Dirk Mankowski über sein Praktikum bei Real

»Wie die Kronjuwelen«

Dirk Mankowski trainierte 2003 den Halleschen FC und flog für ein Praktikum zum erfolgreichsten Klub der Welt. In Madrid schwebte er mit dem Geier und diskutierte mit del Bosque. Wir sprachen mit ihm. Dirk Mankowski über sein Praktikum bei RealImago

Herr Mankowski, wie wird man Praktikant bei Real Madrid?

Mit Glück und über Kontakte. Unser damaliger HFC-Aufsichtsrat Herr Klose war hauptberuflich bei den Stadtwerken Halle tätig. Während einer Geschäftsreise nach Madrid wurde das Praktikum dann eingefädelt, auch bei den Madrider Stadtwerken saßen Menschen mit einem guten Draht zum Fußball.

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Und dann haben Sie Ihren Koffer gepackt, einen Stapel Notizblöcke und sind nach Spanien geflogen?

So ähnlich. Das Praktikum sollte neun Tage dauern, und zu einem günstigen spielfreien Termin Ende März, Anfang April 2003 bin ich nach Madrid geflogen. Übrigens zusammen mit dem damaligen Trainer der 1. B-Jugend, Reinhard Kansy.

Wie war die damalige Stimmung beim Halleschen FC?

Die Zeit war großartig. Seit 2002 war ich Cheftrainer im Verein, höchst motiviert und ambitioniert. Als ich anfing, war die Stimmung durch Insolvenzgedanken unten, aber mit dem Erfolg in der Oberliga Süd hatten auch die Stadt und die Sponsoren wieder Lust auf den HFC. Bei Spielen gegen Jena, Sachsen Leipzig und Magdeburg, den alten Oberliga-Duellen aus der ehemaligen DDR, war richtig was los. Das waren Fußballfeste. Insofern passte das Praktikum bei Real Madrid hervorragend zu unserer damaligen Aufbruchstimmung. Die Zeitungen haben das richtig ausgeschlachtet: ein »Bild«-Reporter und ein Kamerateam vom MDR waren mit in Spanien.

Für ein Praktikum wurde Ihnen gleich zu Beginn einiges geboten.

Wir kamen an einem Donnerstag an, und an diesem Abend spielte gleich Real gegen Barcelona. Das »Classico«! Den Besuch aus Halle hatte man aber erst am Freitag erwartet, Karten für das Spiel gab es auf normalen Weg nicht mehr zu bekommen.

Also haben Sie es sich vor dem Hotel-Fernseher gemütlich gemacht?

Von wegen. Wir sind kurz ins Hotel, Koffer abgeben, und dann gleich weiter ins Bernabeu, eine halbe Stunde vor dem Anpfiff. Für je 150 Euro haben wir doch noch Tickets bekommen. Die würde ich auch immer wieder bezahlen. Zinedine Zidane und Co. über 90 Minuten lang spielen zu sehen ist so eine Augenweide, absolute Weltklasse. So ein Spiel muss man einmal in seinem Leben erlebt haben! Eine Volksfeststimmung. Schon anders als in Deutschland. Vor allem entspannter. Für mich als Trainer ist das sogar angenehmer, ich kann mich besser aufs Spiel konzentrieren, und muss nicht alle fünf Minuten befürchten, dass mir ein Becher Bier um die Ohren fliegt. Madrid hat gegen Barca nur 1:1 gespielt, eine Woche später musste Real gegen Manchester in der Champions League ran. Wir waren zu einem ziemlich interessanten Zeitpunkt in Madrid.

Wie ging es in den nächsten Tagen weiter?

Auf der Geschäftsstelle – übrigens: sehr freundlich -  hat man uns Ausweise für das Trainingsgelände gegeben, was ganz nützlich war, weil Reals Trainer del Bosque nach dem Unentschieden gegen Barcelona ein publikumfreies Training angesetzt hatte. Normalerweise stehen da 400 Menschen und gucken bei den Übungen zu. Die waren zwar wieder da, durften aber nicht rein. Wir schon.

Dann sind Sie auf den Platz, haben den Trainer begrüßt und sich mit der Trillerpfeife daneben gestellt?

