12.02.2011

Dietmar Bär über Borussia Dortmund

»Die Oppas sind das Kapital«

Borussia Dortmund ist die Mannschaft der Stunde. Schauspieler Dietmar Bär hat gut ein Drittel dieser Ewigkeit auf der Südtribüne verlebt. Der »Tatort«-Kommissar über Erfolgsfans, maulende Rentner und brechende Zäune. 

Interview: Benjamin Apitius und Dirk Gieselmann Bild: Reinaldo Coddou H.
Die letzte große Feier ist nun schon ein bisschen her.

Ich habe mich darauf eingestellt, dass es lange dauern wird, bis wir wieder fette Jahre erleben werden. Trotzdem gibt es auch Momente, da ärgere ich mich kreuzdumm und denke: »Und dafür bin ich jetzt extra hierher gefahren!« Aber das Schöne ist ja: Das teile ich mit vielen anderen, gemeinsam kann man das richtig ausleiden.

Sie als Schauspieler müssen es wissen: Ist ein Stadionbesuch eine Katharsis?

Ja, ohne Zweifel. In diesem Kolosseum lassen alle ihren Wochenfrust raus. Aber es ist nicht nur das unmittelbare Ausleben. Denken Sie an den Gewinn der Weltmeisterschaft 1954: Wie all diese verbrannten Seelen im Fußball ihre Identität wiedergefunden haben! Diese riesige Bedeutung für den Einzelnen hat seit etwa 15 Jahren die Industrie für sich entdeckt und zielt immer wieder darauf ab, um Milliarden aus dem Fußball zu pressen. Ich muss mit Günter Netzer sprechen: »Es ist aberwitzig geworden.«

Eine Entwicklung, die nicht mehr umkehrbar ist?

Vielleicht macht es eines Tages »Bumm«. Aber bevor das beim Fußball geschieht, geschieht es irgendwo anders – es gibt genug soziale Unruheherde. Deshalb ist zu hoffen, dass der Fußball im Kern unberührt bleibt. Er ist eine Grundfeste unserer Gesellschaft.

Schon Albert Camus sagte: »Alles, was ich über Solidarität weiß, habe ich beim Fußball gelernt.«


Dem kann ich nur beipflichten. Wenn man Fußball spielt, nimmt man all das in sich auf: Sozialgefüge, Zusammenhalt, aber auch Hackordnung und Gockeltum. Später, als Schauspieler, ist mir das wieder begegnet. Und da wusste ich, warum ich damit ganz gut umgehen konnte: Ich hatte es auf dem Platz gelernt.

»Du Schauspieler« – das ist im Fußball eine Beleidigung.


Nicht nur beim Fußball! Mein Freund Klaus J. Behrendt, mit dem ich im Kölner »Tatort« spiele, hat früher als Bergmann gearbeitet. Als er den anderen Kumpels erzählte, dass er Schauspieler werden wolle, riefen sie: »Bist du jetzt schwul, oder was?« Ich muss zugeben, dass ich auch ganz gern mal einen Fußballer als »Schauspieler« bezeichne. Zum Beispiel Diego.

Zu dramatisch, der junge Mann?


Wenn er gefoult wird, liegt er da, als müsste sein Bein jetzt wirklich sofort amputiert werden. So schafft er es, über das ganze Spiel hinweg eine Hektik aufzubauen, die am Ende in einem Platzverweis für seinen Gegenspieler gipfelt – und dann macht er die Bude. Er ist nicht bloß ein nickeliger Schwalbenkönig, er ist ein großer Schauspielkünstler mit einem feinen Sinn für Dramatik.

Da gibt es aber auch noch andere. David Jarolim oder Fatmir Vata.

Fatmir Vata? Der war doch gar kein Schwalbenkönig, ich fand den einfach immer nur unangenehm. Ein Terrier, aber nicht so ein Dramatiker. Das ist ein Dokumentarfilmer. Finde ich ehrlich.

Wir meinen uns an eine Statistik zu erinnern, die Vata als meistgefoulten Spieler der Bundesliga auswies.

Das kann nicht stimmen. Das war nämlich Jan Koller, als er in Dortmund angefangen hat.

Der ist aber auch gern gefallen.

Nein, der hatte ein ganz anderes Problem. Der ist nicht gern gefallen, aber wenn da so ein Spieler, der drei Köpfe kleiner ist, hineingrätscht, wird der im Zweifelsfall immer als erster umkippen.

Auch das Wort »Inszenierung« wird von Fußball-Puristen nicht gern gehört. Sie verbinden es mit Hupfdolen, albernen Maskottchen und Sarah Connor.

Gegen Inszenierung an sich ist gar nichts einzuwenden. Früher war sie bloß archaischer und ehrlicher. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Besuch im Stadion Rote Erde, 1972 muss das gewesen sein. Damals hatten alle Fahnen dabei, Ratschen und Nebelhörner. Noch heute, wenn vor meiner Dienstwohnung in Köln Gleisbauarbeiten stattfinden, und die Männer einander mit eben solchen Nebelhörnern vor heranfahrenden Zügen warnen, denke ich an die Zeit auf der Roten Erde. Diese archaische, ehrliche Kulisse dort hat mich für immer geprägt, und ich wusste von Anfang an: Hierher wirst du immer wieder zurückkehren. Damals bin ich Borusse geworden.

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