Dr. Jürgen Huber über Kreuzbandrisse

»Das ist eine Kopfsache«

Dr. Jürgen Huber ist Orthopäde in Heidelberg. Mit einer neuen Methode hat er das Kreuzband von Hoffenheims Torjäger Vedad Ibisevic geflickt. Wir sprachen mit ihm über Comebackchancen, Dr. Steadman und die Streckersehne. Dr. Jürgen Huber über KreuzbandrisseImago

Dr. Huber, Sie haben das Kreuzband von Hoffenheims Torjäger Vedad Ibisevic geflickt. Mit einer von Ihnen mitentwickelten Methode. Erklären Sie uns medizinischen Laien diesen Vorgang.

Das Prinzip ist einfach und alt: man nimmt eine körpereigene Sehne zum Ersatz des vorderen Kreuzbandes. Bis Mitte der 90er-Jahre hat man das mittlere Patellasehnen-Drittel dafür genutzt. Das ist sehr schön stabil. Steadman (Richard Steadman, Anm. d. A.) hat das bei den Profis reihenweise eingebaut. Wichtig: das ist eine Streckersehne, die unterhalb der Kniescheibe, zwischen Kniescheibe und Schienbein liegt. Die hat man damals, wie gesagt, bis Mitte der 90er Jahre eingebaut, das wurde damals als Gold-Standard bezeichnet. Mit der Zeit wurde diese Methode durch den Einsatz der Kniebeuge-Sehnen zunehmend verdrängt. Und zwar nicht, weil das Strecker-Band nicht stabil war, sondern weil die Patienten schwer drauf knien konnten und teilweise in dem Entnahmegebiet Schmerzen entwickelten. Das war der Grund dafür, das Ligamentum Patellae, also das Standard-Verfahren, zu ändern.

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Haben sich die Patienten darüber beschwert?

Ja, weil etliche Menschen nach diesen Operationen Schmerzen hatten. Ein erheblicher Prozentsatz.

Prominente Beispiele?

Lothar Matthäus ist damit behandelt worden, ach Gott, viele Fußballer der 80-er und 90-er Jahre, alle haben dieses Ligamentum Patellae bekommen. Heute macht das noch Boenisch (Dr. med. Ulrich Boenisch, Anm. d. A.) aus Augsburg. Er ist ein Schüler von Steadman und verwendet noch Schrauben zur Befestigung. Mitte der 90er Jahre sind viele wach geworden durch die Beschwerden der Patienten. Danach sind viele Operateure dazu übergegangen als Ersatz Kniebeugesehnen zu nehmen. Nicht nur, dass die das Knie beugen, es sind auch Schutzmuskeln für das vordere Kreuzband.

Wo finde ich die Kniebeugesehne?

An der Rückseite des Oberschenkels und zwar an der Rück- und Innenseite. Es ist so, dass von fünf zur Verfügung stehenden Sehnen an der Rückseite des Oberschenkels zwei Stück – und zwar zwei, die für die Innenrotation des Unterschenkels verantwortlich sind verwendet werden. Das ist heute das übliche Verfahren.

Das von Ihnen neu entwickelte?

Nein, das ist das übliche Standardverfahren. Ich wollte Ihnen nur erklären, was es mit den Kniebeugesehnen auf sich hat. Die Beugesehnen werden deshalb von uns nur bei Kindern mit offenen Wachstumsfugen oder bei Revisionen genommen, weil wir die Schutzmuskulatur des vorderen Kreuzbandes nicht schwächen wollen.

Das heißt: wenn man mit der Standard-Methode behandelt wird, läuft man Gefahr, dass man sich relativ bald wieder am Kreuzband verletzt?

So kann man es nicht sagen. Statistisch ist das wahrscheinlich nicht zu beweisen. Ich denke nur, dass die Schutzmuskulatur sinnvoll ist und sie nicht unnötig schwächen sollte. Dass die Innenrotationskraft von dem Unterschenkel wahrscheinlich auch etwas nachlässt. Zumindest die Feinkoordination vom Unterschenkel.

Wie sieht dann Ihre Methode aus?

Wir nehmen eine Streckersehne, wie das Ligamentum Patellae, das unterhalb der Kniesscheibe liegt. Nur nehmen wir es von oberhalb der Kniescheibe. Das ist die so genannte Quadrizepssehne.

Also aus dem Oberschenkel?

Ganz genau. Da haben Springstup und ich als betreuender Arzt Anfang 2000 eine Doktorarbeit drüber gemacht, in der wir die erste Methode - also den Gold-Standard mit dem Ligamentum Patellae - und die Methode mit der Quadrizepssehne verglichen haben. Dabei ist herausgekommen, dass die Quadrizepssehne genauso stabil ist, wie das Ligamentum Patellae, aber diese neue Methode die ganze Entnahme-Problematik nicht hat. Weil die Quadrizepssehne wesentlich breiter und auch dicker ist und oberhalb des Kniegelenkes liegt.