Nein, nein. Wir haben zunächst auf die kleine Tribüne neben dem Trainingsplatz gesetzt, circa 30 Meter von den Spielern entfernt. Da war so kurz nach dem Spiel gegen Barca auch nicht viel los. Auslaufen, ein paar Spielchen – mehr nicht. Am nächsten Tag haben wir uns dann mit Emilio Butrageno verabredet.

Dem Geier!

Genau, dem Geier. Der war damals einer der beiden sportlichen Direktoren. Butrageno hat uns das Stadion gezeigt, das war schon stark. Auf dem Rasen zu stehen, auf den Trainerbänken zu sitzen: ein absoluter Traum! Und was für eine Atmosphäre, obwohl außer uns kein Mensch im Stadion war. Mein Kollege aus Halle hatte eine richtige Gänsehaut. Drei Stunden hat uns der Geier das Gelände gezeigt. Das Highlight waren natürlich die heiligen Hallen mit den Pokalen und Andenken an die Real-Historie. Der Schuh von Hugo Sanchez war ausgestellt wie die Kronjuwelen von Königin Elizabeth. Und wir sind mit Butrageno wie auf einer Wolke durch die Gänge geschwebt.

Dann kamen sie also schon mal mit der richtigen Portion Ehrfurcht zum Training.

Auf jeden Fall. Auch wenn bei der ersten Mannschaft nicht so viel passierte. Es war schließlich die Zeit zwischen dem Ligaspiel und dem Auswärtsspiel in der Champions League. Figo, Roberto Carlos, Zidane und Co. haben nach einem Auflockerungs- und Technikprogramm Fünf gegen Fünf auf einem kleinen Feld gespielt. Hier ging 30 Minuten mit Pausen die Post richtig ab. Die Torhüter konnten einem Leid tun! Ein Tor nach dem anderen fiel, es wurde aus jeder Position geschossen. Es musste ja Selbstvertrauen getankt werden!

Die Jungs hätten sie wohl auch ganz gerne trainiert?

(lacht) Keine Frage. Obwohl man solche Spieler gerade in dieser Phase der Saison nicht mehr groß trainieren muss. Da geht es eher darum, die Jungs bei Laune zu halten. Fußballspielen muss denen keiner mehr beibringen. Man muss sie so motivieren, dass sie nicht die Lust am Fußball verlieren. Das hat man auch im Training gesehen: Die hatten immer Spaß, weil jede Übung mit Ball absolviert wurde. Was mich beeindruckt hat: wenn die aus den Kabinen gekommen sind, war alles exakt aufgebaut, zwei Greenkeeper kümmern sich darum. Der Rest war ein leichtes Anschwitzen und Selbstvertrauen-Tanken. Die Jungs hatten Spaß am Training. Ronaldo hat Roberto Carlos immer über den Kopf gestreichelt, die Atmosphäre war sehr herzlich. Es ging darum, in der Situation nach dem Unentschieden gegen Barca den Druck von den Spielern zu nehmen, ihnen Frische wiederzugeben.

Zum Waldlauf wurde also keiner geschickt?


Natürlich nicht.

Wann haben Sie mit dem damaligen Real-Trainer del Bosque die Taktikübungen für das nächste Training besprochen?

Gar nicht. (lacht) Wir waren, wie gesagt, in einer sehr heißen Phase in Madrid. Del Bosque haben wir nur einmal kurz sprechen können.

Haben Sie ihm vom ruhmreichen HFC erzählt?


Nein, das waren eher Fragen zur momentanen Situation. Wie hat er das Spiel gegen Barca gesehen, was erwartet er von der Partie gegen Manchester? So was. Del Bosque hat während des Trainings seinen Spielern nicht viel sagen müssen, der hatte eine natürliche Autorität, fast schon eine Aura um sich, das hat man auch hinter dem Trainingszaun gespürt.

Was haben Sie als Trainer von der Zeit in Madrid mitnehmen können?

Sehr interessant waren die drei Tage, in denen die erste Mannschaft in England war. Mein Kollege und ich waren im Camp beim Jugendtraining, bei der zweiten Mannschaft – eigentlich waren wir von morgens bis abends auf dem Trainingsgelände. Sehr interessant war der Austausch mit dem damaligen Jugendkoordinator. Übrigens war Del Bosque vorher der verantwortliche Jugendkoordinator bei Real Madrid. Was mir damals positiv aufgefallen ist: Real versucht in der Jugendarbeit eine gewisse Vereins-Philosophie zu vermitteln, gewisse Werte. Respekt, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit.

