht. Anstoßzeiten und Empfangbarkeit stehen bei der Vergabe der Fernsehrechte zur Disposition.


Wir haben die Abwicklung dieses ungemein wichtigen Vertrags in die Hände der Experten bei der DFL gelegt und stimmen uns regelmäßig mit ihnen darüber ab. Und ich werde nichts tun, um diesen Prozess intern zu unterlaufen, indem ich mich öffentlich dazu äußere, bevor es kein Ergebnis zu Anstoßzeiten und Ausstrahlungsplattformen gibt.

Gibt es für Sie trotzdem Tabus? Entscheidungen, die Sie nicht akzeptieren könnten, weil sie den Fußball beschädigen würden?


Die Welt hat sich total verändert. Es ist also schwierig, Tabus an Einzelfällen zu diskutieren. Wenn ich aber erkennen würde, dass eine Entscheidung den Volkssport Fußball zu einem Sport der Reichen machen würde, wäre ich in meinem Amt fehl am Platz. Doch wir müssen in der Lage sein, die Gabe der Reichen zu nutzen, um den Preis für den Sport niedrig zu halten. Außerdem ermöglichen moderate Ticketpreise, dass beispielsweise auch Hartz-4-Empfänger das Stadion besuchen können.

Viele Klub-Manager registrieren neidisch, welch horrenden Summen die englische Premier League bei den TV-Rechten erzielt. Auf der Insel ist der Fußball im Bezahlfernsehen verschwunden. Ein Modell für die Bundesliga?

Der englische TV-Zuschauer hat andere Gewohnheiten als der deutsche. Pay-TV wird bei uns niemals die alleinige Rolle bei der Ausstrahlung von Fußball übernehmen. Deshalb habe ich auch erhebliche Zweifel, dass bei uns ein Pay-TV-Kanal alleine den Spitzenfußball finanzieren kann.

Ihr Plädoyer für die »Sportschau«?

Ich finde das gegenwärtige TV-System bei uns durchaus ausgewogen – es lassen sich sowohl aus den Live-Spielen im Pay-TV als auch durch die zeitnahen Aufzeichnungen im Free-TV gute Erträge erzielen. Auch meine Söhne sind verrückte Fußball-Fans, aber nicht so verrückt, dass sie im Gegensatz zu mir unbedingt jeden Samstag die Bundesliga live auf Premiere sehen müssen. Der eine legt sich dann lieber in die Badewanne und hört die Spiele im Radio.

Wie finden Sie es als gelernter Jurist, dass die DFL ausgerechnet wieder Leo Kirch den Handel mit den Fußballrechten überlässt, dessen Pleite 2002 vielen Vereinen geschadet hat?

Das ist eine moralische Frage, keine juristische. Als Jurist habe ich schon viel Schlimmeres erlebt als eine Insolvenz (lacht). Im Ernst: Ich habe die Gespräche mit Kirch nicht geführt und will sie deshalb auch nicht bewerten. Die DFL redet uns auch nicht rein, wenn wir Verhandlungen über das Ausstrahlen von Länderspielen führen. Die 36 Profi-Vereine sind in einer Selbstverwaltung und wir haben diesem Modell zugestimmt – fertig, aus!

Wenn wir schon bei der Moral sind. Klaus Zumwinkel hat gesagt, dass, wer in der Wirtschaft erfolgreich sein will, nicht nach rein moralischen Maßstäben agieren kann. Gilt das auch für den Fußball?

Der Fußball steht mitten im echten Leben – und im Leben gibt es Licht und Schatten. Also gibt es im DFB mindestens genau so viel Schatten wie im normalen Leben. Ich schließe auch nicht aus, dass von den 6,5 Millionen Mitgliedern des DFB der eine oder andere sein Geld in Liechtenstein angelegt hat. Wir haben große Persönlichkeiten in unseren Reihen, aber keiner davon ist der liebe Gott. Auch, wenn wir den in Person von Franz Beckenbauer zumindest fast bei uns haben. Aber eben nur beinahe (lacht).

Gibt es im Fußball am Ende aber mehr Schatten als Licht?

Ich bin keine moralische Instanz und will es auch nicht sein. Der Fußball kann eine Orientierungshilfe für das Leben liefern. Die Kinder, die heute das Spiel erlernen, müssen sich überlegen, an wem sie sich orientieren: es gibt Maradona und es gibt Fritz Walter. Der eine ist beim Rauschgift gelandet, der andere wurde als Ehrenmann bis zum Ende seines Lebens von Standing Ovations begleitet.

Die DFL bemüht sich, die Bundesliga als Marke international bekannt zu machen, um für die Vereine höhere Erlöse zu erzielen.

Was absolut richtig ist: Die Bundesliga und ihre starken Klubs müssen international und vor allem im asiatischen Raum sichtbar gemacht werden.

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