Wie muss man sich die OP im Einzelnen vorstellen?

Man nimmt einen Teil der Oberschenkelsehne von fünf Zentimeter Länge und einem Zentimeter Breite sowie einen 2cm langen Knochenblock aus dem oberen Kniescheibenpol und ersetzt damit das Kreuzband. Das hat keine Folgen für die Oberschenkelsehne, die ist ja sehr breit. Da treten nur extrem selten Probleme beim Krafttraining auf. Das Ligamentum Patellae war da wesentlich anfälliger.

Das heißt: die Folgeschmerzen sind damit ausgeschlossen?

Richtig. Die Patienten können wieder schmerzfrei knien, haben beim Krafttraining kaum je Probleme und sind damit quasi weniger behindert.

Welche Leistung haben Sie konkret erbracht?

Ich habe dieses Verfahren mit der Quadrizepssehne, welches schon der Schweizer Stäubli beschrieben hat zu einem Verfahren verändert, für das man keinerlei Schrauben braucht. Das ist ein so genanntes Pressfit-Verfahren und dafür habe ich zusammen mit einer Fachfirma die entsprechenden Instrumentarien, die bereits auf dem Markt waren, ein bisschen modifiziert und habe damit also dieses Pressfit-Verfahren für die Quadrizepssehne entwickelt. 1996 habe ich damit angefangen und inzwischen sind wir hier in Heidelberg eine Gruppe von fünf Operateuren, die mit dieser Methode arbeiten. Ich sage nicht, dass diese Methode das Nonplusultra ist, sondern eine extrem gute Alternative zur Behandlung mit der Kniebeugesehne. Das Ergebnis ist ein sicheres und sehr schön stabiles Kniegelenk. In unseren Händen, so, wie wir es machen, ist das eine ganz zuverlässige Methode das Gelenk stabil wieder hin zu bekommen. 4000 Patienten sind bislang von uns so operiert und behandelt worden. Und darunter waren etliche Leistungssportler.

Wie Hoffenheims Stümer Vedad Ibisevic.

Wie Ibisevic. Natürlich auch andere, weniger bekannte Fußballer aus der Region. Basketballer waren da und vor allem Handballer, wie Oleg Velyky. Die Rhein-Neckar-Löwen haben wir über lange Zeit betreut. Also: da sind schon einige zusammen gekommen.

Ibisevic war also schon Ihre prominentester »Kunde«?

Einen prominenteren kann man aktuell gar nicht operieren (lacht).

Ibisevic soll diese Woche schon wieder ohne Krücken gehen können, Leistungssportler sind innerhalb weniger Monate wieder fit. Woran liegt das?

Es hängt natürlich immer von dem Patienten ab. Von seinem Kniegelenk, von der Operation: man kann nicht sagen, dass der Hochleistungssportler schneller wieder sportfähig ist. Das Kreuzband braucht, um stabil wieder einzuheilen, fünf bis sechs Monate. Kraft und Koordination brauchen auch so lange. Natürlich hat ein Leistungssportler Vorteile durch Intensivbetreuung, und er wird, wenn der Arzt bestätigt, dass das Kreuzband wieder eingeheilt ist, sicherlich schneller Kraft und Koordination aufbauen. Aber: beide, Leistungs- und Amateursportler, brauchen fünf bis sechs Monate um wieder sportfähig zu werden. Das Kreuzband heilt ja nicht schneller, nur weil jemand schneller und länger laufen kann.

Benötigen die Sportler auch psychische Betreuung in der langen Verletzungspause?

Sicher, aber wie das genau aussieht, kann ich ihnen leider nicht sagen. Ein Sportler muss erst wieder das Vertrauen in sein Knie, in sein Gelenk, in seine Sehne zurück gewinnen. Das ist eine Kopfsache, weil der Sportler manchmal selber nicht genau weiß, warum ihm das Band eigentlich abgerissen ist. Wie bei Ibisevic: das war irgendeine Drehung, das war ja kein spektakulärer Sturz oder ein brachiales Foul des Gegenspielers.

Wann geben Sie als behandelnder Arzt grünes Licht, wann darf der Fußballspieler wieder Fußball spielen?

Der Patient wird nochmals einer Kernspintomograhie unterzogen, ein Messgerät untersucht die Belastbarkeit. Wir stehen ja auch dauerhaft mit den Physiotherapeuten in Kontakt. Wie sagen einem Spieler schon rechtzeitig, wenn er wieder gegen den Ball treten kann.

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