Gab es denn Übungen, Vorgaben oder Ziele, die Sie für die Trainingsarbeit in der Heimat übernommen haben?

Sagen wir es so: ich wurde auf jeden Fall in meinen Trainingsvorstellungen bestätigt. Jede Übung mit Ball spielen lassen, auch Schnelligkeitsübungen und vor allem verschiedene Spielformen einstudieren. Mal im rechteckigen Feld, dann quadratischer, mit vier Toren oder z. B. kleinen Toren. Überzahl, Unterzahl. Zwei Kontakte, drei Kontakte. Also viele verschiedene Situationen simulieren, in den der Spieler unterschiedlich reagieren muss. Das ist im Spiel doch auch so. Was bringt es mir, wenn ich im Training auf dem großen Feld sechs gegen sechs trainieren lasse? So viel Platz hat man im Spiel doch niemals! Sie müssen den Spielern doch die Möglichkeit geben, sich aus bestimmten verengten Spielsituationen zu befreien. Antizipation. Das ist das große Wort im Fußball. Gute Fußballer, ab einer bestimmten Klasse, können alle gleich gut gegen den Ball treten. Der Unterschied liegt neben einer herausragenden Technik und Grundschnelligkeit in der Hauptsache in der gedanklichen Schnelligkeit. Umso eher ich Situationen analysieren kann, desto eher kann ich im Bruchteil einer Sekunde reagieren. und bin im Vorteil.

Was hat sie in der täglichen Arbeit auf dem Trainingsgelände noch fasziniert?

Zwischen den Mannschaften, ob der jüngsten oder ersten Mannschaft, gab es praktisch keine Grenzen. Die haben direkt nebeneinander trainiert. Und regelmäßig leiten Spieler aus der ersten Mannschaft Übungseinheiten der Nachwuchsteams. Was glauben sie, wie sehr das einen Jugendspieler motiviert, wenn Figo oder Raul das Training leiten! Die Stars wiederum bleiben dabei auf dem Teppich. In den neun Tagen in Madrid habe ich die Spieler nur sehr herzlich und ausgeglichen erlebt, auch im Umgang mit den Fans. Da flüchtet keiner ins Auto und rast davon.

Hört sich ja fast schon nach einem Idealzustand an.

Was mir aber besonders imponiert hat, war das Torwarttraining.

Inwiefern?

Die körperliche Belastung im Training ist oftmals für den Torhüter eine höhere im Gegensatz zu den Feldspielern. Dazu muss die Konzentrationsfähigkeit immer wieder geschult und hoch gehalten werden. Iker Casillas hat in dieser Zeit hart, aber auch nicht alleine trainiert. Die Keeper der ersten und zweiten Mannschaft machen die Übungen zusammen. An einem Tag habe ich sogar beobachten können, dass die Torhüter der A-, B-, C-, und D-Jugend mit Casillas und den Torwarttrainern trainiert haben. Eineinhalb Stunden gemeinsames Training. Das passiert einmal die Woche. Das war so ein tolles Bild, mich als Fußballer hat das richtig gefreut. So leistungs- und gemeinschaftsfördernd. Bei Real reden sie also nicht nur davon, sie handeln auch dementsprechend. Das ist jedenfalls noch nicht überall in Deutschland angekommen und eher selten.

Können Sie Beispiele nennen?

Ich denke, wir müssen gerade den jungen Spielern eine sportliche Perspektive bieten und auch eine Ausbildung im normalen Leben anbieten. Damit die Spieler mit den verschiedenen Situationen eines Profis umgehen können. Es gibt neben dem Erfolg auch schwierige Zeiten für Profifußballer. Verletzungen, Niederlagen, falsche Freunde usw. können am Selbstwert und der Leistung eines Spielers nagen. Beispiele hatten wir gerade bei der Hertha in Berlin, wo Ebert und sein Kumpel Boateng sich bei einem  wiederholten Nachtausflug im Berliner Nachtleben daneben benommen haben. Oder Podolski mit einer Ohrfeige an Ballack im letzten Länderspiel, um nur zwei aktuelle Beispiele zu nennen. Das trifft mit Sicherheit nicht immer nur auf junge Spieler zu, doch Menschen, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen, werden besonders nicht nur durch die Medien beobachtet. Hier sind im heutigen Fußball eindeutig die großen Vereine und der DFB gefordert, die jungen Spieler nicht nur im Fußball aus- und weiterzubilden, sondern auch Werte und Charaktereigenschaften wie Respekt, Teamgedanke, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Fairness zu fördern. 

