28.01.2009

Dr. Sprenger über Zufall im Fußball

»Klinsmann? Ein Glückspilz«

In unserer neuen Titelgeschichte gehen wir der Frage nach: Kann man dem Fußball den Zufall austreiben? Dazu sprachen wir mit dem Managementberater und Sportphilosophen Dr. Reinhard K. Sprenger.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Privat
Sie sagen, dass es die Sache jedes Einzelnen sei, sich zu motivieren. Das muss Fußballern angesichts des Ruhms und des Geldes, die sie erlangen können, doch leicht fallen.
 
Geld und Ruhm haben mit dauerhafter Motivation nichts zu tun. Fußballer aber haben einen riesigen Vorteil gegenüber Arbeitnehmern im Unternehmen: Sie müssen nur sehr zugespitzt Leistung bringen. Ein, vielleicht zweimal pro Woche sind sie für je 90 Minuten gefordert. Sich dafür zu motivieren, das schaffen – mit Verlaub – auch Debile. Die Motivation aber, ständig an sich zu arbeiten, ist etwas anderes. Und da sind Geld und Ruhm oft sogar kontraproduktiv. 
 
Sind die Motivationsstrukturen bei allen Fußballern gleich?
 
Das würde ich nicht unterstellen. Was öffentlich gesagt wird muss nicht unbedingt dem entsprechen, was ein Spieler tatsächlich denkt und fühlt. Ein Trainer tut gut daran, es bei den unterschiedlichen Leitungsantrieben der Einzelnen zu belassen und nicht zu versuchen, sie zu homogenisieren. Warum jemand etwas tut, ist doch irrelevant. Und niemand kann in die Köpfe seiner Spieler sehen.
 
Was bringt da noch die klassische Kabinenpredigt?

 
Sie bringt gar nichts – die Hoffnungen, die damit verbunden werden, sind allenfalls liebenswert. Aber nicht zu predigen ist keine Alternative. Das sind die Rituale, die der Fußball hervorgebracht hat, und die man bedienen muss. Sie sind wie afrikanische Regentänze: Da kommt ja auch kein Regen, aber tanzen muss man.
 
Jürgen Klinsmann sagte vor dem WM-Gruppenspiel 2006 gegen Polen den legendären Satz: »Haut sie durch die Wand«. Ein Regentanz?
 
Zu glauben, weil Klinsmann dies gesagt hat, habe man gesiegt, ist verständlich, aber naiv. Ich will es mal so ausdrücken: Das ist ein nachträglich unterschobener Erkärungsmythos, den man sich erzählt, um das Kontingente in den Griff zu kriegen, um halt sinnvolle Geschichten erzählen zu können.
 
Nun gilt das, was 2006 auf so magische Weise geschah, als Klinsmanns Verdienst und als sein Kapital. Ist er einfach nur ein Glückspilz?
 
Er ist sicherlich auch ein Glückspilz. Sein größtes Glück war aber, dass er mit seiner Art und Weise auf eine Fußballgesellschaft gestoßen ist, die 20 Jahre lang geschlafen hatte. Grundsätzliche Veränderungen waren nicht vorgenommen worden, weil die Nationalmannschaft gerade immer noch rechtzeitig ausreichend erfolgreich war. Dann kam Klinsmann und hat alle aufgeweckt. In kürzester Zeit hat er den Schalter auf »neu« und »innovativ« umgelegt. Das ist sein großes Verdienst. Er selbst war aber immer nur ein Projektmanager. Dass er jetzt dennoch Bayern München übernommen hat, ehrt ihn. Ich drücke ihm die Daumen.
 
Ist Psychologie im Fußball oft nur Effekthascherei?
 
