Dr. Ingo Tusk über Schmerzmittel

»Pillen sind keine Smarties«

Drobny tat es, Boateng auch: Schmerzmittel während des Spiels schlucken. Ein gefährlicher Trend? Wir sprachen mit Dr. Ingo Tusk (rechts), Vizepräsident der Sportärztevereinigung, über seine Erfahrung aus der Praxis. Dr. Ingo Tusk über SchmerzmittelImago
Heft #91 06/2009
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Dr. Ingo Tusk, wie gefährlich ist Fußball?

Ein Standardwerk der Sportmedizin – das Buch »Sportverletzungen« von Engelhardt – führt Fußball zumindest in der Rubrik »Kampfsportarten«.

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Heißt das, für einen Profifußballer gehört es zum Berufsrisiko, dass er Schmerzen ertragen muss und Sie als Arzt diese Schmerzen nur im erträglichen Rahmen halten?

Wenn bei dem Athleten die berufliche Zukunft von dem nächsten Spiel abhängt, Sponsoren- oder Anschlussverträge anliegen, dann bespricht ein Arzt mit dem Spieler, wie man damit umgeht. Ich sage dann, dass ich ihn beschwerdefrei machen könne, er aber durch einen Einsatz seine Gesundheit riskiert. Ich bin Therapeut und müsste ihn eigentlich für einige Tage aus dem Verkehr ziehen, aber er will das entscheidende Spiel machen – im Endeffekt ist es dann der Athlet, der entscheidet.

Toni Schumacher hat sich vor dem EM-Endspiel 1980 die Mittelhand gebrochen und hat trotzdem gespielt. Wie geht das?

Aus der Entfernung würde ich sagen: Adrenalin ist ein echter Schmerzkiller.

Beziehen Sie als Orthopäde das Adrenalin bewusst in eine Behandlung mit ein?

Das ist durchaus möglich. Wenn in einem Stadion 40.000 Zuschauer sind, steigt der Adrenalinpegel bei jedem Menschen.

Gibt es Spieler, bei denen die Schmerzgrenze deutlich höher liegt, als bei anderen?

Ja, weil die Bandbreite im Schmerzempfinden einfach riesig ist. In unserem Team gab es einen Torwart, der einen alten hinteren Kreuzbandschaden hatte. Ihn hat das nicht gestört, weil er mit der Instabilität keine Probleme hatte, er hat noch die Saison zu Ende gespielt. Irgendwann bekam er Schmerzen hinter der Kniescheibe. Da musste ich ihm sagen, dass er mit diesen Schmerzen auskommen muss oder wir das hintere Kreuzband operieren müssen, was das Ende seiner Karriere hätte bedeuten können. Er hat sich dafür entschieden, weiter zu spielen.

Gibt es dabei auch Verhaltensweisen von Profis, die Sie als Arzt nicht nachvollziehen können?

Das kommt in erster Linie während des Spiels vor. Ich hatte einen Spieler, der bei einem Match einen Kieferbruch erlitt. Der war so voller Adrenalin, dass er mich ignorierte und sich nicht auswechseln ließ. Zehn Minuten später ist er dann wegen der Schmerzen rausgegangen. Die Spieler sind so voller Adrenalin und Testosteron, dass man ihnen auch offene Wunden am Spielfeldrand ohne Betäubung tackern kann. Aber wenn ich hinterher hier in der Praxis die Klammern entferne, tut es ihnen furchtbar weh.

Welche Medikamentierung müssen Sie heutzutage melden? In den Achtzigern war es fast normal, dass zum Rückgang der Schwellung Cortison gespritzt wurde.

Cortison ist ein gut funktionierendes Mittel in der Sportorthopädie. Gerade bei Sehnenansatzbeschwerden, also da, wo die Sehne am Knochen festsitzt. Cortison ist auch nichts Schlimmes, weil es ein körpereigenes Substrat ist, ohne das wir gar nicht leben könnten. Es ist für uns entzündungshemmend. Die Verabreichung des Mittels aber steht auf der Dopingliste. Selbst wenn wir es lokal anwenden, also bei einer Sehnenreizung direkt an der Verletzung spritzen, müssen wir es bei der NADA melden, was mit viel Papierkram verbunden ist.

