Dietmar Bär über Borussia Dortmund

»Die Oppas sind das Kapital«

Borussia Dortmund ist die Mannschaft der Stunde. Schauspieler Dietmar Bär hat gut ein Drittel dieser Ewigkeit auf der Südtribüne verlebt. Der »Tatort«-Kommissar über Erfolgsfans, maulende Rentner und brechende Zäune.  Dietmar Bär über Borussia DortmundReinaldo Coddou H.
Heft#97 12/2009
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Dietmar Bär, stellen Sie sich mal vor, Sie treffen jemanden, der nicht weiß, was Fußball ist.

Puh! Das ist schwer. Vielleicht im Amazonas-Gebiet. Okay.

Und jetzt erklären Sie ihm bitte mal, was das ist: Fußball.


Da müsste man eigentlich sofort aufstehen, sich irgendetwas Rundes suchen und anfangen zu spielen. Ich kann das allerdings nicht mehr, in meinem Alter. Ehrlich gesagt, war ich auch schon früher lauffaul und dribbelschwach. Ich würde dem guten Mann wahrscheinlich was zeichnen.

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Womit Sie allerdings noch nicht erklärt hätten, warum sich Millionen Menschen dieses Spiel anschauen und nicht selbst spielen.


Schon klar. Aber das kann man wohl auch nicht vermitteln. Das hat mit den frühesten Kindheitserinnerungen jedes Einzelnen zu tun. Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen, in Dortmund, der Herzkammer des Fußballs. Als wir klein waren, haben immer auf unserem Schulhof auf eine Kohlenklappe gespielt, bis die Nachbarn ans Fenster kamen und schrien: »Ruhe da unten!« Erst später haben wir uns zu den ersten Duellen mir anderen Straßenjungs getroffen, fünf Blocks weiter oder über den Bahnübergang.

Ihr erstes Auswärtsspiel.

Wir haben plötzlich das Gefühl gehabt: »Boah, wir spielen jetzt woanders, gegen andere!« Ab diesem Zeitpunkt waren wir auch empfänglich für den Nervenkitzel der Europapokalspiele des BVB im Fernsehen. Ich denke manchmal, dass es diese Erdung ist, die manchen Stadionbesuchern von heute fehlt. Sie sind durch die Begeisterung der letzten Jahre auf den Fußball aufmerksam geworden oder gehen einfach nur deshalb ins Stadion, weil es in der VIP-Loge Freigetränke gibt.

Bayern-Manager Uli Hoeneß findet, dass es diese Herrschaften sind, die einem Verein das Geld bringen.


Natürlich. Aber es besteht die Gefahr, dass die Logen immer näher kommen und da ganze Reihen, auf denen seit 30 Jahren dieselben Leute sitzen, einfach hinauskomplimentiert werden. Dabei sind das eigentliche Kapital eines Vereins doch genau diese Leute, die ihm auch in schlechten Zeiten treu bleiben. Das sind die Oppas, die sich noch an die Spieler erinnern, die morgens unter Tage vor der Kohle lagen und abends auf dem Platz standen. Die Oppas, die auf der Tribüne maulen: »Den hätt’ ich im Mantel rein gemacht!« – und trotzdem jedes Mal wiederkommen.

Angesichts all der finanziellen Turbulenzen rund um den BVB – haben Sie mal daran gezweifelt, ob das noch Ihr Verein ist?


Wenn ich im Stadion bin, sitzt neben mir ein alter Schulkumpel, der als Anwalt und Wirtschaftsprüfer arbeitet und mich schon Jahre vorher gewarnt hatte, dass es da mächtig im Gebälk ächzt. Als Laie denkt man ja: »Die da oben im Verein sind Experten. Die wissen, was sie tun.« Aber dahinter verbergen sich auch nur Menschen mit ihren Fehlern und ihrer Hybris. Ich denke immer: Die Leute kommen und gehen, der Verein bleibt – ganz egal in welcher Liga.

Anderswo sind die Anhänger radikaler. In Salzburg und Manchester wendeten sie sich von ihren Vereinen ab und gründeten neue Klubs.

Etwas Neues zu erfinden, um etwas Altes wiederherzustellen – das empfinde ich als Resignation. Ich lasse mir von keinem Spekulanten meine Identifikation nehmen.

Wie sehr hängt Identifikation vom Erfolg ab?


Unterschiedlich. Schauen Sie sich an, wer 1995 urplötzlich Fan meiner Mannschaft war. Marius Müller-Westernhagen zum Beispiel. Dass der Dortmund-Fan war, hat nicht nur mich überrascht. Aber ich bin mir eben auch sicher, dass immer noch 40.000 Leute kommen würden, wenn die Borussia in der 2. Liga kicken würde.

Als Dortmund das letzte Mal zweitklassig war, wurden Sie gerade Fan des Vereins. 1976 sollen Sie bei einem Relegationsspiel gegen Nürnberg über den Zaun geklettert sein.

Nicht nur ich. Alle!

Alle?

Ja, alle waren wahnsinnig. Das war das erste Mal, wo die Leute schier durchgedreht sind. Das andere Mal war 1995, da haben sie uns auch alles aufgemacht, damit wir auf den Platz konnten. Sonst wären die Zäune schon damals weg gewesen. Da gab es kein Halten mehr.

