Dortmunds Fanbeauftragter Sebastian Walleit im Interview

»Mehr Verantwortung für die Fans«

Sollen sie doch Meister werden, sagen die Anhänger von Borussia Dortmund vor dem Gipfeltreffen bei Bayern München, wir haben die besten Fans! Dortmunds Fanbeauftragter Sebastian Walleit über das Selbstvertrauen der Szene, die Polizei in München und Reisen nach Ausschwitz. Dortmunds Fanbeauftragter Sebastian Walleit im Interview

Sebastian Walleit: Dialog statt Strafen – so kann das Ergebnis der Gespräche am »Runden Tisch zum Thema Fußball und Gewalt« zusammengefasst werden. Dabei hatten sich Politiker und Vertreter der Polizei im Vorfeld des Treffens im Bundesinnenministerium in den Forderungen nach harten Maßnahmen gegenseitig übertroffen.

Sebastian Walleit: Ich bin positiv überrascht. Es war zu befürchten, dass ein sehr strikter Maßnahmenkatalog mit weitreichenden Konsequenzen aufgestellt wird. Aber dazu ist es erfreulicherweise nicht gekommen. Es ist stattdessen sehr viel von Dialog mit den Fans die Rede, damit wird in meinen Augen die Arbeit der Fan-Beauftragten und der Fanprojekte gestärkt. Offensichtlich ist erkannt worden, dass wir in Deutschland mit der Fanarbeit auf einem guten und richtigen Weg sind und Kommunikation sehr wichtig ist.

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War die Diskussion über die angebliche Zunahme der Gewalt in deutschen Fußballstadien nicht überflüssig, weil von einer tatsächlichen Eskalation gar nicht die Rede sein kann?

Sebastian Walleit: Die Diskussion hätte es in der Tat nicht gebraucht. Sie ist in weiten Teilen mit populistischen Argumenten geführt worden. Ich denke da zum Beispiel an Rainer Wendt, den Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft. Ich finde es allein schon unsäglich, wenn er immer wieder von »den sogenannten Fanbetreuern« spricht. Aber im Endeffekt war es nicht verkehrt, dass die Runde in Berlin zusammenkommen ist und vernünftig über das Thema gesprochen hat. Es gab ja Spiele, die auffällig waren. Allerdings sollte man angemessen reagieren und nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen. Die Medien haben sicher ihren Teil dazu beigetragen, dass das Thema in großem Stile losgetreten wurde. Jede Redaktion muss bei ihrer Geschichte noch etwas hinzufügen.

Anders als die eingetragenen Fanclubs sind die Ultras-Gruppierungen viel schwerer zu fassen. Wie kommen Sie an diese Leute ran?

Sebastian Walleit: Dahinter steckt viel Beziehungsarbeit. Man muss den Kopf in die Szene halten, persönliche Kontakte aufbauen. Die Capos sind wichtige Ansprechpartner. Ich behaupte mal, dass ich nah an der Lebenswelt der Jungs dran bin, selbst wenn ich auch nicht immer alles verstehe und mich dann frage: Meine Fresse, wat is dat denn? Doch die Jungs wissen, dass sie mir viel anvertrauen können.

Aber Sie arbeiten auch mit der Polizei zusammen, die viele Ultras als Feindbild in sich tragen.

Sebastian Walleit: Die Zusammenarbeit mit der Polizei in Dortmund funktioniert gut. Man spricht vor Spielen über Reisewege oder wie die Beziehung der Fanszenen zueinander ist. Aber ich bin kein Spitzel, Hilfssheriff und ich fühle mich auch nicht als V-Mann. Meine Klientel ist die Fanszene und die will ernst genommen werden. Ich gebe Informationen weiter, per Mails, Telefon oder persönliche Gespräche. Zum Beispiel was bei einem Auswärtsspiel von der Polizei dort zu erwarten ist. Es geht darum, Verhaltenssicherheit zu schaffen. Das ist ganz wichtig. In der Allianz-Arena darf man beispielsweise im Gästeblock nicht essen und trinken. Das muss den Leuten vorher gesagt werden, sonst gibt es vor Ort eventuell Probleme, weil im Grunde klingt das mit dem Essens- und Trinkverbot ja vollkommen bescheuert.



Auf was müssen sich die BVB-Fans bei ihrem Besuch in München sonst noch einstellen?

Sebastian Walleit: Auf einen durchaus restriktiven Kurs der Polizei. Die Polizei in München fackelt nicht lange. Eine klare Ansage und das war es dann. Gastfreundschaft sieht anders aus. Aber es ist häufig etwas schwieriger in Süddeutschland. Das Problem ist, dass viele der eingesetzten Polizisten einfach nicht wissen und verstehen, wie Fußball-Fans ticken. Es gibt eine Linie und die wird konsequent durchgezogen.

Auch wenn der Tabellenführer gegen den Zweiten spielt, ist die Partie Bayern gegen Dortmund kein Risikospiel.

Sebastian Walleit: Sicher nicht. Okay, die Bayern-Ultras machen schon ein bisschen Stimmung, aber in der Allianz-Arena findet man doch vor allem das klassische Zuschauer-Publikum. Auf Dortmunder Seite belächelt man das Ganze ein bisschen. Viele BVB-Fans denken sich: Mein Gott, dann sollen die halt Meister und Champions League-Sieger werden, dann haben die eben die bessere Mannschaft, aber der BVB hat auf jeden Fall die besseren Anhänger.

