11.10.2007

Dr. Roland Loy im Interview

„Fußball ist unkalkulierbar“

Der Sportwissenschaftler Dr. Roland Loy hat in den letzten 20 Jahren 3000 Fußballspiele analysiert, um zu verstehen, wovon Sieg und Niederlage abhängen. Und jetzt werden wir alle erfahren, wie man Deutscher Meister wird. Oder?

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago
Haben Sie schon mal versucht, den einen oder anderen Bundesligatrainer auf solche Fehlannahmen hinzuweisen?

Teilweise spürt man ein hohes Maß an Ablehnung. Die Trainer haben offensichtlich Angst davor, an Autorität zu verlieren. Da werden Dinge, die sie jahrelang gepredigt haben, von jemandem als falsch enttarnt. Das Grundproblem ist doch: Was will ein Trainer weitergeben, wenn so gut wie keine gesicherten Erkenntnisse zu erfolgreichem Verhalten im Fußball existieren?

Aber es kann doch nicht sein, dass Sie Tausende von Spielen analysiert haben, nur um uns sagen zu können, dass wir kaum etwas über Fußball wissen. Ein paar handfestere Erkenntnisse müssen Sie doch gewonnen haben.

Die wissenschaftliche Widerlegung unzähliger seit Jahrzehnten populärer „Fußballweisheiten“ sehe ich als wesentlichen Erkenntnisgewinn an. Außerdem haben meine Analysen – um ein Beispiel für den praktischen Nutzen der Ergebnisse zu geben – gezeigt, dass hoch ausgeführte Elfmeter erfolgreicher sind als flach geschossene. Ich habe diese Information auch einmal dem Trainer einer Bundesligamannschaft an die Hand gegeben. Am darauf folgenden Samstag hat dann seine Mannschaft einen Elfmeter zugesprochen bekommen – der vom Spieler flach ausgeführte Strafstoß ist dann vom gegnerischen Torhüter gehalten worden. Man weiß auch, welche Art von Eckstößen eher zu Toren führen. Das sind Kleinigkeiten, die aber Spiele entscheiden können.

Welche Rolle spielt der Zufall im Fußball?

Eine viel, viel größere als alle Experten wahrhaben wollen. Die letzten 215 Tore der Bundesligasaison 2006/07 waren zu 47 Prozent Zufallsprodukte – sprich sie resultierten aus Abprallern, abgefälschten Schüssen, schweren Abwehrfehlern, Bodenunebenheiten und so weiter. Es ist ja gerade die Unkalkulierbarkeit des Fußballs, die zu seiner Faszination beiträgt.

Sie fordern die Bildung einer Taktik-Task-Force. Wofür?

Hauptaufgabe dieser Taktik-Task-Force sollte es zunächst einmal sein, herauszufinden, was wir tatsächlich über Fußball und taktische Spielhandlungen, die zum Erfolg führen, wissen. Und dieses Gremium müsste festlegen, wie eine fortschreitende Grundlagenforschung auszusehen hat. In der Taktik-Task-Force sollten Trainingswissenschaftler, Sportmediziner, Sportpsychologen, Statistiker, aber auch Trainer, Manager und Spieler vertreten sein.

Können Sie uns als ausgewiesener Fußball-Fachmann denn verraten, wer deutscher Meister wird?


Nein. Da muss ich leider passen. Ich bin schließlich kein Hellseher.

Aber Sie können uns anhand Ihrer umfangreichen Analysen vielleicht erklären, warum der VfB Stuttgart am Ende der vergangenen Saison ganz oben stand?


Auch da vermag ich nicht weiterzuhelfen. Nur so viel kann ich sagen: die Statistiken zeigen, dass die Mannschaft, die mehr Fouls begeht, etwas häufiger gewinnt. Und jetzt raten Sie mal, wer in der vergangenen Spielzeit die meisten Fouls verübt hat?

Der VfB Stuttgart.


Richtig! Nur damit wir uns nicht falsch verstehen – aus pädagogischer Sicht ist das Foulspiel natürlich zu verurteilen.

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Dr. Roland Loy ist 45 Jahre alt, wohnt in München und arbeitet unter anderem als Fachberater für die ZDF-Sportredaktion. Der promovierte Sportwissenschaftler hat in den vergangenen 20 Jahren 3000 Fußballspiele analysiert und die Ergebnisse in dem zweibändigen Werk „Taktik und Analyse im Fußball“ zusammengefasst. „Fußballprofessor“ Dettmar Cramer fungierte als sein „Mentor“. Loy ist Inhaber der Trainer A-Lizenz des DFB und hat als persönlicher Berater mit Franz Beckenbauer bei der deutschen Nationalmannschaft, bei Olympique Marseille und beim FC Bayern München zusammen gearbeitet.

Die Wegbereiter des Erfolgs? Die schlimmsten Treter der Bundesligageschichte findet Ihr hier www.11freunde.de/bundesligen/103084 .

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