Die letzte große Feier ist nun schon ein bisschen her.

Ich habe mich darauf eingestellt, dass es lange dauern wird, bis wir wieder fette Jahre erleben werden. Trotzdem gibt es auch Momente, da ärgere ich mich kreuzdumm und denke: »Und dafür bin ich jetzt extra hierher gefahren!« Aber das Schöne ist ja: Das teile ich mit vielen anderen, gemeinsam kann man das richtig ausleiden.

Sie als Schauspieler müssen es wissen: Ist ein Stadionbesuch eine Katharsis?

Ja, ohne Zweifel. In diesem Kolosseum lassen alle ihren Wochenfrust raus. Aber es ist nicht nur das unmittelbare Ausleben. Denken Sie an den Gewinn der Weltmeisterschaft 1954: Wie all diese verbrannten Seelen im Fußball ihre Identität wiedergefunden haben! Diese riesige Bedeutung für den Einzelnen hat seit etwa 15 Jahren die Industrie für sich entdeckt und zielt immer wieder darauf ab, um Milliarden aus dem Fußball zu pressen. Ich muss mit Günter Netzer sprechen: »Es ist aberwitzig geworden.«

Eine Entwicklung, die nicht mehr umkehrbar ist?

Vielleicht macht es eines Tages »Bumm«. Aber bevor das beim Fußball geschieht, geschieht es irgendwo anders – es gibt genug soziale Unruheherde. Deshalb ist zu hoffen, dass der Fußball im Kern unberührt bleibt. Er ist eine Grundfeste unserer Gesellschaft.

Schon Albert Camus sagte: »Alles, was ich über Solidarität weiß, habe ich beim Fußball gelernt.«


Dem kann ich nur beipflichten. Wenn man Fußball spielt, nimmt man all das in sich auf: Sozialgefüge, Zusammenhalt, aber auch Hackordnung und Gockeltum. Später, als Schauspieler, ist mir das wieder begegnet. Und da wusste ich, warum ich damit ganz gut umgehen konnte: Ich hatte es auf dem Platz gelernt.

»Du Schauspieler« – das ist im Fußball eine Beleidigung.


Nicht nur beim Fußball! Mein Freund Klaus J. Behrendt, mit dem ich im Kölner »Tatort« spiele, hat früher als Bergmann gearbeitet. Als er den anderen Kumpels erzählte, dass er Schauspieler werden wolle, riefen sie: »Bist du jetzt schwul, oder was?« Ich muss zugeben, dass ich auch ganz gern mal einen Fußballer als »Schauspieler« bezeichne. Zum Beispiel Diego.

Zu dramatisch, der junge Mann?


Wenn er gefoult wird, liegt er da, als müsste sein Bein jetzt wirklich sofort amputiert werden. So schafft er es, über das ganze Spiel hinweg eine Hektik aufzubauen, die am Ende in einem Platzverweis für seinen Gegenspieler gipfelt – und dann macht er die Bude. Er ist nicht bloß ein nickeliger Schwalbenkönig, er ist ein großer Schauspielkünstler mit einem feinen Sinn für Dramatik.

Da gibt es aber auch noch andere. David Jarolim oder Fatmir Vata.

Fatmir Vata? Der war doch gar kein Schwalbenkönig, ich fand den einfach immer nur unangenehm. Ein Terrier, aber nicht so ein Dramatiker. Das ist ein Dokumentarfilmer. Finde ich ehrlich.

Wir meinen uns an eine Statistik zu erinnern, die Vata als meistgefoulten Spieler der Bundesliga auswies.

Das kann nicht stimmen. Das war nämlich Jan Koller, als er in Dortmund angefangen hat.

Der ist aber auch gern gefallen.

Nein, der hatte ein ganz anderes Problem. Der ist nicht gern gefallen, aber wenn da so ein Spieler, der drei Köpfe kleiner ist, hineingrätscht, wird der im Zweifelsfall immer als erster umkippen.

Auch das Wort »Inszenierung« wird von Fußball-Puristen nicht gern gehört. Sie verbinden es mit Hupfdolen, albernen Maskottchen und Sarah Connor.

Gegen Inszenierung an sich ist gar nichts einzuwenden. Früher war sie bloß archaischer und ehrlicher. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Besuch im Stadion Rote Erde, 1972 muss das gewesen sein. Damals hatten alle Fahnen dabei, Ratschen und Nebelhörner. Noch heute, wenn vor meiner Dienstwohnung in Köln Gleisbauarbeiten stattfinden, und die Männer einander mit eben solchen Nebelhörnern vor heranfahrenden Zügen warnen, denke ich an die Zeit auf der Roten Erde. Diese archaische, ehrliche Kulisse dort hat mich für immer geprägt, und ich wusste von Anfang an: Hierher wirst du immer wieder zurückkehren. Damals bin ich Borusse geworden.

Fans zweifeln im Falle des Misserfolgs gerne an der Identifikation der Spieler mit dem Klub.