In einer Turn-Around-Situation, wenn ein Trainer eine Mannschaft im Abstiegskampf übernimmt, ist es oftmals völlig egal, was er macht. Er muss es nur anders machen als sein Vorgänger. Dann muss er hoffen und beten, dass er Erfolg hat. Das Ganze kausal zu nennen – wenn ich diesen Knopf drücke, passiert das – das ist eben eine der treuherzigen Legenden, von denen der Fussball viele kennt.
 
Feuerwehrmänner wie Peter Neururer und Jörg Berger könnten also auch Telefonbücher vorlesen.
 
Kurzfristig ja, langfristig nein. Um ein hohes Erfolgsniveau zu sichern muss ein Trainer mit langem Atem substantiell arbeiten. Da reicht das kurzfristig Setzen von Kontrasten nicht aus.
 
Der Wechsel von Erfolg und Misserfolg verlangt einem Trainer hohe Flexibilität ab. Wie oft kann er sich neu erfinden?
 
Ich glaube, gar nicht. Das Sich-neu-erfinden wird meist als eine endogene, d.h. von innen kommende Leistung gedacht. Sinnvoller scheint mir, sich einem neuen Außenreiz auszusetzen. Das heißt, wenn die Rahmenbedingungen sich ändern, werden auch andere Aspekte einer Person beleuchtet, so dass diese sich wieder anders wahrnimmt. Das wäre der Fall, wenn ein Trainer den Job wechselt. Wer allerdings nur einen Hammer hat, für den ist jedes Problem ein Nagel.
 
Wenn Sie eine Mannschaft spielen sehen und hinterher den Trainer im Interview hören, denken Sie dann manchmal: »Hör doch besser jetzt auf, du schaffst es eh nicht mehr«?
 
Unterstellungen wie »Die Mannschaft spielt so schlecht, weil der Trainer sie nicht mehr erreicht« sind oft willkürlich und simpel. Natürlich muss das Präsidium ab einem bestimmten Punkt handeln, um die Fans ruhig zu stellen. Doch auch das ist ein solcher Regentanz.
 
Das Geschäft und seine Regentänze zu kennen muss ein riesiger Vorteil sein. Warum sind dann trotzdem so wenige ehemalige Spitzenspieler nach ihrer aktiven Karriere Spitzentrainer geworden?

 
Gerade weil sie Spitzenspieler waren. Als solche glauben sie, sie hätten einen privilegierten Zugang zu Wahrheit. Ihr Problem ist, dass die meisten genau das weiter machen wollen, was sie am besten können: spielen. Im Grunde gibt es für sie nur einen Menschen, der die Dinge richtig kann - das sind sie selbst. Zu groß ist deshalb die Versuchung, es immer noch selbst besser zu können als die Spieler. Zu groß das Unverständnis, wenn ein anderer etwas nicht kann, was man selbst perfekt beherrscht. Demotivierender kann ein Trainer sich gegenüber seinen Spielern kaum verhalten.
 
Läuft er auch Gefahr, ständig enttäuscht zu sein?
 
Er darf sich selbst nicht als Referenzgröße nehmen. Als er Großes geleistet hat, in den 70er oder 80er Jahren, wurde noch Standfußball gespielt. Man schaue sich die Aufzeichnungen von damals an: Wie viel Zeit man damals hatte beim Anbieten, Stoppen, Schauen, Drehen, Halten, vielleicht Dribbeln, dann lange Flanke! Willi »Ente« Lippens von Rot-Weiss-Essen hat diese Zeit auf den Punkt gebracht: »Ich habe nie eine Chance hastig vergeben, sondern lieber gemütlich vertändelt.« Das ist mit den heutigen Bedingungen nicht mehr zu vergleichen
 
Hat Bernd Schuster also alles richtig gemacht, als er in seiner Zeit als Trainer von Fortuna Köln zu seinen Spielern sagte: »Keiner muss so gut spielen wie ich früher«?

 
Dieser Satz ist dumm und selbstherrlich. Denn ob ein Schuster unter den heutigen Bedingungen ebenso glänzen würde wie damals ist mehr als fraglich.
 
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