Wie ist es möglich, dass Fußballer zum Beispiel mit einem Bänderriss spielen?

Es kommt auf den individuellen Fall an. Mit einem Außenbandanriss kann man in Einzelfällen spielen. Das Gelenk wird getaped, damit das Tape die Knickbewegung verhindert und der Spieler beschwerdefrei ist. Wenn der Spieler will und wenn ich merke, dass das Band nur zu einem Teil lädiert ist, lasse ich ihn auflaufen.

Eine Studie besagt, dass bei der letzten WM rund 50 Prozent der Spieler unter Schmerzmitteln gespielt haben?

In Fußballerkreisen wird recht sorglos mit Voltaren umgegangen, was ein sehr gut wirkendes, aber auch mit vielen Nebenwirkungen behaftetes Mittel ist. Das wird in allen Ligen flächendeckend von Spielern genommen. Ich sehe als meine Aufgabe an, den Spielern zu erklären, dass es keine Smarties sind und sie bei dauerhafter Einnahme dieser Tabletten mit Magenblutungen und Niereninsuffizienz rechnen müssen. Ich hatte gerade den Fall einer Spielerin, die auf dem Platz zusammengebrochen ist. Wir stellten fest, dass sie seit sechs Wochen Voltaren einnahm, wovon sie mir nichts gesagt hatte. Wenn ich das gewusst hätte, wäre sie von mir aus dem Spielbetrieb herausgenommen worden.

Weil sie verletzt war?

Weil sie ein Achillessehnen-Problem hatte, mit dem ich sie nicht hätte spielen lassen. Aber sie hat sich selbst therapiert. Ich hatte gar nicht die Gelegenheit, sie zu untersuchen und ihr zu sagen, dass sie aufhören soll.

Was meinen Sie mit einem »sorglosen Umgang«?

Es gibt Vereine, da liegt Voltaren offen beim Physiotherapeuten herum, und die Spieler können sich entweder Tape, Eisspray oder eine Tablette zur Linderung von Schmerzen holen.

Wir wissen von Profis, die vor Spielen in Intervallen Schmerztabletten einnehmen, um auf den Punkt beschwerdefrei zu sein.

Das ist medizinischer Unfug. Das machen die Spieler in Eigenregie. Sowas hängt dann auch mit dem Standing des Arztes in der Mannschaft zusammen. Erfahrene Spieler machen solche Sachen, weil sie sie womöglich von früher her kennen und es ihnen damit gut ging.

Wäre so eine Verabreichung aus Ihrer Perspektive zulässig?


Erlaubt ist es schon. Wenn der Spieler und der Mannschaftsarzt darüber gesprochen haben und der Arzt ihn über die Risiken aufgeklärt hat, kann man das bei einem jungen Organismus auch machen. Es gibt Menschen, die nehmen über Jahrzehnte Voltaren, weil sie Arthrose haben oder keine neue Hüfte haben wollen. Wenn man den Athleten über die Risiken aufgeklärt hat, ist es medizinisch vertretbar.

Wie gehen sie vor, wenn sie einen verletzten Spieler behandeln?

Mit den konservativen, physikalischen Maßnahmen: Stromanwendungen, Eis, Tape, Kineso-Tape, Lymphdrainage – also mit allem, was für das Muskelgewebe erwiesenermaßen gut ist. Wenn ein akuter Erguss bei einem Spieler auftritt, bekommen die Spieler von mir klassischerweise über drei, vier Tage Voltaren morgens und abends zusammen mit einem Magenschutz. Voltaren mindert nicht nur die Schmerzen, sondern wirkt anti-entzündlich, was die Schwellung reduziert. Bei einer Überreizung kommt es auch vor, dass man dem Spieler eine lokale Betäubung gibt. Zum Beispiel, wenn ich erkenne, dass an dem Gewebe nichts kaputt gehen kann und keine Nervenbahn in der Nähe liegt, sodass er ein Ungleichgewicht beim Spiel spürt. Die Spritze ist in solchen Fällen nur dazu da, dem Spieler den Schmerz zu nehmen.