Manuel Neuer wurde von den Bayern-Ultras alles andere als mit offenen Armen empfangen. Wie wäre das erst bei einem Wechsel von Schalke zu Borussia Dortmund gewesen?

Sebastian Walleit: Das male ich mir erst gar nicht aus…

Auf Klub-Seite hat man dann den Dialog mit den Vertretern der Bayern-Ultras gesucht und die Situation auf diese Weise recht schnell beruhigen können.

Sebastian Walleit: Es ist auch ein Zeichen für eine funktionierende Fan-Arbeit. Was genau vereinbart wurde, weiß ich natürlich auch nicht. Es gab auf jeden Fall gute Gespräche mit einem neutralen Mediator, bei denen sich alle Seiten zusammengesetzt haben und auch erklärt wurde, warum die Bayern-Ultras das machen. Uli Hoeneß soll ja auch dabei gewesen sein.

Manuel Neuer hat offensichtlich akzeptiert, bestimmte, von den Ultras aufgestellte Verhaltensregeln zu beachten. Viele Außenstehende konnten nicht nachvollziehen, dass sich einer der besten Torhüter der Welt so etwas gefallen lässt.

Sebastian Walleit: Für die Bayern-Ultras ist Neuer zuerst mal nicht als weltbester Torwart, sondern als Schalke-Ultra nach München gekommen. Als ehemaliger Gelsenkirchener Ultra versteht Neuer, wie die Jungs ticken und dass man sich in seiner Situation respektvoll verhalten sollte. Man stelle sich das mal vor, ein Schalke-Ultra im FC Bayern-Mannschaftsbus auf dem Weg zum Spiel nach Gelsenkirchen…



Wie viel Macht darf man den Fans geben? In Italien wurde das nicht zu leugnende Gewaltproblem eben darauf zurückgeführt, dass bestimmte Teile der Anhängerschaft zu viel Macht besitzen.

Sebastian Walleit: Man sollte den Fans mehr Verantwortung und weniger Macht geben – so sehe ich das. Es kann nicht sein, dass Ultras, so wie in Italien geschehen, den Kartenverkauf und den Ordnungsdienst für die eigene Kurve übernehmen, sozusagen den ganzen Block selbst verwalten. Es gibt bestimmte Dinge, die darf ein Verein einfach nicht aus der Hand geben. Und zudem muss man darauf achten, dass ein Gleichgewicht zwischen Ultras, Fanclub-Mitgliedern und unorganisierten Anhängern herrscht. Die Ultras sehen sich ja selbst als die Speerspitze der Anhängerschaft. Aber es gibt eben auch noch andere Gruppierungen, die vom Verein genauso ernst genommen werden müssen.

Was meinen Sie mit »mehr Verantwortung geben«?

Sebastian Walleit: In Dortmund gibt es beispielsweise einen eigenen Raum, in dem die Fans ihre gesamten Fan-Materialien aufbewahren und auch selbst verwalten können. Oder es werden eigenverantwortlich Fußball-Turniere ausgerichtet. In der Sommerpause haben BVB-Ultras eine Fahrt zur KZ-Gedenkstätte nach Ausschwitz für junge Fans organisiert. Bei solchen Aktionen können sich die Gruppierungen vorstellen und ihr Selbstverständnis rüberbringen. Das Übernehmen von Verantwortung fördert auch die Bestrebung, sich selbst zu regulieren. Und Selbstregulierung braucht es, damit eine Masse funktioniert. Das Hingucken und auf den anderen achten ist sehr wichtig, man darf das nicht unterschätzen.

Die Ultra-Bewegung ist relativ jung, aber auch nicht ganz neu. Wie hat sich die Szene entwickelt?

Sebastian Walleit: Es handelt sich inzwischen um eine Jugendbewegung, die einen Lifestyle geprägt hat. Und die Bewegung ist auf jeden Fall breiter geworden. Das bringt natürlich auch Schwierigkeiten mit sich. Es gibt Abspaltungen und Leute, die ihr eigenes Ding durchziehen wollen, was für Probleme untereinander sorgt. Und es ist eine sehr emanzipierte Szene. Man versucht den demokratischen Weg zu gehen, wie zum Beispiel beim Thema Legalisierung von Pyrotechnik.

Sie sagten vorher, Sie seien an der Lebenswelt von Hardcore-Fußballfans nah dran, aber manches würden auch Sie nicht verstehen.

Sebastian Walleit: Ich bin zum einen Sozialarbeiter und zum anderen subkulturell geprägt. Wenn ich allerdings sehe, wie manche Leute ihr Leben so sehr auf die Borussia ausrichten, dass im Privatleben vieles kaputt geht, dann respektiere ich das, aber ich kann es nicht nachvollziehen. Aber ich sehe vor allem die positiven Dinge. Es ist schon unglaublich, was die Jungs immer wieder auf sich nehmen, welche Energien und Kreativität sie entwickeln. Nehmen wir die Anreise zum Champions League-Spiel nach Piräus, die wegen des Generalstreiks in Griechenland wirklich eine Herausforderung war. Es gab Leute, die haben sich zuerst mit dem Auto auf den Weg nach Wien gemacht. Von dort aus ging es mit dem Flugzeug weiter nach Sofia. Dort wurde ein Mietwagen genommen und mit dem ging es nach Athen. Das war ein richtiges Abenteuer. Aber das macht ja den Reiz auch aus.

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