18.08.2011

Dortmunds Fanprojektler Rolf-Arnd Marewski über Ultras und SS-Siggi

»Die Hools wollten mich nackt am Dom«

Seit 1988 leitet Rolf-Arnd Marewski das Dortmunder Fan-Projekt. Als Gegenpart zur berüchtigten »Borussenfront« gegründet, ist es heute ein Aushängeschild für Fanarbeit. Ein Gespräch über Ultras, Hooligans und »SS-Siggi«.

Interview: Dominik Drutschmann Bild: Dominik Drutschmann
Rolf-Arnd Marewski, sind Sie nach 23 Jahren als pädagogischer Leiter des Fan-Projekt Dortmund e. V. eigentlich noch Fan von Borussia Dortmund?

Rolf-Arnd Marewski: Ich bin Sozialarbeiter für die Fans, aber kein ausgemachter Fan von Borussia Dortmund. Natürlich sehe ich es sehr gerne, wenn der BVB gewinnt und ich fiebere auch bis zu einem gewissen Grad mit. Aber offene Begeisterung ist nicht meine Sache.



Seit Beginn der pädagogischen Arbeit mit Fußballfans in Dortmund 1988 sind Sie dabei. Zu dieser Zeit trieb die berüchtigte »Borussenfront« um den bekannten Neonazi »SS-Siggi« ihr Unwesen im Westfalenstadion. Was hat Sie bewogen, den Job zu übernehmen?

Rolf-Arnd Marewski: In der Jugend habe ich selber beim BVB gespielt, ich war Torwart. Mit über 30 Jahren bin ich dann als Sozialarbeiter zurückgekehrt – für mich hat sich ein Kreis geschlossen. Der Job hat mich zudem gereizt, weil die Arbeit mit auffälligen und gewaltbereiten Fans damals noch etwas völlig Neues war.

Was waren erste Ansatzpunkte Ihrer Arbeit?

Rolf-Arnd Marewski: Eine meiner ersten Amtshandlungen war ein Besuch in der Borsigstube, dem damaligen Treffpunkt der »Borussenfront«. Ich habe direkt den ersten Anwesenden angesprochen: »Hier sind also die Borussenfrontler und hier muss ja dann irgendwo auch der SS-Siggi sein!« Dann meldete sich ein Bär von einem Mann, es war der berüchtigte »SS-Siggi«. Das war unser erster Kontakt.

Sie wurden höchstwahrscheinlich nicht mit offenen Armen empfangen.

Rolf-Arnd Marewski: Natürlich nicht. Die ersten Artikel, in denen wir als »Gewalt-Experten« beschrieben wurden, standen schon in der Zeitung, bevor wir richtig losgelegt hatten. Den Hooligans haben wir unsere Hilfe angeboten und versprochen, uns auch ihre Beweggründe anzuhören – das hat denen wohl Respekt abgenötigt. Dass wir selber keine Nazis waren, haben wir gleich klargemacht. Wobei das bei mir wahrscheinlich gar nicht nötig gewesen wäre. Ich sah damals aus, wie man sich so einen linken Sozialarbeiter vorstellt: lange Matte, Bart, rotes Brillengestell.

Wie haben Sie im Anschluss an den Kneipenbesuch das Vertrauen der »Borussenfront« gewonnen?

Rolf-Arnd Marewski: Das war am siebten Spieltag der Saison 1988/89 beim Auswärtsspiel in Mannheim. Von einem Spitzel hatten wir erfahren, dass der harte Kern mit dem IC morgens um acht Uhr nach Mannheim fährt. Wir sind dann mit einer Palette DAB-Dosenbier unter dem Arm in den Zug gestiegen, weil wir dachten, dass das der Schlüssel sein könnte – bei einigen war es das sicher auch. Die ganz Harten standen da schon mit Wodka und Kirschsaft, da konnten wir mit unserem Pils nicht allzu viel reißen. Insgesamt waren es vielleicht 30 Hooligans und die haben unser Kommen ganz positiv aufgenommen, zumindest nach außen. Credo war: Na, dann kommt doch einfach mal mit.

Und Sie sind friedlich mit dem Zug nach Mannheim gefahren?

Rolf-Arnd Marewski: Das kann man nicht behaupten. Ich war mittendrin und habe zuerst gar nicht mitbekommen, dass das Abteil immer leerer wurde. In Essen kam der Schaffner und meinte, dass  Fahrgäste von der Gruppe bedroht worden waren. Ich habe dann versucht, zu vermitteln. Den Schaffner konnte ich überzeugen, aber die Jungs haben weiter die Fahrgäste eingeschüchtert. In Duisburg kam der Schaffner noch einmal und hatte schon die Polizei benachrichtigt, die in Bonn auf uns wartete. »Fußball ist für die Jungs heute eh vorbei«, waren des Schaffners letzte Worte.

Wie haben die Hooligans reagiert?

Rolf-Arnd Marewski: Die haben mich in die Pflicht genommen. Frei nach dem Motto: Du wolltest uns doch helfen! Jetzt sieh zu, dass du die Sache wieder geradebiegst. Ich habe dem Schaffner klargemacht, dass bei einem Polizeieinsatz möglicherweise der Zug von den Hooligans komplett auseinandergenommen werden würde. Unter Aufbietung all meiner Ausweise und Überredungskünste habe ich ihn schließlich überzeugt. In Bonn wartete aber immer noch die Polizei. Kaum am Bahnsteig angekommen, haben wir direkt mit dem Kollegen mit den meisten Abzeichen auf der Schulter gesprochen. Ich habe absolut auf die Kacke gehauen. Dass das Projekt erst zwei Monate alt war, habe ich natürlich verschwiegen. Irgendwie sind wir damit durchgekommen und bis Mannheim ist es tatsächlich ruhig geblieben. Dort erwarteten uns wieder Polizisten, dieses Mal deutlich weniger einsichtig. Fünf aus der Gruppe wurden verhaftet, der Rest durfte ins Stadion.

Sind Sie mit ins Stadion gefahren?

Rolf-Arnd Marewski: Nein. Ich bin mit auf die Wache. Zwei der Jungs habe ich tatsächlich noch frei bekommen. Gemeinsam mit den beiden Hools wurde ich von der Polizei mit dem Streifenwagen bis unter die Tribüne gefahren worden. Welch ein Triumph! Wir wurden wie Helden empfangen und ich war auf einmal doch der Gute. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste: Die Hooligans hatten mit uns eigentlich etwas ganz anderes geplant. Ursprüngliche Idee war, meinen Kollegen und mich in Köln aus dem Zug zu zerren und nackt vor den Dom zu stellen. Zurück in Dortmund hat sich dann recht zügig eine Legende gebildet. Wir galten als die Sozialarbeiter, die die Jungs aus dem Knast geholt hatten.

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