16.04.2009

Dirk Mankowski über sein Praktikum bei Real

»Wie die Kronjuwelen«

Dirk Mankowski trainierte 2003 den Halleschen FC und flog für ein Praktikum zum erfolgreichsten Klub der Welt. In Madrid schwebte er mit dem Geier und diskutierte mit del Bosque. Wir sprachen mit ihm.

Interview: Alex Raack Bild: Imago
Dann kamen sie also schon mal mit der richtigen Portion Ehrfurcht zum Training.

Auf jeden Fall. Auch wenn bei der ersten Mannschaft nicht so viel passierte. Es war schließlich die Zeit zwischen dem Ligaspiel und dem Auswärtsspiel in der Champions League. Figo, Roberto Carlos, Zidane und Co. haben nach einem Auflockerungs- und Technikprogramm Fünf gegen Fünf auf einem kleinen Feld gespielt. Hier ging 30 Minuten mit Pausen die Post richtig ab. Die Torhüter konnten einem Leid tun! Ein Tor nach dem anderen fiel, es wurde aus jeder Position geschossen. Es musste ja Selbstvertrauen getankt werden!

Die Jungs hätten sie wohl auch ganz gerne trainiert?

(lacht) Keine Frage. Obwohl man solche Spieler gerade in dieser Phase der Saison nicht mehr groß trainieren muss. Da geht es eher darum, die Jungs bei Laune zu halten. Fußballspielen muss denen keiner mehr beibringen. Man muss sie so motivieren, dass sie nicht die Lust am Fußball verlieren. Das hat man auch im Training gesehen: Die hatten immer Spaß, weil jede Übung mit Ball absolviert wurde. Was mich beeindruckt hat: wenn die aus den Kabinen gekommen sind, war alles exakt aufgebaut, zwei Greenkeeper kümmern sich darum. Der Rest war ein leichtes Anschwitzen und Selbstvertrauen-Tanken. Die Jungs hatten Spaß am Training. Ronaldo hat Roberto Carlos immer über den Kopf gestreichelt, die Atmosphäre war sehr herzlich. Es ging darum, in der Situation nach dem Unentschieden gegen Barca den Druck von den Spielern zu nehmen, ihnen Frische wiederzugeben.

Zum Waldlauf wurde also keiner geschickt?


Natürlich nicht.

Wann haben Sie mit dem damaligen Real-Trainer del Bosque die Taktikübungen für das nächste Training besprochen?

Gar nicht. (lacht) Wir waren, wie gesagt, in einer sehr heißen Phase in Madrid. Del Bosque haben wir nur einmal kurz sprechen können.

Haben Sie ihm vom ruhmreichen HFC erzählt?


Nein, das waren eher Fragen zur momentanen Situation. Wie hat er das Spiel gegen Barca gesehen, was erwartet er von der Partie gegen Manchester? So was. Del Bosque hat während des Trainings seinen Spielern nicht viel sagen müssen, der hatte eine natürliche Autorität, fast schon eine Aura um sich, das hat man auch hinter dem Trainingszaun gespürt.

Was haben Sie als Trainer von der Zeit in Madrid mitnehmen können?

Sehr interessant waren die drei Tage, in denen die erste Mannschaft in England war. Mein Kollege und ich waren im Camp beim Jugendtraining, bei der zweiten Mannschaft – eigentlich waren wir von morgens bis abends auf dem Trainingsgelände. Sehr interessant war der Austausch mit dem damaligen Jugendkoordinator. Übrigens war Del Bosque vorher der verantwortliche Jugendkoordinator bei Real Madrid. Was mir damals positiv aufgefallen ist: Real versucht in der Jugendarbeit eine gewisse Vereins-Philosophie zu vermitteln, gewisse Werte. Respekt, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit.

Gab es denn Übungen, Vorgaben oder Ziele, die Sie für die Trainingsarbeit in der Heimat übernommen haben?

