02.11.2009

Dr. Ingo Tusk über Schmerzmittel

»Pillen sind keine Smarties«

Drobny tat es, Boateng auch: Schmerzmittel während des Spiels schlucken. Ein gefährlicher Trend? Wir sprachen mit Dr. Ingo Tusk (rechts), Vizepräsident der Sportärztevereinigung, über seine Erfahrung aus der Praxis.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Dr. Ingo Tusk, wie gefährlich ist Fußball?

Ein Standardwerk der Sportmedizin – das Buch »Sportverletzungen« von Engelhardt – führt Fußball zumindest in der Rubrik »Kampfsportarten«.



Heißt das, für einen Profifußballer gehört es zum Berufsrisiko, dass er Schmerzen ertragen muss und Sie als Arzt diese Schmerzen nur im erträglichen Rahmen halten?

Wenn bei dem Athleten die berufliche Zukunft von dem nächsten Spiel abhängt, Sponsoren- oder Anschlussverträge anliegen, dann bespricht ein Arzt mit dem Spieler, wie man damit umgeht. Ich sage dann, dass ich ihn beschwerdefrei machen könne, er aber durch einen Einsatz seine Gesundheit riskiert. Ich bin Therapeut und müsste ihn eigentlich für einige Tage aus dem Verkehr ziehen, aber er will das entscheidende Spiel machen – im Endeffekt ist es dann der Athlet, der entscheidet.

Toni Schumacher hat sich vor dem EM-Endspiel 1980 die Mittelhand gebrochen und hat trotzdem gespielt. Wie geht das?

Aus der Entfernung würde ich sagen: Adrenalin ist ein echter Schmerzkiller.

Beziehen Sie als Orthopäde das Adrenalin bewusst in eine Behandlung mit ein?

Das ist durchaus möglich. Wenn in einem Stadion 40.000 Zuschauer sind, steigt der Adrenalinpegel bei jedem Menschen.

Gibt es Spieler, bei denen die Schmerzgrenze deutlich höher liegt, als bei anderen?

Ja, weil die Bandbreite im Schmerzempfinden einfach riesig ist. In unserem Team gab es einen Torwart, der einen alten hinteren Kreuzbandschaden hatte. Ihn hat das nicht gestört, weil er mit der Instabilität keine Probleme hatte, er hat noch die Saison zu Ende gespielt. Irgendwann bekam er Schmerzen hinter der Kniescheibe. Da musste ich ihm sagen, dass er mit diesen Schmerzen auskommen muss oder wir das hintere Kreuzband operieren müssen, was das Ende seiner Karriere hätte bedeuten können. Er hat sich dafür entschieden, weiter zu spielen.

Gibt es dabei auch Verhaltensweisen von Profis, die Sie als Arzt nicht nachvollziehen können?

Das kommt in erster Linie während des Spiels vor. Ich hatte einen Spieler, der bei einem Match einen Kieferbruch erlitt. Der war so voller Adrenalin, dass er mich ignorierte und sich nicht auswechseln ließ. Zehn Minuten später ist er dann wegen der Schmerzen rausgegangen. Die Spieler sind so voller Adrenalin und Testosteron, dass man ihnen auch offene Wunden am Spielfeldrand ohne Betäubung tackern kann. Aber wenn ich hinterher hier in der Praxis die Klammern entferne, tut es ihnen furchtbar weh.

Welche Medikamentierung müssen Sie heutzutage melden? In den Achtzigern war es fast normal, dass zum Rückgang der Schwellung Cortison gespritzt wurde.

Cortison ist ein gut funktionierendes Mittel in der Sportorthopädie. Gerade bei Sehnenansatzbeschwerden, also da, wo die Sehne am Knochen festsitzt. Cortison ist auch nichts Schlimmes, weil es ein körpereigenes Substrat ist, ohne das wir gar nicht leben könnten. Es ist für uns entzündungshemmend. Die Verabreichung des Mittels aber steht auf der Dopingliste. Selbst wenn wir es lokal anwenden, also bei einer Sehnenreizung direkt an der Verletzung spritzen, müssen wir es bei der NADA melden, was mit viel Papierkram verbunden ist.

Wie ist es möglich, dass Fußballer zum Beispiel mit einem Bänderriss spielen?

Es kommt auf den individuellen Fall an. Mit einem Außenbandanriss kann man in Einzelfällen spielen. Das Gelenk wird getaped, damit das Tape die Knickbewegung verhindert und der Spieler beschwerdefrei ist. Wenn der Spieler will und wenn ich merke, dass das Band nur zu einem Teil lädiert ist, lasse ich ihn auflaufen.

Eine Studie besagt, dass bei der letzten WM rund 50 Prozent der Spieler unter Schmerzmitteln gespielt haben?

In Fußballerkreisen wird recht sorglos mit Voltaren umgegangen, was ein sehr gut wirkendes, aber auch mit vielen Nebenwirkungen behaftetes Mittel ist. Das wird in allen Ligen flächendeckend von Spielern genommen. Ich sehe als meine Aufgabe an, den Spielern zu erklären, dass es keine Smarties sind und sie bei dauerhafter Einnahme dieser Tabletten mit Magenblutungen und Niereninsuffizienz rechnen müssen. Ich hatte gerade den Fall einer Spielerin, die auf dem Platz zusammengebrochen ist. Wir stellten fest, dass sie seit sechs Wochen Voltaren einnahm, wovon sie mir nichts gesagt hatte. Wenn ich das gewusst hätte, wäre sie von mir aus dem Spielbetrieb herausgenommen worden.

Weil sie verletzt war?

Weil sie ein Achillessehnen-Problem hatte, mit dem ich sie nicht hätte spielen lassen. Aber sie hat sich selbst therapiert. Ich hatte gar nicht die Gelegenheit, sie zu untersuchen und ihr zu sagen, dass sie aufhören soll.

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