12.02.2011

Dietmar Bär über Borussia Dortmund

»Die Oppas sind das Kapital«

Borussia Dortmund ist die Mannschaft der Stunde. Schauspieler Dietmar Bär hat gut ein Drittel dieser Ewigkeit auf der Südtribüne verlebt. Der »Tatort«-Kommissar über Erfolgsfans, maulende Rentner und brechende Zäune. 

Interview: Benjamin Apitius und Dirk Gieselmann Bild: Reinaldo Coddou H.

Dietmar Bär, stellen Sie sich mal vor, Sie treffen jemanden, der nicht weiß, was Fußball ist.

Puh! Das ist schwer. Vielleicht im Amazonas-Gebiet. Okay.

Und jetzt erklären Sie ihm bitte mal, was das ist: Fußball.


Da müsste man eigentlich sofort aufstehen, sich irgendetwas Rundes suchen und anfangen zu spielen. Ich kann das allerdings nicht mehr, in meinem Alter. Ehrlich gesagt, war ich auch schon früher lauffaul und dribbelschwach. Ich würde dem guten Mann wahrscheinlich was zeichnen.



Womit Sie allerdings noch nicht erklärt hätten, warum sich Millionen Menschen dieses Spiel anschauen und nicht selbst spielen.


Schon klar. Aber das kann man wohl auch nicht vermitteln. Das hat mit den frühesten Kindheitserinnerungen jedes Einzelnen zu tun. Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen, in Dortmund, der Herzkammer des Fußballs. Als wir klein waren, haben immer auf unserem Schulhof auf eine Kohlenklappe gespielt, bis die Nachbarn ans Fenster kamen und schrien: »Ruhe da unten!« Erst später haben wir uns zu den ersten Duellen mir anderen Straßenjungs getroffen, fünf Blocks weiter oder über den Bahnübergang.

Ihr erstes Auswärtsspiel.

Wir haben plötzlich das Gefühl gehabt: »Boah, wir spielen jetzt woanders, gegen andere!« Ab diesem Zeitpunkt waren wir auch empfänglich für den Nervenkitzel der Europapokalspiele des BVB im Fernsehen. Ich denke manchmal, dass es diese Erdung ist, die manchen Stadionbesuchern von heute fehlt. Sie sind durch die Begeisterung der letzten Jahre auf den Fußball aufmerksam geworden oder gehen einfach nur deshalb ins Stadion, weil es in der VIP-Loge Freigetränke gibt.

Bayern-Manager Uli Hoeneß findet, dass es diese Herrschaften sind, die einem Verein das Geld bringen.


Natürlich. Aber es besteht die Gefahr, dass die Logen immer näher kommen und da ganze Reihen, auf denen seit 30 Jahren dieselben Leute sitzen, einfach hinauskomplimentiert werden. Dabei sind das eigentliche Kapital eines Vereins doch genau diese Leute, die ihm auch in schlechten Zeiten treu bleiben. Das sind die Oppas, die sich noch an die Spieler erinnern, die morgens unter Tage vor der Kohle lagen und abends auf dem Platz standen. Die Oppas, die auf der Tribüne maulen: »Den hätt’ ich im Mantel rein gemacht!« – und trotzdem jedes Mal wiederkommen.

Angesichts all der finanziellen Turbulenzen rund um den BVB – haben Sie mal daran gezweifelt, ob das noch Ihr Verein ist?


Wenn ich im Stadion bin, sitzt neben mir ein alter Schulkumpel, der als Anwalt und Wirtschaftsprüfer arbeitet und mich schon Jahre vorher gewarnt hatte, dass es da mächtig im Gebälk ächzt. Als Laie denkt man ja: »Die da oben im Verein sind Experten. Die wissen, was sie tun.« Aber dahinter verbergen sich auch nur Menschen mit ihren Fehlern und ihrer Hybris. Ich denke immer: Die Leute kommen und gehen, der Verein bleibt – ganz egal in welcher Liga.

Anderswo sind die Anhänger radikaler. In Salzburg und Manchester wendeten sie sich von ihren Vereinen ab und gründeten neue Klubs.

Etwas Neues zu erfinden, um etwas Altes wiederherzustellen – das empfinde ich als Resignation. Ich lasse mir von keinem Spekulanten meine Identifikation nehmen.

Wie sehr hängt Identifikation vom Erfolg ab?


Unterschiedlich. Schauen Sie sich an, wer 1995 urplötzlich Fan meiner Mannschaft war. Marius Müller-Westernhagen zum Beispiel. Dass der Dortmund-Fan war, hat nicht nur mich überrascht. Aber ich bin mir eben auch sicher, dass immer noch 40.000 Leute kommen würden, wenn die Borussia in der 2. Liga kicken würde.

Als Dortmund das letzte Mal zweitklassig war, wurden Sie gerade Fan des Vereins. 1976 sollen Sie bei einem Relegationsspiel gegen Nürnberg über den Zaun geklettert sein.

Nicht nur ich. Alle!

Alle?

Ja, alle waren wahnsinnig. Das war das erste Mal, wo die Leute schier durchgedreht sind. Das andere Mal war 1995, da haben sie uns auch alles aufgemacht, damit wir auf den Platz konnten. Sonst wären die Zäune schon damals weg gewesen. Da gab es kein Halten mehr.

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