Sagen wir es so: ich wurde auf jeden Fall in meinen Trainingsvorstellungen bestätigt. Jede Übung mit Ball spielen lassen, auch Schnelligkeitsübungen und vor allem verschiedene Spielformen einstudieren. Mal im rechteckigen Feld, dann quadratischer, mit vier Toren oder z. B. kleinen Toren. Überzahl, Unterzahl. Zwei Kontakte, drei Kontakte. Also viele verschiedene Situationen simulieren, in den der Spieler unterschiedlich reagieren muss. Das ist im Spiel doch auch so. Was bringt es mir, wenn ich im Training auf dem großen Feld sechs gegen sechs trainieren lasse? So viel Platz hat man im Spiel doch niemals! Sie müssen den Spielern doch die Möglichkeit geben, sich aus bestimmten verengten Spielsituationen zu befreien. Antizipation. Das ist das große Wort im Fußball. Gute Fußballer, ab einer bestimmten Klasse, können alle gleich gut gegen den Ball treten. Der Unterschied liegt neben einer herausragenden Technik und Grundschnelligkeit in der Hauptsache in der gedanklichen Schnelligkeit. Umso eher ich Situationen analysieren kann, desto eher kann ich im Bruchteil einer Sekunde reagieren. und bin im Vorteil.

Was hat sie in der täglichen Arbeit auf dem Trainingsgelände noch fasziniert?

Zwischen den Mannschaften, ob der jüngsten oder ersten Mannschaft, gab es praktisch keine Grenzen. Die haben direkt nebeneinander trainiert. Und regelmäßig leiten Spieler aus der ersten Mannschaft Übungseinheiten der Nachwuchsteams. Was glauben sie, wie sehr das einen Jugendspieler motiviert, wenn Figo oder Raul das Training leiten! Die Stars wiederum bleiben dabei auf dem Teppich. In den neun Tagen in Madrid habe ich die Spieler nur sehr herzlich und ausgeglichen erlebt, auch im Umgang mit den Fans. Da flüchtet keiner ins Auto und rast davon.

Hört sich ja fast schon nach einem Idealzustand an.

Was mir aber besonders imponiert hat, war das Torwarttraining.

Inwiefern?

Die körperliche Belastung im Training ist oftmals für den Torhüter eine höhere im Gegensatz zu den Feldspielern. Dazu muss die Konzentrationsfähigkeit immer wieder geschult und hoch gehalten werden. Iker Casillas hat in dieser Zeit hart, aber auch nicht alleine trainiert. Die Keeper der ersten und zweiten Mannschaft machen die Übungen zusammen. An einem Tag habe ich sogar beobachten können, dass die Torhüter der A-, B-, C-, und D-Jugend mit Casillas und den Torwarttrainern trainiert haben. Eineinhalb Stunden gemeinsames Training. Das passiert einmal die Woche. Das war so ein tolles Bild, mich als Fußballer hat das richtig gefreut. So leistungs- und gemeinschaftsfördernd. Bei Real reden sie also nicht nur davon, sie handeln auch dementsprechend. Das ist jedenfalls noch nicht überall in Deutschland angekommen und eher selten.

Können Sie Beispiele nennen?

Ich denke, wir müssen gerade den jungen Spielern eine sportliche Perspektive bieten und auch eine Ausbildung im normalen Leben anbieten. Damit die Spieler mit den verschiedenen Situationen eines Profis umgehen können. Es gibt neben dem Erfolg auch schwierige Zeiten für Profifußballer. Verletzungen, Niederlagen, falsche Freunde usw. können am Selbstwert und der Leistung eines Spielers nagen. Beispiele hatten wir gerade bei der Hertha in Berlin, wo Ebert und sein Kumpel Boateng sich bei einem  wiederholten Nachtausflug im Berliner Nachtleben daneben benommen haben. Oder Podolski mit einer Ohrfeige an Ballack im letzten Länderspiel, um nur zwei aktuelle Beispiele zu nennen. Das trifft mit Sicherheit nicht immer nur auf junge Spieler zu, doch Menschen, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen, werden besonders nicht nur durch die Medien beobachtet. Hier sind im heutigen Fußball eindeutig die großen Vereine und der DFB gefordert, die jungen Spieler nicht nur im Fußball aus- und weiterzubilden, sondern auch Werte und Charaktereigenschaften wie Respekt, Teamgedanke, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Fairness zu fördern. 

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