Viele Spieler erzählen, dass sie sich bei gebrochenen Zehen eine Betäubungsspritze geben lassen...


Ja, weil ein gebrochener Zeh höllisch weh tut und man außer dem Spieler den Schmerz zu nehmen, nichts anderes machen kann.

Der Medizinmann des 1. FC  Köln, Dieter Trzolek, sagt, betäubt wird gar nicht mehr, weil der Spieler seine Füße benutzen muss.

Ich mache es immer seltener. Man muss auch ganz vorsichtig dabei sein und sehr viel Erfahrung haben, weil man durch eine Betäubungsspritze einen ganzen Nervenblock lahm legen kann. Dann wird es gefährlich, weil Stellreflexe nicht mehr richtig funktionieren. Was heute gar nicht mehr geht, und früher oft gemacht wurde, sind Infusionen. Es wurde nach dem Spiel Flüssigkeitssubstitutionen mit Multivitamin-Zusatz als Infusionen gegeben, damit es in der englischen Woche eine schnellere Regeneration gibt. Das gilt seit 2007 als Doping.

Ist das sinnig?

Ja, denn als normaler, gesunder Mensch kann man genug trinken, um den Flüssigkeitshaushalt auszugleichen. Für mich sind Infusionen etwas für kranke Menschen und nicht für Leistungssportler.

Inwieweit sind Sportärzte in Fußballklubs unter Druck, dass Sie auch entgegen ihrer medizinischen Ansicht Spieler fit machen?

Natürlich befindet sich ein Mannschaftsarzt immer unter dem Druck, das bestmögliche Team auf den Platz zu bekommen, weil z.B. von einem Abstieg auch Arbeitsplätze abhängen. Dennoch gehe ich davon aus, dass ein Teamarzt nie gegen sein Gewissen handelt und auf Kosten der Gesundheit eines Spielers.

Kommt es vor, dass ein Spieler zu einem anderen Arzt geht, wenn ein Mannschaftsarzt ihn krank schreibt?

Das kommt vor. Wenn es nicht schnell genug geht, sagt der Klub auch schon mal, dass der Spieler zu einem anderen Arzt gehen soll.

Gehen Spieler bei der Genesung nach Verletzungen zu früh über Ihre Schmerzgrenze hinaus?

Zunehmend weniger. Es hat sich ein anderer Spielertyp entwickelt.  Sie sehen zunehmend ein, dass man viele Probleme langfristig sehen muss.

Inwieweit sind Schmerzmittel zulässiges Doping?

Schmerzmittel sind für mich legitim, denn wir befinden uns im Leistungssport. Das Kapital des Profisportlers ist der Körper, und der tut bei hohen Belastungen natürlich immer mal weh. Wenn ein Spieler, den ich gut kenne, von dem ich weiß, dass er sonst nicht dauernd Schmerzmittel nimmt und nie jammert, Beschwerden hat und zu mir sagt: »Doc, ich will am Wochenende spielen«, habe ich überhaupt kein Problem, ihm ein Schmerzmittel zu geben. Wenn ein Bankangestellter zu einem wichtigen Termin muss und etwas braucht, um das durchzuhalten, wäre das genauso. Dafür gibt es ja Schmerzmittel.

Kennen Sie Spieler, bei denen Voltaren nicht mehr hilft?

Ich bin ein absoluter Gegner von dauerhaftem Schmerzmittelgebrauch, aber ich bin mir sicher, dass es eine hohe Dunkelziffer von Spielern gibt, die süchtig danach sind. Nicht, weil sie eine körperliche Abhängigkeit empfinden, sondern weil sie glauben, dass sie den Wirkstoff Diclofenac brauchen, um beschwerdefrei zu sein. 

Wieviele sind das?

Es gibt in jeder Profi-Mannschaft ein, zwei Spieler, die sehr viel Schmerzmittel nehmen. Und je höher das Alter wird, desto mehr Diclofenac wird genommen. Mit 30 setzt die Arthrose bei uns allen ein und bei den Spielern, die kaputte Gelenke haben, erst Recht.

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