All die Übungen aus Madrid, haben Sie die konkret mit in Halle übernommen?

Da muss man auch differenzieren: Wenn du so ein Internat, wie in Madrid, zur Verfügung hast, kannst du dir die Zeit auch besser einteilen. Beim HFC haben damals schon die Torhüter mit dem Nachwuchs trainiert. Und wenn ich es mir zeitlich erlauben konnte, war ich beim Training der A-Junioren sowie bei den Spielen der 2. Mannschaft und A- und B- Junioren. Unsere Spieler aus der ersten Mannschaft sind zu der Weihnachtsfeier der E- und F- Junioren gegangen, dass sind so Dinge, die wichtig sind, um den Kontakt zu den Trainern und jungen Spielern zu halten. Man muss aber vorsichtig sein: Ich kann Methoden nicht einfach einem anderen Verein überstülpen, der anders finanziell aufgebaut ist oder eine andere Vereinphilosophie hat. Madrid kann man nicht mit Halle vergleichen. Eine Entwicklung muss langsam wachsen, und wir müssen die Menschen dazu mitnehmen.

Der Besuch bei Real hat sich für Sie aber offensichtlich gelohnt.

Das war vermutlich die beste Erfahrung als Fußballer und Trainer, die ich je gemacht habe. Vor allem die Trainingsbeobachtung der zweiten Mannschaft und der Nachwuchsteams haben sich am meisten gelohnt. Die Begegnungen mit der ersten Mannschaft hatte zu der Zeit eher Eventcharakter.

Ist Ihnen auch etwas Negatives aufgefallen?

Auch in Madrid wird das Geld schnell verpulvert. Damals war ja gerade ein großer Teil des Trainingsgeländes für eine Unsumme verkauft worden. Heute steht der Klub leider ohne Eigenkapital oder Sicherheiten da. In Madrid sitzen heute Sportdirektoren an den Hebeln der Macht, wo ich mich frage, was sie da tun. Neben den vielen  Millionen für Fehleinkäufe und Trainerentlassungen in den letzten drei Jahren, dient als aktuelles Beispiel die beiden Wintereinkäufe (Diarra und Huntelaar, d. Red.). Plötzlich merken die Verantwortlichen, dass nur einer der beiden spielberechtigt ist für die Champions League. Das sind doch hanebüchene Fehler, dafür würde man selbst in Halle den Job verlieren! Ich glaube, die könnten so viel Geld einsparen. Die Bundesliga übrigens auch.

Inwiefern?

In Deutschland wird sehr viel Geld in die falschen Kanäle gepumpt. Meiner Meinung nach brauchen wir nicht diese hohe Anzahl an oft mittelmäßigen Spielern aus dem Ausland und könnten uns dann auch gleichzeitig die hohen Vermittlungsgebühren der Berater ersparen. Dieses Geld wäre sinnvoll angelegt in unserer eigenen Nachwuchsarbeit. Ein Jugendtrainer in Deutschland verdient, verglichen mit seinem immensen Arbeitsaufwand und zum Vergleich der Gehälter im Männerbereich, viel zu wenig. Es lastet eine riesige Verantwortung auf ihm, er ist Tag und Nacht für den Verein unterwegs und erhält dazu meist nicht die volle Unterstützung der Vereinsverantwortlichen wegen der Sparzwänge im Verein. Das Geld muss umgeleitet werden. In eine starke Jugendarbeit mit den besten Trainern. Ebenfalls benötigen wir den Mut und die Stärke, jungen Spielern im Profibereich das Vertrauen zu geben und auf sie zu bauen. Ein anderer spanischer Verein macht es gerade vor: der FC Barcelona. Und hier sehen wir, was eine gute Nachwuchsarbeit wert ist.

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