28.01.2009

Dr. Sprenger über Zufall im Fußball

»Klinsmann? Ein Glückspilz«

In unserer neuen Titelgeschichte gehen wir der Frage nach: Kann man dem Fußball den Zufall austreiben? Dazu sprachen wir mit dem Managementberater und Sportphilosophen Dr. Reinhard K. Sprenger.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Privat
Sie sprachen vom Vertrauen, das Rangnick seinen Spielern entgegen bringe. Wie kann ein solches Vertrauensverhältnis im Fußball überhaupt aussehen, wo doch der Konkurrenzkampf schon im Training anfängt?
 
Vertrauen ist multikausal. Eine Quelle für Vertrauen ist Vertrautheit, das heisst langjährige Bekanntschaft. Man kennt einander, die Laufwege des Nebenmannes, weiß, was der andere in bestimmten Situationen tut. Doch wir wissen alle, dass Fußballer moderne Zeitarbeiter sind. Sie haben Kooperationsinteressen, die einen Zeitraum von zwei Jahren oftmals nicht überschreiten. Deshalb ist Vertrauen heute eine Entscheidung.
 
Es muss also etwas anderes geben, das Vertrauen stiftet.
 
Ja. Dem Trainer muss es gelingen, die Spieler bei aller mannschaftsinterner Konkurrenz auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören. Das Motto muss sein: »Wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen«. Nur unter der Bedingung eines Ziels, für das man einander braucht, fallen Egoismus und Hilfe zusammen.
 
Schauen wir nach Berlin. Bei Hertha BSC ist das Verhältnis zwischen Trainer Lucien Favre und Stürmer Marko Pantelic offenbar zerrüttet. Pantelic trifft trotzdem. Wieso das?
 
An dieser Stelle würde ich Opportunitätskosten einklagen: Unter einem anderen Trainer wäre Pantelic wahrscheinlich sogar noch erfolgreicher – und umgekehrt.
 
Wie können Trainer und Spieler ein Vertrauensverhältnis, das einmal ramponiert ist, reparieren?
 
Das ist extrem schwierig. Man muss sich verwundbar machen und sich wirklich von der Leistung des anderen abhängig machen. Allerdings ist es angesichts der kurzen Kooperationszeiträume im Fußball sehr unwahrscheinlich, dass zwei Streithähne sich komplett aussöhnen.
 
Fällt ihnen ein Beispiel für eine Mannschaft ein, in der großes Vertrauen herrschte?
 
Da denke ich natürlich an Hoffenheim. Unabhängig davon, dass es hervorragende Einzeltalente gibt, siegen sie stets als Mannschaft – in einer Geschlossenheit, die ich selten zuvor gesehen habe. Mir fällt aber auch noch eine andere Mannschaft ein, bei der das Vertrauen untereinander eine andere Ursache hatte: Griechenland bei der EM 2004. Der Erfolg war mit einiger Sicherheit auch der Tatsache geschuldet, dass Trainer Otto Rehhagel kein Wort Griechisch sprach. Die Spieler wussten, dass sie vom Spielfeldrand keine Hilfe zu erwarten hatten und schalteten deshalb auf den Modus Selbstverantwortung um. Viel Hilflosigkeit auf dem Feld ist ja angebotsorientierte Nachfrage. Solange da jemand ist, der sagt, wo es lang geht, muss ich ja nicht selber denken.
 
Das kann aber auch schief gehen.
 
Wie immer! Das ist die »Kontingenz«, das Prinzip des »Es hätte auch alles ganz anders laufen können«. Fußball dass allerschönste Beispiel dafür. Egal, welche Erfolgs- oder Misserfolgsstrukturen man zu isolieren versucht, man findet immer 30 Gegenbeispiele. Das ist diese Überfülle von Möglichkeiten, die die Trainer mit System und Organisation zu reduzieren versuchen. Meistens vergeblich. Wie schön für den Fussball.
 
Ist diese Kontingenz, wie Sie es nennen, der Grund, warum wir alle so fasziniert vom Fußball sind?
 
Exakt. Fußball ist das für die Massen beobachtbare Kontingenzspiel des Lebens. Wenn wir gefragt werden: »Warum bist du so erfolgreich?« bzw. »Warum bist du so erfolglos?«, dann erzählen wir alle irgendwelche Geschichten, die so, aber auch anders hätten laufen können. Im Fußball ist all das gleichsam auf 90 Minuten komprimiert. Man weiß nie im voraus, wie es ausgeht. Erst im Nachhinein unterlegen wir Kausalitäten, glauben, Gründe zu erkennen, und kommen zu einem sinnvollen Zusammenhang, den wir Verstehen nennen. Eine Illusion, ohne die wir nicht leben können.
 
Kann man sagen: der Assauer-Typus negiert diese Kontingenz, der Rangnick-Typus spielt mit ihr?
 
Das kann man so sehen. Der Assauer-Typus sagt: Nur so geht es. Der Rangnick-Typus sagt: Es ist so aber auch anders möglich. Er fragt also immer, ob nicht auch eine Problemlösung denkbar ist. Das nennt die Wissenschaft »funktionale Äquivalente«. Die Verabschiedung des »one best way« ist der Scheidepunkt zwischen althergebrachter und moderner Mannschaftsführung.
 
Sind Trainer und Spieler, die Erfolge aneinanderreihen, in der Lage, diese Kontingenz zu beherrschen?
 
Sagen wir so: Sie sind in der Lage, unterschiedliche Lösungen für bestimmte Probleme anzubieten. Die meisten Mannschaften funktionieren nach dem Motto: Ich bin die Lösung - wo ist das Problem? Damit kann man eine ganze Zeit erfolgreich sein, aber dann landet man in der Erfolgsfalle. Erfolg macht immer lernbehindert. Wenngleich ein Bereich sowohl in der Wirtschaft als auch im Fußball dramatisch unterschätzt wird: das Glück.
 
Im Fußball gibt es das geflügelte Wort »Er hat das Glück des Tüchtigen«. Kann man sich das Glück erarbeiten?
 
Dieser Satz zeugt vom verzweifelten Versuch des Menschen, mit der Kontingenz klar zu kommen, etwas Regelhaftes hineinzubringen, wo keine Regeln sind. Nachvollziehbar, denn die moderne Welt droht uns mit der Fülle ihrer Möglichkeiten zu überfluten. Man kann allenfalls die Bedingungen der Möglichkeit schaffen, dass das Glück, wenn es denn einen trifft, auch auf fruchtbaren Boden fällt.
 
Wie verändert sich eine Mannschaft, wenn die Siege ausbleiben?

 
Sie gerät in eine Misserfolgsspirale. Wenn eine Mannschaft mit der Einstellung auf den Platz geht »Wie kommen wir hier bloß heil wieder heraus?«, kann sie nur verlieren. Als Misserfolgsvermeider kommt man über das Mittelmaß nicht hinaus. Sollte sie dann überraschender Weise doch einmal siegen, attribuiert sie das nicht für sich, sondern für günstige Umständen – eben Glück.
 
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