02.01.2012

Dirk Jora von Slime über seine Westkurven-Jahre

»Außer dem HSV gab es nichts!«

Für immer Punk! Aber nicht für immer HSV! Dirk Jora, Sänger der Band Slime, war in den 70er Jahren Stammgast in der Westkurve, schrieb sogar eine Hommage an seinen Block – dann kippte die Stimmung nach rechts und Jora ging. Ein Rückblick.

Interview: Andreas Bock und Benjamin Kuhlhoff Bild: slime.de und Imago (Bildergalerie)

Folgendes Interview erschien im Feburar 2011, wenige Tage vor dem Hamburger Derby (Rückspiel), das St. Pauli mit 1:0 gewann.

Dirk, du redest nicht gerne über Fußball?


Dirk Jora: Stimmt nicht. Ich rede nicht gerne über die HSV-Sache. Ist alles so alt, so weit weg, tausendmal diskutiert, bin ich durch mit. Hab ja sogar meine Diplomarbeit drüber geschrieben.



Ernsthaft?

Dirk Jora: Klar, es ging darum, wie alles begann, warum man vom HSV zum FC St. Pauli wechselt.

Und wie zieht man das wissenschaftlich auf?

Dirk Jora: Soziologisch. (Pause)

Ja, wo soll ich anfangen? Vielleicht beim Flugblatt, das Anfang der Achtziger rumging, und in dem sie konkret dazu aufriefen, Anhänger für ihre rechte Scheiße zu rekrutieren. Bei der »Borussenfront« in Dortmund, bei der »Adlerfront« in Frankfurt, bei den »Löwen« in Hamburg. Wobei wir eigentlich schon mittendrin sind. Bevor ich alles doppelt erzähle, schmeiß' doch mal das Ding an. (zeigt aufs Diktiergerät)

Ist an.

Dirk Jora: Ach so, es ist an. Alles klar Digger. Ich sag's nur, damit die Dinge nicht durcheinander gebracht werden.

Dirk, du warst in den sechziger Jahren zum ersten Mal im Stadion. Weißt du noch, bei welchem Spiel?

Dirk Jora: Das war ein Bundesligaspiel am Rothenbaum, dort, wo heute die ganzen Yuppiebauten stehen. Charly Dörfel spielte damals noch. Uwe Seeler, klar, der auch. Doch welches Spiel? Keine Ahnung.

Wer hat dich mit zu den Spielen geschleppt?

Dirk Jora: Vadder, Schulfreunde auch. Als Kurzer willst du erfolgreichen Fußball sehen, da gehst du nicht zum cooleren Verein, zumal es solche Alternativen damals noch gar nicht gab. Ich freute mich auf Charly Dörfel und Uwe Seeler. Vor allem Charly – 'ne lustige Figur. Ich glaube, er ist ein ganz netter Typ.

Wie fühlte sich Fußball für dich damals an?

Dirk Jora: Zum einen wirkte alles näher dran, schon wegen des Stadions, wo man direkt am Feld stand. Andererseits hatte man als Fan aber viel mehr Abstand zum Fußball. Man war jedenfalls nicht Teil des Ganzen. Später im Volksparkstadion wurde es noch schlimmer: Da war man nur noch zahlender Kunde – Fresse halten, Geld abliefern. Dazu gab es ein bisschen Folklore auf den Rängen, doch die verpuffte in dieser riesigen Drecksschüssel sowieso.

Stimmung kam da nie auf.

Dirk Jora: Alles verhallte. Du hast gesungen, dir die Kehle aus dem Leib geschrien, doch im Grunde tatest du das nur für dich. Du warst isoliert. Und ich glaube, das war auch der große Unterschied zu dem, wie es später bei St. Pauli wurde. So fühlten ja auch viele andere Fans. Ich könnte heute in der Gegengrade locker 40 bis 50 Leute outen, die mit mir damals beim HSV standen.

Die aber nicht dazu stehen?

Dirk Jora: Viele nicht. Ich finde es ziemlich schwach, wenn man nicht zu seiner Vergangenheit steht. Meine Güte, wir haben damals gemeinsam von unserem Verein geredet! Der HSV – das war unser Verein! Der FC St. Pauli hat damals doch gar nicht existiert.

Seid ihr damals auch auswärts gefahren?

Dirk Jora: Klar, ich war immer mit Andi unterwegs, heute noch ein guter Kumpel. Wir sind am Freitagabend nach Düsseldorf gefahren und am Samstag zur Demo nach Brockdorf. Absurd eigentlich. Zumindest für damalige Verhältnisse. Die anderen HSV-Fans haben uns schräg angeguckt. Als Linker war man Einzeltäter.

Inwiefern war die Westkurve im Volksparkstadion denn in den siebziger Jahren schon politisch?

Dirk Jora: Einige Leute aus der Hamburger Punkszene hingen mit den »Löwen« ab, die sich zu dem Zeitpunkt aber noch nicht positioniert hatten. Die trugen Rastaketten und Nieten an der Kutte. Aber letztendlich drückten sie damit keine bewusste politische Haltung aus. Das waren einfach Rebellen, so 'ne richtige Rockergang.

Und die Punks sind mitgegangen?

Dirk Jora: Zum Teil. Wir haben so nie Eintritt gezahlt.

Wie kam das?

Dirk Jora: Der »Löwen«-Präsident ist vorne weg gegangen, hinter ihm 150 harte Jungs. Vor dem Eingang sind die Ordner dann einfach zur Seite getreten. Zwei Jahre lief das so. Zwei Jahre haben wir keinen Eintritt gezahlt – die »Löwen« waren 'ne Macht.

Das faszinierte dich?

Dirk Jora: Ja klar, diese Kutten, die langhaarigen Typen, dieses Ganggehabe – das fand ich aufregend. Es war diese Punk-Phase, es war Terror gegen das System, es war die Zeit der RAF, wir waren gegen alles. Dieses Gangding fand ich auch später noch geil. Zum Beispiel die Fahrten mit dem schwarzen Block zu Auswärtsspielen von St. Pauli. Fühlte sich immer gut an.

Wann kippte die HSV-Westkurve denn nach rechts?

Dirk Jora: 1979/80 etwa. Die Löwen haben versucht, die Sache zu strukturieren. Ich erinnere mich noch an 'ne »Löwen«-Sitzung in einer KPD-Kneipe. Muss man sich mal vorstellen: Unter Marx und Lenin haben diese Idioten diskutiert. Unglaublich! Wir waren raus, auch weil sie dort anfingen, konkret mit REPs und NPD zusammenzuarbeiten. Der Ausstieg lief schnell: Kutte abgegeben, als Kommunistenschweine beschimpft worden – weg.

Heute sagen HSV-Fans häufig: »Hättet ihr doch was gemacht!« Warum habt ihr euch nicht gewehrt?

Dirk Jora: In der hundertsten Ausgabe vom »Übersteiger« (Fanzine des FC St. Pauli, d. Red.) durften auch Leute vom HSV zu Wort kommen, zum Beispiel die Ultragruppe Chosen Few. Und die pissten mich in ihrem Text genau mit diesem Satz an: »Hättet ihr damals...«. Nee, hätten wir nicht! Wenn der common sense in einem 50.000er Stadion rechts bis rechts-außen ist, was willst du da mit 30 Leuten machen? Da kriegst du richtig auf die Fresse. Natürlich haben wir es versucht, doch haben dann gemerkt, dass wir nicht nur die 50.000 Leute gegen uns haben, sondern auch die Vereinsführung, die überhaupt nichts hören und nichts sehen wollte.

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