Natürlich sagt jeder Profi nach der Vertragsunterzeichnung erst einmal, wie toll sein neuer Verein ist. Das heißt aber nicht automatisch, dass er lügt. Ich glaube schon, dass auch den meisten aktuellen Spielern bewusst ist, welche ungeheure Tradition und Bedeutung der BVB hat. Sehen Sie sich nur mal diese schwarz-gelbe Wand auf der Südtribüne an – so abgezockt ist kein Profi, dass er sich dieser Faszination entziehen kann.

Zur Dortmunder Identität gehört untrennbar die Rivalität zum FC Schalke.


Na klar. Trotzdem gibt es Spieler, die das Sakrileg begehen und in die Verbotene Stadt wechseln. Andreas Möller musste damit leben, dass all seine Verdienste vergessen waren. Selbst Jens Lehmann, der vor seinem Wechsel nach Dortmund noch ein halbes Jahr beim AC Milan gespielt hatte, war vielen BVB-Fans suspekt. Sie unterstellten ihm, er hätte immer noch ein Schalke-Trikot drunter. Bei seinem ersten Spiel stand unser Stadionsprecher Norbert Dickel vor der Südtribüne und schrie euphorisch ins Mikro: »Mit der Nummer 1: Jeeeeeeeeeens?...« ... und nichts passierte. Sehr schön.

Ganz so erbittert wie früher geht es inzwischen aber nicht mehr zu.


Das war damals viel handgreiflicher und blutiger. Man wurde schon immer von Knallkörpern eingebolzt. Ich meine, dass werden sie in Gelsenkirchen wahrscheinlich genau andersrum erzählen. Ich erinnere mich an ein Spiel in den 70ern im Parkstadion. Kann mich nicht genau erinnern, welches das war. Ich glaube, durch ein Unentschieden wurde Schalke auch damals schon nicht Meister. Auf jeden Fall haben wir die Beine in die Hand genommen, weil wir Angst hatten, nicht sicher nach Dortmund zurückzukommen.

Welches Verhältnis haben Sie zum Erzrivalen?


Ein gemäßigtes. Als Schalke 2001 für zehn Minuten Deutscher Meister war, habe ich gesagt: »Freut euch doch! Wenigstens nicht Bayern!« Doch viele antworteten: »Um Gottes Willen nicht die!« Da habe ich erstmals so richtig begriffen, wie tief diese Feindschaft im kollektiven Gedächtnis sitzen muss.

Welchen Borussia-Spieler würden Sie gern einmal verkörpern, wenn sein Leben verfilmt wird?


Oh Gott, ich falle doch aus jedem Casting raus (lacht)! Ich könnte höchstens mein altes Vorbild spielen, den Torwart Horst Bertram. Aber nur in seiner heutigen Erscheinung! Der sieht nämlich mittlerweile so aus wie ich. Außerdem habe ich schon damals lieber aufs Tor aufgepasst als zu rennen, bis mir die Lungenflügel rausflogen.

Ist Klaus J. Behrendt der bessere Fußballer?

Das wage ich zu bezweifeln. Er ist zwar überaus sportlich, aber vom Fußball hat er keine Ahnung. Wir haben mal für den »Tatort« eine Szene gedreht, in der wir mit Problemjungs gespielt haben, ich im Tor und Klaus als Schiri. Da musste ich ihm erst mal erklären: »Du brauchst nicht andauernd zu pfeifen – nur wenn was passiert!«

Bevor Sie selbst Kommissar wurden, spielten Sie in einem »Schimanski-Tatort« einen Hooligan des MSV Duisburg. Wie haben Sie das eigentlich Ihren BVB-Freunden erklärt?


Schimanski ist nun mal Duisburger, und das Wedaustadion spielte in diesem »Tatort« eine zentrale Rolle. Da muss man durch, das gehört zum Beruf. Mein damaliger Mitschüler auf der Schauspielschule Peter Lohmeyer, von Hause aus Schalke-Fan, musste auch mal einen Dortmunder spielen. Das habe ich ihm hoch angerechnet.

War es Ihre Idee, dass Schimmi am Ende halbnackt im Mittelkreis aufwacht?

Der Autor hatte eigentlich ein Friede-Freude-Eierkuchen-Finale vorgesehen. Doch auf dem Weg zum Drehort kam Götz George auf mich zu und sagte, er habe eine neue Idee. Ich sollte ihm seine legendäre Schimanski-Jacke klauen, als Trophäe, so wie die eine Fan-Horde der anderen die Fahne klaut. Obwohl ich die Punk-Lederjacke, die ich für meine Rolle trug, wesentlich cooler fand, hat mir das eingeleuchtet.

Was finden Sie eigentlich spannender, Herr Bär: einen »Tatort« oder ein Bundesligaspiel?


Eindeutig das Bundesligaspiel! Die Kunst beim »Tatort« ist, es so aussehen zu lassen, als würde es jetzt gerade passieren. Aber jeder Zuschauer weiß: Nach 90 Minuten sind wir durch und haben den Fall gelöst. Beim Fußball passiert es aber tatsächlich jetzt gerade – und niemand weiß, wie es ausgeht. Das ist ja der Wahnsinn.

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