25.09.2013

Dirk Schuster über Ost-West-Denken, Motivation und Darmstadt 98

»Ich habe mich nach der Wende angepasst«

Der ehemalige DDR-Fußballer Dirk Schuster legte nach der Wende eine bechtliche Karriere hin. Er spielte unter anderem für den KSC, den 1. FC Köln und Antalyaspor. Seit einem Jahr ist er Trainer bei Darmstadt 98, die heute im Pokal auf Schalke 04 treffen. Ein Gespräch über Ost-West-Denken, Motivationsspritzen und den Traum von einer Rückkehr nach Karlsruhe.

Interview: Manuel Schumann Bild: Imago

Dirk Schuster, Ihr Trainerkollege Jens Keller ist fast zeitgleich mit Ihnen in den Trainerberuf eingestiegen, allerdings trainiert er mittlerweile einen Champions-League-Teilnehmer, Sie dagegen einen Drittligisten, der um den Klassenerhalt kämpft. Was hat Jens Keller in den vergangenen Jahren besser gemacht?
Das kann ich nicht beurteilen. Fakt ist: Er hat seit jeher gute Verbindungen zu einem großen Klub, dem VfB Stuttgart. Dort war er zunächst Co-Trainer unter Christian Gross und wurde nach dessen Beurlaubung zum Cheftrainer ernannt. Er hatte dabei sicherlich auch das Quäntchen Glück, das man in diesem Geschäft braucht. Ich bin überzeugt davon, dass er genau so akribisch und konzentriert arbeitet wie ich.
 
Sie sagten mal, Sie hätten sich nach Ihrer Trainerausbildung eine Frist von achtzehn Monaten gesetzt. Wäre in diesem Zeitraum kein Vertrag zustande gekommen, hätten Sie einen anderen Weg eingeschlagen. Hand aufs Herz: Wie viel Übertreibung steckt in dieser Aussage?
Gar keine. Ein Scheitern ist in diesem Geschäft nicht ausgeschlossen.
 
Aber Sie haben Ihre Trainerausbildung 2007 als Lehrgangsbester abgeschlossen – da brennt man doch darauf, seine Ideen umzusetzen. Hätten Sie tatsächlich einen Schlussstrich gezogen, bevor es so richtig begonnen hat?
Mir war von Anfang an klar, dass es keinen Freifahrtschein gibt. Es kann immer etwas schiefgehen. Das hat weder mit Pessimismus zu tun noch mit fehlendem Selbstbewusstsein. Erfolge als Spieler zählen nicht.Welcher Trainerneuling kann von vornherein sagen, er werde nach der Trainerausbildung in der Ersten-, Zweiten-, oder Dritten-Liga unterkommen? Es gibt viele gute Trainer, die derzeit keinen Job haben.
 
Aber weshalb gerade diese 18-Monats-Frist?
Ich kann nicht fünf oder zehn Jahre warten, bis plötzlich irgendein Sportdirektor an die Tür klopft und sagt: »Dich will ich unbedingt holen«. Je länger man aus dem Geschäft heraus ist, desto schwieriger ist es, wieder Anschluss zu finden – das gilt sowohl für Spieler als auch für Trainer. Im bezahlten Fußball spielt es keine Rolle, ob du im Amateurbereich ein paar Akzente gesetzt hast, entscheidend sind die Referenzen und Erfolge.
 
Was hätten Sie denn gemacht, wenn es nicht geklappt hätte?
Auf jeden Fall hätte diese neue Aufgabe mit Sport zu tun gehabt. Vielleicht wäre ich Trainer in einem Fitnessstudio geworden, keine Ahnung.
 
Sie haben in Ihren letzten Profijahren für die Karlsruher Klubs ASV Durlach und den FC Alemannia Wilferdingen gespielt. Täuscht der Eindruck, dass Sie Ihr Karriereende hinausgezögert haben?
Ich habe es als angenehm empfunden, meine Spielerkarriere in den unteren Ligen peu à peu ausklingen zu lassen. Es war schön, noch einmal die Luft des Amateurfußballs zu schnuppern. Man sieht doch an vielen Beispielen, wie schwierig es ist, von einem Tag auf den anderen aufzuhören. So mancher Ex-Profi weiß in den ersten Monaten nach seinem letzten Spiel doch gar nicht, was er tun soll. Kurzum: Ich wollte auf keinen Fall in ein Loch fallen, sondern mich langsam an den Alltag abseits des Profifußballs gewöhnen.
 
Sie sind im Alter von 23 Jahren vom 1. FC Magdeburg zu Eintracht Braunschweig gewechselt, es war die Zeit der Wende. Wie haben Sie die ersten Monate in der neuen Umgebung erlebt?
Damals war alles neu für mich. Die mediale Beobachtung hat mich stark beeindruckt. Das kannte ich nicht. In Magdeburg gab es vielleicht einen Zeitungsartikel über das bevorstehende Spiel, das war's. In Braunschweig dagegen war im Umfeld wesentlich mehr los, und das, obwohl der Klub damals nur in der Zweiten Liga kickte. In den ersten Monaten habe ich erfahren, was Profifußball wirklich bedeutet. Vom Teamgedanken, wie ich ihn aus der DDR kannte, war nicht viel übrig geblieben. Ich merkte: Jeder ist sich selbst am nächsten. Diese Ellenbogenmentalität haben viele DDR-Sportler zu jener Zeit erst lernen müssen. Glücklicherweise ist es mir gelungen, mich schnell anzupassen.
 
Hatten Sie damals Angst, dass Ihr rasanter Aufstieg, den Sie in der DDR erlebten, plötzlich stoppte? Sie hatten immerhin vier Länderspiele im Jahr 1989/90 gemacht.
Nein. Ich war jung, hochmotiviert und voller Energie. An ein mögliches Scheitern habe ich keinen Gedanken verschwendet. Hilfreich war sicherlich auch der zeitgleiche Wechsel meines damaligen Trainers (Joachim Streich, d. Red.) nach Braunschweig. Das gab mir einen Zusatzschub.
 
Weshalb haben Sie sich eigentlich für Braunschweig entschieden? Sie hatten doch sicherlich viele Top-Angebote vorliegen.
Ich hatte in der Tat einige Angebote aus der Bundesliga, habe mich aber bewusst für einen Zweitligisten entschieden. Bei der Eintracht hatte ich ein gutes Gefühl. Zudem nahm ich an, dieser Wechsel sei die sicherste Variante, um den nächsten Sprung vorzubereiten. Ich wollte nach ganz oben - aber Schritt für Schritt.
 

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