21.10.2010

Dietmar Hamann im Interview

»Trainer sein ist eine Droge«

Für die neue Ausgabe von 11FREUNDE besuchten wir Didi Hamann bei seinem neuen Klub, dem englischen Drittligisten Milton Keynes Dons. Und sprachen mit ihm über seinen Job als Trainer, Steven Gerrard und das Stahlbad Bayern München.

Interview: Andreas Bock und Jens Kirschneck Bild: Peter Guenzel

Dietmar Hamann, Sie haben die Champions League und den UEFA Cup gewonnen, wurden Vize-Weltmeister. Heute sind beim englischen Drittligisten Milton Keynes angestellt, der einst als der meistgehasste Klub Englands verschrien war. Da drängt sich die Frage auf: Wie sind Sie nur hier hergekommen?

Ich kannte Chefcoach Karl Robinson bereits von der Liverpool-Academy, wo er vor Jahren als Trainer gearbeitet hat. Im Sommer hat er dann den Job bei Milton Keynes übernommen. Über einen gemeinsamen Freund kam dann der Kontakt zustande. Er hatte hier eine ziemlich junge Mannschaft und brauchte Jemanden mit Erfahrung, der im Mittelfeld für Ordnung sorgen kann. Hier habe ich die Möglichkeit, noch ein Jahr lang zu spielen und gleichzeitig meinen Trainerschein zu machen. Außerdem gibt Karl mir die Chance, selbständig einige Einheiten zu leiten.



Was sind Sie denn nun: Spieler? Spielertrainer? Co-Trainer?

Ein Mittelding. Für mich war es wichtig, die tägliche Arbeit in einem Trainerstab kennen zu lernen. Wenn man mich nur als Spieler gewollt hätte, wäre ich nicht zu Milton Keynes gekommen. Wir haben einen sehr erfahrenen Trainerstab: John Gorman war lange Zeit zweiter Mann von Glenn Hoddle bei der englischen Nationalmannschaft, Alex Tray war selbst Manager in Schottland. Ich kann jeden Tag sehr viel lernen und bin sogar dabei, wenn es um Transferaktivitäten geht. 

Für Sie muss es ein mittelschwerer Kulturschock sein, plötzlich in der dritten Liga zu arbeiten.

Wir haben mit Luke Chadwick sogar einen Spieler, der mal bei Manchester United war. Doch der Unterschied ist nicht so groß wie man glaubt. Man muss sich natürlich frei machen, von dem, was man vorher gemacht und erlebt hat. Das hier ist ein komplett neues Niveau. Ich denke, dass viele Ex-Spieler Probleme hätten, sich an diese Gegebenheiten anzupassen. Ich kann das. Und außerdem: Viele junge Trainer sammeln ihre ersten Erfahrungen in unteren Ligen. Ich sehe das als Chance, talentierte Spieler und andere Mannschaften kennenzulernen.

Momentan stehen Sie noch bei jedem Ligaspiel selbst auf dem Feld. Wann wollen Sie die Schuhe endgültig an den Nagel hängen?

Im Moment macht es mir einfach noch Spaß. Wir haben eine gute, junge Mannschaft und spielen ordentlichen Fussball. Ich werde schauen, wie es läuft. Aber wahrscheinlich wird das mein letztes Jahr als aktiver Spieler sein. Ich will früher oder später nur noch als Trainer arbeiten.

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit Chefcoach Karl Robinson konkret aus. Wie leiten Sie zusammen die Einheiten?

Da ich bisher fast alle Spiele gemacht habe, hat sich meine Arbeit hauptsächlich auf das Spielen beschränkt. Ich muss natürlich gucken, dass ich fit genug bin, um mitzuhalten. Das hat Priorität. Aber Karl und ich sprechen jeden Morgen vorab über das anstehende Training. Und wenn ich einen Vorschlag habe, schalte ich mich halt ein.

Robinson ist gerade einmal 30 Jahre alt und damit der jüngste Trainer im englischen Fußball. Hat er keine Sorgen, dass ihre Erfolge, ihre ganze Vita seine Autorität gefährden könnten.

Er hat kein Problem damit, sonst hätte er mich bestimmt nicht geholt. Ich sehe das als Zeichen seiner Stärke. Karl ist für sein Alter sehr erfahren. Er war beim FC Everton selbst auf den Sprung zu den Profis, doch eine Verletzung beendete seine Spielerkarriere frühzeitig. Deswegen trainierte er schon mit 21 Jahren den Nachwuchs des FC Liverpool. Dann wurde er hier Assistenztrainer und ging zeitweise zu Blackburn. Man merkt, dass er den Job schon seit sieben, acht Jahren macht. Das Alter spielt zwischen uns keine Rolle.

Bei den Milton Keynes Dons scheint man jungen Trainer zu vertrauen. Auch Paul Ince machte hier seine ersten Gehversuche als Übungsleiter.

Egal, was die Leute sagen: Milton Keynes ist ein toller Verein mit viel Potential. Ich habe mich lange mit unserem Chairman Pete Winkelmann unterhalten. Er hat eine Vision und will früher oder später mit dem Klub in der Premier League spielen. Mit Paul Ince und Roberto die Matteo hatte man hier bereits zwei Trainer, die später in der Premier League gearbeitet haben. Ich habe großen Respekt davor, dass Sie nun wieder einem jungen Mann wie Karl die Chance geben, sich zu entwickeln.

Sie sagten einmal, dass es ihr Traum sei, eines Tages den FC Liverpool zu trainieren. Wie realistisch ist es, dass Sie eines Tages bei einem Spitzenklub landen werden?

Ich habe mich in den letzten Jahren in der Kabine immer wieder gefragt: »Was würde ich tun, wenn ich jetzt in der Verantwortung wäre?« Ich habe schon als Spieler immer versucht, anderen Spielern zu helfen. Daher ist die Arbeit als Trainer nur die logische Weiterführung meines Weges. Ich sehe frühere Kollegen, die schnell bei großen Klubs gelandet sind. Markus Babbel hat zum Beispiel einen großen Job in Berlin. Warum sollte das nicht eines Tages auch bei mir klappen? Doch wenn ich mit anderen Kollegen spreche, stelle ich auch eine Sache mit Besorgnis fest: Viele vergleichen die Arbeit als Trainer mit einer Droge, einer Sucht.

Fürchten Sie nicht, dass auch Sie irgendwann süchtig werden?

Ich spürte als Aktiver jeden Tag 100 Prozent Leidenschaft für das, was ich getan habe. Jeden Tag in den letzten 20 oder 30 Jahren habe ich für den Fußball gelebt. Als Trainer hat man zudem eine Riesenverantwortung: eine Mannschaft zu gestalten, den Kader zusammen zu stellen, junge Spieler zu verbessern. Jeden Tag aufs Neue seine Mannschaft erreichen. Das ist etwas, das ich schon als Spieler gerne machen wollte. Deswegen will ich auch als Trainer irgendwann zeigen, was ich kann. 

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